Mag-log inDominikDie Stille im Grimaldi Tower ist nie leer. Sie hat Masse und Dichte, drückt wie ein unsichtbarer Ozean gegen die raumhohen Glasscheiben, hinter denen die Stadt liegt.Normalerweise fühle ich mich darin wohl. Stille ist Kontrolle. Stille ist der Klang eines Raumes, der auf meinen Befehl wartet.Heute geht mir die Stille auf die Nerven.Eve sitzt mir an meinem Schreibtisch gegenüber. Nach dem Treffen mit Stefano haben wir beschlossen, dass sie hierbleibt, während wir das Budget durchgehen, falls es etwas zu besprechen gibt.Und offenbar auch, weil ich mich gern selbst quäle.Seit zwei Stunden vergräbt sie sich in den Risikobewertungen für das Quartal. Sie hat nicht aufgesehen. Kein Wort gesagt. Sie tippt einfach, rhythmisch und aggressiv, ein Stakkato.Ich starre auf die Tabelle auf meinem eigenen Bildschirm. Lieferkettenanalysen für den Hafen in Jersey.Zahlen. Sichere, kalte, berechenbare Zahlen. Sie sehen einen nicht mit großen, bewundernden Augen an, während man sich Blut vo
EveDie Tür zur Hauptsuite fällt ins Schloss und schließt uns ein.Die Stille ist dicht und schwer. Sie drückt gegen mein Trommelfell, lauter, als die Schreie in der Lagerhalle je waren.Dominik steht mitten im Zimmer, noch in seinem blutbespritzten Hemd. Er sieht mich nicht an. Er betrachtet seine Hände, dreht sie langsam um, als gehörten sie einem Fremden.Ich bleibe am Eingang, den Rücken an der Wand. In meiner Brust rast ein entfesselter Rhythmus. Vom Adrenalin, nicht von Angst. Ein seltsames Summen unter Hochspannung, das verzweifelt nach einem Ventil sucht.„Geh duschen“, sagt er rau. Er bewegt sich nicht.„Sie zuerst“, halte ich dagegen.Endlich sieht er auf. Seine Augen sind dunkel, von Erschöpfung und anhaltender Gewalt umrandet, die die Luft zwischen uns knistern lässt. „Ich muss das loswerden, Eve. Diskutier nicht.“„Ich diskutiere nicht.“ Ich stoße mich von der Wand ab und gehe zu ihm. Bleibe nur Zentimeter vor seiner Brust stehen.Ich rieche es an ihm. Den metallischen Ha
DominikDas Handy vibriert auf dem Mahagoninachttisch. Ein hartes, abgehacktes Summen, das die Stille des Zimmers durchschneidet. Ich bin sofort wach. Meine Hand schließt sich um das Gerät, bevor die zweite Vibration die Luft stören kann.Neben mir bewegt sich Eve. Sie wacht nicht auf, murmelt nur etwas Unverständliches und kuschelt sich tiefer in die Bettdecke. Im blassen Mondlicht, das durch den Vorhangspalt fällt, wirkt ihre Haut zerbrechlich wie Porzellan. Ein schroffer Gegensatz zu dem Stahl, von dem ich weiß, dass er ihre Wirbelsäule bildet.Ich gleite aus dem Bett, fließend und geübt. Mein halbes Leben bin ich bereit aufgewacht, etwas zu töten. Die andere Hälfte habe ich auf den Grund dafür gewartet.Ich gehe zum Fenster unserer Suite und schaue auf die gepflegten Außenanlagen des Anwesens. Die Upper East Side ist still, eine Festung aus altem Geld und hohen Mauern. Aber die Stadt dahinter schläft nie wirklich. Sie wartet nur.„Sprich“, melde ich mich, meine Stimme ein tiefes K
EveDie Luft im Besprechungsraum ist dünn und mit genug statischer Elektrizität geladen, um ein Herz wieder in Gang zu bringen.Es liegt nicht an der Höhe, obwohl wir im vierzigsten Stock sind. Es liegt an dem Mann mir gegenüber und dem furchterregenden, wunderschönen Rhythmus, in den wir gefunden haben.„Die Vorgaben zur Bebauungsplanung für die Erweiterung in Queens sind gerade genehmigt worden“, sage ich, ohne von meinem Laptop aufzusehen.Dominik lächelt nicht, aber ich spüre seine Zustimmung wie die Hitze eines Ofens. Er steht am Fenster und prüft die Quartalsberichte zur Geldwäsche. Oder zu dem, was wir Vermögensdiversifizierung nennen.„Gut“, murmelt er und blättert um. „Und die Gewerkschaftsvertreter?“„Bezahlt. Der Vorarbeiter hat sich am Dienstag ein neues Boot gekauft. Sie werden nicht streiken.“Er sieht mich an. Seine Augen sind dunkel, von der Müdigkeit einer Woche gezeichnet, die sich schon endlos anfühlt, obwohl erst Mittwoch ist. Aber sie sind so wach und raubtierhaft
EveDer Jazz vibriert noch in meinen Zähnen.Ein tiefes, blechernes Summen, das sich angenehm mit den drei Gläsern Chardonnay vermischt, die ich in den letzten vier Stunden getrunken habe. Mein Kopf fühlt sich leicht und angenehm benebelt an.Ich summe leise die Melodie von Strange Fruit, als Enzo mir die Haustür öffnet.„Gute Nacht, Mrs. Grimaldi“, sagt Enzo leise. Er sieht müde aus. Wie ein Mann, der den Abend damit verbracht hat, die Ausgänge zu beobachten, während ich entspannt die Band genossen habe.„Gute Nacht, Enzo. Danke für die kleine Flucht.“Er nickt und geht zurück zum SUV, während ich in die Eingangshalle trete und die Tür hinter mir schließe.Die Wärme des Weins verdampft sofort. Die Luft im Haus ist auf eine Temperatur heruntergekühlt, die weniger nach Klimaanlage als nach Gruft wirkt.Den ganzen Abend habe ich mich gefragt, wie Dominik auf meinen kleinen ungeplanten Ausflug reagieren würde. Ein Teil von mir hat gehofft, er würde anrufen oder wütend kommen und mich aus
DominikMit dem Haus stimmt etwas nicht.Das ist das Erste, was mir auffällt, als ich durch die schweren Eichentüren trete.Eve ist vor mir von der Arbeit gegangen. Wenn sie hier ist, nehme ich normalerweise einen Hauch ihres Parfüms wahr. Ihres Shampoos. Die elektrische Ladung ihrer Präsenz, die durch die Dielen zu vibrieren scheint, selbst wenn sie drei Zimmer entfernt ist.Heute Abend fühlt es sich leer an. Wie ein Museum nach Schließung.„Eve?“Meine Stimme hallt durch die riesige Eingangshalle. Sie prallt vom Marmor und der gewölbten Decke ab und kehrt unbeantwortet zu mir zurück.Ich schaue auf die Uhr. Halb acht.Sie müsste hier sein.Vielleicht ist sie in ihrem Büro und prüft die Frachtrouten für den neuen Hongkong-Vertrag. Oder in der Küche und nervt Luciana, weil sie das Risotto probieren will. Oder im Fitnessraum und bestraft den Sandsack für irgendeine vermeintliche Sünde, die ich heute gegen sie begangen habe.Irgendwie weiß ich schon, dass sie an keinem dieser Orte ist.







