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Kapitel 3: Orte, an denen wir nicht sein sollten

Author: C. Sella
last update publish date: 2026-06-30 05:47:16

Islas POV

Eine der nervigsten Eigenschaften von Ethan Hayes war, dass man ihn, sobald man ihn einmal wahrgenommen hatte, unmöglich wieder übersehen konnte.

Was furchtbar unpraktisch war.

Denn ich hatte die letzten vier Jahre mit aller Kraft versucht, genau das zu tun.

In dem Moment, als er in der Menge verschwand, sagte ich mir, dass ich jedes Detail unseres Gesprächs vergessen und einfach den Geburtstag meines Vaters genießen würde.

Ein hervorragender Plan.

Ein vernünftiger Plan.

Einer, der genau drei Minuten und fünfundvierzig elende Sekunden hielt.

„Isla!“

Ich drehte mich gerade noch rechtzeitig um, um von einem der zahlreichen Vorstandsmitglieder meines Vaters abgefangen zu werden.

Die nächsten fünfzehn qualvollen Minuten verbrachte ich damit zu lächeln, höflich zu nicken und Gespräche über Markttrends zu führen, die ich zwar vollkommen verstand, die mich aber nicht im Geringsten interessierten.

Als ich mich endlich befreien konnte, war mein Champagnerglas leer und meine soziale Batterie praktisch aufgebraucht.

Ich griff nach einem neuen Getränk.

„Ganz ruhig.“

Ich blickte auf, bereit, die Person zurechtzuweisen, die sich ungefragt in meine Angelegenheiten einmischte.

Stattdessen stand Grace grinsend vor mir.

„Das ist heute Abend erst mein viertes Glas.“

„Und genau deshalb solltest du langsamer machen“, sagte sie lachend.

Ich verengte dramatisch die Augen.

„Du genießt es wirklich, mich zu ärgern, oder?“

„Absolut. Ist eines meiner liebsten Hobbys.“

Sie wackelte vielsagend mit den Augenbrauen.

Ich verdrehte die Augen.

Grace arbeitete schon seit Jahren für meinen Vater und gehörte praktisch zur Familie.

Zum Glück bedeutete das auch, dass sie mich wie eine kleine Schwester behandelte.

Eine kleine Schwester, die sie mit großer Leidenschaft aufzog.

Ihr Blick wanderte plötzlich über meine Schulter.

Ein freches Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

Misstrauisch drehte ich mich um.

Auf der anderen Seite des Ballsaals beugte sich Ethan gerade vor, um einer Frau galant die Hand zu küssen.

Ich stöhnte genervt auf.

Grace lachte laut.

„Oh mein Gott.“

„Fang bloß nicht an.“

„Du hast ihn eindeutig angestarrt.“

„Was? Ich habe mich gerade erst umgedreht!“

„Mhm … red dir das ruhig ein.“

Ich zeigte mit dem Finger auf sie.

„Noch ein Wort und ich erzähle meinem Vater, dass sein schwarzes Lieblingshemd nicht einfach verschwunden ist, sondern dass du es geklaut hast.“

Ihr Gesichtsausdruck wechselte sofort.

„Das würdest du nicht wagen.“

Jetzt war ich an der Reihe zu grinsen.

„Oh doch. Ohne mit der Wimper zu zucken.“

Der Vorteil einer inoffiziellen großen Schwester war, dass sie von meinem damaligen Schwarm für Ethan wusste.

Weil sie selbst offenbar einmal denselben Schwarm auf meinen Vater gehabt hatte.

Völlig absurd, wenn ihr mich fragt.

Aber wer war ich schon, darüber zu urteilen?

Sie schnappte empört nach Luft und marschierte davon, während sie irgendetwas von Loyalität unter Freundinnen vor sich hin murmelte.

Ich lächelte zufrieden.

Genau in diesem Moment vibrierte mein Handy.

NOAH: Wie läuft die Party?

Ein Teil meiner Gereiztheit verschwand sofort.

ICH: Ich lebe noch.

ICH: Du schuldest mir was.

NOAH: Ich weiß.

ICH: Und zwar eine ganze Menge.

NOAH: Ich hab doch gesagt, ich mache es wieder gut.

Ich seufzte.

NOAH: Wie geht’s deinem Dad?

ICH: Arbeitet an seinem Geburtstag. Wie immer.

NOAH: Manche Dinge ändern sich wohl nie.

ICH: Leider.

NOAH: Grüß ihn von mir, okay?

ICH: Mach ich.

Ich sperrte mein Handy wieder.

Eine Servicekraft kam mit einem Tablett voller Champagnerflöten vorbei, und ich nahm mir gleich zwei Gläser.

Wenn ich diesen Abend schon überstehen musste, dann wenigstens leicht beschwipst.

Ich nahm gerade einen Schluck, als mein Handy erneut vibrierte.

Diesmal war es eine Nachricht von Ayla.

AYLA: Richte dem Geburtstagskind meine herzlichsten Glückwünsche aus.

Ich musste lachen.

Natürlich war Ayla die Einzige, die meinen vierzigjährigen Vater immer noch als „Geburtstagskind“ bezeichnete.

Ich sah mich nach meinem Vater um, um ihre Nachricht auszurichten.

Da entdeckte ich ihn.

Er tanzte.

Und er lächelte.

Mein Gott.

Das musste Ayla sehen.

Ich machte schnell ein Foto und schickte es ihr.

AYLA: Mädels, ist das wirklich der, für den ich ihn halte???

ICH: Jap.

AYLA: OH. MEIN. GOTT.

AYLA: Ist das… ein Lächeln?

AYLA: Warte mal. Wird er nicht zufällig als Geisel festgehalten?

Ein weiteres Lachen entkam mir.

ICH: Du bist eine furchtbare Freundin.

AYLA: Sagt die Frau, die meinen 19. Geburtstag vergessen hat.

ICH: Das war EIN EINZIGES Mal. Wir hatten beschlossen, nie wieder darüber zu sprechen.

AYLA: Geschichte darf niemals vergessen werden.

ICH: Du liegst gerade buchstäblich auf einer Yacht.

AYLA: Und du hast vollkommen recht.

ICH: ICH HASSE DICH.

AYLA: ICH LIEBE DICH MEHR, SCHLAMPE.

Grinsend steckte ich mein Handy wieder weg.

Der Abend nahm seinen gewohnten Lauf.

Gäste kamen und gingen.

Gespräche verschwammen miteinander.

Und irgendwann hörte ich auf zu zählen, wie oft Ethan plötzlich in meinem Blickfeld auftauchte.

An der Bar.

Neben meinem Vater.

Im Gespräch mit irgendwelchen Investoren.

Er war überall.

Aber niemals weit genug entfernt, damit ich vergessen konnte, dass es ihn gab.

Es war lächerlich.

Er war nur ein Mann.

Ein lächerlich gut aussehender Mann.

Aber trotzdem nur ein Mann.

Normale Männer blieben einem nicht vier Jahre lang so hartnäckig im Gedächtnis wie Ethan Hayes.

Allein diese Erkenntnis ärgerte mich.

Deshalb leerte ich auch noch ein weiteres Glas Champagner.

Schließlich entdeckte ich meinen Vater wieder.

Er arbeitete immer noch.

Ein vertrauter Schmerz breitete sich in meiner Brust aus.

Ich liebte meinen Vater über alles.

Ich wünschte mir nur manchmal, dass er verstand, dass es Menschen gab, die ihn auch dann liebten, wenn er einmal nicht nützlich war.

Wenn er nicht rund um die Uhr CEO von Monroe Holdings sein musste.

Sondern einfach nur mein Dad.

Als hätte er gespürt, dass ich ihn beobachtete, hob er sein Glas in meine Richtung.

Ich lächelte zurück.

Doch noch bevor ich zu ihm gehen konnte, wurde er erneut in ein Gespräch verwickelt.

Natürlich.

Ich schüttelte den Kopf.

Ich brauchte frische Luft.

Oder Ruhe.

Am besten beides.

Ohne jemandem Bescheid zu sagen, verließ ich den Ballsaal.

Der Flur draußen war angenehm still.

Keine neugierigen Gäste.

Kein Networking.

Nur wohltuende Stille.

Ich atmete tief aus.

Das Arbeitszimmer meines Vaters befand sich am Ende des Korridors.

Seit meiner Kindheit war es mein liebster Rückzugsort.

Die Tür stand einen Spalt offen.

Licht fiel auf den Flur hinaus.

Seltsam.

Ich hätte schwören können, dass mein Vater gesagt hatte, dieser Flügel sei für Gäste gesperrt.

Meine Neugier war sofort geweckt.

Langsam ging ich näher heran und warf einen Blick durch den Türspalt.

Groß.

Breite Schultern.

Schwarzes Hemd.

Mein Herz setzte einen Schlag aus.

Denn obwohl ich den ganzen Abend verzweifelt versucht hatte, nicht an Ethan Hayes zu denken, hatte er einen Weg gefunden, sich erneut in meine Gedanken zu schleichen.

Und jetzt offenbar auch in das Arbeitszimmer meines Vaters.

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