LOGINDIE LAST DES SCHUTZESTHOMAS’ PERSPEKTIVEIn dem Moment, als wir Amelias Haus verließen, wusste ich, dass sich etwas verändert hatte.Abigail ging schweigend neben mir her. Veronica blieb auf ihrer anderen Seite und warf ihr gelegentlich einen Blick zu, als fürchte sie, sie könnte plötzlich zusammenbrechen.Ich konnte es ihr nicht verübeln. Nach allem, was in diesem Haus geschehen war, war ich mir nicht mehr sicher, wozu Abigail fähig war.Nicht, weil ich Angst vor ihr hatte. Sondern weil ich Angst davor hatte, was das Erwachen mit ihr anstellen könnte.Die kalte Nachtluft streifte mein Gesicht, als wir auf das Auto zugingen.Abigail blieb auf halbem Weg stehen, ihre Finger krallten sich in ihre Handfläche.Das fiel mir sofort auf. „Abigail?“Sie sah mich an, ihre Augen waren dunkler als sonst.„Ich kann Veronicas Herzschlag hören.“Ich erstarrte. „Was?“Sie schluckte.„Deinen Herzschlag. Ich kann ihn von hier aus hören.“Veronica starrte sie an. „Das ist doch ein Scherz.“Abigail sch
DAS SIEGELABIGAILS PERSPEKTIVEPlötzlich wurde es im Raum kälter. Und tief in meinem Inneren regte sich etwas Uraltes.Eine schreckliche Sekunde lang konnte ich nicht atmen.Mein ganzer Körper versteifte sich, als sich ein seltsamer Druck in meiner Brust ausbreitete. Die Kerzen in Amelias Wohnzimmer flackerten heftig, und eine von ihnen erlosch, gefolgt von einer weiteren.„Abigail“, flüsterte Veronica.Ich blickte auf meine Hände hinunter – sie zitterten.„Was passiert gerade mit mir?“Amelia antwortete nicht sofort. Ihr Blick blieb auf mich gerichtet, dann wanderte er zu Salem.Die graue Katze saß direkt vor mir, ihre unterschiedlich gefärbten Augen leuchteten schwach im dämmrigen Raum. Sie neigte den Kopf zur Seite und stieß dann einen leisen Laut aus ihrer Kehle aus – fast wie eine Warnung.Thomas trat näher an mich heran. „Amelia.“„Ich weiß.“Ihre Stimme klang ungewöhnlich angespannt.Sie kam langsam auf mich zu. „Abigail, was auch immer du tust, gerate bloß nicht in Panik.“I
DIE NACHT, IN DER SICH ALLES ÄNDERTEABIGAILS PERSPEKTIVE„Sie sind tot.“Die Worte hallten in meinem Kopf wider.Einen Moment lang konnte ich sie nicht begreifen.Meine Eltern waren tot. Ich starrte Amelia an und wartete darauf, dass sie ihre Worte zurücknahm, aber das tat sie nicht.Draußen vor den Fenstern hatte sich der Abend über die ruhige Nachbarschaft gelegt. Die letzten Sonnenstrahlen tauchten den Raum in goldenes Licht, doch ich nahm es kaum wahr. „Wie?“, flüsterte ich schließlich.Amelia senkte den Blick. „Sie wurden vom rivalisierenden Rudel getötet.“Ich zog meine Hand von Thomas zurück und stand abrupt auf. Der Raum schien sich zu neigen, und ich stützte mich mit einer Hand am Tischrand ab.Neunzehn Jahre lang hatte ich mir unzählige Gründe ausgemalt, warum meine leiblichen Eltern mich weggegeben hatten. Nur um herauszufinden, dass sie gestorben waren, um mich zu beschützen.„Erzähl mir von dieser Nacht“, sagte ich.Amelia nickte. Doch bevor sie etwas sagen konnte, reg
DIE WAHRHEIT ÜBER DIESE NACHTAUS THOMAS’ SICHTEs war so still im Zimmer, dass ich Abigails beschleunigten Herzschlag hören konnte.Sie saß neben Veronica, und beide hielten die unberührten Tassen Tee in den Händen, die Amelia ihnen angeboten hatte.Ich verstand ihr Zögern. Amelias Haus war alles andere als gewöhnlich. An den Fenstern hingen getrocknete Kräuter, seltsame Symbole bedeckten die Regale, und überall brannten Kerzen.In der Luft lag ein schwacher magischer Duft, der für Menschen kaum wahrnehmbar war. Aber Abigail war nicht ganz menschlich. Und offenbar war auch Veronicas Welt nicht so gewöhnlich, wie sie glaubte.Amelia saß uns gegenüber, ihre Haltung war entspannt.„Ich weiß, dass das schwierig ist“, sagte sie sanft. „Und es tut mir leid, dass ich euch zwei Tage warten ließ.“Abigails Finger umklammerten ihre Tasse fester.„Ich habe neunzehn Jahre gewartet.“Amelia senkte kurz den Blick. „Ja. Das hast du.“Abigail beugte sich vor. „Dann lass mich bitte nicht länger warte
DIE EINLADUNGABIGAILS PERSPEKTIVEZwei Tage waren vergangen, seit Amelia Morris uns eine Nachricht geschickt hatte. Leider hatte das Leben an der Crestfall University nicht einfach innegehalten, nur weil mein gesamtes Weltbild gerade zusammenzubrechen begann.Der Unterricht ging weiter und die Aufgaben stapelten sich. Die Professoren erwarteten weiterhin Aufsätze, Präsentationen und Prüfungen, als würden die Studenten nicht gerade entdecken, dass sich ihre Kommilitonen in Wölfe verwandeln konnten oder dass ihre verstorbenen Freunde Geheimnisse hinterlassen hatten, die alles verändern könnten.Ich ging weiterhin zum Unterricht. An manchen Tagen konnte ich mich kaum noch daran erinnern, was unterrichtet worden war.Ich saß eine ganze Vorlesung lang da, mein Notizbuch offen, den Stift zwischen den Fingern, während meine Gedanken ganz woanders waren.Manchmal waren meine Sinne einfach nicht mehr zu kontrollieren. Das Schaben eines Stuhls über den Boden klang schmerzhaft laut. Das Parfüm
DIE, DIE HINSCHAUTENTHOMAS’ PERSPEKTIVEDie letzte Nachricht stand noch immer auf Abigails Bildschirm.„Wenn du Antworten willst, komm nicht allein.“Etwas Kaltes legte sich auf meine Brust. Das war keine Warnung von jemandem, der einfach nur ein unangenehmes Gespräch vermeiden wollte. Amelia Morris hatte genau gewusst, worauf Abigail hinauswollte, und ihre Antwort deutete darauf hin, dass Helens Tod nicht das Einzige war, was mit den Fragen rund um Abigails Vergangenheit zusammenhing.„Was hat sie gesagt?“, fragte Veronica.Abigail blickte auf, ihre Finger zitterten leicht. „Sie erinnert sich an mich.“Ich streckte meine Hand aus, und sie legte das Handy in meine Handfläche. Ich las die Nachrichten mit zusammengebissenen Zähnen.„Wer waren die Leute, die versucht haben, es herauszufinden?“, fragte Veronica.Abigail sah mich an. „Das möchte ich auch wissen.“Ich gab ihr das Handy zurück. „Du triffst dich nicht allein mit Amelia.“Veronica rückte näher an Abigail heran. „In einem Pu







