MasukDas Band trieb Adrian in den Wahnsinn.
Es war drei Tage her, seit er die Vereinbarung mit Cassian getroffen hatte, und er hatte immer noch keine ruhige Minute für sich. Körperliche Privatsphäre war nicht das Problem – die hatte er. Aber emotionale Privatsphäre? Völlig Fehlanzeige. Jedes intensive Gefühl wurde direkt auf den Dämonenlord übertragen. Und was noch schlimmer war: Cassians Gefühle schwappten zu ihm zurück. Im Moment saß Adrian in seinem Arbeitszimmer und versuchte, diplomatische Dokumente durchzugehen, doch über das Band spürte er Cassians Langeweile, dessen Verärgerung über irgendeine Besprechung und – was ihn am meisten ablenkte – die ständige Aufmerksamkeit des Dämonenlords, die auf ihm lag. Hört er eigentlich je auf, an mich zu denken? Ein Impuls von Amüsement durch das Band beantwortete diesen Gedanken. Offensichtlich nicht. Adrian stöhnte auf und ließ den Kopf auf den Schreibtisch sinken. „Probleme, Eure Hoheit?“, fragte Aria von der Stelle aus, an der sie gerade Bücher sortierte. Sie war zu seiner inoffiziellen Beraterin geworden und nutzte ihre Position als Zofe als Tarnung. „Ich kann nicht klar denken. Jedes Gefühl, das ich habe, spürt er. Jeden Gedanken, den ich über ihn verliere, weiß er. Es ist, als würde einem ständig jemand über die Schulter schauen.“ „Das liegt daran, dass Seelenbänder Synchronisation erfordern“, sagte eine neue Stimme. Adrian schreckte hoch und sah Cassian im Türrahmen lehnen. Er wirkte im Himmelspalast völlig ungezwungen, obwohl die Wachen draußen ihn sichtlich nervös im Auge behielten. „Wie bist du— wir haben Wachen!“ „Sie haben mich durchgelassen. Offenbar war die Erklärung ‚Das Band bereitet dem Prinzen Unbehagen‘ ausreichend.“ Cassian trat ungebeten ein, mit dieser ihm eigenen, raubtierhaften Eleganz. „Außerdem konnte ich deinen Frust bis ans andere Ende des Palastes spüren. Wir müssen das besser unter Kontrolle bekommen, bevor deine Emotionen uns beiden Kopfschmerzen bereiten.“ „Ich wusste nicht, dass wir einen Termin haben“, sagte Adrian und versuchte, prinzlich und gefasst zu klingen. Cassians Mundwinkel zuckten. „Hatten wir auch nicht. Aber die Intensität des Bandes nimmt zu. Wenn wir nicht lernen, damit umzugehen, wird es anfangen, räumliche Nähe zu erzwingen. Dann schlafwandelst du irgendwann in mein Quartier oder ich teleportiere mich unbewusst in deines.“ „Das ist ja schrecklich.“ „Das sind Seelenbänder.“ Cassian deutete auf die Sitzecke. „Wollen wir? Oder möchtest du mir lieber den ganzen Abend lang deine Nervosität entgegenschleudern?“ Aria verabschiedete sich leise, verpasste Adrian aber nicht, ohne ihm vorher noch einen aufmunternden Daumen nach oben zu zeigen. Verräterin. Adrian ging zur Sitzecke, jede Faser seines Körpers auf Cassians Gegenwart fixiert. Das Band summte zwischen ihnen, spürbar stärker, wenn sie sich nah waren. „Erste Lektion“, begann Cassian und ließ sich mit lässiger Eleganz in einen Sessel sinken. „Hör auf, gegen das Band anzukämpfen. Du versuchst ständig, deine Gefühle zu unterdrücken, was sie paradoxerweise nur noch lauter macht.“ „Ich versuche, mir ein Stück Privatsphäre zu bewahren.“ „Zwischen Vorherbestimmten gibt es keine Privatsphäre. Je eher du das akzeptierst, desto leichter wird es.“ Cassian lehnte sich vor. „Statt Unterdrückung... stell es dir wie einen Filter vor. Du kannst deine Gefühle nicht verstecken, aber du kannst kontrollieren, worauf du deine Aufmerksamkeit lenkst.“ „Wie?“ „So.“ Cassian schloss die Augen, und plötzlich veränderte sich das Band. Adrian konnte seine Präsenz immer noch spüren, aber das Hintergrundrauschen dieser ständigen Wahrnehmung wurde leiser. „Ich verstecke nicht, was ich fühle. Ich halte mich nur nicht damit auf. Das Band spiegelt deine Aufmerksamkeit wider, nicht deine Existenz.“ Adrian versuchte, es ihm nachzutun. Anstatt seine Angst wegzuschieben, akzeptierte er sie, lenkte den Fokus dann aber auf die Neugierde darüber, wie das Band funktionierte. Sofort wurde es ruhig in der Verbindung. „Besser“, sagte Cassian. „Du lernst schnell.“ „Ich bin eben motiviert. Das hier hat mich noch wahnsinnig gemacht.“ „Das habe ich gemerkt.“ Amüsement schwappte durch das Band. „Deine emotionale Signatur ist... kompliziert.“ „Emotionen haben Signaturen?“ „Für Dämonen schon, ja. Die Gefühle eines jeden Menschen fühlen sich anders an. Deine...“ Cassians Lippen formten ein leichtes Lächeln. „Wie eine Bibliothek kurz vor einem Blitzeinschlag. Ruhig an der Oberfläche. Chaos darunter.“ Adrian wusste nicht, ob er beleidigt oder geschmeichelt sein sollte. „Wie fühlen sich meine für dich an?“, fragte Cassian, und in seiner Stimme schwang echte Neugier mit. Adrian konzentrierte sich auf das Band, auf die ständige Präsenz des Dämonenlords. „Kaltes Feuer“, sagte er langsam. „Als würde man zu nah an etwas stehen, das brennt, ohne Hitze abzugeben. Mächtig, aber kontrolliert. Und darunter...“ Er zögerte. „Darunter?“, hakte Cassian nach, mit einem plötzlich vorsichtigen Unterton. „Einsamkeit“, gab Adrian leise zu. „Eine ständige, schmerzhafte Einsamkeit.“ Das Band wurde schlagartig ganz still. Als Adrian aufblickte, war Cassians Gesichtsausdruck unlesbar. Doch durch das Band spürte er Schock – und Verletzlichkeit. „Ich hätte das nicht sagen sollen“, fing Adrian an. „Nein.“ Cassians Stimme klang rau. „Das ist der Sinn des Bandes. Die Wahrheit zu sehen, die wir vor anderen verbergen.“ Er stand auf und trat ans Fenster. „Die meisten Menschen fürchten mich. Oder sie hassen mich. Oder sie wollen etwas von mir. Aber einsam?“ Er lachte humorlos auf. „Um das zu bemerken, müsste man sich erst einmal genug für mich interessieren.“ Adrian stand ebenfalls auf, magisch angezogen von den rohen Gefühlen, die durch das Band bluteten. „Ich bemerke es“, sagte er. „Das Band sorgt schon dafür.“ „Ist das der einzige Grund?“, fragte Cassian, ohne sich umzudrehen. Nein, dachte Adrian. Ich habe es schon im Roman bemerkt. Ich habe es in jedem Kapitel bemerkt, in dem du allein dastandest. Wo dich alle im Stich gelassen haben. Wo du benutzt und weggeworfen wurdest. Aber das konnte er nicht laut sagen. „Ich bemerke es, weil du wichtig bist“, sagte Adrian stattdessen. „Vorherbestimmtes Band hin oder her – du bist ein Mensch, der es verdient, gesehen zu werden.“ Cassian drehte sich um, seine purpurroten Augen brannten sich in Adrians Blick. „Du sagst solche Dinge so leichtfertig. Warum?“ „Weil es mal jemand tun sollte.“ Adrian trat näher und ließ pure Ehrlichkeit durch das Band fließen. „Weil ich es leid bin, dass die Leute einander wie Schachfiguren behandeln. Weil...“ Er holte tief Luft. „Weil ich glaube, dass du lange genug allein warst.“ Das Band flammte auf— „Du kennst mich gar nicht“, sagte Cassian, aber es klang eher wie eine Frage. „Dann lass es mich versuchen.“ Adrian streckte ihm die Hand entgegen. „Dafür sind diese sechs Monate doch da, oder? Um es wirklich zu versuchen?“ Einen langen Moment starrte Cassian einfach nur auf die dargebotene Hand. Durch das Band konnte Adrian den Kampf spüren, der in ihm tobte – zwischen Zynismus und Hoffnung, zwischen Selbstschutz und dem Verlangen nach Nähe. Schließlich streckte Cassian die Hand aus und ergriff die von Adrian. Das Band SANG. Energie durchschoss sie beide – golden und purpurrot, Licht und Schatten. Sie verschmolzen so perfekt miteinander, dass es Adrian den Atem raubte. [SYSTEMBENACHRICHTIGUNG] Seelenband-Synchronisation: 23% Neue Fähigkeit freigeschaltet: Emotionale Resonanz Warnung: Eine höhere Synchronisation kann Auswirkungen auf die Missionsparameter haben. Adrian nahm das System kaum wahr. Alles, worauf er sich konzentrieren konnte, war dieses Gefühl der Verbundenheit – tiefer als zuvor, viel intimer. Er konnte Cassians Herzschlag spüren, als wäre es sein eigener. Er fühlte die Jahrhunderte der Einsamkeit, die Narben des Verrats, das verzweifelte Bedürfnis zu glauben, dass jemand ihn wollen könnte, ohne damit Hintergedanken zu verfolgen. And Cassian konnte ihn ebenfalls spüren – seine Entschlossenheit, seine komplizierten Schuldgefühle darüber, dass er die Zukunft kannte, und seinen aufrichtigen Wunsch zu helfen. „Was ist das?“, hauchte Cassian. „Emotionale Resonanz“, las Adrian von der Systembenachrichtigung ab, die immer noch vor seinen Augen schwebte. „Wir können jetzt die tieferen Gefühle des anderen spüren.“ „Das ist...“ Cassians Griff wurde fester.„Weniger als vierzig Minuten.“ Adrians Verstand schaltete in einen reinen, kalten taktischen Fokus um, während er den SUV in den Rückwärtsgang warf und das Lenkrad herumriss. Die Reifen quietschten heftig auf dem nassen Asphalt, als das Fahrzeug nach vorne schoss und sich die Satellitenkoordinaten für den regionalen Privatflugplatz auf dem Navigationsbildschirm einloggten.„Wenn er plant, unabhängig von meiner Antwort ins Ausland zu verschwinden“, sagte Cassian und klammerte sich fest an den Beifahrengriff, während sie mit hundert Stundenkilometern durch die ruhigen Morgenstraßen bogen, „dann war dieses Morgengrauen-Ultimatum... in Wahrheit nie eine Verhandlung, oder?“„Nein“, stimmte Adrian grimmig zu und ließ den Blick über die leere Straße vor ihnen schweifen. „Das war eine klassische taktische Ablenkung. Er wollte dich völlig paralysiert wissen, fixiert auf Lilys Sicherheit und nach Antworten suchend, während er im Hintergrund seelenruhig seine Flucht vorbereitete. Er hatte nie di
„Deine Schwester“, sagte Adrian vorsichtig, seine Stimme tief und abgemessen, während er beobachtete, wie Cassians Hände noch immer unkontrolliert um das schwere Papier zitterten. „Du hast kein einziges Mal eine Schwester erwähnt.“„Weil niemand jemals etwas von ihr wissen durfte“, erwiderte Cassian, und sein Ton klang hohl, gänzlich frei von jeder Führungskraft. „Ich habe vor fünfzehn Jahren eine völlig falsche Identität um sie herum aufgebaut. Einen neuen legalen Namen, einen anderen Geburtsort, eine ruhige Stadt – absolut keine Datenspur, die sie irgendwo auf der Welt mit dem Namen Wolkow in Verbindung bringt. Nachdem unsere Eltern starben, nach all dem, was in diesen brutalen Untergrund-Kampfkreisen passierte... habe ich mir ein einziges, absolutes Versprechen gegeben: Lily würde niemals wegen der Monster, mit denen ich Geschäfte gemacht habe, zu einem Ziel werden.“„Und jetzt hat Elias sie gefunden“, sagte Adrian grimmig.„Oder er blufft“, entgegnete Cassian, obwohl seine eigene
„Er wartet auf gar nichts“, sagte Adrian, der sich bereits mit routinierter taktischer Schnelligkeit bewegte, die Dienstwaffe im Anschlag, während er den restlichen Sicherheitsdienst über Funk anwies. „Vollständige Perimetersicherung, sofort. Niemand nähert sich diesem Tor ohne meinen direkten Befehl.“Cassian trat sofort vor, um ihm zu folgen. Diesmal verschwendete Adrian keinen einzigen Atemzug damit, mit ihm darüber zu streiten, ob er im Schutzraum bleiben sollte – es gab keine Zeit dafür, und ein Teil von ihm verstand inzwischen ohnehin, dass Cassian ihm unweigerlich in jedes bevorstehende Feuer folgen würde. Sie gingen gemeinsam den breiten Korridor entlang zur Hauptsicherheitskonsole, wo drei Beamte mit angespannter, absoluter Konzentration die Perimeter-Feeds überwachten.Auf dem zentralen Hauptmonitor stand Elias Thornfield weiterhin ruhig neben seiner im Leerlauf befindlichen, gepanzerten Limousine. Seine Hände hingen locker und gut sichtbar an seinen Seiten, er trug einen ma
„Jemand plant das schon länger, als uns bewusst war.“ Die Worte hingen schwer und kalt über der unterirdischen Garage, und Adrian spürte, wie die flüchtige Wärme ihres Kusses gänzlich verflog, um im selben Augenblick von der vertrauten, eisigen Klarheit absoluter Einsatzbereitschaft abgelöst zu werden.„Bring dieses Wegwerfhandy sofort hoch ins Büro im obersten Stockwerk“, wies Adrian den Einsatzleiter an, und sein Ton ließ keinerlei Spielraum für Verzögerung. „Und zieh jedes Gramm verschlüsselter Kommunikationsdaten heraus, das sich aus der Hardware extrahieren lässt. Ich will wissen, wie weit diese Verschwörung zurückreicht.“Zehn Minuten später, in Cassians privatem Führungssuite — die massiven, verstärkten Türen verriegelt, zwei voll bewaffnete Sicherheitsleute draußen postiert —, stand Adrian über dem Schreibtisch. Auf einem hochauflösenden Tablet-Bildschirm projizierte er den entschlüsselten Nachrichtenverlauf des Handys und scrollte manuell durch wochenlange, streng codierte un
Adrian bewegte sich bereits, bevor er die Nachricht zu Ende gelesen hatte; sein Stuhl schabte hart über den polierten Boden, als er den Live-Feed der Tiefgarage auf seinem Tablet öffnete. Seine Hände blieben felsenfest, trotz des frischen Adrenalinschubs, der seinen Körper überschwemmte.Die Überwachungskamera zeigte drei schattenhaft verhüllte Gestalten, die sich mit furchterregender Zielstrebigkeit zwischen den geparkten Luxusautos auf Ebene Zwei bewegten. Ihre Gesichter waren von tiefen Kapuzen verdeckt, und einer trug einen langen, schweren Gegenstand, der fest in dunkle Plane gewickelt war. Adrians Blut fror bei der geübten, militärischen Koordination ihrer Bewegungen zu Eis.„Das ist keine Amateuroperation“, sagte Adrian grimmig, seine Stimme in den flachen, tödlichen Tonfall eines Agenten sinkend. „Das sind Profis. High-End-Söldner.“„Wer auch immer diese Warnung geschickt hat, wollte, dass wir sie kommen sehen“, sagte Cassian, während sich sein Kiefer anspannte und er nach sei
„Er sitzt immer noch genau in diesem Raum.“ Grace Harveys Worte trafen wie ein physischer Schlag, schwer und erstickend. Jeder Kopf am langen Mahagonitisch wandte sich instinktiv dem Nachbarn zu, während auf der polierten, hochniblen Oberfläche augenblicklich eisiger Verdacht aufblühte.Cassians Griff um Adrians Schulter verstärkte sich, seine Finger gruben sich mit harter, erdend wirkender Anspannung ein. „Erkläre das“, sagte er, und seine Stimme klang gefährlich flach, mit einer tödlichen Schärfe, die die Temperatur im Raum um einige Grade sinken ließ.„Unser forensisches Team hat die verschlüsselten Offshore-Fonds zurückverfolgt, die den zweiten, hochspezialisierten rivalisierenden Sicherheitsdienstleister bezahlt haben, den Marcus engagiert hatte, um das untere Kameragitter auszuschalten“, sagte Grace und schob ihr Tablet langsam in die Mitte des Tisches. „Die Überweisung stammte nicht von Marcus’ bescheidenen Bankkonten. Sie ging von einem Offshore-Briefkastenkonto auf den Cayman