Se connecterIn der Villa wurde es vollkommen still, als Nathan und Tiffany nach oben gingen. Einige Augenblicke später hallte das schwere Geräusch einer zuschlagenden Schlafzimmertür durch die dunklen Flure.
Olivia blieb völlig allein mitten im großen Wohnzimmer stehen. Die beiden brennenden Kerzen auf dem Esstisch waren schließlich zu nichts herabgebrannt und hinterließen nur dicke Spuren von schwarzem Rauch, die in der kalten Luft schwebten.
Langsam gaben ihre Beine nach. Olivia sank auf dem harten Marmorboden auf die Knie. Sie schlang beide Arme fest um ihren Unterbauch und zog die Knie an ihre Brust. Ein langes, brüchiges Schluchzen entrann ihrer Kehle.
„Er hat dich einen Bastard genannt“, flüsterte sie in den dunklen Raum hinein, und ihre Stimme brach vor unerträglichem Schmerz. „Dein eigener Vater... er hat dich einen Bastard genannt.“
Die Tränen liefen unaufhörlich über ihr Gesicht und tränkten die Vorderseite ihres dunkelblauen Kleides. Ihre Brust war so eng, dass sie kaum Sauerstoff in ihre Lungen bekam.
Das schiere Gewicht von Nathans Grausamkeit erdrückte sie. Sie hatte fünf Jahre damit verbracht, ihn zu lieben, ihre Gesundheit zu opfern, ihr eigenes Geld aufzugeben und für eine Familie mit ihm zu beten. Und in weniger als einer Stunde hatte er all das zerstört. Er hatte nicht nur sie zurückgewiesen; er hatte ihr unschuldiges, ungeborenes Kind zurückgewiesen.
Sie blieb lange Zeit auf dem Boden liegen und weinte, bis ihre Augen geschwollen und ihre Kehle trocken war. Doch als die Uhr drei Uhr morgens schlug, veränderte sich etwas in Olivia. Die tiefe, quälende Trauer begann sich langsam in eine kalte, harte Taubheit zu verwandeln.
Sie wischte sich mit dem Handrücken die nassen Wangen ab und stand auf. Ihr Körper schmerzte und ihr Kopf drehte sich, aber sie zwang sich, zum Esstisch zu gehen.
Sie blickte hinab auf die weißen Scheidungspapiere, die auf dem dunklen Holz verstreut lagen. Daneben lag die kleine goldene Geschenkschachtel, die sie mit so viel Vorfreude gekauft hatte. Sie war zerdrückt, das rote Band von Nathans Schuhen zertreten und schmutzig.
Olivia bückte sich und hob den Papierbericht aus dem Krankenhaus auf. Sie faltete ihn sorgfältig zusammen und steckte ihn sicher in ihre Tasche. Dann blickte sie auf ihre rechte Hand. Der goldene Ehering an ihrem Finger fühlte sich schwer und kalt an, wie eine Metallkette, die sie an einen Geist fesselte.
Mit zitternden Fingern streifte sie den Ring von ihrem Finger. Dieses Mal fühlte sie keine Trauer. Sie fühlte gar nichts. Sie legte den Ring genau auf die leere Unterschriftenzeile der Scheidungspapiere.
Sie schnappte sich einen schwarzen Stift vom Tisch. Ohne auch nur eine einzige Sekunde zu zögern, setzte sie ihre Unterschrift auf die gepunktete Linie.
Olivia Hayes. Sie benutzte nicht seinen Nachnamen. Sie benutzte ihren eigenen.
Olivia holte ein leeres Blatt Papier aus der Seitenschublade. Ihre Hand war jetzt ruhig, angetrieben von einer tiefen, stillen Wut. Sie schrieb eine letzte Nachricht in großen Buchstaben:
„Eines Tages wirst du es bereuen, sie anstelle von uns gewählt zu haben.“
Sie ließ die Notiz direkt neben dem Ring liegen.
Olivia ging nach oben in ihr gemeinsames Schlafzimmer. Nathan und Tiffany schliefen im Gästezimmer am Ende des Flurs, sodass das Hauptschlafzimmer vollkommen still war.
Sie blickte nicht auf das große Bett. Sie blickte nicht auf die luxuriöse Dekoration. Sie ging direkt zum Kleiderschrank, zog einen kleinen, alten Koffer heraus – denselben Koffer, den sie vor fünf Jahren mitgebracht hatte, als sie noch pleite waren – und packte ein paar einfache Kleidungsstücke ein. Sie nahm kein einziges Schmuckstück, keine teuren Kleider oder irgendwelche Luxusartikel mit, die Nathan ihr gekauft hatte. Sie wollte nichts, was ihm gehörte.
Um vier Uhr morgens war der Himmel draußen noch pechschwarz. Die Villa war vollkommen still, als Olivia ihren kleinen Koffer die Treppe hinuntertrug. Sie blickte nicht zurück auf das Wohnzimmer, das ruinierte Abendessen oder das Haus, das sie so sehr versucht hatte, zu einem Zuhause zu machen. Sie stieß die schwere hölzerne Vordertür auf und trat hinaus in die kalte Morgenluft.
Sie benutzte keines von Nathans Luxusautos. Stattdessen ging sie die lange, dunkle Auffahrt hinunter bis zur Hauptstraße und holte ihr Telefon heraus, um ein öffentliches Taxi zu rufen.
Als das gelbe Taxi vorfuhr, blickte der Fahrer durch den Rückspiegel auf ihr blasses Gesicht und ihre geschwollenen Augen. „Wohin soll es gehen, Miss?“
„Zum Flughafen“, sagte Olivia leise und starrte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Straßenlaternen. „Bitte bringen Sie mich einfach zum Flughafen.“
Als das Taxi von dem Anwesen wegraste, schlief die Stadt noch. Olivia blickte auf die dunklen Bäume und die hohen Gebäude, ihr Verstand war vollkommen leer. Sie wusste nicht, wohin sie fuhr. Sie hatte keinen Plan, keinen Job und keine Bleibe. Alles, was sie wusste, war, dass sie verschwinden musste. Sie musste irgendwohin, weit weg, wo Nathan Cole sie oder ihr Kind niemals finden konnte.
Sie legte ihre rechte Hand flach auf ihren Unterbauch. Die Haut fühlte sich durch ihre Kleidung warm an. Obwohl sie völlig pleite und allein auf der Welt war, fühlte sie sich nicht mehr vollkommen leer. Sie hatte jetzt eine Bestimmung. Sie hatte ein kleines Leben zu beschützen.
Olivia schloss die Augen und holte tief und zittrig Luft. „Mach dir keine Sorgen, Kleines“, flüsterte sie ihrem Bauch zu, ihre Stimme war entschlossen und kämpferisch. „Mama ist hier. Ich werde hart arbeiten. Ich werde dich vor dieser grausamen Welt beschützen. Ab heute... ist dein Vater für uns gestorben. Wir brauchen ihn nicht.“
Eine Stunde später fuhr das Taxi am geschäftigen Abflugterminal des internationalen Flughafens der Stadt vor. Der Himmel begann sich gerade hellgrau zu färben, als die Sonne aufzugehen drohte. Der Flughafen war voller Menschen, die herumeilten, schwere Taschen trugen, ihren Familien zuriefen und die großen Fluganzeigen überprüften.
Olivia bezahlte den Fahrer mit dem letzten Rest ihrer persönlichen Ersparnisse, schnappte sich ihren kleinen Koffer und ging in das warme Terminalgebäude.
Die hellen, aufblitzenden weißen Lichter des Flughafens taten ihren Augen weh.
Das laute Geräusch von rollenden Koffern, Durchsagen über die Lautsprecher und lachenden Touristen begann laut in ihren Ohren zu dröhnen. Plötzlich überrollte sie eine Welle heftigen Schwindels.
Der Boden unter ihren Füßen fühlte sich an, als würde er sich verschieben. Olivia stolperte nach vorn und ließ den Koffergriff los. Sie versuchte, sich abzufangen, indem sie sich an einer metallenen Säule in der Nähe festhielt, aber ihre Finger waren völlig kraftlos. Ihre Brust fühlte sich wieder eng an, und sie bekam nicht genug Luft in ihre Lungen.
Der extreme emotionale Schock der Nacht, das stundenlange unaufhörliche Weinen, der Mangel an Nahrung und der schwere Stress holten ihren geschwächten Körper schließlich ein.
Vermeiden Sie Stress. Keine emotionalen Schocks. Die Worte der Ärztin blitzten ein letztes Mal in ihrem Verstand auf, laut und furchteinflößend.
„Nein...“, brachte Olivia hervor, Panik stieg in ihrer Brust auf. Sie presste beide Hände fest auf ihren Bauch. „Nicht jetzt... bitte, mein Baby... ich muss stark bleiben...“
Doch ihr Körper wollte nicht gehorchen. Ein scharfer, dumpfer Schmerz machte sich in ihrem Unterleib bemerkbar, und kalter Schweiß brach auf ihrer Stirn aus. Die hellen Lichter des Flughafens begannen miteinander zu verschwimmen und verwandelten sich in seltsame, sich drehende Formen. Die Geräusche der Menge wurden ferner und verblassten, bis es sich anfühlte, als sei sie unter Wasser.
Ihre Sicht begann sich von den Rändern her rasch zu verdunkeln. Ihre Knie zitterten heftig, bevor sie vollkommen nachgaben.
Olivia brach schwer auf dem harten, kalten Fliesenboden des Fluhafenterminals zusammen. Ihr kleiner Koffer rollte von ihr weg. Sie lag auf der Seite, ihre Augen waren halb geschlossen, ihre Hand hielt noch immer verzweifelt ihren Bauch, während die Dunkelheit sie vollkommen umschloss.
Durch den schweren Nebel in ihrem Verstand konnte sie die plötzlichen, chaotischen Schreie der Menschen um sie herum hören. Schritte kamen aus allen Richtungen auf sie zugerannt.
Als die absolute Dunkelheit von ihrem Bewusstsein Besitz ergriff, hörte sie einen Fremden aus vollem Hals rufen:
„Oh mein Gott! Jemand muss helfen! Diese Frau ist gerade in Ohnmacht gefallen! Ruft sofort einen Krankenwagen!“
Der Morgenkaffee am Himmel war klar, hell und blau, ohne ein einziges Wölkchen. Eine sanfte Herbstbrise strich durch die Stadt und brachte eine frische, belebende Kühle in die breiten, sauberen Straßen.Im Zentrum des ruhigsten und sichersten Viertels der Stadt stand ein wunderschönes, vierstöckiges Steingebäude. Das Gelände war von einem hohen, dekorativen Eisenzaun umgeben, der von üppigen grünen Bäumen, blühenden Blumenbeeten und breiten, glatten Spazierwegen gesäumt wurde. Am Haupteingang waren große goldene Buchstaben sauber an der dunkelgrauen Steinwand angebracht:DIE MORETTI MUTTER-UND-KIND-STIFTUNGHeute war der offizielle Eröffnungstag des allerersten Zentrums.Im Hauptfoyer war die Atmosphäre warm, friedlich und hell. Die hohen Decken bestanden aus klaren Glasbögen, die goldenes Sonnenlicht auf die polierten Marmorböden strömen ließen. Reihen von bequemen Plüschsofas, weichen, bunten Teppichen und kleinen, niedrigen Tischen füllten die Wartebereiche. Frische weiße Lilien un
Die Morgensonne schien hell und warm über die hohen Glasfenster des Moretti-Anwesens. Draußen bewegten sich die grünen Blätter der Bäume sanft in der Herbstbrise.Im hellen, ruhigen Arbeitszimmer saß Olivia an ihrem breiten Mahagonischreibtisch. Sie trug einen weichen, cremefarbenen Strickpullover, ihr dunkles Haar war ordentlich hochgesteckt. Baby Alexander schlief tief und fest in seinem kleinen, plüschigen Stubenwagen direkt neben ihrem Schreibtisch, atmete sanft und machte im Schlaf leise, süße Geräusche.Auf dem Schreibtisch vor Olivia lag ein ordentlicher Stapel Papier voller handschriftlicher Notizen, Projektideen und warmer Pläne.Schon seit langer Zeit hatte Olivia darüber nachgedacht, etwas Besonderes zu tun, um anderen Menschen zu helfen. Sie erinnerte sich daran, wie schwer das Leben gewesen war, als sie nichts besaß – als sie alleine gekämpft hatte, um ihre Kinder zu beschützen, und sich fragte, wie sie für deren medizinische Versorgung und den täglichen Bedarf aufkommen
Die Uhr an der Wand der hochgesicherten Firmenzentrale zeigte sechs Uhr morgens. Draußen malte das frühe Morgenlicht den Horizont in sanften Tönen von Orange, Blau und Gold.Weit über den Ozean hinweg, in einer Penthouse-Suite mit Blick auf den See in Genf, saß Victor Lombardi an einem breiten Glastisch. Er war ein großer, scharfer Mann mit glattem, dunklem Haar, kalten Augen und einem maßgeschneiderten Seidenanzug. Er hielt ein Glas dunklen Espresso in der Hand und wartete darauf, dass seine Finanzbeamten ihm den Bericht über den finalen Kauf der östlichen Frachtdocks lieferten.Plötzlich färbten sich drei sichere Computerbildschirme auf seinem Schreibtisch hellrot. Scharfe Alarmsignale ertönten durch sein privates Servernetzwerk.Victor stellte sein Espressoglas so schnell ab, dass die dunkle Flüssigkeit über den Glastisch schwappte.„Was passiert hier?!“, forderte Victor, seine Stimme scharf und angespannt, während er in sein verschlüsseltes Headset rief. „Bericht! Sofort!“„Sir! A
Die schweren Mahagonitüren des privaten Arbeitszimmers schlossen sich mit einem leisen, gedämpften Klick. Im Inneren des Raumes warf das warme Licht der Schreibtischlampe lange, scharfe Schatten über den polierten Boden.Damon Moretti stand hinter seinem breiten Schreibtisch. Der weiche, sanfte Ausdruck, den er erst vor wenigen Augenblicken für Olivia getragen hatte, war völlig verschwunden. An seine Stelle war die harte, tödliche Maske eines rücksichtslosen Milliardärs-Kommandanten getreten, der sich auf den Krieg vorbereitete.Marcus stand direkt vor dem Schreibtisch und legte die antike Spieldose und die silberne Lieferkarte vorsichtig auf eine saubere Lederunterlage.„Führe eine mikroskopische Analyse des Metallgehäuses und der Tinte dieser Karte durch“, befahl Damon, seine tiefe Stimme kalt und fest. „Ich will jede chemische Verbindung, jede Spur von Fingerabdruckpulver und jeden Herkunftsort des Kurierdienstes wissen, der für den Transport genutzt wurde.“„Bereits veranlasst, He
Die Sonne schien hell über dem prächtigen Anwesen der Morettis und tauchte die grünen Rasenflächen und blühenden Gärten in ein warmes, goldenes Licht.Es war ein besonderer Tag für die Familie. Ein Monat war seit der Geburt des kleinen Damon Alexander vergangen. In diesen vier kurzen Wochen war das Anwesen von ruhigem Glück, süßem Baby-Lachen und einem überwältigenden Gefühl von Wärme erfüllt gewesen.Im Inneren des großen Wintergartens waren lange Tische mit makellosen weißen Tischtüchern, frischen Blumen in Pastelltönen und Silbertabletts voller feiner Gebäckspezialitäten gedeckt.Olivia stand nahe den breiten Glastüren und wiegte den kleinen Alexander sanft an ihrer Schulter. Sie trug ein einfaches, elegantes hellblaues Kleid, das sich bequem um ihre Figur schmiegte. Ihr dunkles Haar war zu einem lockeren, stilvollen Dutt hochgesteckt, und ihre braunen Augen glänzten vor reiner mütterlicher Hingabe.Neben ihr saßen die sechsjährige Lily und der vierjährige Leo auf einem plüschigen
„Hör mir jetzt sehr genau zu“, unterbrach ihn Marcus. Seine tiefe Stimme fiel in eine eiskalte, tödliche Tonlage, die die Haare auf Nathans Armen sofort zu Berge stehen ließ. „Herr Damon ist derzeit oben im Kinderzimmer und hält seinen neugeborenen Sohn im Arm. Er ist heute in einer außerordentlich guten Stimmung. Weil er glücklich ist, gebe ich dir diese eine, barmherzige Warnung, anstatt ein Spezialeinsatzkommando zu schicken, um deine Tür einzutreten.“Nathan schnappte nach Luft und presste seine Augen in purer Entsetzen zusammen.„Wenn du jemals wieder versuchst, diese Nummer zu wählen“, fuhr Marcus mit ruhiger, absoluter Autorität fort, „wenn du jemals ihren Namen im Internet erwähnst oder dich jemals auf weniger als fünf Meilen Frau Olivia, Lady Lily, dem jungen Herrn Leo oder dem kleinen Alexander näherst... wird Herr Damon persönlich dafür sorgen, dass deine verbleibende Kaution widerrufen wird. Du wirst für die nächsten fünfzehn Jahre wegen Belästigung und Erpressung in eine







