
Die Tote bin eigentlich ichDie Hexe hatte uns gesagt, dass meine Schwester, Emma Schmidt, in dem Jahr sterben würde, in dem sie sechzehn wurde. Ihre Prophezeiungen schlugen niemals fehl.
Seit jenem Tag war meine Schwester der wichtigste Mensch in unserer Familie.
Das beste Hirschfleisch blieb immer für sie, ebenso das kostbare Fell des weißen Fuchses. Unsere Eltern erzählten ihr jeden Abend eine Gutenachtgeschichte.
Ich wusste, dass sie bemitleidenswert war, aber in meinem Herzen regten sich Traurigkeit und ein bitteres Gefühl der Ungerechtigkeit.
An ihrem sechzehnten Geburtstag spürte ich plötzlich einen heftigen Schmerz in meiner Brust. Doch weil Markus und Sabine fürchteten, ich würde Ärger machen, sperrten sie mich in den Keller.
„Mama, bitte…“, schluchzte ich und hämmerte gegen die Tür. „Ich spüre, wie meine Wolfsseele schwächer wird. Lass mich bitte hinaus…“
Aber Sabine blieb unerbittlich: „Nein! Heute ist Emmas wichtigster Tag!“
„Sie hat nur diesen einen Tag, halt es einfach aus…“
Als ich schließlich die Augen schloss und meine Seele aus dem Körper glitt, sah ich im Wohnzimmer das warme Licht der Kerzen. Meine Mutter, Sabine Schmidt und Vater Markus Schmidt hielten meine lebendige, wohlbehaltene Schwester in den Armen und weinten hemmungslos.
Da verstand ich endlich, dass die Prophezeiung der Hexe niemals falsch gewesen war.
Nur dass diejenige, die sterben sollte, niemals Emma gewesen war.