ログインKaty dachte, sie hätte ihr Leben im Griff. Zumindest meistens. Seit fast zehn Jahren ist Sara ihre beste Freundin. Sie haben alles miteinander geteilt: die guten Tage, die schlechten Entscheidungen und die Momente, in denen man einfach jemanden braucht, der bleibt. Doch in letzter Zeit fühlt sich ihre Freundschaft anders an. Sara ist nach ihrer Trennung von Tobias auf der Suche nach etwas Neuem – und verliert sich dabei immer mehr in der Vorstellung von Markus, einem viel jüngeren Musiker, den sie unbedingt für sich gewinnen will. Eigentlich will Katy nur aufpassen, dass ihre beste Freundin sich nicht wieder selbst vergisst. Doch dann passiert etwas, womit sie nicht gerechnet hat. Ein Abend voller Cocktails, Chaos und zu vielen Gedanken endet mit einem fremden grauen Hoodie, Erinnerungslücken und einem Mann, dessen Stimme und Geruch Katy nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Während Sara glaubt, ihre große Liebesgeschichte gefunden zu haben, muss Katy sich fragen, ob sie vielleicht die ganze Zeit auf die falschen Dinge geachtet hat. Denn manchmal begegnet man genau dann jemandem, der alles verändert, wenn man eigentlich damit beschäftigt ist, jemanden anderen zu retten.
もっと見る„Wir haben noch ungefähr drei Minuten. Was machst du bitte? Wir müssen los, Katy!“
Ihre Stimme hallte durch die Wohnung, während ich nur genervt die Augen verdrehte. „Drei Minuten?“, rief ich zurück. „Wir sind schon seit mindestens drei Minuten zu spät.“ „Details!“ „Nennt sich Zeitmanagement.“ Ich war längst fertig. Wie immer. Ich war diejenige, die alles im Blick behalten musste. Termine, Zeiten, Taschen – und offenbar auch meine beste Freundin. Sara und ich kannten uns seit dem Beginn unserer Ausbildung. Fast zehn Jahre mittlerweile. Wir hatten in dieser Zeit mehr miteinander erlebt, als ich manchmal zugeben wollte. Gutes, Schlechtes – alles, was eben dazugehört, wenn man so lange aneinander hängt. Dass ich irgendwann anfangen würde zu überlegen, ob genau dieses „aneinander hängen“ auch kompliziert werden kann, hätte ich früher nicht gedacht. „Ich weiß ganz genau, dass wir los müssen“, sagte ich ruhig, als Sara endlich im Flur auftauchte. „Deshalb bin ich seit Minuten fertig und warte. Mit deiner Handtasche. Die, die du suchst.“ Ich hielt ihr die Tasche hin und sah sie nur leicht schief an. Sara blieb stehen und starrte erst die Tasche und dann mich an. „Warum sagst du das nicht früher?“ „Hab ich.“ „Nein, hast du nicht.“ „Doch. Zweimal in der Küche und einmal, als du im Schlafzimmer nachgesehen hast.“ Sie zog die Tasche über die Schulter und grinste. „Dann habe ich dir wohl nicht zugehört.“ „Das überrascht mich jetzt wirklich.“ „Du weißt, dass ich unter Stress nicht funktioniere.“ „Du funktionierst auch ohne Stress nur bedingt.“ „Frechheit.“ „Tatsache.“ Lachend schob sie mich zur Tür. „Los jetzt, Frau Zeitmanagement.“ Während wir die Treppen zum Auto hinuntergingen, musste ich mir ein Grinsen verkneifen. Wo wir überhaupt hinwollten? Ehrlich gesagt hatte ich es schon wieder vergessen. In letzter Zeit war ich viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, mein eigenes Leben zu organisieren, unsere Termine und Aktivitäten im Blick zu behalten und nebenbei noch das neueste Drama aus unserem Freundeskreis zu entschärfen. Ja, unser Freundeskreis. Denn egal, was ich machte – Sara machte mit. Uns gab es eigentlich nur im Doppelpack. Ob mir das immer recht war? Nicht wirklich. Aber wenn ich ehrlich war, fehlte mir meistens die Energie, zu sagen: Heute würde ich gerne etwas alleine machen. Außerdem hätte ich mich dabei sofort undankbar gefühlt. Immerhin war Sara auch immer für mich da, wenn es mir schlecht ging. Oder wenn ich mal wieder Probleme hatte, meinen Kühlschrank voll zu bekommen. Ich hatte immer gedacht, unsere Freundschaft wäre ein Geben und Nehmen. Wenn ich damals schon gewusst hätte, dass die Waage nicht ganz so ausgeglichen war, wie ich glaubte … „Glaubst du eigentlich, Markus ist auch da?“, fragte Sara und riss mich aus meinen Gedanken. Wir waren schon einige Minuten unterwegs. Irgendwie hatte ich es nur noch auf Autopilot geschafft, überhaupt ins Auto einzusteigen. Jetzt tippte ich halbherzig auf meinem Handy herum und versuchte, ein Lied zu finden, das uns nicht schon nach den ersten dreißig Sekunden auf die Nerven ging. „Du hast die Frage ignoriert.“ „Ich habe sie verarbeitet.“ „Und?“ Ich sah zu ihr hinüber und bemerkte sofort ihre aufgeregte Art. „Warum bist du eigentlich so versessen darauf, Markus zu treffen?“ „Ich bin nicht versessen.“ „Sara.“ „Okay, vielleicht ein kleines bisschen.“ „Du bist 27 und er ist gerade mal 21.“ „Und?“ „Meinst du nicht, dass da ziemlich unterschiedliche Lebensphasen aufeinanderprallen? Oder dass er vielleicht noch gar nicht bereit für etwas Ernstes ist?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht will ich ja auch gar nichts Ernstes.“ „Das habe ich bei Tobias damals auch gehört.“ „Das war etwas völlig anderes.“ „Natürlich war es das.“ Sie verdrehte die Augen. „Du musst nicht immer sofort vom Schlimmsten ausgehen.“ An ihrer Reaktion konnte ich genau erkennen, was sie dachte. Sie musste es nicht einmal aussprechen. Das geht dich nichts an. Das ist meine Sache. Unterstütz mich einfach. Was sollte man dann bitte noch tun? Sich einmischen? Oder es einfach auf sich beruhen lassen? Eigentlich hatte ich mir geschworen, nie wieder tatenlos dabei zuzusehen, wie sie sich auf irgendeinen Idioten einließ. Nicht nach der Sache mit Tobias. Und man konnte mich ruhig für verrückt halten – was vermutlich nicht einmal ganz falsch gewesen wäre –, aber etwas mit einem Einundzwanzigjährigen anzufangen, fand ich definitiv verrückt. Leider wusste ich auch genau, dass es auf eine Sache hinauslaufen würde, wenn ich jetzt versuchte, sie davon abzuhalten: Sie würde es nur noch mehr wollen. Wie ein Kleinkind, dem man sagt, es dürfe keinen weiteren Keks mehr haben. „Ich dachte, wir wollten einfach hingehen, ein paar Cocktails trinken und den Abend genießen“, sagte ich schließlich. „Einfach mal über alles reden, was im Moment so passiert.“ „Wir reden doch ständig über alles, was gerade passiert.“ „Das stimmt nicht.“ „Katy, wir reden seit Wochen über meine Arbeit, deine Rechnungen, Lisa und Tim, Tobias und den Rest der Welt.“ „Und was ist daran falsch?“ „Nichts. Aber vielleicht hätte ich heute Abend einfach gerne mal etwas anderes im Kopf.“ Ich nickte langsam. „Fair.“ Plötzlich schnitt der Sicherheitsgurt schmerzhaft in meine Brust. Sara hatte eine Vollbremsung hingelegt. „Warum?“, fragte sie und sah mich an. „Wir reden doch sowieso über nichts anderes. Da kannst du mir doch diesen einen Abend auch mal gönnen!“ Für einen Moment begriff ich gar nicht richtig, was sie gerade gesagt hatte. Zu sehr war ich damit beschäftigt, meinen Herzschlag wieder zu beruhigen und meine Atmung unter Kontrolle zu bekommen. „Sara!“ „Was denn?“ „Du hast gerade mitten auf der Straße eine Vollbremsung gemacht!“ „Du hast mich abgelenkt!“ „Ich saß still daneben!“ „Ja, aber vorwurfsvoll.“ Trotz allem musste ich kurz lachen. Vielleicht war es aber auch besser so. Wenn ich ihr nicht richtig zuhörte, konnte ich mich wenigstens nicht darüber aufregen. Wirklich viel Zeit hatte ich dafür aber sowieso nicht mehr. Denn bevor ich auch nur noch einmal die Augen verdrehen konnte war auch schon wieder soviel Zeit vergangen, das ich nicht bemerkte wie sie das Auto einparkte.Okay … Was? Ich musste mich verhört haben. Erst einmal eins nach dem anderen. Es war also definitiv nicht Sara am Telefon. So viel stand fest. Aber ich musste mich trotzdem verhört haben. Prinzessin? Also wirklich. Ich war vieles. Chaotisch. Manchmal überfordert. Viel zu verkopft. Aber ganz sicher keine Prinzessin. Warum sollte ausgerechnet das mein Spitzname sein? „Bist du irgendwie umgefallen?“ Oh Gott. Er war ja immer noch dran. Warum hatte ich eigentlich nicht längst aufgelegt? Ach ja. Weil das unhöflich gewesen wäre. Und weil ich gerade viel zu beschäftigt damit war, komplett verstört zu sein. „Ähm … nein.“ Ich räusperte mich. „Ich bin noch da.“ Meine Stimme klang deutlich unsicherer, als mir lieb war. Dann hörte ich es wieder. Dieses tiefe, ehrliche Lachen. Es kam mir plötzlich seltsam vertraut vor. Anscheinend hatte er gestern Abend öfter gelacht. Sonst würde ich es jetzt wohl kaum wiedererkennen. „Ähm … warum rufst du an?“ Kaum hatte ich die Fra
Das Telefonat ging noch eine ganze Weile. Aber natürlich sprachen wir weder darüber, dass Sara gestern Abend fast 300 Euro für einen Mann ausgegeben hatte, den sie kaum kannte. Noch darüber, dass dieser Julian offenbar meine Nummer haben wollte. Für Sara war das Thema innerhalb weniger Sekunden erledigt. Sie hatte mich nicht einmal gefragt, ob sie meine Nummer überhaupt weitergeben durfte. Sie hatte es einfach getan. Zuerst redete ich mir noch ein, dass sie es nur getan hatte, weil sie Julian gestern ebenfalls kennengelernt hatte. Aber nein. „Katy, wer ist Julian überhaupt?“ Ich runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“ „Na ja … hast du gestern, als ich kurz auf der Toilette war, Markus nach einem Freund gefragt?“ Ich sagte nichts. „Hältst du es echt nicht mehr aus, alleine zu sein?“ Für einen Moment blieb mir tatsächlich die Luft weg. Das kam jetzt ausgerechnet von ihr? Von der Frau, die innerhalb weniger Stunden fast 300 Euro für einen Mann ausgegeben hatte, den sie k
Es war bereits 13:00 Uhr, als ich endlich wieder die Augen öffnete. Oh Gott. Hatte ich wirklich so lange geschlafen? Der gestrige Abend war definitiv länger geworden als geplant. Ich glaube, es war schon drei Uhr morgens gewesen, als ich endlich in meinem Bett lag. Die Frage war nur: Wie war ich überhaupt hierhergekommen? Und vielleicht noch wichtiger: Wie viele Cocktails hatte ich eigentlich getrunken? Die Antwort darauf kannte ich leider nicht. Was mich fast noch mehr beunruhigte: Ich wusste nicht einmal, wie ich das alles bezahlt hatte. Sara konnte es jedenfalls nicht gewesen sein. Sie hatte zusammen mit Markus ebenfalls ordentlich getrunken. Also hatte sie ihr Auto vermutlich stehen lassen. Hoffentlich. Allein der Gedanke daran machte mir ein bisschen Sorgen. Was war gestern eigentlich alles passiert? Ich versuchte, mich zu erinnern. Viel Erfolg, Katy. Mein Kopf lieferte mir nur einzelne Bilder. Eine Bar. Musik. Cocktails. Sara. Markus. Und dann … Nichts. Seufz
Markus war also wirklich gekommen. Wie um alles in der Welt hatte Sara das geschafft? Bevor ich dem Fremden endlich den Cocktail abnehmen konnte, schob Sara ihn kurzerhand ein Stück in meine Richtung. Nicht besonders vorsichtig – Hauptsache, der Stuhl neben ihr war frei. „Süßer, hier. Ich hab dir deinen Platz schon freigehalten.“ Mein Cocktail schwappte über. Ein paar Tropfen landeten auf dem Tisch. Und natürlich auch auf meinem Oberteil. Natürlich. Der Fremde reagierte sofort. „Oh Gott, sorry. Das war wirklich nicht extra.“ Er beugte sich zu mir herunter. „Ich hole dir etwas zum Saubermachen.“ Ich sah auf und traf seinen Blick. Braune Augen. Aber nicht einfach nur braun. Irgendetwas Goldenes schimmerte darin, wenn das Licht der Bar richtig darauf fiel. Viel Zeit, darüber nachzudenken, hatte ich allerdings nicht. Denn langsam drang durch, was Sara gerade gesagt hatte. Süßer? Ich drehte den Kopf zu ihr. Das konnte nicht ihr Ernst sein. „Sara, das m











