Seine Fähigkeit, Angst in Faszination zu verwandeln, ist entscheidend. Die Maschinen der 50er/60er Jahre lösten Ängste vor Automatisierung und Entmenschlichung aus. Tinguely nahm diese Angst und machte sie zum Gegenstand des Spiels, zeigte ihre lächerliche Seite. Diese Strategie ist heute unschätzbar wertvoll im Umgang mit KI-Angst. Künstler nutzen Humor und Absurdität, um die Bedrohung durch unkontrollierbare Technologie zu verarbeiten und zu demystifizieren – eine direkte Linie zu seinem Werk.
Was mir an seiner Kunst immer fehlt, wenn ich sie nur auf Fotos sehe, ist der Maßstab. Auf Bildern wirken viele Teile klein, aber in Wirklichkeit waren einige dieser Konstruktionen riesig und raumfüllend. Diese physische Präsenz ist ein key part of the experience. Man fühlt sich klein neben dieser klappernden, surrenden Kreatur. Das prägte die kinetische Kunst auch in Richtung Environment und Installation. Es ging nicht um ein Objekt auf einem Sockel, sondern um die Schaffung einer gesamten atmosphärischen Situation, in die der Betrachter eintritt. Das war ein Schritt weg von der Skulptur hin zum begehbaren Erlebnisraum.
Die Tate Modern in London hat ihn in ihrer Sammlung zur kinetischen Kunst. Allerdings ist nicht garantiert, dass Werke von ihm gerade gehängt sind. Vor dem Besuch online die 'Displayed Works' checken! Wenn sie da sind, bietet die Turbinenhalle einen grandiosen Rahmen für seine großen Maschinen.
Man kann den 'Cyclop' (1969-1994) nicht übergehen, auch wenn es ein Gemeinschaftswerk war. Diese riesige, im Wald verborgene Skulptur, an der viele Künstler mitarbeiteten, ist sein testamentarisches Großprojekt. Es zeigt sein ganzes Denken: Recycling, Bewegung, Kollektivität und ein fast mythologisches Spiel mit Maschinen.