
Mein falscher Bruder, mein verbotenes Verlangen
Früher dachte ich, „Schwester“ sei das Grausamste, wie er mich nennen könnte. Ich habe mich geirrt.
Fünf Jahre lang war ich Lukas Santiagos Ehefrau – eine Rolle, die sich eher wie ein Fragezeichen anfühlte als wie ein Versprechen. Jeden Tag fragte ich mich, ob ich nur ein Fehler war, den er noch nicht entsorgt hatte. Dann fand ich die Kette. Die Kette, die alles zerstörte. Sie verriet mir, dass Lukas sich ein neues Leben mit Camilla, meiner Pflegeschwester, aufbaute, während ich noch a den Scherben des alten festhielt.
Ihr war nichts geblieben. Kein Name. Keine Familie. Kein Beweis dafür, dass sie je mehr gewesen war als ein Mädchen, das die Santiagos aus Mitleid aufgenommen hatten.
Bis Damien Smith ihr die Tür öffnete.
Er ist der Adoptiverbe jenes Vermögens, das eigentlich ihr hätte gehören sollen – kalt, berechnend und der einzige Mann, der skrupellos genug ist, ihr dabei zu helfen, Lukas’ Welt in Schutt und Asche zu legen. Ihr Bündnis sollte eigentlich simpel sein: den Verrat aufdecken, ihr Geburtsrecht zurückfordern und schließlich quitt sein.
Doch je näher Elena der Wahrheit über den Tod ihrer Eltern kommt, desto mehr begreift sie, dass Damien Geheimnisse hütet, die tiefer vergraben sind als der Tresor der Santiagos – und einige davon tragen ihren Namen.
Nun sieht sie sich einem Machtkampf im Vorstand gegenüber, einem Erpresser, der genau weiß, was in der Nacht geschah, als ihre Eltern starben, und einem Mann, den sie niemals hätte begehren dürfen.
Er nennt sie „Schwester“. Doch so gemeint hat er es nie.
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Chapter: KAPITEL 33Elenas Perspektive Priya kam noch vor dem Frühstück auf das Anwesen; sie trug einen Laptop unter dem Arm und sah aus, als hätte sie seit Tagen nicht geschlafen. Reeve hatte über Nacht die Aufnahmen von Naomis Wohnhaus besorgt; Priya stellte den Laptop auf den Schreibtisch im Arbeitszimmer und drehte ihn zu uns herum. Meine Gedanken wanderten sofort zu dem Tag zurück, an dem wir Voss tot in seinem Wohnzimmer gefunden hatten – ein Teil von mir hatte Angst, dass dieselben Leute auch Naomi etwas antun könnten. „Die Kamera an der Straßenecke hat es zweimal erfasst“, sagte sie. „Derselbe graue Wagen – beide Male auf der gegenüberliegenden Straßenseite geparkt, beide Male mit abgestelltem Motor. Das Kennzeichen war teilweise von einem Ast verdeckt, aber die Software konnte genug davon wiederherstellen, um eine Abfrage zu starten.“ „Und?“, fragte Damien. „Der Wagen ist auf eine Leasingfirma zugelassen. Diese Leasingfirma gehört zu einer Holdinggesellschaft.“ Sie machte eine Pause, und ich
Last Updated: 2026-10-12
Chapter: KAPITEL 32Elf StühleElenas PerspektiveAm nächsten Morgen wachten wir mit ineinander verschlungenen Beinen auf, ohne ein Wort über die vergangene Woche zu verlieren. Damien kochte Kaffee; er schmeckte scheußlich, aber ich beschwerte mich nicht. Wir tranken ihn im Stehen am Fenster des Arbeitszimmers und betrachteten die Liste der Vorstandsmitglieder wie zwei Polizisten auf der Suche nach einem Verbrecher.„Einundzwanzig Tage“, sagte er.„Einundzwanzig Tage“, stimmte ich zu. „Wo fangen wir an?“„Bei dem Mann, der am ehesten Nein sagen wird.“ Er tippte auf den ersten Namen. „Crane.“Thaddeus Crane empfing uns nicht in seinem Büro, sondern bei sich zu Hause – in einem schmalen, von Bücherregalen gesäumten Stadthaus, das nach Pfeifentabak und altem Papier roch. Er goss den Tee eigenhändig ein; ich verstand das sowohl als Höflichkeitsgeste als auch als Warnung.„Ich nehme an, Sie sind gekommen, um mich zu überzeugen“, sagte er.„Wir sind gekommen, um Ihre Frage zu beantworten“, sagte Damien. „Sie h
Last Updated: 2026-10-12
Chapter: KAPITEL 31Die Stimmen zählenElenas SichtweiseIn der Nacht, nachdem Priya die Neuigkeiten überbracht hatte, verwandelte Damien das Arbeitszimmer in eine Kommandozentrale. Er sagte zwar nicht explizit, dass er das tat, aber er räumte einfach den Schreibtisch frei, heftete einen Sitzplan des Sitzungssaals an die Pinnwand – an der Marcus früher die Menüpläne für das Anwesen ausgehängt hatte – und schrieb mit einem schwarzen Filzstift elf Namen darüber.„Elf Vorstandsmitglieder“, sagte er. „Ich brauche nur sechs ihrer Stimmen.“Ich saß auf der Armlehne des Ledersofas, eine Tasse Tee, die in meinen Händen langsam kalt wurde, und beobachtete ihn bei der Arbeit. Er hatte sich seit dem Vorfall im Aufzug verändert. Seine Bewegungen strahlten nun eine neue Ruhe aus; als hätte der Entschluss, mir gegenüber nicht mehr so vorsichtig zu sein, etwas in ihm gelöst, das er zuvor zu fest unter Kontrolle gehalten hatte. Es zeigte, wie sehr ihm das Unternehmen am Herzen lag.„Auf Crane können wir uns nicht verl
Last Updated: 2026-10-10
Chapter: KAPITEL 30Elenas SichtweiseEndlich war der Morgen angebrochen, an dem die sieben Tage zu Ende gingen. Damien trug seinen frisch geschneiderten Anzug; man sah ihm an, dass er es kaum erwarten konnte, an seinen Platz zurückzukehren. Er band seine Krawatte zweimal neu, bis er zufrieden war. Im Flurspiegel überprüfte er seine Manschettenknöpfe. Als er bemerkte, dass ich ihn von der Schlafzimmertür aus beobachtete, wandte er den Blick nicht ab – anders als in der ganzen Woche zuvor. Wir hatten kaum ein Wort miteinander gewechselt, seit ich ihm von meinem Abendessen mit Lucas erzählt hatte.„Bereit?“, fragte ich.„Nein“, sagte er, ohne das Lächeln, das er sonst morgens im Gesicht trug. „Aber ich gehe lieber unvorbereitet dorthin, als noch einen Morgen damit zu verbringen, mich zu fragen, was er auf meinem Stuhl treibt.“Es war der längste Satz, den er seit Tagen vor acht Uhr morgens an mich gerichtet hatte. Ich klammerte mich an diese Worte auf dem ganzen Weg ins Büro. • Die Übergabesitzung fand im
Last Updated: 2026-10-08
Chapter: KAPITEL 29In dieser ersten Nacht kommt Damien nach Hause – still auf eine Weise, wie ich es seit den ersten Wochen unserer Ehe nicht mehr bei ihm erlebt habe; damals, als sich jedes Gespräch noch wie etwas anfühlte, das wir behutsam aushandeln mussten, anstatt es einfach nur zu führen. Er duscht. Beim Abendessen isst er so gut wie nichts. Er geht früh zu Bett, auf seine Seite der Matratze, und wahrt dabei einen vorsichtigen, bewussten Abstand zu mir, der lauter wirkt als alles, was er hätte aussprechen können.Ich dränge ihn nicht. Ich sage mir, dass ihm dieser Freiraum zusteht – nach drei Tagen in einer Zelle und nachdem er nicht in ein normales Zuhause, sondern in einen Skandal zurückgekehrt ist. Ich lasse das Schweigen zwischen uns stehen, weil ich noch nicht weiß, wie ich es füllen soll, ohne alles nur noch schlimmer zu machen.Dieser Zustand zieht sich bis in den nächsten Morgen und den darauffolgenden Tag hinein. Er ist höflich. Er ist präsent. Er küsst meine Stirn, bevor er ins Büro aufb
Last Updated: 2026-10-06
Chapter: KAPITEL 28Mein Handy weckt mich noch vor dem Wecker; es vibriert so heftig, dass es fast vom Nachttisch fällt – ausgelöst durch eine Flut von Benachrichtigungen, wie ich sie seit dem Morgen nach der Gala nicht mehr erlebt habe. Halb schlafend greife ich danach; ich rechne mit Priya, mit dem Anwalt, mit allem Möglichen – nur nicht mit dem, was mich tatsächlich erwartet, als das Display endlich aufleuchtet.Mein eigenes Gesicht. Lukas’ Hand an meinem unteren Rücken. Ein körniges, schlecht ausgeleuchtetes Foto, aufgenommen von der anderen Seite des Restaurantparkplatzes; auf drei verschiedenen Klatsch-Accounts versehen mit einer Variante derselben reißerischen Schlagzeile: *SANTIAGO-ERBIN ZEIGT SICH MIT EX-MANN, WÄHREND IHR JETZIGER MANN IM GEFÄNGNIS SITZT.*Ich fahre kerzengerade hoch und scrolle mit einer Mischung aus Übelkeit und Unglauben durch die Meldungen; ich sehe zu, wie sich die Geschichte in den wenigen Stunden, in denen ich geschlafen habe, wie ein Lauffeuer über die Plattformen verbre
Last Updated: 2026-10-05