LOGINFrüher dachte ich, „Schwester“ sei das Grausamste, wie er mich nennen könnte. Ich habe mich geirrt. Fünf Jahre lang war ich Lukas Santiagos Ehefrau – eine Rolle, die sich eher wie ein Fragezeichen anfühlte als wie ein Versprechen. Jeden Tag fragte ich mich, ob ich nur ein Fehler war, den er noch nicht entsorgt hatte. Dann fand ich die Kette. Die Kette, die alles zerstörte. Sie verriet mir, dass Lukas sich ein neues Leben mit Camilla, meiner Pflegeschwester, aufbaute, während ich noch a den Scherben des alten festhielt. Ihr war nichts geblieben. Kein Name. Keine Familie. Kein Beweis dafür, dass sie je mehr gewesen war als ein Mädchen, das die Santiagos aus Mitleid aufgenommen hatten. Bis Damien Smith ihr die Tür öffnete. Er ist der Adoptiverbe jenes Vermögens, das eigentlich ihr hätte gehören sollen – kalt, berechnend und der einzige Mann, der skrupellos genug ist, ihr dabei zu helfen, Lukas’ Welt in Schutt und Asche zu legen. Ihr Bündnis sollte eigentlich simpel sein: den Verrat aufdecken, ihr Geburtsrecht zurückfordern und schließlich quitt sein. Doch je näher Elena der Wahrheit über den Tod ihrer Eltern kommt, desto mehr begreift sie, dass Damien Geheimnisse hütet, die tiefer vergraben sind als der Tresor der Santiagos – und einige davon tragen ihren Namen. Nun sieht sie sich einem Machtkampf im Vorstand gegenüber, einem Erpresser, der genau weiß, was in der Nacht geschah, als ihre Eltern starben, und einem Mann, den sie niemals hätte begehren dürfen. Er nennt sie „Schwester“. Doch so gemeint hat er es nie.
View MoreElenas Sichtweise
Vor fünf Jahren legte Lukas mir das Auge der Medusa um den Hals und schwor, dass ein so seltenes Juwel das Einzige sei, was seiner Frau angemessen sei.
Er sagte, es sei ein Unikat, handgefertigt von einem Meisterjuwelier, der kurz nach dem Guss spurlos verschwunden sei. Damals, unter einem Baldachin aus cremefarbenen Rosen, während Musik durch die Gärten hallte, glaubte ich ihm. Ich trug es wie ein Amulett und drückte es jeden Tag an mein Schlüsselbein.
Ich opferte meine eigenen Träume für seine Vision. Ich blieb bis nach Mitternacht wach, um die Finanzprognosen seiner Firma zu formatieren, verkaufte meine kleine Kunstsammlung, um seine Firma im zweiten Jahr über Wasser zu halten, und ertrug die subtile Kälte seines Freundeskreises. Alles nur, weil ich an das Versprechen glaubte, das er mir unter diesen Rosen gegeben hatte.
Heute Abend wäre eigentlich unser fünfter Hochzeitstag gewesen.
Stattdessen stehe ich am Eingang der Dachterrasse des Penthouses und sehe zu, wie die Hand meines Mannes lässig auf dem Schoß einer anderen Frau ruht.
Nicht irgendeine Frau.
camilla.
Meine Pflegeschwester, mit der ich nach dem Tod meiner Eltern ein Zimmer teilte. Das Mädchen, mit dem ich meine Kleidung teilte, das Mädchen, dessen Studiengebühren ich mitfinanzierte, als Lukas und ich kaum über die Runden kamen.
„Lukas?“ Meine Stimme durchdringt das sanfte Summen des Terrassenbrunnens.
Sie springen nicht auseinander.
Das ist das Erste, was mich innerlich zerbricht: die völlige Schuldlosigkeit in ihrer Haltung. Lukas dreht sich langsam um und schwenkt dabei sein Longdrinkglas in einer Hand.
Camilla nimmt ihre Hand nicht einmal von seiner Taille. Stattdessen neigt sie langsam den Kopf zurück und lässt das umgebende Stadtlicht auf den schweren, tiefblauen Stein fallen, der um ihren Hals hängt.
Es ist das Auge der Medusa. Der exakte tropfenförmige Schnitt, das markante Silber, das das Zentrum umgibt , der feine innere Riss, der das Licht wie eingefangener Blitz einfing.
Instinktiv wandert meine Hand zu meinem Schlüsselbein. Meine Finger streifen die Halskette, die ich den ganzen Abend getragen habe.
„elena“, schnurrt Camilla und macht einen langsamen Schritt auf mich zu.
Die Absätze, die ich ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, klackten auf dem Marmorboden. „Du siehst müde aus. Du solltest nächstes Mal wirklich das Catering den Angestellten überlassen, anstatt alles ständig zu kontrollieren.“
„Was ist das um deinen Hals?“ Meine Stimme zittert, obwohl ich mit aller Kraft versuche , sie ruhig zu halten. Ich blicke an ihr vorbei und sehe Lukas direkt in die Augen.
„Lukas. Was trägt sie?“
Lukas antwortet nicht sofort. Er nimmt einen langsamen Schluck von seinem Whiskey, sein Gesichtsausdruck ist ausdruckslos, ohne die Herzlichkeit, die er früher so gut vorgetäuscht hatte.
„Camilla brauchte etwas Angemessenes für die Gala heute Abend, Elena. Hör auf, so ein Theater zu machen.“
„Willst du etwa eine Szene machen?“ Ein bitteres Lachen steigt mir in die Kehle.
„Das ist meine Halskette. Das einzigartige Schmuckstück, das du mir an unserem Hochzeitstag geschenkt hast!“
Camilla stößt ein leises, melodisches Lachen aus und hebt die Hand, um mit ihren manikürten Fingern liebevoll über den blauen Stein zu streichen.
„Oh, Elena... Liebling. Hast du das wirklich geglaubt?“
Sie kommt näher und beugt sich vor, bis ich ihren schweren, blumigen Duft riechen kann, den Lukas ihr letzten Monat unter dem Vorwand eines „Firmengeschenks“ gekauft hat.
„Lukas hat dir das gegeben, was du wert warst“, flüstert Eva leise, ihre Stimme trieft vor gespieltem Mitleid. „Eine dreißig Euro teure Glasreplik aus einem Souvenirladen am Hafen . Hast du wirklich geglaubt, er würde ein millionenschweres Erbstück für so einen Niemand verschwenden?“
Die Welt neigt sich leicht.
Mit zitternden Fingern öffne ich den Verschluss im Nacken und ziehe an der Kette, um sie mir genauer anzusehen.
Im hellen Licht der Halogenlampen auf der Terrasse sind die feinen Kratzer im Stein deutlich zu erkennen. Die Silberbeschichtung des Riegels ist bereits abgenutzt und gibt den Blick auf mattes Messing frei.
Fünf Jahre.
Fünf Jahre lang habe ich ein Stück Müll wie ein heiliges Band behandelt.
„Lukas…“ Ich schaue auf, meine Sicht verschwimmt vor Hitze.
„Sag mir, dass sie lügt.“
„Das ist sie nicht“, sagt Lukas kühl.
Er geht hinüber und stellt sich Schulter an Schulter mit Eva.
Er blickt mich nicht hasserfüllt an, sondern mit absoluter Herablassung – mit dem Blick, den ein Manager einem unbedeutenden Ausgabenposten zuwirft, den er im Begriff ist zu streichen.
„Ich brauchte eine Frau aus einer echten Linie, um die Investition der Marx-Gruppe zu sichern, Elena. Als ich dich kennenlernte, behauptetest du, deine Familie habe Geschichte. Aber Eva … Camilla stammt aus der legitimen Blutlinie der Hauptlinie der Familie Marx. Du warst nur ein Fall für wohltätige Zwecke, den sie aus dem Dreck gezogen haben.“
„Ich habe mich um sie gekümmert!“, fahre ich sie an, meine Stimme überschlägt sich endlich. „Als ihre eigenen Verwandten sie aussperrten, habe ich alles mit ihr geteilt, was ich hatte!“
„Und du wurdest dafür mit einem Dach über dem Kopf entschädigt“, erwidert Lukas gelassen und legt seinen Arm um Evas Taille.
„Du hast mich getäuscht, Elena Du hast mich glauben lassen, du hättest Ansehen, dabei warst du nichts weiter als ein oberflächliches, eitles Mädchen, das vom Ruhm einer angesehenen Familie profitierte. Unsere Ehe war ein Geschäftsabkommen, das auf einer Lüge beruhte, die du nicht einhalten konntest.“
Ich starre die beiden an. Den Mann, der einst in einem Meer von Rosen kniete, und das Mädchen, das ich wie eine Schwester aufgezogen habe. Sie sehen mich an, als wäre ich Müll, der darauf wartet, abgeholt zu werden.
Es gibt keine Tränen mehr. Etwas in mir, der sanfte, vertrauensvolle Teil, der sich ein halbes Jahrzehnt lang hat mit Füßen treten lassen, zerbricht sauber in zwei Hälften.
„Eine Fälschung ist eine Fälschung, Elena“, grinst Camilla und dreht mir den Rücken zu. „Sie wird niemals real werden.“
„Du hast Recht“, sage ich leise.
Ich schreie nicht. Ich werfe ihm die billige Glaskette nicht ins Gesicht.
Stattdessen ließ ich die Messingkette durch meine Finger gleiten.
„Behalt das Glas, Lukas“, sage ich und begegne seinem kalten Blick mit einer eisigen Stille, die er noch nie zuvor von mir gesehen hat.
„Ihr passt perfekt zusammen.“
Ich drehe mich um und verlasse das Penthouse.
Zwei Stunden später ist der schwarze Asphalt vor den Toren des Smith-Anwesens am nördlichen Stadtrand von New York vom Regen glatt.
Ich steige aus dem Taxi, mein schlichtes Kleid ist durchnässt, meine Absätze sind ruiniert. Ich gehe die Steinstufen hinauf und drücke den schweren Messingring gegen die Eichentür.
Die Tür öffnet sich fast augenblicklich.
Ein älterer Herr in einem eleganten schwarzen Anzug steht mit einem Regenschirm im Eingangsbereich. Seine Augen weiten sich, als er mich eintritt.
„Miss … Miss Elena?“ Die Stimme des alten Butlers bricht, sein Tablett klappert leise in seinen Händen. Tränen treten ihm in die Augen.
„Mein Gott. Du bist zurück. Du bist endlich zurück!“
„Ich bin zu Hause, Marcus“, sage ich leise und wische mir den Regen aus dem Gesicht.
Bevor er antworten kann, hallt eine tiefe, sanfte Stimme die große Marmortreppe hinunter.
„Ist das der verlorene kleine Streuner?“
Ich schaue auf.
Oben auf der Treppe, lässig an das Mahagonigeländer gelehnt, stand ein Mann in einem anthrazitfarbenen Anzug. Sein dunkles Haar wirkte etwas zerzaust, seine Kinnpartie war markant, und seine Augen waren so dunkel, dass ich ihn nicht lange ansehen konnte.
Damien Smith.
Der Adoptivsohn, der einsprang, als der wahre Erbe der Familie Santiago verschwand.
Der Mann, der derzeit das gesamte New Yorker Firmenimperium kontrolliert.
Langsam schreitet er die Treppe hinunter, seine Augen fest auf meine gerichtet.
Sein Blick verriet keine Wärme, nur eine brodelnde Intensität.
Zwei Schritte über mir bleibt er stehen und überragt mich, während ich völlig durchnässt bin.
Er hebt eine Hand, seine langen Finger strecken sich aus, um mein Kinn sanft anzuheben. Seine Berührung ist kühl, aber sie jagt mir einen Schauer über den Rücken.
„Also“, murmelt Damien, während sein Daumen meine Kieferlinie entlangfährt.
„Meine kleine ‚Schwester‘ hat sich endlich entschlossen, ihren Thron zu besteigen.“
Elenas Perspektive Priya kam noch vor dem Frühstück auf das Anwesen; sie trug einen Laptop unter dem Arm und sah aus, als hätte sie seit Tagen nicht geschlafen. Reeve hatte über Nacht die Aufnahmen von Naomis Wohnhaus besorgt; Priya stellte den Laptop auf den Schreibtisch im Arbeitszimmer und drehte ihn zu uns herum. Meine Gedanken wanderten sofort zu dem Tag zurück, an dem wir Voss tot in seinem Wohnzimmer gefunden hatten – ein Teil von mir hatte Angst, dass dieselben Leute auch Naomi etwas antun könnten. „Die Kamera an der Straßenecke hat es zweimal erfasst“, sagte sie. „Derselbe graue Wagen – beide Male auf der gegenüberliegenden Straßenseite geparkt, beide Male mit abgestelltem Motor. Das Kennzeichen war teilweise von einem Ast verdeckt, aber die Software konnte genug davon wiederherstellen, um eine Abfrage zu starten.“ „Und?“, fragte Damien. „Der Wagen ist auf eine Leasingfirma zugelassen. Diese Leasingfirma gehört zu einer Holdinggesellschaft.“ Sie machte eine Pause, und ich
Elf StühleElenas PerspektiveAm nächsten Morgen wachten wir mit ineinander verschlungenen Beinen auf, ohne ein Wort über die vergangene Woche zu verlieren. Damien kochte Kaffee; er schmeckte scheußlich, aber ich beschwerte mich nicht. Wir tranken ihn im Stehen am Fenster des Arbeitszimmers und betrachteten die Liste der Vorstandsmitglieder wie zwei Polizisten auf der Suche nach einem Verbrecher.„Einundzwanzig Tage“, sagte er.„Einundzwanzig Tage“, stimmte ich zu. „Wo fangen wir an?“„Bei dem Mann, der am ehesten Nein sagen wird.“ Er tippte auf den ersten Namen. „Crane.“Thaddeus Crane empfing uns nicht in seinem Büro, sondern bei sich zu Hause – in einem schmalen, von Bücherregalen gesäumten Stadthaus, das nach Pfeifentabak und altem Papier roch. Er goss den Tee eigenhändig ein; ich verstand das sowohl als Höflichkeitsgeste als auch als Warnung.„Ich nehme an, Sie sind gekommen, um mich zu überzeugen“, sagte er.„Wir sind gekommen, um Ihre Frage zu beantworten“, sagte Damien. „Sie h
Die Stimmen zählenElenas SichtweiseIn der Nacht, nachdem Priya die Neuigkeiten überbracht hatte, verwandelte Damien das Arbeitszimmer in eine Kommandozentrale. Er sagte zwar nicht explizit, dass er das tat, aber er räumte einfach den Schreibtisch frei, heftete einen Sitzplan des Sitzungssaals an die Pinnwand – an der Marcus früher die Menüpläne für das Anwesen ausgehängt hatte – und schrieb mit einem schwarzen Filzstift elf Namen darüber.„Elf Vorstandsmitglieder“, sagte er. „Ich brauche nur sechs ihrer Stimmen.“Ich saß auf der Armlehne des Ledersofas, eine Tasse Tee, die in meinen Händen langsam kalt wurde, und beobachtete ihn bei der Arbeit. Er hatte sich seit dem Vorfall im Aufzug verändert. Seine Bewegungen strahlten nun eine neue Ruhe aus; als hätte der Entschluss, mir gegenüber nicht mehr so vorsichtig zu sein, etwas in ihm gelöst, das er zuvor zu fest unter Kontrolle gehalten hatte. Es zeigte, wie sehr ihm das Unternehmen am Herzen lag.„Auf Crane können wir uns nicht verl
Elenas SichtweiseEndlich war der Morgen angebrochen, an dem die sieben Tage zu Ende gingen. Damien trug seinen frisch geschneiderten Anzug; man sah ihm an, dass er es kaum erwarten konnte, an seinen Platz zurückzukehren. Er band seine Krawatte zweimal neu, bis er zufrieden war. Im Flurspiegel überprüfte er seine Manschettenknöpfe. Als er bemerkte, dass ich ihn von der Schlafzimmertür aus beobachtete, wandte er den Blick nicht ab – anders als in der ganzen Woche zuvor. Wir hatten kaum ein Wort miteinander gewechselt, seit ich ihm von meinem Abendessen mit Lucas erzählt hatte.„Bereit?“, fragte ich.„Nein“, sagte er, ohne das Lächeln, das er sonst morgens im Gesicht trug. „Aber ich gehe lieber unvorbereitet dorthin, als noch einen Morgen damit zu verbringen, mich zu fragen, was er auf meinem Stuhl treibt.“Es war der längste Satz, den er seit Tagen vor acht Uhr morgens an mich gerichtet hatte. Ich klammerte mich an diese Worte auf dem ganzen Weg ins Büro. • Die Übergabesitzung fand im











