Chapter: Kapitel 6: Vierzehn NächteVierzehn NächteDanach sagte niemand ein Wort.Es ist etwas Seltsames, in einer so vollkommenen Stille zu sitzen, dass man einzelne Kerzenflammen hören kann. Ich saß an der Haupttafel, mein Handgelenk noch in Kaels Griff, das Gesicht zu einem Ausdruck höflicher, leerer Ruhe geordnet, und lauschte vierhundert Herzen, die den Atem anhielten.Dann lachte Lucan Voss.Es war ein kleines, warmes Lachen, beinahe entschuldigend. „Verzeiht. Ich meinte nur, dass Euer Ruf Euch vorauseilt, Miss Vale. Elara Vale war in diesen Territorien wohlbekannt. Eine bemerkenswerte Frau.“„Ich wusste nicht, dass Ihr sie kanntet“, sagte ich.„Jeder kannte sie.“„Das hat Tilda auch gesagt.“„Tilda ist sehr weise.“ Er sagte es mühelos, und sein Herz setzte nicht aus, und ich spürte, wie sich die feinen Härchen auf meinen Armen aufstellten. „Ich meinte lediglich, dass die Tochter einer solchen Frau kaum gewöhnlich sein kann. Es ist ein Kompliment.“„Dann danke ich Euch.“„Gern geschehen.“Er hob sein Glas in mein
Zuletzt aktualisiert: 2026-10-03
Chapter: Kapitel 5: Ein Brief, in Angst unterzeichnetEin Brief, in Angst unterzeichnet* * *Der Name auf dem Brief war der meines Stiefvaters.Kael las ihn im privaten Arbeitszimmer des Alphas vor, einem kleinen runden Raum oben im Nordturm, der nach kalter Tinte und Kerzenwachs roch. Ich saß in einem Ledersessel, den Stock quer über den Knien und beide Hände darum geschlossen, als könnte der Brief versuchen, ihn mir aus der Hand zu schlagen.„Elara“, las Kael. Seine Stimme war gleichmäßig, aber ich hörte, dass er sie mit Absicht so hielt, wie ein Mann einen vollen Becher über ein schwankendes Deck trägt. „Ich kann dies nicht persönlich sagen, denn er beobachtet mich jetzt, und ich bin nicht mutig genug, es Dir ins Gesicht zu sagen. In der Nacht des Neumonds kommen sie, um Dich zu holen. Keine Abtrünnigen. Jemand in Ironfang. Jemand mit einem freundlichen Gesicht, der seit Jahren zuhört. Ich habe versucht, es zu verhindern, und ich kann es nicht. Nimm Seraphina und geh heute Nacht nach Norden. Vertraue niemandem an Deinem Tor, und vert
Zuletzt aktualisiert: 2026-10-03
Chapter: Kapitel 4: Der Junge am brennenden FensterDer Junge am brennenden Fenster* * *Einen langen Moment vergaß ich, wie man atmet.„Das ist nicht möglich“, sagte ich.„Doch.“„Ich würde mich erinnern.“„Du warst zehn, halbtot und blind, als ich dich erreichte.“ Seine Stimme war rau. „Du kannst dich nicht an mich erinnern. Ich war ein Junge auf einem Pferd. Ich war zehn Meilen geritten, weil ich die Alarmglocken gehört hatte und nicht wusste, wessen Haus brannte.“Ich krallte beide Fäuste in die Decke. „Warum warst du in Moonrise?“„Weil mein Vater mich geschickt hat.“„Dein Vater war der Alpha von Ironfang.“„Ja.“ Er schwieg einen Moment. „Damon Draven. Er traf deine Mutter heimlich an der Grenze, einmal pro Jahreszeit. Ich habe nie verstanden, warum. Er sagte mir nur, sie sei eine Freundin, und manche Freunde müsse man verbergen, um sie zu schützen. In jener Nacht befahl er mir, vorauszureiten und sie zu warnen, dass etwas nicht stimmte. Ich war sechzehn. Ich stellte keine Fragen.“„Und als du ankamst?“„Das Haus brannte bereits
Zuletzt aktualisiert: 2026-10-02
Chapter: Kapitel 3: Feuer in der DunkelheitFeuer in der Dunkelheit* * *Jemand hatte versucht, mich zu töten, und das Merkwürdigste daran war, wie ruhig ich dabei blieb.Vielleicht war es der Schock. Vielleicht waren es zwölf Jahre, in denen ich stets das Schlimmste erwartet hatte und höflich enttäuscht gewesen war, wenn es nicht eintraf. Was auch immer es war: Ich stand mitten im Schlafzimmer eines Fremden, in einem fremden Haus, eine fremde Hand fest um mein Handgelenk geschlossen, und dachte ganz klar: Der Tee war vergiftet, und das Mädchen wusste es.„Beweg dich nicht“, sagte der Alpha.Seine Stimme war leise und beherrscht, aber ich spürte die Wut unter seiner Haut summen wie eine angeschlagene Glocke. Mit einer einzigen Bewegung hatte er sich zwischen mich und die Tür gestellt, sein Körper eine Wand aus Hitze und Muskeln, und als ich die freie Hand ausstreckte, berührte ich den Stoff eines Hemdes, das am Kragen noch offen stand. Er war hierhergerannt. Er war von irgendwo weit her gekommen, halb angezogen und barfuß.„Ka
Zuletzt aktualisiert: 2026-10-02
Chapter: Kapitel 2 :Der Alpha, der nicht sprachDer Alpha, der nicht sprach* * *Fenn Ashgrove erholte sich, das muss man ihm lassen, als Erster.„Gut“, sagte er munter, in eine Stille hinein, die so schwer war, dass ich sie auf meinen Trommelfellen spürte. „Wunderbar. Alle sind da. Alle leben. Wollen wir einfach so tun, als wäre das nicht passiert, und nach Hause gehen?“Niemand antwortete ihm.Ich stand ganz still in der kalten Abendluft, den Stock in beiden Händen, mein Herz hämmerte so heftig, dass ich sicher war, jeder Wolf auf dieser Straße könne es hören. Der Mann vor mir hatte ein Wort gesagt. Nur eines. Und der Anhänger auf meiner Brust brannte wie eine Kohle.„Alpha Draven“, sagte ich, denn jemand musste etwas sagen, und ich wollte lieber diejenige sein, die das Schweigen brach, als diejenige, die darin ertrank. „Ich bin Seraphina Vale. Ich glaube, man hat mich zu Euch geschickt.“„Geschickt“, wiederholte er.Seine Stimme war tief, und eine Rauheit lag darin, die weniger nach Zorn klang als nach einer Tür, die sehr lange
Zuletzt aktualisiert: 2026-10-02
Chapter: Kapitel 1: Verkauft unter einem SilbermondVerkauft unter einem SilbermondDer Rauch roch falsch, und daran erkannte ich, dass jemand im Begriff war, mein Leben zu ruinieren.Es war nicht der ehrliche Rauch des Küchenherds, nach Eiche, Zwiebelschalen und verbranntem Zucker. Dieser Rauch war dünn und sauer, so wie er in einem Raum hängt, nachdem ein Mann eine Stunde lang darin gelogen hat. Ich stand im Flur des Moonrise-Rudelhauses, einen Korb mit gefalteter Wäsche auf der Hüfte, und tat, was ich immer tat. Ich blieb ganz still und lauschte.Hinter der Tür des Arbeitszimmers raste das Herz meines Stiefvaters.„Sie wird es tun“, sagte Alpha Garrick Moore. Seine Stimme hatte den zu glatten, zu einstudierten Klang eines Mannes, der von einer Seite in seinem eigenen Kopf abliest. „Sie hat keine Wahl, und sie hat niemanden. Sie ist dankbar für jedes Dach, das wir ihr geben.“„Dankbar“, wiederholte eine andere Stimme. Älter. Trocken. Beta Halvard, der nie meinen Namen gesagt hatte, ohne das Wort „arme“ davorzusetzen.Ich wartete nich
Zuletzt aktualisiert: 2026-10-02