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Kapitel 6: Vierzehn Nächte

Author: Nyakno Quinn
last update publish date: 2026-10-03 00:02:56

Vierzehn Nächte

Danach sagte niemand ein Wort.

Es ist etwas Seltsames, in einer so vollkommenen Stille zu sitzen, dass man einzelne Kerzenflammen hören kann. Ich saß an der Haupttafel, mein Handgelenk noch in Kaels Griff, das Gesicht zu einem Ausdruck höflicher, leerer Ruhe geordnet, und lauschte vierhundert Herzen, die den Atem anhielten.

Dann lachte Lucan Voss.

Es war ein kleines, warmes Lachen, beinahe entschuldigend. „Verzeiht. Ich meinte nur, dass Euer Ruf Euch vorauseilt, Miss Vale. Elara Vale war in diesen Territorien wohlbekannt. Eine bemerkenswerte Frau.“

„Ich wusste nicht, dass Ihr sie kanntet“, sagte ich.

„Jeder kannte sie.“

„Das hat Tilda auch gesagt.“

„Tilda ist sehr weise.“ Er sagte es mühelos, und sein Herz setzte nicht aus, und ich spürte, wie sich die feinen Härchen auf meinen Armen aufstellten. „Ich meinte lediglich, dass die Tochter einer solchen Frau kaum gewöhnlich sein kann. Es ist ein Kompliment.“

„Dann danke ich Euch.“

„Gern geschehen.“

Er hob sein Glas in meine Richtung. Ich konnte es nicht sehen, aber ich hörte das Kristall klingen, und ich hörte Kaels Atem leise, gefährlich langsam werden.

Das Mahl wurde fortgesetzt. Die Gespräche schwollen zu Lärm an. Aber ich rührte keinen Bissen mehr an, und mir fiel auf, dass Kael es ebenso wenig tat.

Mondseherin.

Die letzten Worte des sterbenden Attentäters. Der Versprecher der alten Frau. Und nun die beiläufige Wendung des Betas, wie eine Münze hingeworfen und ebenso schnell wieder aufgehoben.

Drei Menschen hatten innerhalb eines einzigen Tages dieselben Worte benutzt, und keiner hatte etwas erklärt.

Irgendwo im Rudelhaus wusste jemand genau, was ich war.

Und ich hatte nicht die leiseste Ahnung.

\* \* \*

Sie kamen im Morgengrauen, um mich zu holen.

Nicht Lucans Leute. Keine Attentäter. Es war Mira Thorne, die einmal an die Tür meines Zimmers klopfte und eintrat, ohne eine Antwort abzuwarten, und den Geruch zerriebener Minze und kalter Morgenluft mitbrachte.

„Steh auf“, sagte sie. „Du hast sehr viel zu lernen und dreizehn Tage Zeit dafür.“

Ich setzte mich langsam auf. „Guten Morgen auch dir.“

„Er ist nicht gut. Er ist früh, und du bist in Gefahr, und ich habe keine Zeit für Höflichkeiten.“ Stoff raschelte. „Zieh dich an. Etwas, in dem du dich bewegen kannst. Ich warte draußen.“

„Warum hilfst du mir?“

Das Rascheln hörte auf.

Einen Moment lang dachte ich, sie würde gehen, ohne zu antworten. Als sie sprach, war ihre Stimme sehr flach.

„Ich sollte ihn heiraten“, sagte Mira.

„Ich weiß.“

„Tust du das? Ich wurde dafür erzogen. Dafür ausgebildet. Meine Mutter diente seiner Mutter, und ihre diente deren. Ich stehe seit meinem fünfzehnten Lebensjahr an der Schulter dieses Mannes. Ich habe ihm Tee gemacht. Ich habe seine Wunden geheilt. Ich habe bei ihm gewacht, als sein Vater starb.“ Ihr Atem ging eng und präzise. „Er hat mich nie auch nur einmal so angesehen, wie ich ihn dich über diesen Esstisch hinweg ansehen sah.“

Ich sagte nichts. Es gab nichts, was ich hätte sagen können, das nicht eine Beleidigung gewesen wäre.

„Ich wollte dich hassen“, sagte Mira. „Ich versuche es seit gestern Nacht.“

„Und?“

„Und ich kann es nicht, was sehr lästig ist.“ Ein kurzes, humorloses Lachen. „Weil du vor der ganzen Halle aufgestanden bist und es mit Marguerite Holt aufgenommen hast, eine Serviette im Schoß. Und weil ich die Mondprüfung gesehen habe. Ich weiß, was sie mit Menschen macht. Und was ich sonst auch sein mag, ich bin Heilerin. Ich lasse niemanden unbewaffnet ins Schlachten gehen.“

Es war keine Wärme. Aber es war auch keine Grausamkeit.

„Danke“, sagte ich.

„Danke mir nicht. Ich tue es nicht für dich.“ Sie hielt inne. „Ich tue es für ihn. Und jetzt zieh dich an.“

\* \* \*

Das Training war, wie sich zeigte, härter als alles, was ich je getan hatte.

Mira lehrte mich tagsüber die Riten. Fenn lehrte mich nachmittags, mich zu bewegen. Er führte mich an einem langen Seil über den Übungshof, ein Ende in meiner Hand, das andere in seiner, und ließ mich es immer wieder ablaufen, die Form des Raumes durch Berührung und durch den Klang meiner eigenen Schritte erlernend.

„Die Prüfung findet im heiligen Hain statt“, erklärte er am dritten Tag, während ich an einer Reihe hölzerner Pfähle entlangtastete. „Es ist ein alter Ring aus Menhiren in den Nordwäldern. Es gibt drei Teile. Den Kreis der Ausdauer, den Kreis der Wahrheit und den Kreis des Mondes. Du musst dich allen dreien stellen.“

„Was ist darin?“

„Das ist das Ding.“ Er zögerte. „Es ist für jeden anders. Der Mond zeigt dir, was du fürchtest. Die Prüfung zwingt dich, dich dem zu stellen. Wenn du es nicht kannst, lassen dich die Steine nicht gehen.“

„Sterben Menschen?“

„Manchmal.“

„Manchmal“, wiederholte ich trocken. „Wie tröstlich.“

„Ich habe nicht gesagt, dass es Spaß machen wird.“

Am vierten Tag bekam ich Gesellschaft.

Ich stand am Rand des Übungshofs und schnappte nach Luft, als ein vertrauter Schritt über den Kies knirschte. Langsam. Unhastig. Der Gang eines Mannes, der sich nie hatte beeilen müssen.

„Miss Vale“, sagte Lucan Voss. „Ich hoffe, ich störe nicht.“

„Keineswegs.“

„Ich wollte sehen, wie die Vorbereitungen vorankommen.“ Seine Stimme war angenehm, neugierig, leicht amüsiert. „Marguerite Holt ist eine beeindruckende Frau. Ich gestehe, ich fürchtete, sie habe Euch Angst eingejagt.“

„Sie hat es versucht.“

„Und?“

„Und ich bin noch hier.“

„So ist es.“ Ich hörte ihn lächeln. „Ihr erinnert mich an Eure Mutter, wisst Ihr. Sie hatte dieselbe Art, auf eine Drohung mit einem Achselzucken zu antworten.“

Ich hielt mein Gesicht vollkommen reglos. „Ihr müsst sie gut gekannt haben.“

„Nur wenig. Aber sie hat Eindruck hinterlassen.“ Er kam näher, und der Geruch von Nelken und Pfeifenrauch wehte zu mir herüber. „Ich würde Euch gern von ihr erzählen, wenn Ihr möchtet. Jederzeit. Ich erinnere mich an vieles.“

Jeder Instinkt in mir schrie. Aber da war noch etwas, etwas Kälteres, Beständigeres, und es hatte die Stimme meiner Mutter.

Lauf nicht vor der Tür davon. Geh hindurch.

„Das würde ich sehr gern“, sagte ich. „Vielleicht nach der Prüfung.“

„Natürlich. Natürlich.“ Er tätschelte meine Schulter, eine väterliche, sanfte Geste, und ich spürte ein kleines warmes Gewicht dort, wo seine Hand ruhte. „Gebt auf Euch acht, meine Liebe. Es wäre sehr schade, wenn etwas geschähe.“

Er ging davon. Ich lauschte, wie seine Schritte über den Hof verklangen, und mir fiel das eine auf, was ich bis zu diesem Moment nicht hatte benennen können.

Sie änderten nie das Tempo. Nicht ein einziges Mal. Nicht als er sich umwandte, nicht als er von meiner Mutter sprach, nicht als er meine Schulter berührte.

Es war der Gang eines Mannes, der nie Angst davor gehabt hatte, erwischt zu werden.

Fenn trat kurz darauf neben mich, leise und besorgt. „Was wollte er?“

„Mir sagen, dass er sich an meine Mutter erinnert.“

„Das ist nicht unheimlich.“

„Nein“, sagte ich langsam. „Es ist schlimmer. Es ist freundlich.“

\* \* \*

Am fünften Tag konnte ich den Hof überqueren, ohne einen Zaun zu berühren. Am siebten konnte ich ihn durchlaufen. Mira drillte mich im Atmen, im Meditieren, in den alten Gesängen, die den Geist beruhigen sollten. Ich stand im kalten Morgengrauen und sprach Worte in einer Sprache, die ich nicht kannte, während der Anhänger meiner Mutter stetig an meiner Haut summte wie ein zweiter Herzschlag.

Tilda fütterte mich zwischen den Stunden, als wäre ich ein Lamm, das für den Markt gemästet wird. Sie drückte mir warme Brötchen in die Hände und ließ mich sie im Stehen am Küchentisch essen, während sie arbeitete.

„Deine Mutter aß wie ein Pferd“, erzählte sie mir und klatschte einen Teigklumpen auf den Tisch. „Nahm nie ein Gramm zu. Es war widerlich.“

„Ich glaube, daran erinnere ich mich.“

„Solltest du auch. Du hast ihr jede Mahlzeit den halben Teller geklaut.“ Sie schnaubte. „Hast beide unter den Tisch gegessen, eines Mittsommers. Ich musste dich nach Hause tragen.“

Ich lachte, entzückt. Das hatte ich nicht gewusst. Es war eine Kleinigkeit, ein kleiner, warmer Fetzen meiner Mutter, mir über einen Tisch gereicht, und ich verwahrte ihn.

Jeden Tag gab mir jemand einen weiteren Fetzen. Fenn erzählte mir, sein Vater habe sie die einzige ehrliche Freundin eines Alphas im Norden genannt. Mira gestand, dass ihre eigene Mutter ihr die alten Kräuterlieder beigebracht hatte, die Elara zu summen pflegte. Langsam, wie ein Mosaik, das Stein um Stein zusammengesetzt wird, begann ich die Frau zu sehen, die meine Mutter gewesen war.

Und jeden Abend, wenn die Arbeit des Tages getan war, kam Kael.

Er sprach nicht immer. Manchmal lehnte er nur am Balkongeländer, während ich auf dem Steinboden saß, die Beine angezogen und den Kopf zum Himmel geneigt. Manchmal brachte er Tee. Manchmal brachte er ein Buch mit und las es mit tiefer, rauer Stimme laut vor, und ich entdeckte, dass er die schlechte Angewohnheit hatte, alle Figuren mit eigener Stimme zu sprechen, und dass er bei den weiblichen sehr, sehr schlecht war.

„Das war furchtbar“, sagte ich ihm in der neunten Nacht und wischte mir Lachtränen aus den Augen.

„Mir war nicht bewusst, dass ich benotet werde.“

„Du klingst wie eine Ente mit Schnupfen.“

„Das ist die Königin der Feen, Sera.“

„Sie klingt wie eine sehr traurige Ente.“

Er lachte. Es war das erste Mal, dass ich es hörte. Ein kurzer, überraschter Laut, tief und rostig, wie ein Scharnier, das seit Jahren nicht geöffnet worden war. Dann hörte er abrupt auf, als hätte das Geräusch ihn erschreckt.

„Hör nicht auf“, sagte ich leise.

„Ich habe vergessen, wie.“

„Dann erinnere dich.“

Die Stille, die folgte, war warm. Ich spürte seine Nähe und die Art, wie sich die Luft veränderte, wenn er sich bewegte. Ich spürte, wie sorgsam er sich hielt, eine Hand am Geländer und die andere, vermutete ich, zur Faust geballt an seiner Seite.

„Sera“, sagte er. „Darf ich dich etwas fragen?“

„Ja.“

„Hast du Angst vor mir?“

Ich dachte ehrlich darüber nach.

„An der Grenze hatte ich sie“, sagte ich. „Ein wenig. Du warst sehr laut, in deinem Schweigen. Aber jetzt?“ Ich wandte ihm das Gesicht zu. „Jetzt glaube ich, du bist der ungefährlichste Mann in diesem Haus.“

„Das stimmt nicht.“

„Für mich schon.“

Er schwieg so lange, dass ich fürchtete, zu viel gesagt zu haben. Dann spürte ich, wie er sich bewegte. Langsam, vorsichtig, als näherte er sich einem Reh im Wald, ließ er sich neben mir auf den Stein nieder.

Ohne zu berühren. Aber nah.

„Wenn du solche Dinge sagst“, sagte Kael, sehr leise, „vergesse ich, dass ich eine Mauer sein soll.“

„Du machst das ganz furchtbar schlecht.“

„Ich weiß.“

„Hör nicht auf.“

Sein Atem stockte, und ich spürte, mehr als dass ich es hörte, den Moment, in dem seine Hand über den kalten Stein glitt und die meine fand.

Es war eine kleine Berührung. Eine große, raue Handfläche über meinen Fingern. Aber der Anhänger brannte an meiner Brust, heiß wie ein Brandzeichen, und die ganze Welt wurde weiß.

\* \* \*

Ich erinnere mich nicht, gefallen zu sein.

Ich erinnere mich an das Licht. Es flutete über die Dunkelheit hinter meinen Augen, ein blasser, silberner Schein wie Mondaufgang über Wasser. Und mittendrin sah ich Formen. Nicht scharf. Nicht klar. Aber da, schmerzhaft da, zum ersten Mal seit zwölf Jahren.

Ein Hof. Ein Haus, von Flammen umkränzt. Ein Junge, groß und dunkelhaarig, Entsetzen im Gesicht und Blut an den Händen. Er rannte auf ein Fenster zu. Er schrie einen Namen.

Meinen.

Ich wusste, dass es eine Erinnerung war. Ich wusste, dass es seine war. Ich wusste, in diesem unmöglichen Augenblick, dass ich sah, was er gesehen hatte, durch seine Augen, in seinem Herzen, in genau dem Moment, in dem er es erlebt hatte.

Und am Rand der Vision, halb im Rauch verborgen, stand ein Mann.

Er sah dem Feuer zu. Sein Gesicht war abgewandt, aber ich konnte seine Hand sehen, klar wie eine Schnitzerei. Sie ruhte auf dem Torpfosten, und an seinem Finger steckte ein schwerer Silberring in Gestalt eines Wolfskopfes, mit einem einzelnen roten Stein als Auge.

Der Mann wandte sich um.

Gerade als sein Gesicht ins Bild kam, erlosch das Licht, und ich fiel.

Ich schlug hart auf dem Stein auf. Ich hörte jemanden meinen Namen rufen. Starke Arme fingen mich auf, und eine heisere, verängstigte Stimme sagte: „Sera. Sera, sieh mich an. Atme.“

„Ich kann sehen“, keuchte ich.

„Was?“

„Ich habe es gesehen. Ich habe dich gesehen.“ Ich krallte meine zitternden Fäuste in sein Hemd. „Kael, ich habe den Mann gesehen. Ich habe den Ring gesehen.“

Sein ganzer Körper wurde starr.

„Welchen Ring?“, fragte er sehr leise.

„Einen Wolfskopf“, sagte ich. „Silber. Mit einem roten Stein als Auge.“ Ich schluckte. „Und Kael, ich kenne diesen Ring. Ich habe ihn schon gespürt.“

„Wo?“

Mein Atem zitterte. Die Erinnerung kehrte jetzt zu mir zurück, langsam und entsetzlich: die Berührung einer großen, trockenen Hand, die sich warm um meine schloss, an den Toren von Ironfang, und ein schweres Metallband, das sich in meine Handfläche drückte.

„An der Hand des Betas“, flüsterte ich. „Er trug ihn gestern.“

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