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Kapitel 4

Autor: Blanc Ball
Shiloh sah ruhig zu Manuel auf.

„Wenn Gift in dem Rezept enthält, lass es von einem Arzt prüfen. Oder interessiert dich die Wahrheit gar nicht? Willst du nur deine Wut an mir auslassen? Dann bring es hinter dich. Bestraf mich. Ich nehme es hin.“

Rainee hatte ihr schon öfter etwas angehängt.

Einmal warf sie sich die Treppe hinunter und behauptete dann unter Tränen, Shiloh hätte sie geschubst.

Ein anderes Mal spritzte sie sich heißes Öl auf die eigene Hand, während Shiloh kochte, biss sich auf die Lippe und schwor, dass Shiloh es bestimmt nicht mit Absicht getan hätte.

Es gab unzählige solcher Szenen.

Damals verstand Shiloh nicht, wie jemand, der so klug war wie Manuel, diese Lügen nicht durchschaute.

Jetzt begriff sie es.

Nicht, dass er es nicht konnte.

Er ertrug es einfach nicht, Rainee leiden zu sehen. Also musste jemand anderes den Schlag einstecken.

Und dieser Jemand war immer Shiloh.

Sie machte sich nicht einmal mehr die Mühe zu reagieren.

Sie war wie betäubt. Dass Manuel sie missverstand, tat ihr nicht mehr weh.

Etwas Schweres legte sich auf seine Brust.

„Was soll das heißen, ich lasse meine Wut an dir aus?“ Er runzelte die Stirn. „Wenn dich etwas bedrückt, sag es. Rede nicht so mit mir. Ich bin dein Mann, nicht dein Feind.“

Shiloh schloss die Augen. „Es gibt nichts mehr zu sagen.“

Manuels Brust zog sich zusammen. „Was meinst du damit, es gibt nichts mehr zu sagen?“

Shiloh antwortete nicht.

Ihre Augen blieben geschlossen. Sie wollte ihn weder ansehen noch ihm zuhören. Sie schloss ihn völlig aus.

Manuel beschlich ein ungutes Gefühl.

Aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, sie endgültig zu verlieren.

Er musste etwas sagen. Etwas tun. Irgendetwas, um sie zu halten.

Nach langem Schweigen sagte er: „Morgen ist Zachs Totenwache. Ich gehe mit dir hin. Wir bleiben zur Aufbahrung und gehen anschließend gemeinsam zur Beerdigung.“

Shiloh erstarrte, doch sie öffnete die Augen nicht.

Eine Krankenschwester sprach von der Tür her.

„Herr Preston, Frau Duffy ist behandelt worden. Ihr Zustand ist stabil, aber sie hat Angst und fragt ständig nach Ihnen.“

„In Ordnung“, sagte Manuel.

Er sah noch einmal zu Shiloh.

„Ruh dich aus. Morgen fahren wir nach Hause und verabschieden uns von Zach.“

Die Nacht zog sich endlos hin.

Shiloh lag bis zum Morgengrauen wach.

***

Am nächsten Tag war die Beerdigung.

Das Kind, das sie neun Monate lang getragen und zur Welt gebracht hatte, sollte eingeäschert, in einer Urne beigesetzt und zur letzten Ruhe gebettet werden.

Manuel tauchte am nächsten Morgen auf und fuhr Shiloh zurück zum Anwesen der Prestons.

Das Haus war in ein Trauerhaus verwandelt worden. Schwarze Schleifen rahmten den Eingang ein. Weiße Lilien füllten die Flure. Die Angestellten trugen dunkle Kleidung.

Aus dem Abschiedsraum drang leises Schluchzen. Manche trauerten wirklich.

Andere spielten ihre Trauer nur vor.

Doch niemand litt mehr als Shiloh.

Auf ihre Krücken gestützt, machte sich Shiloh langsam auf den Weg zum Abschiedsraum.

Vor der Trauerfeier wollte sie Zach ein letztes Mal sehen.

In der Sekunde, in der sie den Raum betrat, stürzte Manuels Mutter, Olivia Preston, wie eine Irre auf sie zu.

„Du boshafte Frau! Wie kannst du es wagen, hierher zurückzukommen?“

Sie schlug Shiloh zweimal ins Gesicht, packte sie an den Haaren und schlug weiter auf sie ein.

„Das ist alles deine Schuld!“, schrie Olivia. „Du hast meinen Enkel umgebracht! Du wusstest, dass Zach nicht schwimmen konnte, und hast ihn trotzdem zum Wellenreiten mitgenommen. Du wolltest ihn tot sehen!“

Shiloh erstarrte.

‚Rainee war diejenige, die Zach mit an den Strand gebracht hat. Warum gibt Olivia mir die Schuld?‘

Shiloh sah Manuel an.

Er wandte den Blick ab.

Die Trauergäste drängten näher, schlossen sich Olivia an, beschimpften und schubsten Shiloh.

„Bringt sie um! Was für eine Mutter tötet ihren eigenen Sohn?“

„Werft sie hinaus! Sie hat kein Recht, bei Zachs Beerdigung zu sein!“

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  • Als aus Schweigen Abschied wurde   Kapitel 21

    Bevor Shiloh im Militärjeep wegfuhr, lud sie die Aufzeichnung ihres Gesprächs mit Rainee aus dem Krankenhaus hoch.Anfangs interessierte das niemanden. Shiloh hatte kaum Follower und kein Geld bezahlt, um den Beitrag zu pushen.Dann wendete sich das Blatt.Christy folgte Shiloh im Netz.Und Christy hasste Rainee mit jeder Faser ihres Körpers.Mehr als einmal hätte sie ihr am liebsten selbst die Kehle zugedrückt.Jetzt hatte sie den Beweis.Das wollte sie Rainee auf keinen Fall durchgehen lassen.Christy gab ein halbes Vermögen aus, um die Aufzeichnung auf allen großen Plattformen nach oben zu pushen.Am nächsten Morgen war das Video explodiert und hatte zig Millionen Aufrufe erreicht.Hätte Manuel es damals gesehen, hätte er den Schaden mit Geld vielleicht noch eindämmen können.Doch er war zu sehr damit beschäftigt, nach Shiloh zu suchen, um zu bemerken, was im Netz vor sich ging.Die Aufzeichnung verbreitete sich rasend schnell weiter. Bald hatte die Aufnahme Hunderte Mil

  • Als aus Schweigen Abschied wurde   Kapitel 20

    Shiloh hatte genug geredet. Manuel verdiente kein Wort mehr.„Fünf Jahre lang war ich deine Frau. Ich habe meinen Teil getan. Ich schulde dir nichts. Also geh. Ich will dich für den Rest meines Lebens nie wiedersehen.“Manuel wusste, dass er kein Recht hatte, sie um Vergebung zu bitten.Aber aufgeben?Kommt nicht infrage.Er hatte in seinem Leben nur zwei Menschen geliebt. Die eine war die Rainee, die er sich in seinem Kopf ausgedacht hatte – das süße, naive Mädchen. Die andere war Shiloh.Dieses Mädchen war nie echt.Shiloh schon.Wie sollte er sie also gehen lassen?„Shiloh, ich weiß, dass du mich dafür hassen wirst.“ Manuel presste die Kiefer zusammen. „Aber ich habe keine andere Wahl. Wenn Hass das Einzige ist, das dich bei mir hält ... dann hasse mich.“Er zog sein Handy hervor und zeigte ihr ein Foto.In der Sekunde, in der Shiloh es sah, erstarrte sie.Zachs Grabstein.Noch bevor sie reagieren konnte, trat Manuel näher. Er senkte die Stimme so weit, dass nur sie ihn

  • Als aus Schweigen Abschied wurde   Kapitel 19

    Manuel spürte, wie sein Herz zerriss.Shiloh hatte recht. Tief in seinem Inneren hatte er Rainee nie wirklich ernst genommen.Er war der Goldjunge: klug, begabt, unantastbar. Mit drei begann er bereits sieben Sprachen zu lernen. Mit zehn half er schon bei kleineren Deals des Preston-Konzerns. Er besaß alles, wovon andere träumten: ein fotografisches Gedächtnis und ein Gehirn, das sich alles mühelos aneignen konnte.Rainee war das genaue Gegenteil. Sie schien absolut nichts lernen zu können.Als sie noch Kinder waren und sie noch Rainee Preston hieß, sah Manuel auf sie herab. Sie war quälend langsam. Sie lernte erst mit drei, bis zehn zu zählen. Weder das Alphabet noch einen einfachen Kinderreim konnte sie aufsagen. Auch mit teuren Privatlehrern lernte sie nie Spanisch oder Französisch.Mehr als einmal fragte sich Manuel, ob dieses begriffsstutzige Kind wirklich seine leibliche Schwester war.Und doch war sie seine kleine Schwester. Sie klammerte sich immer an ihn, und irgendwann

  • Als aus Schweigen Abschied wurde   Kapitel 18

    Kaum hatte das Video begonnen, ging ein Aufschrei durch den Raum.„Er ist fremdgegangen? Ernsthaft? Er klang so reumütig. Ich habe ihm fast geglaubt.“„Ich auch. Ich dachte, Professor Schaffer interpretiert da zu viel hinein. Von wegen! Seine ganze weinerliche Mitleidstour war gespielt. Der Kerl ist das Letzte.“„Moment mal ... war Rainee nicht seine Schwester? Er hat mit seiner Schwester geschlafen? Widerlich.“„Darum sollte man keinem Mann trauen, der sagt, eine andere Frau ist für ihn wie eine Schwester. In neun von zehn Fällen verbirgt er damit nur seine Geliebte.“Alle, die Shiloh eben noch dazu drängten, Manuel zu vergeben, wechselten innerhalb von Sekunden die Seiten.Kaum hatte Manuel das Video gesehen, wurde sein Gesicht leer.„Woher hast du das?“, fuhr er sie an. „Hast du mich beschatten und filmen lassen?“Shiloh lachte kalt auf. „Du nimmst dich selbst viel zu wichtig. Ich liebte dich damals, aber nicht genug, um jemanden dafür zu bezahlen, dir nachzuspionieren.“ Sie

  • Als aus Schweigen Abschied wurde   Kapitel 17

    Die rote herzförmige Samtschachtel fiel zu Boden, und die jubelnde Menge verstummte schlagartig.Manuel blieb auf einem Knie erstarrt.‚Was hat Shiloh gerade gesagt? Sie würde lieber sterben, als wieder mit mir zusammenzukommen?‘Sein Gesicht verdüsterte sich. „Shiloh, genug mit diesen Launen. Ich weiß, dass ich Mist gebaut habe. Aber ich habe mich entschuldigt.Ich habe mehrere Dutzend Milliarden Euro in euer Projekt gesteckt, nur um dich zu sehen. Dann habe ich dich gefunden, mich entschuldigt, versucht, alles wiedergutzumachen, und bin vor dir auf die Knie gegangen, um dir erneut einen Heiratsantrag zu machen.Ich habe alles getan, was ich konnte. Ich habe den letzten Rest meines Stolzes heruntergeschluckt. Was willst du denn noch von mir?“Manuel war schon immer der Goldjunge aller.Schon als Kind behandelte man ihn wie einen Prinzen. Alles drehte sich um ihn. Niemand wagte es, ihn infrage zu stellen. Er musste sich noch nie bei jemandem entschuldigen.Doch um Shiloh zurück

  • Als aus Schweigen Abschied wurde   Kapitel 16

    Shilohs Worte trafen Manuel wie ein Messer.Der Schmerz schnürte ihm die Kehle zu. Manuel wollte widersprechen, doch sie hatte recht. Von dem Tag an, an dem sie zusammenkamen, bis zu ihrer Hochzeit hatte Shiloh ihn still geliebt und beschützt.Und was hatte er getan?Er hatte Zach nicht beschützt.Shiloh ebenso wenig.Die einzige Person, für die er alles aufgeboten hatte, war Rainee – eine Lügnerin von Anfang bis Ende.„Ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe. Viele Fehler“, sagte Manuel, und die Schuld lag schwer in seiner Stimme. „Aber Rainee war für mich nie mehr als Familie. Ich habe sie nie angerührt. Diese Grenze habe ich nie überschritten. Sie hat mich getäuscht.Seit unserer Kindheit habe ich sie beschützt. Ich war ihr Bruder, und mich um sie zu kümmern, wurde mir zur zweiten Natur. Auch nachdem sie nicht mehr meine Schwester war, konnte ich das nicht von heute auf morgen abstellen.Das hat sie ausgenutzt, und ein Fehler ergab zum nächsten.“Seine Stimme wurde leiser, w

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