MasukWenn Tate geht, gehe ich auch
Die Tage nach jener Nacht im Moxy vergingen in einer Art wachsamem Schwebezustand. Damian sprach kaum mit mir – nicht aus Groll, das begriff ich erst später, sondern aus Erschütterung, aus der Art von Stille, die entsteht, wenn ein Mensch sein gesamtes inneres Archiv neu sortieren muss und für alles andere vorübergehend keinen Platz hat. Er hatte mit Tate gesprochen, gleich am näc
Wenn Tate geht, gehe ich auchDie Tage nach jener Nacht im Moxy vergingen in einer Art wachsamem Schwebezustand. Damian sprach kaum mit mir – nicht aus Groll, das begriff ich erst später, sondern aus Erschütterung, aus der Art von Stille, die entsteht, wenn ein Mensch sein gesamtes inneres Archiv neu sortieren muss und für alles andere vorübergehend keinen Platz hat. Er hatte mit Tate gesprochen, gleich am nächsten Tag, das wusste ich, weil Tate danach mit roten Augen zur Schicht erschien und tagelang ungewöhnlich langsam Gläser polierte, als bräuchte er die Bewegung, um sich selbst zusammenzuhalten. Was genau gesagt worden war, wusste ich nicht. Beide schwiegen sich in unterschiedlichen Stockwerken des Clubs aus, Damian oben in seinem Büro, Tate unten an seiner Bar, und ich lief die ganze Woche über dazwischen hin und her wie eine Botschafterin ohne Botschaft.
Zwei Wahrheiten, ein RaumIch möchte vorausschicken, dass die Party nicht meine Idee war. Die Party war Pias Idee – „wir haben den Erfolg der Industry Night ja kaum richtig gefeiert, das müssen wir nachholen, bevor der nächste Trubel uns wieder einholt” –, und sie fand in Pias winziger Wohnung statt, die für zwölf Menschen gebaut, aber gerade von fünfundzwanzig belagert wurde, und ich – Mia, immer noch, denn die Perücke war inzwischen so etwas wie eine zweite Haut geworden – war eingeladen, weil man als Neue in der Belegschaft eingeladen wird, wenn man nicht komplett unsympathisch ist.Gut eine Woche war seit der Industry Night vergangen, und die Tage hatten sich angefühlt wie ein Leben im Zeitraffer. Ich war Mia geworden, so gründlich, dass ich manchmal, wenn Bruno mich rief, eine Sekunde brauchte, um zu reagieren, weil ein
Unabhängige QuellenEs gibt einen Moment in jeder Recherche, hatte Jonas mir einmal erklärt, in dem aus einer Geschichte eine Besessenheit wird: der Moment, in dem man aufhört, Fakten zu sammeln, und anfängt, sie zu brauchen. Ich hatte damals genickt und dabei gedacht, wie interessant, rein akademisch, eine Beobachtung über journalistische Praxis. Ich hatte nicht gedacht, dass ich diesen Moment live miterleben würde, an einem Dienstagnachmittag, in der Mensa, während Jonas mit vollem Mund erklärte, dass er „unabhängige Quellen” brauche.Die Zeit seit der Lesung war, was man in meiner Familie einen „gefährlichen Frieden” nennt: Jonas und ich waren offiziell zusammen, ein Wort, das ich immer noch mit einer Mischung aus Freude und Panik aussprach, und wir hatten uns regelmäßig getroffen, einmal im Kino, einmal bei ihm, einma
Zwei Söhne, ein ZimmerIch schlief in dieser Nacht nicht. Das war an sich nichts Neues – nach großen Abenden schläft mein Körper grundsätzlich erst gegen Morgengrauen, ein Nebeneffekt von zwei Jahren Nachtleben –, aber diesmal lag es nicht am Adrenalin des Erfolgs. Ich lag im Bett und dachte an Tates Gesicht, an das Wort verschwunden, an einen Siebenjährigen, dem man erzählt hatte, sein Bruder studiere im Ausland, während der Bruder drei Kilometer entfernt Cocktails mixte und darauf wartete, dass niemand genau hinsah.Und ich dachte an Damian. An die letzten Wochen, die sich langsam von einem Kleinkrieg um Budgets in etwas anderes verwandelt hatten, etwas, das ich noch nicht benennen wollte, weil Benennen es real machte und Real-Machen bedeutete, dass ich es verlieren könnte. Ich hatte in zwei Jahren Nachtleben gelernt, Männer zu lesen wie Wetterberichte – wann sie flirteten, weil es ihr B
Was Wechselgeld verrätUm zwei Uhr morgens leerte sich das Moxy in diesem eigentümlichen Zeitlupentempo, das jeder große Abend am Ende hat: erst die Nüchternen, dann die Müden, dann die, die einfach nicht wahrhaben wollen, dass es vorbei ist. Ich stand hinter meiner Bar, immer noch Mia, immer noch blond, und wischte denselben Fleck zum vierten Mal weg, weil Wischen die einzige Beschäftigung war, die meine Hände von dem ablenkte, was ich vor einer halben Stunde gehört hatte.Elf Jahre lässt du uns glauben—Ich hatte den Satz seitdem in mir herumgetragen wie einen heißen Stein, den man nicht ablegen kann, weil man niemandem zeigen darf, dass man ihn überhaupt aufgehoben hat.Scarlett fand mich beim Abschließen der Kasse. Sie sah aus, wie sie nach jedem großen Abend aussieht
FeldforschungEs gibt Dinge, die lernt man erst hinter einer Bar: dass Limetten unerschöpflich sind. Dass „ein kleines Wasser" die seltenste Bestellung der Welt ist. Und dass eine blonde Perücke bei Betriebstemperatur eines vollen Clubs ungefähr so angenehm ist wie ein schlafender Kater auf dem Kopf.Aber ich will nicht klagen. Ich, Emmi – Verzeihung: Mia –, hatte den besten Abend meines Lebens. Ich war seit drei Tagen offiziell Aushilfe im Moxy, ich hatte Tates Limetten-Audit mit Auszeichnung bestanden, Bruno nannte mich „die Neue mit den Manieren", und niemand, kein einziger Mensch in diesem herrlichen, dröhnenden Laden, hatte mich vorbestellt. Mia hatte keine Vergangenheit, keine Gundula, keine Fasanenstraße. Mia war drei Tage alt und vollkommen frei, und wenn das Zeugenschutzprogramm sich so anfühlt, verstehe ich, warum niemand je zurückkommt.Um kurz nach elf lachte ich über e







