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Kapitel 6

Author: Lina
last update publish date: 2026-03-18 19:57:13

Wir verließen den Laden mit drei Taschen, die Etienne dem Schneider ohne ein Wort abgenommen hatte. Er warf sie auf die Rückbank des Wagens. Ich fühlte mich wie eine Marionette, die man gerade neu eingekleidet hatte, bereit für die nächste Vorstellung.

Zehn Minuten später hielten wir vor dem *L’Éclat*. Ein Valet nahm Etienne den Schlüssel ab, noch bevor er den Motor ganz abgestellt hatte.

„Kopf hoch, Graves“, befahl er, während wir auf den Eingang zugingen. „Du siehst aus, als würdest du zum Zahnarzt gehen.“

„Vielleicht wäre das weniger schmerzhaft“, murmelte ich.

Drinnen war es gedämpft, das Licht warm. Wir wurden zu einem Tisch in einer Nische geführt. Kaum saßen wir, spürte ich Blicke. Es war das erste Mal, dass wir zusammen in der Öffentlichkeit gesehen wurden. Das Getuschel an den Nachbartischen war wie ein Hintergrundrauschen.

Ein Typ am Nachbartisch starrte mich an, sein Blick glitt über den Schlitz meines Kleides und blieb an meinem Gesicht hängen. Er lächelte mir zu – ein offenes Lächeln.

Für einen winzigen Moment fühlte ich mich wieder wie ich selbst. Ein Funken Hoffnung flackerte auf. Ich erwiderte das Lächeln einen Hauch zu lang.

Etienne bekam es sofort mit. Ich sah, wie sich sein Kiefer anspannte. Er legte seine Hand auf den Tisch, direkt neben meine, und trommelte mit den Fingern auf das weiße Leinentuch.

„Der Typ da drüben“, sagte er leise, ohne den Kopf zu drehen. „Sein Vater besitzt eine Kette von Privatkliniken.“

„Er scheint nett zu sein“, entgegnete ich provokant.

Etienne lachte. Er beugte sich über den Tisch, bis sein Gesicht nur noch Zentimeter von meinem entfernt war. Er griff nach meiner Hand und drückte sie so fest, dass es wehtat.

„Er ist ein Niemand, Lilly. Und weißt du, warum er dich so ansieht? Weil er denkt, du bist käuflich. Er sieht das Kleid, er sieht mich und er sieht dich. In seinen Augen bist du nur ein weiteres Accessoire, das ich mir für heute Abend gemietet habe.“

Der Funken Hoffnung in mir erlosch so schnell, wie er gekommen war. Die Kälte in seinen Worten traf mich härter als jede Drohung zuvor.

„Glaubst du wirklich, jemand wie er würde dich ernst nehmen?“, fuhr er fort, seine Stimme ein giftiges Flüstern. „Sobald er wüsste, woher du kommst und wie du dich gestern Nacht unter mir gewunden hast, würde er dich nicht mal mehr ansehen. Du bist hier, weil *ich* dich hier haben will. Vergiss das nie.“

Er ließ meine Hand los und lehnte sich entspannt zurück. In diesem Moment wurde mir klar, dass er mich nicht nur kontrollieren wollte. Er wollte mich isolieren.

Ich zwang mich, ein paar Bissen von dem Steak zu essen. Ich kaute und schluckte, ohne auch nur eine Nuance des Essens wahrzunehmen. Etienne starrte mich dabei einfach nur an. Er trank seinen Wein langsam, den Blick immer auf meine Lippen geheftet, als würde er darauf warten, dass ich einknicke.

„Gutes Mädchen“, murmelte er, als ich die Gabel schließlich weglegte. Er fuhr sich mit dem Daumen über die Unterlippe. „Du lernst schnell.“

„Hör auf damit“, zischte ich.

„Womit?“

„So zu tun, als wäre das hier ein verdammtes Date. Wir wissen beide, warum ich hier sitze.“

Er beugte sich vor, sein Schatten fiel über meinen Teller. „Ich tue nicht so, Lilly. Ich genieße es einfach, dich hier zu sehen. Du passt in diese Welt, auch wenn du dich mit Händen und Füßen dagegen wehrst.“

Er griff unter den Tisch. Ich erstarrte, als seine Hand mein Knie umschloss. Seine Finger gruben sich fest in meinen Oberschenkel und glitten dann langsam den nackten Schlitz des Kleides hinauf. Der direkte Kontakt ließ mich augenblicklich versteifen.

„Etienne, lass das“, hauchte ich. Mein Herz raste. Trotz allem, was er mir antat, reagierte mein Körper auf seine Berührung – ein Verrat, den ich am liebsten sofort abgetötet hätte.

„Warum? Es sieht uns niemand unter dem Tisch“, flüsterte er. Seine Hand stoppte gefährlich nah am Saum meiner Unterwäsche. Er beobachtete mein Gesicht, suchte nach jedem Anzeichen von Nachgeben. „Sag mir, dass du es nicht willst, und ich höre auf.“

Ich wollte es sagen. Die Worte lagen auf meiner Zunge. Aber mein Atem ging flach, und ich starrte ihn einfach nur an, unfähig, den Blick abzuwenden.

Plötzlich hielt er inne. Sein Blick veränderte sich und fixierte einen Punkt hinter mir.

„Verdammt“, fluchte er leise und zog seine Hand ruckartig zurück.

Ich drehte mich halb um und mir wurde schlagartig übel. Am Eingang des Restaurants stand eine Gruppe, die ich nur zu gut kannte. An der Spitze: **Marcus Graves**. Mein Bruder.

Er trug seine College-Jacke, die ihn breiter wirken ließ, als er ohnehin schon war. Als Quarterback des Uni-Teams war er es gewohnt, dass die Leute auf dem Campus Platz machten, wenn er einen Raum betrat. Aber hier, im *L’Éclat*, sah er einfach nur falsch aus.

„Etienne, wir müssen weg. Sofort“, flüsterte ich panisch.

„Zu spät“, sagte Etienne kühl. Anstatt wegzusehen oder mich zu verstecken, griff er über den Tisch und packte meine Hand. Er verschränkte seine Finger fest mit meinen. Es wirkte so vertraut, dass jeder Fremde uns für ein Paar gehalten hätte.

In diesem Moment hob Marcus den Kopf. Sein Blick wanderte über die Tische, blieb kurz hängen und fixierte uns dann. Ich sah, wie das Lachen aus seinem Gesicht verschwand. Er sagte etwas zu seinen Freunden und fing an, direkt auf unseren Tisch zuzusteuern. Jede seiner Bewegungen strahlte pure Aggression aus.

„Lass meine Hand los“, zischte ich und versuchte, mich aus Etiennes Griff zu befreien, aber er hielt mich gnadenlos fest.

„Bleib sitzen, Graves“, befahl er leise. „Und lächle. Er soll denken, dass du freiwillig hier bist. Dass du mich willst.“

Marcus stand jetzt direkt vor unserem Tisch. Er sah mich an, dann das schwarze Kleid, und schließlich Etiennes Hand, die meine umschlossen hielt.

„Lilly?“, fragte er erneut. Sein Blick brannte sich in unsere verschränkten Finger. „Ich habe dich gefragt, was du hier machst.“

Ich wollte antworten, aber meine Stimme versagte. Ich wusste nicht, wie ich die Lüge herausbringen sollte, ohne dass er sofort merkte, wie sehr ich innerlich zitterte.

Etienne lehnte sich entspannt zurück, ohne meine Hand loszulassen. Er hob sein Weinglas mit der freien Hand und nickte Marcus mit einem spöttischen Lächeln zu. „Sie ist mit mir hier, Graves. Wie du siehst, haben wir einen recht angenehmen Abend. Bis du aufgetaucht bist.“

„Halt die Fresse, Blackwell“, zischte Marcus. Er machte einen Schritt näher an den Tisch, seine Schultern waren extrem angespannt. „Lilly, steh auf. Wir gehen. Jetzt.“

„Ich bleibe hier, Marcus“, sagte ich und zwang mich, ihn direkt anzusehen.

Marcus blinzelte, als hätte ich ihn geschlagen. „Was hast du gesagt?“

„Wir sind mitten beim Essen. Ich bin freiwillig hier.“

„Freiwillig?“, wiederholte Marcus fassungslos. Er lachte kurz auf. „Du sitzt hier mit dem Kerl, der unsere Familie zerstört sehen will? In einem Kleid, das er dir bezahlt hat? Hast du eigentlich jeden Stolz verloren, nur weil er dich in so einen Laden schleppt?“

„Vielleicht gefällt ihr die Gesellschaft einfach besser als dein ständiges Kontrollgetue, Quarterback“, warf Etienne trocken ein. Er ließ meine Hand endlich los, nur um seinen Arm stattdessen besitzergreifend über meine Stuhllehne zu legen. Er kam mir so nah, dass ich seinen Atem an meiner Schläfe spürte. „Sie ist ein großes Mädchen. Sie weiß genau, was sie tut.“

Marcus sah aus, als würde er Etienne jeden Moment über den Tisch ziehen.

„Wenn du mit ihm durch diese Tür gehst“, sagte Marcus leise, „dann brauchst du heute Nacht nicht nach Hause zu kommen. Ich meine es ernst, Lilly. Entscheide dich. Jetzt.“

Ich sah das Mitleid und die Verachtung in seinem Blick. Er dachte, ich hätte mich verkauft. Und das Schlimmste war: Ich konnte ihm nicht sagen, dass ich das hier alles nur tat, um mein Stipendium zu retten.

Marcus starrte mich ein letztes Mal an, schüttelte den Kopf und drehte sich dann wortlos um. Er stürmte aus dem Restaurant. Seine Freunde folgten ihm, nicht ohne Etienne und mir noch hasserfüllte Blicke zuzuwerfen.

Ich blieb zitternd zurück, während das Gemurmel im Restaurant langsam wieder einsetzte. Ich war allein. Mit dem Mann, der mein Leben gerade in Schutt und Asche gelegt hatte.

Etienne lehnte sich grinsend zu mir herüber. „Viel Glück bei der Suche nach einem neuen Schlafplatz, Graves“, flüsterte er hämisch, während er seinen Wein austrank. Er legte seine Hand schwer auf meine Schulter. „Aber keine Sorge. Du hast jetzt ohnehin ein viel besseres Bett, in dem du schlafen kannst.“

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