로그인Der Dezember begann mit Schnee.Nicht der zögerliche Schnee des frühen Winters, der fiel und zweifelte und bis Mittag wieder verschwand — sondern der entschlossene, der am ersten Dezembertag anfing und drei Tage anhielt und Ravenmoor unter einer Schicht hinterließ, die blieb, die sich setzte, die die Stadt in etwas verwandelte, das ruhiger war als sie sonst war, gedämpfter, als hätte der Schnee der Stadt das Laute weggenommen und nur das Wesentliche gelassen.Mara stand am Küchenfenster des Solis-Hauses und sah in den Garten.Der Apfelbaum, kahl, mit Schnee auf den Ästen, die horizontalen Flächen weiß, die vertikalen dunkel — es war ein Bild, das sie kannte aus anderen Wintern, anderen Bäumen, anderen Städten, aber das hier war anders, weil es ihres war, weil sie wusste, wie der Baum aussah, wenn er blühte, und wie er aussah, wenn er trug, und jetzt wusste sie auch, wie er aussah, wenn er schlief.Das war das Wissen, das nur die Zeit gab.Sie fotografierte ihn, wie sie ihn immer fotog
Sie lasen sie langsam.Das war keine Entscheidung, die getroffen worden war — es hatte sich einfach so ergeben, die Langsamkeit, die Art, mit der man Dinge las, die wichtig waren und die man nicht verlieren wollte durch zu schnelles Lesen, durch das Vorbeikommen an einem Satz, der mehr enthielt, als man ihm auf den ersten Blick ansah. Damian hatte die Kiste ins Solis-Haus getragen — nicht ins Penthouse, das war Maras unausgesprochener Wunsch gewesen und er hatte ihn gespürt, ohne dass sie es sagen musste — und sie hatten die Notizbücher auf dem Küchentisch ausgebreitet, in einer ersten Sichtung, die nicht wirklich eine Sichtung war, sondern ein Kennenlernen.Sieben Notizbücher.Verschiedene Größen, verschiedene Einbände, verschiedene Tintensorten, die das Alter der Einträge anzeigten — die ältesten verblasst und bräunlich, die jüngsten noch schwarz, noch klar, noch frisch auf eine Art, die unwirklich war nach zwanzig Jahren.Die Briefe, dreizehn, an Menschen adressiert, manche abgesch
Der November war in diesem Jahr ruhiger als der vergangene.Mara bemerkte das, an einem Morgen Anfang des Monats, als sie im Arbeitszimmer saß und die Fotos der Ausstellung durchging, die Berger ihr als Layout geschickt hatte — digitale Entwürfe, noch nicht die wirklichen Wände, aber nah genug, um zu sehen, wie es wirken würde. Sie bemerkte es, weil der November des vergangenen Jahres so anders gewesen war — das Berufungsverfahren, der zweite Termin, Reinhardts Nachricht, das Urteil. Das Gewicht davon, das schwere, das alles andere ein bisschen schwerer gemacht hatte.Dieser November hatte kein Gewicht.Das war das falsche Wort — kein Gewicht klang leer, und leer war es nicht. Es hatte die Art von Schwere, die richtig war, die Schwere von Dingen, die ihre Stelle gefunden hatten und die dort lagen, ruhig, ohne Druck. Der Baum im Garten, kahl jetzt, die Äpfel längst gepflückt. Das Projekt, fertig, die Fotos bei Berger, das Layout in Arbeit. Das Verfahren, abgeschlossen. Das Buch, erschi
Die Stadt empfing sie mit Regen.Nicht der sanfte Regen, den Dichter besangen, kein romantisches Tröpfeln auf alte Pflastersteine — sondern der echte Berliner Oktoberregen, der aus einer Richtung kam und dann aus einer anderen, der keine Regenschirme respektierte und der die Gehwege in Spiegelbilder verwandelte, in denen die Lichter der Stadt verschwommen und schöner waren als die Lichter selbst.Mara stand am Fenster des Hotels und sah hinaus.Das Hotel lag im Mitte-Bezirk, nah am Museum, nah an allem, was in den nächsten drei Tagen sein würde, und das Fenster zeigte eine Straße, die um diese Abendstunde — sie waren gegen sieben angekommen, der Zug hatte Verspätung gehabt, nicht viel, zwanzig Minuten, aber genug, um in den Berliner Feierabendverkehr zu geraten — voller Menschen war, die unter Schirmen liefen oder ohne Schirme, die das für mutiger oder pragmatischer hielten.Damian stand hinter ihr, die Jacke noch an, und trank das Wasser, das auf dem Tisch gestanden hatte, mit der Sa
Sie rief am nächsten Morgen an.Nicht früh, nicht mit dem ersten Kaffee, nicht in dem Moment, in dem der Entschluss noch frisch war und man das Telefonieren aus dem Schwung des Entschlusses heraus tat. Sie wartete, bis der Morgen sich gesetzt hatte — bis sie durch den Garten gegangen war, beim Apfelbaum gestanden hatte, ein paar Äpfel gepflückt hatte, die schwer und reif in der Hand lagen, bis sie den Kaffee getrunken und das Frühstück gemacht hatte, und bis das alles getan war mit der Ruhe von jemandem, der weiß, was als nächstes kommt, und der es kommen lässt, ohne es zu beschleunigen.Dann rief sie an.Berger nahm beim ersten Klingeln ab.„Mara Solis."„Das Projekt ist fertig", sagte Mara. „Ich sage ja."Eine kurze Stille, in der Berger das aufnahm.„Wann können Sie kommen?", fragte sie dann. „Nach Berlin. Ich möchte die Fotos sehen, bevor wir beginnen."„Oktober. Zweite Woche." „Gut." Mara hörte Berger tippen. "Ich schicke Ihnen eine Einladung. Kommen Sie mit jemandem?"Mara dach
Sie rief am nächsten Morgen an.Nicht früh, nicht mit dem ersten Kaffee, nicht in dem Moment, in dem der Entschluss noch frisch war und man das Telefonieren aus dem Schwung des Entschlusses heraus tat. Sie wartete, bis der Morgen sich gesetzt hatte — bis sie durch den Garten gegangen war, beim Apfelbaum gestanden hatte, ein paar Äpfel gepflückt hatte, die schwer und reif in der Hand lagen, bis sie den Kaffee getrunken und das Frühstück gemacht hatte, und bis das alles getan war mit der Ruhe von jemandem, der weiß, was als nächstes kommt, und der es kommen lässt, ohne es zu beschleunigen.Dann rief sie an.Berger nahm beim ersten Klingeln ab.„Mara Solis."„Das Projekt ist fertig", sagte Mara. „Ich sage ja."Eine kurze Stille, in der Berger das aufnahm.„Wann können Sie kommen?", fragte sie dann. „Nach Berlin. Ich möchte die Fotos sehen, bevor wir beginnen."„Oktober. Zweite Woche." „Gut." Mara hörte Berger tippen. " Ich schicke Ihnen eine Einladung. Kommen Sie mit jemandem?"Mara dac
Am neunten Tag zog Lena Brauer mit einem Koffer voller Unterlagen, einem Laptop, der aussah, als hätte er an drei Feldzügen teilgenommen, und zwei Schachteln Schokolade ins Solis-Haus ein.„Ich bin deine Hausgästin", erklärte sie beim Eintreten, ohne gefragt worden zu sein, und umarmte Mara mit der
Ravenmoor schlief nicht gut im Oktober. Das war Maras erste Erkenntnis nach einer Woche, in der sie versucht hatte, die Stadt neu zu lernen wie eine Sprache, die man einmal gesprochen und dann vergessen hatte. Die Wörter kamen zurück, aber die Grammatik stimmte nicht mehr.Am Donnerstag frühmorgens
Zwei Tage nach dem Notartermin kam der Strom zurück ins Solis-Haus, und mit ihm eine Stille, die lauter war als das Dunkel. Mara begann damit, Räume zu inventarisieren. Das war sachlich, praktisch, und ließ keinen Raum für Gefühle, was genau die Intention war.Sie arbeitete von oben nach unten. Das
Das Notariat Schreiber und Partner befand sich in einem dieser alten Ravenmoor-Gebäude, die aussahen, als hätten sie beschlossen, für immer zu existieren, egal was die Stadt um sie herum tat. Mara saß in einem Ledersessel, der zu groß für den Raum war, hielt eine Tasse Kaffee, den sie nicht bestell







