เข้าสู่ระบบZwei Tage nach dem Notartermin kam der Strom zurück ins Solis-Haus, und mit ihm eine Stille, die lauter war als das Dunkel. Mara begann damit, Räume zu inventarisieren. Das war sachlich, praktisch, und ließ keinen Raum für Gefühle, was genau die Intention war.
Sie arbeitete von oben nach unten. Das Dachgeschoss zuerst, drei verstaubte Räume voller Möbel aus verschiedenen Jahrzehnten, die ihre Mutter nicht weggeworfen hatte, weil Elisa Solis an dem Glaubenssatz festgehalten hatte, dass alles irgendwann seinen Zweck finden würde. Dann das erste Obergeschoss, die Schlafzimmer, das Badezimmer mit den mintgrünen Fliesen aus den Siebzigern, die nie ersetzt worden waren, weil sie der Mutter gefielen. Dann, am Nachmittag des zweiten Tages, das Erdgeschoss.
Das Wohnzimmer war das Herzstück des Hauses. Hohe Decken mit Stuckverzierungen, eine Bücherwand, die alle vier Seiten füllte, und in der Mitte, wie ein Thron, der Sessel ihrer Mutter. Weinrot, leicht abgewetzt an den Armlehnen, mit einem Fußhocker davor, auf dem ein halbfertiges Strickprojekt lag. Als hätte Elisa nur kurz das Zimmer verlassen.
Mara setzte sich auf den Boden und starrte das Strickzeug an. Knäuel aus blauem Garn, zwei Nadeln, ein Muster, das sie nicht entziffern konnte. Ihre Mutter hatte nie etwas davon fertiggestellt. Angefangen und dann weitergemacht zu etwas Neuem, eine Art kreative Ungeduld, die Mara von ihr geerbt hatte.
Sie hörte die Tür. Trat Damian ein.
Er hatte angeklopft, leise, und gewartet, bis sie geantwortet hatte, und selbst das war anders als früher. Der Damian, den sie gekannt hatte, hatte Türen mit einer Selbstverständlichkeit geöffnet, die keine Fragen stellte. Dieser hier fragte an.
„Ich habe einige Unterlagen, die der Notar mit der Inventarliste verknüpft hat." Er hielt einen Ordner hoch. „Für die Versicherungsbewertung."
„Stell ihn hin." Mara stand auf, wischte Staub von ihren Jeans. „Danke."
Er stellte den Ordner auf den Couchtisch und blieb dann stehen. Sah sich in dem Zimmer um. Sein Blick blieb an der Bücherwand hängen, wanderte zu dem Foto auf dem Kaminsims, das die Familie Solis an einem Sommertag zeigte, Mara mit zwölf Jahren, breit grinsend, ihre Mutter neben ihr mit dem Ausdruck, den Mara nur als vollendete Mutterliebe beschreiben konnte.
„Ich vermisse sie auch", sagte Damian.
Mara antwortete nicht sofort. Die Stille zwischen ihnen war nicht feindlich. Das überraschte sie.
„Wann hast du sie zuletzt gesehen?" fragte sie schließlich.
„Drei Monate vor ihrem Tod. Wir haben Kaffee getrunken." Er machte eine kurze Pause. „Sie hat über dich gesprochen. Über eine Ausstellung, die du in Hamburg hattest."
„Die Nordlichter-Reihe."
„Sie war stolz auf dich."
Mara schluckte. Das war die Art von Information, die sie nicht gebraucht hatte und die sie gleichzeitig mehr brauchte als alles andere. Sie drehte sich zur Bücherwand um und begann, die Rücken der Bücher zu lesen, weil sie irgend etwas tun musste, das ihre Augen beschäftigte.
„Wie oft hast du sie gesehen?" fragte sie. „In diesen sieben Jahren."
„Regelmäßig."
Sie ließ das sacken. Ihre Mutter hatte ihn regelmäßig gesehen. Hatte Kaffee mit ihm getrunken. Hatte über Mara gesprochen. Und hatte Mara nie davon erzählt.
„Sie hat mir nicht gesagt, dass ihr euch seht."
„Ich weiß."
„Hat sie dir gesagt, warum nicht?"
Ein kurzes Zögern. „Ja."
Mara wandte sich um. „Und?"
Damian sah sie direkt an, und in diesen Augen war etwas, das er sonst nicht zeigte. Es war keine Schwäche, es war kein Mitleid. Es war etwas, das sie nicht einordnen konnte, weil sie sieben Jahre damit verbracht hatte, diese Augen aus ihrem Gedächtnis zu streichen.
„Weil du es ihr verboten hast", sagte er leise.
Mara blinzelte. Dann erinnerte sie sich. Einmal, in einem langen Telefonat, kurze Zeit nachdem sie gegangen war, kurze Zeit nachdem sie aufgehört hatte zu weinen und mit der Wut angefangen hatte, hatte sie ihrer Mutter gesagt, dass sie nicht wissen wollte, was Damian Voss tat oder dachte oder war. Dass sie nie wieder seinen Namen hören wollte.
Sie hatte nicht erwartet, dass ihre Mutter das wörtlich nehmen würde. Und nun stand dieser Wörtlichkeit gegenüber, in dem Wohnzimmer mit dem Strickzeug und dem Stuckkamin, und erkannte, dass Elisa Solis sie auf ihre Weise geliebt hatte: indem sie jeden Wunsch erfüllte, auch den, der Mara geschadet hatte.
„Das war unklug von mir", sagte Mara.
„Du warst verletzt."
„Das rechtfertigt keine Entscheidungen mit Langzeitkonsequenzen."
Damian schwieg. Das war auch anders als früher. Früher hatte er immer eine Antwort bereit gehabt.
Mara öffnete den Ordner, den er mitgebracht hatte, und begann, die ersten Seiten zu lesen. Die Situation hatte ihre Feindseligkeit verloren und etwas Unangenehmeres angenommen: eine Art fragile Normalität, die sich anfühlte wie das Eis auf einem See im Frühjahr. Trug noch, aber man wusste nicht wie lange.
„Ich fange heute mit der Küche an", sagte sie, ohne aufzusehen. „Die Elektrik muss geprüft werden, bevor irgendwas bewertet wird."
„Ich kenne einen Elektriker. Vertrauenswürdig."
„Ich habe keinen Grund, deinen Empfehlungen zu vertrauen."
„Nein." Er bewegte sich zur Tür, blieb kurz im Rahmen stehen. „Aber du hast auch keinen Grund, ihnen zu misstrauen. Das ist ein Unterschied."
Mara sah auf. Er war schon halb draußen, nur sein Profil noch sichtbar, und das Licht fiel so auf ihn, dass sie für eine Sekunde nicht den mächtigen Mann sah, der halb Ravenmoor kontrollierte, sondern den jungen Mann, der einmal in diesem Zimmer gesessen und ihr vorgelesen hatte, wenn sie krank war.
Dann war er weg, und sie saß allein mit den Unterlagen und dem Strickzeug ihrer Mutter und dem Gefühl, dass dreißig Tage eine bedeutend kompliziertere Zahl waren als sie gedacht hatte.
Am Abend rief sie Lena an.
„Er war da", sagte Mara, ohne Präambel.
„Und?" Lenas Stimme war die Stimme von jemandem, der auf einem Sofa saß und die volle Aufmerksamkeit schenkte.
„Und er hat Dinge gesagt, die ich nicht erwartet hatte." Mara pausierte. „Er war menschlich."
„Oh nein."
„Genau."
„Mara." Lena klang nun ernsthafter. „Ich recherchiere gerade an einem Artikel über Stadtentwicklung in Ravenmoor. Voss ist der Hauptinvestor hinter mindestens vier Großprojekten, die unter fragwürdigen Umständen genehmigt wurden. Ich erwähne das nicht, um dich zu warnen. Ich erwähne es, weil..." Ein kurzes Zögern. „Weil ich glaube, dass Ravenmoor ein Ort voller Geheimnisse ist, und ich mir nicht sicher bin, ob deine Mutter nicht selbst in etwas verwickelt war."
Mara öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Sah auf die Kiste, die noch ungeöffnet auf dem Schreibtisch stand, die versiegelte Kiste aus dem Nachlass ihrer Mutter, die sie noch nicht hatte anrühren können.
„Was meinst du mit verwickelt?"
„Ich weiß es noch nicht. Aber ich komme am Wochenende nach Ravenmoor." Lena sprach bestimmt. „Lass die Kiste zu, bis ich da bin."
Mara starrte die Kiste an. Außen war sie aus dunkelbraunem Leder, abgenutzt an den Ecken, mit einem Messingschloss, zu dem der Notar keinen Schlüssel mitgeliefert hatte, weil der Schlüssel laut Verfügung erst nach dreißig Tagen ausgehändigt werden durfte. Etwas darin wartete. Etwas, das ihre Mutter für wichtig genug gehalten hatte, um bürokratische Barriere
n zu errichten.
„Ich lasse sie zu", sagte Mara.
Aber ihre Hand lag bereits auf dem kalten Leder.
Der Juni war der Monat, in dem das Projekt fertig wurde.Nicht am ersten Juni, nicht mit einer Entscheidung, die man treffen konnte — das Fertigwerden von etwas, das man wirklich meinte, ließ sich nicht planen. Es geschah wie das Blühen des Apfelbaums oder das Reifen der Früchte, nach der Zeit, die es brauchte, in dem Moment, in dem es bereit war, und nicht vorher, egal wie sehr man wartete oder drängte oder wollte.Mara hatte das gelernt, über die Jahre.Das Erste Projekt — Orte, die warten — war fertig geworden an einem Novemberabend, als sie die Fotos durchgesehen hatte und verstanden hatte, dass das, was sie ansah, vollständig war. Das zweite — Was wächst — war fertig geworden in dem Moment, in dem Henrik gesagt hatte, er käme wieder, wenn die Äpfel reif waren, weil das der Satz war, den das Projekt gebraucht hatte, auch wenn er nicht im Projekt stand.Das dritte wurde fertig an einem Donnerstag im Juni.Mara war im Garten des Solis-Hauses, früh, vor dem Frühstück, die Kamera dabe
Der Apfelbaum blühte am vierzehnten April.Nicht am vierzehnten genau — Bäume hielten sich nicht an Daten, das war einer der Gründe, warum Mara sie mochte. Aber am Morgen des vierzehnten trat sie in den Garten, wie jeden Morgen, und sah, dass in der Nacht etwas passiert war, das sich nicht angekündigt hatte, oder das sich angekündigt hatte, so lange, dass sie die Ankündigung vergessen hatte: die Knospen waren aufgegangen, die Blütenknospen, nicht alle, aber viele, und der Baum stand in dem Aprilmorgen und blühte, weiß und rosa, die Blüten, die zart waren und die nicht blieben, die kamen und fielen, und das Kommen war jetzt.Sie fotografierte, lange, von verschiedenen Winkeln, im verschiedenen Licht des Morgens, weil das Licht sich veränderte und das Bild sich mit ihm veränderte.Das war der Aprilmonat, der blühende, und dann kam der Mai.Und der Mai war anders als der April — voller, lauter, mit mehr Grün, mit dem vollen Laub, das nun da war, satt und dunkel und überzeugend. Die Blüte
Der April brachte den Frühling, endlich, ohne weiteres Zögern.Es war, als hätte der Frühling dieses Jahr beschlossen, keine halben Sachen zu machen — kein zögerliches Hin-und-Her, kein Tag warm und drei Tage kalt, sondern ein Entschluss, der sich in der Luft zeigte, am Morgen des dritten April, als Mara die Küchentür öffnete und die Wärme hereinkam wie jemand, der schon lange hätte da sein sollen und das wusste.Der Apfelbaum hatte über Nacht begonnen.Das war das Wort: begonnen. Nicht geblüht, noch nicht, das kam noch. Aber die Knospen, die Mara im März fotografiert hatte, die anschwellenden Spitzen, die Versprechen der Versprechen — die hatten sich geöffnet, die Außenhülle aufgegangen, das erste Grün, das erste Zartgrün der jungen Blätter, die noch gefaltet waren, noch nicht ganz da, noch auf dem Weg.Mara stand in dem Türrahmen, ohne Schuhe, die Kacheln der Küche kalt unter den Füßen, und sah.Dann holte sie die Kamera.Das erste Foto des Aprils war das Beste des Morgens — der Bau
Der April brachte den Frühling, endlich, ohne weiteres Zögern.Es war, als hätte der Frühling dieses Jahr beschlossen, keine halben Sachen zu machen — kein zögerliches Hin-und-Her, kein Tag warm und drei Tage kalt, sondern ein Entschluss, der sich in der Luft zeigte, am Morgen des dritten April, als Mara die Küchentür öffnete und die Wärme hereinkam wie jemand, der schon lange hätte da sein sollen und das wusste.Der Apfelbaum hatte über Nacht begonnen.Das war das Wort: begonnen. Nicht geblüht, noch nicht, das kam noch. Aber die Knospen, die Mara im März fotografiert hatte, die anschwellenden Spitzen, die Versprechen der Versprechen — die hatten sich geöffnet, die Außenhülle aufgegangen, das erste Grün, das erste Zartgrün der jungen Blätter, die noch gefaltet waren, noch nicht ganz da, noch auf dem Weg.Mara stand in dem Türrahmen, ohne Schuhe, die Kacheln der Küche kalt unter den Füßen, und sah.Dann holte sie die Kamera.Das erste Foto des Aprils war das Beste des Morgens — der Bau
Der März begann mit Tauwetter, wie der März immer begann, aber dieses Mal hatte das Tauwetter eine andere Qualität als in den Jahren davor.Mara bemerkte es an einem Morgen Anfang des Monats, als sie durch die Küche des Solis-Hauses ging und das Küchenfenster aufmachte, zum ersten Mal seit November, weil die Luft draußen eine Einladung enthielt, die sie annehmen wollte. Die Luft, die hereinkam, roch nach Erde, nach dem Aufwachen von Dingen, die geschlafen hatten, nach dem spezifischen März-Geruch, der kein Frühling war, aber kein Winter mehr, das Dazwischen, das niemanden zufriedenstellte und das trotzdem schön war, weil es überging, weil es auf dem Weg zu etwas war.Sie stand am Fenster und sah in den Garten.Der Apfelbaum, kahl, die Äste noch ohne Blatt, aber — da war etwas. An den Spitzen der Äste, an den äußersten Punkten, wo das Holz am dünnsten war, das erste Anschwellen, noch kein Knospen, noch nicht das, noch die Sekunde davor, die Sekunde der Entscheidung, in der der Baum sic
Der Abend endete, wie gute Abende endeten — langsam, ohne klaren Abschluss, in dem allmählichen Weniger-Werden von Stimmen und Schritten, bis nur noch die blieben, die nicht gehen wollten oder konnten oder sollten.Die Presse war gegangen, die offiziellen Gäste, die Menschen, die Einladungen gehabt hatten und andere Termine nach diesem. Berger hatte sich verabschiedet, mit dem professionellen Handschlag und dem Ausdruck von jemandem, der wusste, dass es gut gelaufen war und der das nicht ausschreien musste, weil es genug war, es zu wissen. Ihre zwei Mitarbeiter räumten leise auf, leere Gläser, Servietten, die kleinen Spuren eines Abends.Was blieb: Mara und Damian, Lena, Rafael, Henrik, der eingeschlafen war auf einem der Stühle im vierten Raum, die Gitarre neben sich abgestellt, den Kopf auf dem Arm, vollständig schlafend mit der Vollständigkeit von Kindern, die entschieden hatten, dass jetzt Schlafenzeit war, und das war so. Hildegard und Ingrid, Reinhardt, Klaus Aldenberg.Sie stan
Am nächsten Morgen regnete es wieder. Ravenmoor schien nicht zu wissen, wie man aufhörte zu trauern.Lena saß bereits am Küchentisch, als Mara herunterkam. Der Laptop stand offen, daneben ein leeres Kaffeebecher und drei Seiten handgeschriebene Notizen, die in der chaotischen Handschrift verfasst w
Am neunten Tag zog Lena Brauer mit einem Koffer voller Unterlagen, einem Laptop, der aussah, als hätte er an drei Feldzügen teilgenommen, und zwei Schachteln Schokolade ins Solis-Haus ein.„Ich bin deine Hausgästin", erklärte sie beim Eintreten, ohne gefragt worden zu sein, und umarmte Mara mit der
Ravenmoor schlief nicht gut im Oktober. Das war Maras erste Erkenntnis nach einer Woche, in der sie versucht hatte, die Stadt neu zu lernen wie eine Sprache, die man einmal gesprochen und dann vergessen hatte. Die Wörter kamen zurück, aber die Grammatik stimmte nicht mehr.Am Donnerstag frühmorgens
Das Notariat Schreiber und Partner befand sich in einem dieser alten Ravenmoor-Gebäude, die aussahen, als hätten sie beschlossen, für immer zu existieren, egal was die Stadt um sie herum tat. Mara saß in einem Ledersessel, der zu groß für den Raum war, hielt eine Tasse Kaffee, den sie nicht bestell