LOGINMara Solis, eine Fotografin Ende zwanzig, kehrt nach dem Tod ihrer Mutter in ihre Heimatstadt Ravenmoor zurück. Sie hat die Stadt seit sieben Jahren gemieden, und mit ihr den einzigen Mann, der ihr Herz je wirklich gebrochen hat: Damian Voss, den kälten, maächtigen CEO eines Immobilienkonzerns, der halb Ravenmoor kontrolliert. Ein notarieller Zwang führt die beiden zusammen. Elisas Testament verpflichtet Mara und Damian zu dreijäig gemeinsamen Tagen im alten Familienhaus, bevor das Erbe freigegeben werden kann. Doch während alte Wunden aufbrechen und eine unbestreitbare Anziehung wieder entflammt, entfaltet sich ein lebensbedrohliches Geheimnis: Viktor Crane, ein korrupter Stadtrat, hat Elisas Tod auf dem Gewissen und will nun die Beweise vernichten, die sie hinterlassen hat. In vierzehn Kapiteln erzählt Brennendes Blut die Geschichte zweier Menschen, die lernen müssen, dass das Schweigen derjenigen, die wir lieben, uns ebenso zerstören kann wie der Verrat von Feinden.
View MoreThe rain was falling sideways, as always in Ravenmoor in October, and Mara Solis sat in a rented car that looked like it had seen better days, staring at the sign at the town entrance. Welcome to Ravenmoor. As if she had ever been welcome.
She turned the windshield wipers up. It didn't help much. The rain had decided to take what it had started seriously, and Ravenmoor lay before her in that murky, gray way that had always reminded her of an overexposed photograph. Too much of everything at once, too little clarity about what was essential.
Seven years. For seven years she had avoided this place, forwarded calls, sent postcards instead of visiting, and her mother had played along, pretended it was normal, as if they were two women who happened to live in different cities and occasionally exchanged greetings. Now Elisa Solis was dead, and Mara was driving through the rain to sell a house she had loved in a previous life.
The GPS indicated a turn. Mara turned, and immediately she recognized the street. Linden Avenue. The trees had grown taller, had already shed most of their autumn leaves, and the wet branches drew black patterns against the deep gray sky. She had learned to ride a bike here. She had scraped her knee on this very corner and cried until her mother appeared with a bandage and an ice cream.
Mara pressed her lips together. The memories weren't buried deep. They lay just beneath the surface, ready to surface as soon as she stopped looking ahead.
The Solis house appeared at the end of the avenue, and Mara involuntarily slowed down. Despite everything, despite the seven years, despite the pain and the loss, she was momentarily breathless.
It was even more beautiful than she remembered. Or perhaps more beautiful and more lost at the same time. The property had been built in the Art Nouveau style, with its typical organic lines and wrought-iron gate, but years of neglect had taken their toll. The plaster was peeling from the bay windows. The gate was crooked on its hinges. The garden, once manicured and almost overwhelmingly green, had transformed into a wild, melancholic mess. But the house was still standing. And somehow, Mara thought, as she stepped out of the car and was immediately met by the rain, standing still was the only honest answer to everything life threw at you.
Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke höher und holte die Schlüssel aus ihrer Tasche. Der Notar hatte sie per Express zugeschickt, zusammen mit einem Brief, den sie zweimal gelesen und beim dritten Mal weggeklappt hatte. Die juristische Sprache hatte das Wesentliche in Paragrafen verpackt: Elisa Solis hatte ein Testament hinterlassen. Das Haus und sein gesamter Inhalt fielen an Mara. Außerdem gab es ein versiegeltes Dokument, das laut testamentarischer Verfügung nur in Anwesenheit einer zweiten Partei geöffnet werden durfte.
Diese zweite Partei.
Mara steckte den Schlüssel ins Schloss. Die alte Mechanik knackte, wie sie es immer getan hatte, und die Tür schwang auf mit dem vertrauten Quietschen, das nie repariert worden war, obwohl Mara als Kind dreimal darauf hingewiesen hatte, wie sehr es sie störte. In der Tür, im Geruch des Hauses, war ihre Mutter noch gegenwärtig. Holzpolitur, alte Bücher, der schwache Rest eines Parfums, das Mara nicht mehr kannte, aber sofort erkannte.
Sie stand lange auf der Schwelle. Dann trat sie ein.
Die Eingangshalle war so, wie sie sie in Erinnerung hatte: groß, hallig, mit den schwarzweißen Fliesen, die wie ein überdimensioniertes Schachbrett wirkten. Die Wandlampen brannten nicht, natürlich nicht, der Strom war seit Wochen abgestellt. Mara zog ihr Handy aus der Tasche und aktivierte die Taschenlampe. Der Lichtkegel wanderte über die Wände, über den alten Garderobenspiegel, über das gerahmte Bild, das die Familie Solis vor zwanzig Jahren zeigte. Eine jüngere Elisa. Ein kleines Mädchen mit ungleichmäßig geschnittenen Pony. Maras Vater, der schon damals mehr abwesend als anwesend gewirkt hatte.
Sie wandte sich ab. Zog ihr Gepäck die Treppe hinauf, Stufe für Stufe, und jede Stufe war wie ein weiterer Schritt zurück in eine Zeit, die sie für sich abgeschlossen gehalten hatte.
Ihr altes Zimmer lag am Ende des Flurs. Sie hatte versucht, sich vorzustellen, wie es aussehen würde nach sieben Jahren, und hatte nichts gefühlt. Jetzt, mit der Hand auf dem Türknauf, spürte sie, wie etwas in ihrer Brust enger wurde. Sie öffnete die Tür trotzdem.
Die Mutter hatte nichts verändert. Das war das Schlimmste. Der Schreibtisch stand noch am Fenster, mit dem kratzigen Stuhl, auf dem Mara stundenlang gesessen und fotografiert und gezeichnet hatte. Das Bücherregal war voll. Die Lichterkette, die nie eine Funktion gehabt hatte außer der, schön zu sein, hing noch immer quer über das Fenster. Und auf dem Regal, zwischen zwei Büchern eingeklemmt, steckte ein Foto. Mara nahm es heraus.
Zwei junge Leute. Sie erkannte sich selbst kaum, diese neunzehnjährige Version mit dem breiten Lächeln und den lachenden Augen. Neben ihr stand ein junger Mann mit dunklem Haar und einem Gesichtsausdruck, der zwischen Belustigung und etwas Ernsthafterem schwankte, das Mara damals nicht einzuordnen gewusst hatte.
Damian Voss.
Mara placed the photograph face down back on the shelf. She didn't have time for what that photograph triggered. She didn't have time for seven years of questions, no time for the pain that still burned whenever she thought of that name. She was here to sell a house. To settle her mother's affairs. To leave.
Her phone buzzed. A message from Lena: Have you arrived? Call me if you need strength or chocolate. I'll send chocolate too.
Mara smiled despite everything. Lena Brauer was the only friendship she had brought with her from Ravenmoor, and she hadn't grown tired of being just that.
She wrote back: Arrived. I'm safe and sound. Send chocolate.
Then she put her phone away and opened the window a crack. The rain was more subdued now, having calmed from a storm to a steady fall. Mara leaned against the frame and looked out into the dark garden.
Tomorrow she would go to the notary. Tomorrow she would find out whom her mother had designated as the second party, even though she already knew. She already knew that last name, the one that had been in the letter she had folded away because she couldn't read it three times without wanting to hurt herself.
Voss.
Ravenmoor had her back, and Ravenmoor didn't mean her any good. It had always been that way.
She closed the window. She unrolled her sleeping bag on the old bed because she was too tired to look for the bedding and too exhausted to stand upright any longer. She placed the flashlight on the shelf, pointing it towards the ceiling, so that the room was bathed in soft, indirect light.
And while the rain wet the window and the old clock in the hallway struck eleven, Mara Solis fell asleep in the room, i
in which she had stopped believing in happy endings.
Der Dezember begann mit Schnee.Nicht der zögerliche Schnee des frühen Winters, der fiel und zweifelte und bis Mittag wieder verschwand — sondern der entschlossene, der am ersten Dezembertag anfing und drei Tage anhielt und Ravenmoor unter einer Schicht hinterließ, die blieb, die sich setzte, die die Stadt in etwas verwandelte, das ruhiger war als sie sonst war, gedämpfter, als hätte der Schnee der Stadt das Laute weggenommen und nur das Wesentliche gelassen.Mara stand am Küchenfenster des Solis-Hauses und sah in den Garten.Der Apfelbaum, kahl, mit Schnee auf den Ästen, die horizontalen Flächen weiß, die vertikalen dunkel — es war ein Bild, das sie kannte aus anderen Wintern, anderen Bäumen, anderen Städten, aber das hier war anders, weil es ihres war, weil sie wusste, wie der Baum aussah, wenn er blühte, und wie er aussah, wenn er trug, und jetzt wusste sie auch, wie er aussah, wenn er schlief.Das war das Wissen, das nur die Zeit gab.Sie fotografierte ihn, wie sie ihn immer fotog
Sie lasen sie langsam.Das war keine Entscheidung, die getroffen worden war — es hatte sich einfach so ergeben, die Langsamkeit, die Art, mit der man Dinge las, die wichtig waren und die man nicht verlieren wollte durch zu schnelles Lesen, durch das Vorbeikommen an einem Satz, der mehr enthielt, als man ihm auf den ersten Blick ansah. Damian hatte die Kiste ins Solis-Haus getragen — nicht ins Penthouse, das war Maras unausgesprochener Wunsch gewesen und er hatte ihn gespürt, ohne dass sie es sagen musste — und sie hatten die Notizbücher auf dem Küchentisch ausgebreitet, in einer ersten Sichtung, die nicht wirklich eine Sichtung war, sondern ein Kennenlernen.Sieben Notizbücher.Verschiedene Größen, verschiedene Einbände, verschiedene Tintensorten, die das Alter der Einträge anzeigten — die ältesten verblasst und bräunlich, die jüngsten noch schwarz, noch klar, noch frisch auf eine Art, die unwirklich war nach zwanzig Jahren.Die Briefe, dreizehn, an Menschen adressiert, manche abgesch
Der November war in diesem Jahr ruhiger als der vergangene.Mara bemerkte das, an einem Morgen Anfang des Monats, als sie im Arbeitszimmer saß und die Fotos der Ausstellung durchging, die Berger ihr als Layout geschickt hatte — digitale Entwürfe, noch nicht die wirklichen Wände, aber nah genug, um zu sehen, wie es wirken würde. Sie bemerkte es, weil der November des vergangenen Jahres so anders gewesen war — das Berufungsverfahren, der zweite Termin, Reinhardts Nachricht, das Urteil. Das Gewicht davon, das schwere, das alles andere ein bisschen schwerer gemacht hatte.Dieser November hatte kein Gewicht.Das war das falsche Wort — kein Gewicht klang leer, und leer war es nicht. Es hatte die Art von Schwere, die richtig war, die Schwere von Dingen, die ihre Stelle gefunden hatten und die dort lagen, ruhig, ohne Druck. Der Baum im Garten, kahl jetzt, die Äpfel längst gepflückt. Das Projekt, fertig, die Fotos bei Berger, das Layout in Arbeit. Das Verfahren, abgeschlossen. Das Buch, erschi
Die Stadt empfing sie mit Regen.Nicht der sanfte Regen, den Dichter besangen, kein romantisches Tröpfeln auf alte Pflastersteine — sondern der echte Berliner Oktoberregen, der aus einer Richtung kam und dann aus einer anderen, der keine Regenschirme respektierte und der die Gehwege in Spiegelbilder verwandelte, in denen die Lichter der Stadt verschwommen und schöner waren als die Lichter selbst.Mara stand am Fenster des Hotels und sah hinaus.Das Hotel lag im Mitte-Bezirk, nah am Museum, nah an allem, was in den nächsten drei Tagen sein würde, und das Fenster zeigte eine Straße, die um diese Abendstunde — sie waren gegen sieben angekommen, der Zug hatte Verspätung gehabt, nicht viel, zwanzig Minuten, aber genug, um in den Berliner Feierabendverkehr zu geraten — voller Menschen war, die unter Schirmen liefen oder ohne Schirme, die das für mutiger oder pragmatischer hielten.Damian stand hinter ihr, die Jacke noch an, und trank das Wasser, das auf dem Tisch gestanden hatte, mit der Sa
Das Notariat Schreiber und Partner befand sich in einem dieser alten Ravenmoor-Gebäude, die aussahen, als hätten sie beschlossen, für immer zu existieren, egal was die Stadt um sie herum tat. Mara saß in einem Ledersessel, der zu groß für den Raum war, hielt eine Tasse Kaffee, den sie nicht bestell
The rain was falling sideways, as always in Ravenmoor in October, and Mara Solis sat in a rented car that looked like it had seen better days, staring at the sign at the town entrance. Welcome to Ravenmoor. As if she had ever been welcome.She turned the windshield wipers up. It didn't help much. T
Am nächsten Morgen regnete es wieder. Ravenmoor schien nicht zu wissen, wie man aufhörte zu trauern.Lena saß bereits am Küchentisch, als Mara herunterkam. Der Laptop stand offen, daneben ein leeres Kaffeebecher und drei Seiten handgeschriebene Notizen, die in der chaotischen Handschrift verfasst w
Am neunten Tag zog Lena Brauer mit einem Koffer voller Unterlagen, einem Laptop, der aussah, als hätte er an drei Feldzügen teilgenommen, und zwei Schachteln Schokolade ins Solis-Haus ein.„Ich bin deine Hausgästin", erklärte sie beim Eintreten, ohne gefragt worden zu sein, und umarmte Mara mit der