MasukDer Rest des Schultags verging ohne Katastrophe, was nach Ezras Erfahrung normalerweise bedeutete, dass die Katastrophe einfach auf eine bessere Gelegenheit wartete.
Bis zur Mittagspause bereute er es bereits, zur Schule gekommen zu sein. Nicht wegen seines Unterrichts. Nicht wegen seiner Klassenkameraden. Wegen Jace. Schon wieder. Ezra saß unter einer großen Eiche am Rand des Geländes, ein Ort, den die meisten Schüler ignorierten, weil er zu weit von der Cafeteria entfernt war. Genau deshalb mochte er ihn. Er war ruhig. Friedlich. Sicher. Zumindest normalerweise. Er war mitten in einem Kapitel seines Buches, als ein Schatten über die Seite fiel. Sein Magen sank sofort. Es gab nur eine Person auf der Welt, die seine Stimmung so schnell ruinieren konnte. Langsam blickte Ezra auf. Jace Ryland stand über ihm. Sah ärgerlich attraktiv aus. Wie immer. „Was willst du?" Jace runzelte die Stirn. „Warum nimmst du immer an, dass ich etwas will?" Ezra starrte ihn an. Die Frage war so lächerlich, dass er fast lachte. „Meinst du das ernst?" Jace schien zu bemerken, wie dumm die Frage klang, und rieb sich den Nacken. „Fairer Punkt." Das überraschte Ezra. Jace gab nie zu, wenn er unrecht hatte. Niemals. Die Stille zog sich zwischen ihnen hin. Schließlich setzte sich Jace neben ihn. Nicht gegenüber. Nicht über ihm stehend. Neben ihm. Ezra ließ beinahe sein Buch fallen. „Was machst du?" „Ich sitze." „Das sehe ich." Jace blickte zur Seite. „Warum fragst du dann?" Ezra hasste ihn. Wirklich. Zumindest sagte er sich das, wann immer Jace lächelte. Das Problem war, dass Jace jetzt nicht lächelte. Für einmal wirkte er fast ... normal. Kein Publikum. Keine Teamkollegen. Kein Gelächter. Nur Jace. Und irgendwie war diese Version unendlich gefährlicher. Weil sie leichter zu mögen war. „Was willst du?", wiederholte Ezra. „Das Projekt." Da war es. Der eigentliche Grund. Natürlich. Jace lehnte sich gegen den Baumstamm zurück. „Wir müssen ein Thema wählen." „Das können wir im Unterricht machen." „Das sagst du dauernd." „Weil es stimmt." Jace seufzte dramatisch. „Du bist schwierig." Ezra verschluckte sich fast. „Ich bin schwierig?" Der Blick, den er Jace zuwarf, brachte diesen zum Lachen. Wirklich zum Lachen. Nicht das spöttische Lachen, das Ezra sonst in der Schule hörte. Ein echtes. Für einen kurzen Moment vergaß Ezra zu atmen. Der Klang traf ihn härter, als er sollte. Weil er echt war. Und weil ihm klar wurde, dass er Jace noch nie zuvor so hatte lachen hören. Meistens spielte Jace für die Leute eine Rolle. Das hier fühlte sich anders an. Was es gefährlich machte. Sehr gefährlich. „Hör auf, mich so anzusehen." Ezra blinzelte. „Was?" „Als würdest du mir das Buch an den Kopf werfen wollen." Ein Lächeln zog an Jaces Mundwinkel. „Ich hab doch noch gar nichts gemacht." Ezra schloss sein Buch. „Noch, das ist das wichtige Wort." Jaces Lächeln verblasste ein wenig. Für eine Sekunde sagte keiner von beiden etwas. Die Atmosphäre veränderte sich. Das lockere Necken verschwand. Etwas Schwereres legte sich zwischen sie. Etwas Prickelndes. „Du hasst mich wirklich." Die Worte kamen leise. Unerwartet. Ezra starrte ihn an. Hatte Jace das ernsthaft nie erkannt? Jahre voller Demütigung. Jahre voller Witze. Jahre voller Peinlichkeit. Und irgendwie war er überrascht? Ein bitteres Lachen entkam ihm. „Dich hassen?" Jace hielt seinem Blick stand. „Ja." Ezra blickte als Erster weg. Weil die Wahrheit kompliziert war. Weil Hass einfacher wäre. Weil das Hassen von Jace Ryland ihm Jahre voller Herzschmerz erspart hätte. Unglücklicherweise war Hass nicht, was er fühlte. Nicht mal annähernd. „Sollte ich aber." Die Antwort kam leiser heraus, als beabsichtigt. Jace erstarrte. Der Wind bewegte die Blätter über ihnen. Irgendwo in der Ferne lachten Schüler. Keiner der beiden Jungen bewegte sich. Keiner blickte weg. Aus Gründen, die Ezra nicht erklären konnte, fühlte sich der Moment plötzlich zu intim an. Zu persönlich. Zu nah. Jaces Augen verengten sich leicht. „Was soll das heißen?" Ezra bereute es sofort, etwas gesagt zu haben. „Nichts." „Monroe." „Lass es." „Das ist keine Antwort." Ezra stand abrupt auf. Sein Puls raste. Dieses Gespräch war in eine gefährliche Richtung gegangen. Eine Richtung, die er nicht wollte. „Der Unterricht beginnt in zehn Minuten." Jace blieb unter dem Baum sitzen. Sah ihm nach. Sah ihm immer nach. Diese Erkenntnis machte Ezra unruhig. Denn in letzter Zeit schien Jace öfter Aufmerksamkeit zu schenken. Und Ezra war sich nicht sicher, ob das etwas Gutes oder etwas Schreckliches war. Wahrscheinlich schrecklich. Definitiv schrecklich. Doch während er wegging, konnte er immer noch spüren, wie Jaces Blick ihm folgte. Und trotz allem wünschte sich ein Teil von ihm, er hätte zurückgeblickt. Nur einmal. Nur ein einziges Mal. Um zu sehen, ob Jace ihn immer noch beobachtete.Helens POVDas Neonschild des rund um die Uhr geöffneten Diners summte draußen vor dem regenverschmierten Fenster mit einem leisen, quälenden Brummen und tauchte das rissige rote Vinyl unserer Sitzbank in ein kränkliches pink-gelbes Licht. Es war nach drei Uhr morgens. Die Luft im Inneren roch nach abgestandenem Fett, verbranntem koffeinfreiem Kaffee und Jahrzehnten voller Geheimnisse, die mitten in der Nacht von Menschen ausgetauscht worden waren, die nirgendwo sonst mehr einen Ort zum Verstecken hatten.Ich saß mit dem Rücken fest gegen die Ecke der Sitzbank gedrückt und behielt jedes Mal die schwere Glastür im Blick, wenn draußen ein Auto über den nassen Asphalt fuhr. Mein Trenchcoat war von meinem hastigen Weg durch die Gasse noch feucht, aber ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, ihn auszuziehen.Auf der anderen Seite des Resopaltisches saß Lena, ihr dunkles Haar zu einem unordentlichen Dutt zurückgebunden, ihre Finger fest um einen angeschlagenen Keramikbecher mit schwarzem Kaff
Ezras POVDas Apartment war vollkommen still, abgesehen vom leisen Summen des Kühlschranks im Flur und dem gleichmäßigen, rhythmischen Atem von Jace neben mir.Wir waren von den Bodenkissen auf das übergroße Sofa unter den hohen Wohnzimmerfenstern gewechselt. Die Lichterketten am Bücherregal warfen noch immer einen warmen, bernsteinfarbenen Schein über die Wände und hielten die harten Konturen der New Yorker Nacht auf Abstand. Es gab keine Dringlichkeit mehr in diesem Raum, keine hektisch tickende Uhr, die uns in die nächste Unternehmenskrise oder zu einer weiteren unmöglichen Entscheidung trieb, die unsere Väter für uns getroffen hatten.Jace saß mit dem Rücken in die Ecke des Sofas gelehnt, die Beine ausgestreckt über die Polster, eine weiche graue Decke locker über seinen Schoß gelegt. Ich saß neben ihm, unsere Schultern berührten sich, und die Distanz zwischen uns war vollständig verschwunden.„Du starrst“, murmelte Jace, ein kleines, schläfriges Lächeln spielte um seine Mundwinke
Ezras POVDie schwere Eichentür fiel ins Schloss, und der Riegel rastete mit einem letzten, widerhallenden dumpfen Geräusch ein, das durch den stillen Flur vibrierte.Die Anwälte waren verschwunden. Die Sicherheitsleute hatten sich zu den Aufzügen zurückgezogen, als Helens Eilantrag ihre Tablets erreicht und ihre Unternehmensvollmachten eingefroren hatte, bevor sie die Türschwelle überschreiten konnten.Zum ersten Mal seit achtundvierzig Stunden war das Penthouse vollkommen still.Keine klingelnden Telefone. Keine blinkenden Alarmsignale auf den Sicherheitsmonitoren. Keine Männer in teuren Anzügen, die gegen die Tür hämmerten.Nur der Klang unserer Atemzüge in dem dämmrigen, schattigen Eingangsbereich.Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die geschlossene Tür und rutschte langsam hinunter, bis meine Knie den Holzboden berührten. Dann legte ich meine Stirn auf meine Arme.Mein ganzer Körper fühlte sich schwer und ausgehöhlt an, als wäre jeder Funken Kampfgeist direkt aus meinen Adern g
Jaces POVDer Regen fiel in dichten Schleiern und verwandelte den Asphalt des Highways in einen schwarzen, spiegelnden See. Jeder vorbeirasende Sattelschlepper schleuderte Wasserwände gegen die Windschutzscheibe des Mietwagens und machte die Sicht praktisch unmöglich.Meine Finger waren fest um das Lenkrad geschlossen, so fest, dass sie inzwischen völlig taub waren.Siebzig Meilen nördlich. So weit war ich gekommen, bevor der Himmel aufriss und der Verkehr zu einem toten, erbärmlichen Stillstand kam. Vor mir erstreckten sich rote Bremslichter so weit das Auge reichte, ein pulsierender, endloser Strom aus Rücklichtern, der im Sturm verschluckt wurde. Ein Massenunfall mit mehreren Fahrzeugen blockierte beide Fahrspuren in Richtung Norden. Mindestens eine Stunde Verzögerung. Zwei Stunden, wenn die Abschleppwagen die Unfallstelle nicht schnell genug räumen konnten.Ich starrte auf die Uhr im Armaturenbrett.14:15 Uhr.Mein Handy lag auf dem Beifahrersitz und vibrierte alle paar Minuten we
Ezras POVDie Luft im unterirdischen Parkhaus roch stark nach Abgasen, feuchtem Beton und altem Öl. Über uns summten Leuchtstoffröhren mit einem leisen, quälenden Dröhnen und warfen lange, kränklich grüne Schatten über Reihen geparkter Limousinen und Luxus-SUVs. Hier unten war es still, drei Stockwerke unter der Straße, weit entfernt von den Glastürmen und Vorstandstischen, an denen unsere Väter so gerne die Fäden zogen.Ich lehnte mit dem Rücken an einer kalten Betonsäule und sah zum vierten Mal innerhalb von zwei Minuten auf meine Uhr.Schritte hallten über die Betonrampe. Schnell, zielstrebig, ihr rhythmisches Klicken über den Boden.Helen tauchte aus dem dämmrigen Licht auf und ging zügig auf mein Auto zu. Sie trug einen maßgeschneiderten Wollmantel, ihr blondes Haar war zu einem strengen Knoten im Nacken gebunden. Ihr Gesicht war völlig ausdruckslos, doch die angespannte Haltung ihrer Schultern sagte mir alles, was ich wissen musste.„Du hättest dieses Treffen nicht hier unten an
Ezras POVDie Eichentür zum privaten Büro meines Vaters fiel mit einem schweren, gedämpften Laut ins Schloss und schirmte das Summen der Handelsfläche unter uns ab.Der Raum roch nach altem Papier, teurem Scotch und Einschüchterung. Raumhohe Mahagoniregale säumten die Wände, gefüllt mit ledergebundenen Gesetzbüchern und gerahmten Fotos meines Vaters, wie er Präsidenten und Gouverneuren die Hand schüttelte, die längst im Ruhestand oder verstorben waren. Es war ein Raum, der dafür geschaffen war, jeden, der über den Perserteppich schritt, klein, machtlos und vollkommen entbehrlich fühlen zu lassen.Mein Vater sah nicht von seinem Mahagonischreibtisch auf. Er saß in einem hohen Ledersessel, sein silbernes Haar ordentlich gekämmt, die Finger unter seinem Kinn ineinandergelegt, während er langsam die Seiten eines ausgedruckten Finanzberichts umblätterte.„Helen sagt mir, dass die morgendliche Besprechung nicht nach Plan verlaufen ist“, sagte mein Vater. Seine Stimme war ruhig, rau und voll