LOGINFür einen Moment sagte niemand etwas.
Das gesamte Klassenzimmer schien schockstarr. Dann begann das Getuschel. „Oh mein Gott." „Das ist brutal." „Mr. Holloway hasst definitiv jemanden." Ein paar Schüler lachten. Ezra saß bewegungslos auf seinem Stuhl und starrte auf den Tisch vor sich. Er hatte sich sicher verhört. Das konnte unmöglich passieren. Das Universum konnte nicht so grausam sein. Unglücklicherweise, als er schließlich aufblickte, starrte Jace Ryland ihn bereits quer durch den Raum an. Und dem Ausdruck auf seinem Gesicht nach zu urteilen, war er auch nicht gerade begeistert. Mr. Holloway las weiter Namen vor, völlig ahnungslos gegenüber dem Chaos, das er gerade ausgelöst hatte. Neben Ezra beugte sich Sophie näher. „Das kann nicht dein Ernst sein." Ezra lachte humorlos auf. „Wünschte, es wäre nur ein Witz." „Vielleicht wird es nicht so schlimm." Beide wussten, dass sie log. Der Lehrer beendete schließlich die Zuteilung der Partner und entließ die Klasse. Die Schüler sprangen sofort von ihren Plätzen, begierig zu gehen, bevor die letzte Glocke läutete. Ezra blieb, wo er war. Vielleicht, wenn er lange genug wartete, würden alle anderen zuerst gehen. Vielleicht würde Jace es vergessen. Vielleicht ... Ein Schatten fiel über seinen Tisch. Sein Magen sank. Langsam blickte er auf. Jace stand vor ihm. Natürlich. „Monroe." Ezra widerstand dem Drang zu seufzen. „Was?" Jace verschränkte die Arme. „Wir müssen reden." Mehrere Schüler in der Nähe wurden sofort langsamer. Lauschten. Großartig. „Worüber?" „Das Projekt." Ezra stopfte seine Bücher in seine Tasche. „Was ist damit?" Jace sah genervt aus. Tatsächlich genervt. Als wäre diese Situation irgendwie Ezras Schuld. „Wir müssen etwas klären." „Was soll das heißen?" „Es bedeutet", sagte Jace langsam, „dass wir unmöglich ein ganzes Semester zusammen überleben." Ein paar Schüler in der Nähe schnaubten. Ezra spürte, wie Ärger in ihm aufflammte. „Denkst du, ich hab mir das gewünscht?" Jace antwortete nicht sofort. Sein Kiefer verspannte sich. Aus irgendeinem Grund machte diese winzige Reaktion Ezra noch wütender. Jahre. Jahre, in denen er von diesem Typen gedemütigt worden war. Und jetzt wollte Jace sich benachteiligt fühlen? Unglaublich. „Weißt du was?", sagte Ezra. „Mach dir keine Sorgen deswegen." Jace runzelte die Stirn. „Was?" „Ich mache das Projekt allein." Der Flur draußen wurde lauter, während die Schüler nach Hause aufbrachen. Im Klassenzimmer jedoch war die Spannung dick genug, um daran zu ersticken. Jace starrte ihn an. „Du kannst das nicht allein machen." „Pass auf." Zum ersten Mal, seit er näher gekommen war, sah Jace tatsächlich überrumpelt aus. Ezra genoss das mehr, als er sollte. „Monroe ..." „Nein." Ezra stand auf und warf sich den Rucksack über eine Schulter. „Ich meine das ernst." Jaces Augen verengten sich. „Warum verhältst du dich so?" Die Frage brachte Ezra fast zum Lachen. Warum er sich so verhielt? Ernsthaft? Jahre voller Witze. Jahre voller Demütigung. Jahre voller Behandlung wie Müll. Und Jace fragte warum? Etwas Dunkles verdrehte sich in Ezras Brust. „Du würdest es nicht verstehen." Bevor Jace antworten konnte, ging Ezra davon. Diesmal hielt er nicht an. Blickte nicht zurück. Kümmerte sich nicht darum, ob Leute starrten. Alles, was er wollte, war nach Hause zu kommen. Weg von der Schule. Weg von Jace. Weg von dem ständigen Gefühl, nicht gut genug zu sein. Unglücklicherweise war es unmöglich, Jace Ryland zu entkommen. Denn zwanzig Minuten später blickte Ezra aus dem Fenster seines Schlafzimmers und sah das Ryland-Haus direkt auf der anderen Straßenseite. Wie immer. Der Anblick ließ ihn stöhnen. Ihre Familien lebten seit Jahren einander gegenüber. Eine Tatsache, die sich zunehmend unfair anfühlte. Von all den Häusern in der Stadt, warum musste Jace ausgerechnet dort wohnen? Warum bestand das Schicksal darauf, ihn zu quälen? Ezra ließ seinen Rucksack auf den Boden fallen und ließ sich auf sein Bett sinken. Die Decke starrte zurück. Still. Spöttisch. Seine Gedanken wanderten zurück ins Klassenzimmer. Zu Jace. Zum Projekt. Zu dieser dummen Frage. Warum verhältst du dich so? Vielleicht, weil ich müde bin. Vielleicht, weil ich das nicht mehr weitermachen kann. Vielleicht, weil es erschöpfend ist, dein Lieblingswitz zu sein. Ein Klopfen unterbrach seine Gedanken. „Ezra?" Die Stimme seiner Mutter. Er richtete sich sofort auf. „Ja?" Die Tür öffnete sich. Monica Monroe trat ein, einen Teller mit Obst in der Hand. Das universelle Zeichen dafür, dass sie reden wollte. Wunderbar. „Wie war die Schule?" Ezra hätte fast gelacht. Wie die Schule war? Genauso wie sie in den letzten drei Jahren jeden Tag gewesen war. Schmerzhaft. Peinlich. Erschöpfend. „Gut." Seine Mutter warf ihm einen Blick zu. Den, der sagte, dass sie wusste, dass er log. Mütter hatten eine erschreckende Fähigkeit dazu. „Ezra." „Mir geht's gut." „Du klingst nicht, als ginge es dir gut." Er blickte weg. Die Sorge in ihrer Stimme ließ ihn sich nur schlechter fühlen. Weil sie sich kümmerte. Weil sie wütend wäre, wenn sie wüsste, wie die Schüler ihn behandelten. Weil er ihr keinen weiteren Grund zur Sorge geben wollte. Die Wahlsaison war bereits stressig genug. Sein Vater schlief in letzter Zeit kaum. Jeder Nachrichtensender schien entschlossen, die Monroe-Ryland-Rivalität in Unterhaltung zu verwandeln. Das Letzte, was seine Familie brauchte, war ein weiteres Problem. „Mir geht's gut, Mom." Sie musterte ihn einen langen Moment, bevor sie schließlich nickte. „Wenn du das sagst." Nachdem sie gegangen war, kehrte die Stille zurück. Ezra ging zum Fenster. Auf der anderen Straßenseite leuchtete ein Licht im Schlafzimmer im zweiten Stock des Ryland-Hauses. Jaces Zimmer. Er war wahrscheinlich dort drin. Dachte wahrscheinlich überhaupt nicht an Ezra. Hing wahrscheinlich mit Freunden ab. Lebte sein perfektes Leben. Der Gedanke hätte ihn trösten sollen. Stattdessen tat er weh. Denn trotz allem wollte ein Teil von Ezra immer noch, dass Jace an ihn dachte. Nur einmal. Nicht als Witz. Nicht als Zielscheibe. Nicht als Unterhaltung. Nur ... ihn. Auf der anderen Straßenseite bewegte sich plötzlich der Vorhang. Ezra erstarrte. Eine Gestalt erschien hinter dem Glas. Jace. Selbst aus der Entfernung war er unverkennbar. Für eine Sekunde bewegte sich keiner von beiden. Keiner blickte weg. Der Moment fühlte sich seltsam intim an. Gefährlich intim. Dann trat Jace näher ans Fenster. Ezras Herz begann sofort zu rasen. Und aus Gründen, die er nicht erklären konnte, fand er sich unfähig wegzusehen.Helens POVDas Neonschild des rund um die Uhr geöffneten Diners summte draußen vor dem regenverschmierten Fenster mit einem leisen, quälenden Brummen und tauchte das rissige rote Vinyl unserer Sitzbank in ein kränkliches pink-gelbes Licht. Es war nach drei Uhr morgens. Die Luft im Inneren roch nach abgestandenem Fett, verbranntem koffeinfreiem Kaffee und Jahrzehnten voller Geheimnisse, die mitten in der Nacht von Menschen ausgetauscht worden waren, die nirgendwo sonst mehr einen Ort zum Verstecken hatten.Ich saß mit dem Rücken fest gegen die Ecke der Sitzbank gedrückt und behielt jedes Mal die schwere Glastür im Blick, wenn draußen ein Auto über den nassen Asphalt fuhr. Mein Trenchcoat war von meinem hastigen Weg durch die Gasse noch feucht, aber ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, ihn auszuziehen.Auf der anderen Seite des Resopaltisches saß Lena, ihr dunkles Haar zu einem unordentlichen Dutt zurückgebunden, ihre Finger fest um einen angeschlagenen Keramikbecher mit schwarzem Kaff
Ezras POVDas Apartment war vollkommen still, abgesehen vom leisen Summen des Kühlschranks im Flur und dem gleichmäßigen, rhythmischen Atem von Jace neben mir.Wir waren von den Bodenkissen auf das übergroße Sofa unter den hohen Wohnzimmerfenstern gewechselt. Die Lichterketten am Bücherregal warfen noch immer einen warmen, bernsteinfarbenen Schein über die Wände und hielten die harten Konturen der New Yorker Nacht auf Abstand. Es gab keine Dringlichkeit mehr in diesem Raum, keine hektisch tickende Uhr, die uns in die nächste Unternehmenskrise oder zu einer weiteren unmöglichen Entscheidung trieb, die unsere Väter für uns getroffen hatten.Jace saß mit dem Rücken in die Ecke des Sofas gelehnt, die Beine ausgestreckt über die Polster, eine weiche graue Decke locker über seinen Schoß gelegt. Ich saß neben ihm, unsere Schultern berührten sich, und die Distanz zwischen uns war vollständig verschwunden.„Du starrst“, murmelte Jace, ein kleines, schläfriges Lächeln spielte um seine Mundwinke
Ezras POVDie schwere Eichentür fiel ins Schloss, und der Riegel rastete mit einem letzten, widerhallenden dumpfen Geräusch ein, das durch den stillen Flur vibrierte.Die Anwälte waren verschwunden. Die Sicherheitsleute hatten sich zu den Aufzügen zurückgezogen, als Helens Eilantrag ihre Tablets erreicht und ihre Unternehmensvollmachten eingefroren hatte, bevor sie die Türschwelle überschreiten konnten.Zum ersten Mal seit achtundvierzig Stunden war das Penthouse vollkommen still.Keine klingelnden Telefone. Keine blinkenden Alarmsignale auf den Sicherheitsmonitoren. Keine Männer in teuren Anzügen, die gegen die Tür hämmerten.Nur der Klang unserer Atemzüge in dem dämmrigen, schattigen Eingangsbereich.Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die geschlossene Tür und rutschte langsam hinunter, bis meine Knie den Holzboden berührten. Dann legte ich meine Stirn auf meine Arme.Mein ganzer Körper fühlte sich schwer und ausgehöhlt an, als wäre jeder Funken Kampfgeist direkt aus meinen Adern g
Jaces POVDer Regen fiel in dichten Schleiern und verwandelte den Asphalt des Highways in einen schwarzen, spiegelnden See. Jeder vorbeirasende Sattelschlepper schleuderte Wasserwände gegen die Windschutzscheibe des Mietwagens und machte die Sicht praktisch unmöglich.Meine Finger waren fest um das Lenkrad geschlossen, so fest, dass sie inzwischen völlig taub waren.Siebzig Meilen nördlich. So weit war ich gekommen, bevor der Himmel aufriss und der Verkehr zu einem toten, erbärmlichen Stillstand kam. Vor mir erstreckten sich rote Bremslichter so weit das Auge reichte, ein pulsierender, endloser Strom aus Rücklichtern, der im Sturm verschluckt wurde. Ein Massenunfall mit mehreren Fahrzeugen blockierte beide Fahrspuren in Richtung Norden. Mindestens eine Stunde Verzögerung. Zwei Stunden, wenn die Abschleppwagen die Unfallstelle nicht schnell genug räumen konnten.Ich starrte auf die Uhr im Armaturenbrett.14:15 Uhr.Mein Handy lag auf dem Beifahrersitz und vibrierte alle paar Minuten we
Ezras POVDie Luft im unterirdischen Parkhaus roch stark nach Abgasen, feuchtem Beton und altem Öl. Über uns summten Leuchtstoffröhren mit einem leisen, quälenden Dröhnen und warfen lange, kränklich grüne Schatten über Reihen geparkter Limousinen und Luxus-SUVs. Hier unten war es still, drei Stockwerke unter der Straße, weit entfernt von den Glastürmen und Vorstandstischen, an denen unsere Väter so gerne die Fäden zogen.Ich lehnte mit dem Rücken an einer kalten Betonsäule und sah zum vierten Mal innerhalb von zwei Minuten auf meine Uhr.Schritte hallten über die Betonrampe. Schnell, zielstrebig, ihr rhythmisches Klicken über den Boden.Helen tauchte aus dem dämmrigen Licht auf und ging zügig auf mein Auto zu. Sie trug einen maßgeschneiderten Wollmantel, ihr blondes Haar war zu einem strengen Knoten im Nacken gebunden. Ihr Gesicht war völlig ausdruckslos, doch die angespannte Haltung ihrer Schultern sagte mir alles, was ich wissen musste.„Du hättest dieses Treffen nicht hier unten an
Ezras POVDie Eichentür zum privaten Büro meines Vaters fiel mit einem schweren, gedämpften Laut ins Schloss und schirmte das Summen der Handelsfläche unter uns ab.Der Raum roch nach altem Papier, teurem Scotch und Einschüchterung. Raumhohe Mahagoniregale säumten die Wände, gefüllt mit ledergebundenen Gesetzbüchern und gerahmten Fotos meines Vaters, wie er Präsidenten und Gouverneuren die Hand schüttelte, die längst im Ruhestand oder verstorben waren. Es war ein Raum, der dafür geschaffen war, jeden, der über den Perserteppich schritt, klein, machtlos und vollkommen entbehrlich fühlen zu lassen.Mein Vater sah nicht von seinem Mahagonischreibtisch auf. Er saß in einem hohen Ledersessel, sein silbernes Haar ordentlich gekämmt, die Finger unter seinem Kinn ineinandergelegt, während er langsam die Seiten eines ausgedruckten Finanzberichts umblätterte.„Helen sagt mir, dass die morgendliche Besprechung nicht nach Plan verlaufen ist“, sagte mein Vater. Seine Stimme war ruhig, rau und voll