LOGINIm isolierten Bergheiligtum Solis-Vanth werden Waisen durch eiserne, körperliche Disziplin zu den Elite-Kriegern der Phalanx ausgebildet. Zwischen dem ungestümen Kael, der unter einer zerstörerischen Überdosis unkontrollierbarer Feuer-Energie leidet, und seinem unterkühlten Rivalen Ryu, dem letzten Überlebenden des Gezeiten-Clans, schwelt eine hochelektrische, verbotene Anziehung. Doch als der abtrünnige Meister Nogusa Ryu die verbotene Kunst der Kraft-Extraktion verspricht, um den Mörder seiner Familie zu richten, bricht dieser den heiligen Eid und flieht zur Obsidian-Häresie ins Tiefland. In den Klauen dieses düsteren Kults, der nach unsterblicher Macht strebt und dafür das Phreem anderer Krieger raubt, werden die einstigen Seelenverwandten zu erzwungenen Gegnern auf Leben und Tod. Als das Ritual der Häretiker das unberührte Ur-Heiligtum der Welt zu vernichten droht, wirft sich Kael wehrlos in Ryus pechschwarzen Schattensturm, um ihn mit einer kompromisslosen, glühenden Umarmung aus der Dunkelheit zurückzuholen und das Gleichgewicht der Welt durch die Fusion ihrer Seelen zu retten.
View MoreEin dumpfer Aufprall erschütterte den weißen Stein des Trainingshofs. Jiro flog rückwärts durch die staubige Luft, die Arme schützend vor das Gesicht gerissen, bevor er hart auf dem Marmor schlitterte und reglos liegen blieb.
Das Wasser, das er vor einer Sekunde noch flüssig aus der Luft geformt hatte, klatschte als fader, wirkungsloser Schwall auf den Boden.
„Unpräzise, Jiro“, tönte die Stimme von Kanoniker Taro durch die Symmetrie des Hofes.
Der alte Mann stand unbeweglich am Rand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Augen starr nach vorn gerichtet. „Du ziehst das Phreem nicht aus dem Atem. Der Einklang fehlt. Setzen.“
Jiro rappelte sich mühsam auf, wischte sich den Staub von der grauen Novizen-Tunika und schlich mit gesenktem Kopf zu Ren an die Wand.
Kael atmete tief durch die Nase ein. Der Hof roch nach aufgewirbeltem Kalk, kaltem Schweiß und dem scharfen, vertrauten Duft von Minze, der von der anderen Seite des Kreises herüberwehte.
Er blickte nicht hin.
Er musste nicht. Er spürte die Kälte, die Ryu umgab, wie eine physische Barriere im Raum.
„Kael. Ryu. Vortreten“, befahl Taro.
Kaels Herz hämmerte schlagartig gegen seine Rippen.
Er trat vor, die nackten Sohlen auf dem aufgeheizten Stein. Als er sich im Zentrum des Kreises umdrehte, stand Ryu bereits da. Unnahbar.
Die tiefblauen Augen fixierten Kaels Stirn, nicht seine Augen, was Kael mehr reizte als jeder offene Spott. Die markante Narbe über Ryus rechtem Auge wirkte im gleißenden Mittagslicht wie ein weißer Strich auf Porzellan.
„Form der ersten Gezeit“, sagte Taro ruhig. „Keine Waffen. Nur das Phreem.“
Ryu sank tiefer in die Knie. Seine Bewegungen besaßen eine fließende, fast arrogante Eleganz, die Kaels Fokus enger zog, als ihm recht war. Das tiefblaue Haar war so straff zurückgebunden, dass es die scharfe, feine Linie seines Kiefers freilegte. Kühle, vollkommen makellose Symmetrie.
Entlang seiner Unterarme begannen die Lumina-Linien zu erwachen. Erst ein mattes Schimmern, dann ein pulsierendes, eisiges Blau.
Die Luft um Ryus Hände herum verdichtete sich; winzige Wassertropfen schälten sich aus der Hitze des Mittags und begannen, wie flüssiges Glas um seine Finger zu kreisen.
Ein vertrautes, gefährliches Reißen spannte sich in Kaels Brust. Seine goldenen Lumina flammten auf.
Zu hell. Zu unkontrolliert.
Die Hitze schoss ihm in die Wangen, und unter seinen Stiefeln begann der raue Stein trocken zu knistern. Ein feiner Dunst von verbranntem Holz stieg von seinen Schultern auf.
Er wollte dieses Brennen bändigen, wollte Taro zeigen, dass er die Aszese beherrschte. Aber Ryus Präsenz staute das Phreem in ihm wie eine Talsperre kurz vor dem Bruch.
Ryu hob das Kinn. Ein winziges, kaum merkliches Zucken seines Mundwinkels. Spott.
Das war der Funke.
Kael stieß sich ab. Der Stein unter seinen Fersen splitterte, als er mit einem Satz die Distanz überwand. Ein hoher, gedrehter Tritt, die Ferse von goldenem Feuer umpeitscht, zielte auf Ryus Schläfe.
Ryu duckte sich, ohne einen Wimpernschlag zu zögern. Das feurige Zischen von Kaels Fuß passierte seine Haare um eine Fingerbreite, ließ die losen, dunkelblauen Strähnen an den Schläfen wild aufwirbeln.
Noch in der Drehung fing Ryu den Schwung ab, leitete die Energie um und stieß beide Handflächen gegen Kaels Rippen. Ein Schwall eiskalten Wassers explodierte aus Ryus Handflächen, traf Kael an der Brust und zischte ohrenbetäubend, als es auf Kaels hitzige Haut traf.
Heißer Dampf hüllte sie beide ein.
Durch den Dampf fixierte Kael diese tiefblauen, arroganten Augen. Er fing den Sturz ab, wirbelte auf den Handflächen herum und feuerte eine Salve von feurigen Fauststößen nach vorn.
Jeder Schlag war ein stummes Aufbegehren gegen die unnahbare Perfektion, mit der Ryu ihn seit Jahren strafte. Zieh endlich blank, forderte das Gold in seinen Adern. Tu nicht so, als wäre ich Luft für dich.
Ryu parierte jeden einzelnen Stoß mit einer fast beleidigenden Leichtigkeit. Seine Handgelenke klatschten hart gegen Kaels Unterarme, Wasser blockte Feuer, Geist konterte Instinkt.
Bei jeder Parade übertrug sich der massive Widerstand von Ryus Phreem, eine eiskalte, unnachgiebige Wand, die Kael mit jedem Aufprall tiefer frustrierte. Ryu war so nah, dass sein gletscherfrischer Atem Kaels Haut streifte.
Kael hörte das verächtliche Schnauben aus dessen Nase und sah für den Bruchteil einer Sekunde das feine Pulsieren der blauen Lumina auf Ryus Schlüsselbeinen, kurz bevor die Kälte von Ryus Vaelen-Form die Hitze seiner eigenen Fäuste erstickte.
Das Eis an Kaels Handgelenk tat weh. Es war kein stumpfer Schmerz, sondern ein stechender, tiefer Reiz, der die gestaute Hitze in seinen Adern wie Nadeln explodieren ließ.
Ein wildes Knistern lief durch seine Lumina. Das Gold auf seiner Haut fraß sich unbarmherzig gegen das eisige Blau von Ryus Linien, fraß sich durch den nassen Stoff von Ryus Ärmel, bis Haut auf nackte Haut traf. Zischen.
Weißer Dunst quoll zwischen ihren Unterarmen hervor.
Kael gab nicht nach. Er nutzte den Hebel, den Ryu an seinem Gelenk angesetzt hatte, warf sein gesamtes Gewicht nach vorn und zwang Ryu einen Schritt zurück.
Ryus Füße schlitterten über den nassen Stein, doch sein Griff lockerte sich nicht um einen Millimeter. Sein Atem kam stoßweise, kühl gegen Kaels erhitzte Wange.
Der Druck in Ryus Fingern war wie eine eiserne Zwinge, eine Demonstration absoluter Dominanz, die Kael das Blut in den Ohren rauschen ließ.
Ryu hielt ihn am Boden und Kaels Wangen glühten vor Demütigung vor den Augen der anderen Novizen.
Sein Gegner verengte die Augen zu Schlitzen, kalt und abschätzig.
Mit einer fließenden Drehung der Hüfte löste er den Griff, duckte sich unter Kaels Arm weg und schlug die offene Handfläche flach gegen dessen Sonnengeflecht.
Kein Schwall Wasser, nur die konzentrierte Wucht des Phreems, die sich wie ein physischer Rammbock in Kaels Eingeweide bohrte.
Kael flog rückwärts. Die Luft entwich seinen Lungen in einem staubigen Keuchen. Er wirbelte in der Luft herum, fing den Sturz mit den Handflächen ab und schlitterte auf den Knien über den rauen Marmor, bis seine Fersen die Kante des inneren Kreises berührten.
Der Dampf um sie herum lichtete sich, wurde vom unbarmherzigen Wind der Zinnen hinweggefegt. Ryu stand bereits wieder in der Ausgangshaltung der Gezeit.
Die Handflächen offen und exakt parallel vor seinem Sonnengeflecht, die Fingerkuppen leicht angewinkelt, während das eiskalte Blau seiner Lumina so schnell erlosch, als wäre es nie da gewesen.
Nur der nasse, leicht verschmorte Stoff an seinem Ärmel verriet, was sich im Nebel abgespielt hatte.
Seine Züge waren wieder aus Stein.
Kalt. Tot.
„Es reicht“, ertönte Taros Stimme.
Der alte Kanoniker hatte sich nicht bewegt, doch seine Hand lag schwer auf dem Knauf seines Gehstocks.
„Ryu – die Form war präzise, aber deine Gezeit hat gezögert. Du hast den Fluss blockiert, als Kaels Hitze den Druck erhöht hat. Warum?“
Ryu senkte den Kopf. Die nassen Haare fielen ihm in die Stirn und verdeckten die Narbe. „Unachtsamkeit, Meister.“
„Stolz“, korrigierte Taro scharf. Seine blinden Augen wandten sich exakt in Kaels Richtung.
„Du weigerst dich, dich auf sein Tempo einzustellen. Und du, Kael. Du verpulverst dein Phreem. Du loderst unkontrolliert nach außen, anstatt die Energie im Kern zu bündeln und kontrolliert fließen zu lassen. Wenn du so weitermachst, brennst du deine eigenen Lumina aus, noch bevor du den Gegner überhaupt erreichst. Für heute ist das Training beendet. Reinigt euch.“
Taro drehte sich um, das monotone Tock-Tock seines Stocks auf dem Marmor spaltete die Stille des Hofes.
Jiro und Ren huschten sofort an Kael vorbei, die Blicke zu Boden gerichtet, bloß weg von der unberechenbaren Hitze, die immer noch in Wellen von Kaels Schultern abstrahlte.
Kael blieb auf den Knien sitzen, die Handflächen flach auf den heißen Stein gepresst.
Das Gold unter seiner Haut verlor an Hitze, während eine brennende Frustration in seinen Muskeln verblieb.
Wieder nicht gereicht. Wieder war er der Unbeherrschte gewesen.
Als er aufsah, war Ryu bereits auf dem Weg zu den inneren Hallen. Er ging aufrecht, die Schultern gestrafft, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach dem Verlierer umzusehen.
An der Schwelle zum Schatten des Korridors verharrte Ryu für den Bruchteil einer Sekunde. Seine linke Hand ballte sich langsam zur Faust. Dann verschwand er im Dunkeln.
Das Kloster des verlassenen Pfades kauerte wie ein gebleichter Schädel an den zerschrunden Flanken der Nordost-Klippen. Der Wind pfiff durch die zerborstenen Buntglasfenster des Hauptschiffs, ein monotoner, klagender Ton, der den allgegenwärtigen Gestank nach altem Pergament und feuchtem, bröckelndem Kalkstein aufwirbelte.Ren stieß die schweren, verrotteten Eichenflügel der Pforte mit der Schulter auf. Der massive Erdkrieger wankte, seine Knie gaben unter dem Gewicht fast nach. Er schleppte Meio in den spärlich erleuchteten Innenraum und legte ihn mit einer zitternden, fast zerbrechlichen Behutsamkeit auf den kalten Granitaltar im Zentrum der Halle.Kael schloss das Portal hinter ihnen, verriegelte den massiven Eisenriegel, um die aschgraue Einöde auszusperren. Die Kälte in seinem eigenen Körper war inzwischen zu e
Der Aufstieg aus dem Untergrund war ein quälender Akt der Gewohnheit.Kael klammerte sich an die scharfen Kanten des zerborstenen Gesteins. Die nackten, rissigen Fingerkuppen bluteten, der raue Schiefer riss tiefe Kratzer in seine Handflächen, doch er spürte den Schmerz nur als ein dumpfes, weit entferntes Echo. Was seine gesamte Existenz ausfüllte, war die Kälte. Es war ein feindseliges Gefrieren, das sich in seinem Knochenmark eingenistet hatte. Ohne den inneren Schmelzofen, ohne die schützende, weiße Glut, war Kael der physischen Welt absolut schutzlos ausgeliefert. Die klamme Nässe der Höhlen kroch durch den Stoff seiner zerrissenen Lederjacke, legte sich wie eine Schicht aus Raureif auf seine Haut und ließ seine Muskulatur unkontrolliert zittern.Jeder Atemzu
Die Kälte besaß keinen physischen Ursprung in den feuchten, scharfkantigen Wänden der unterirdischen Kaverne und sie kroch nicht aus den schwarzen, stehenden Pfützen am Boden.Diese Kälte wurde in ihm geboren.Kael schlug die Augen auf, doch der Unterschied zwischen geschlossenen und geöffneten Lidern war marginal. Eine abgrundtiefe, drückende Schwärze hüllte ihn ein, nur durchbrochen vom matten, kränklichen Glimmen einiger biolumineszenter Flechten an der niedrigen Höhlendecke. Er lag auf dem harten, unerbittlichen Felsgestein. Jemand hatte eine grobe, nach Erde und Schweiß riechende Wolldecke über ihn geworfen, doch der Stoff bot nicht den geringsten Trost.Sein Körper zitterte in einem unkontrollierbaren, gewaltsamen Rhythmus. Die Zähne schlugen so hart aufeinander, dass der metallische Geschmack von frischem Blut seine trockene Zunge flutete.Er versuchte, tief Luft zu holen. Der Instinkt forderte Sauerstoff, um den inneren Ofen anzufachen.Die Strafe folgte augenblicklich. Ein m
Die Kälte besaß keinen physischen Ursprung in den feuchten, scharfkantigen Wänden der unterirdischen Kaverne und sie kroch nicht aus den schwarzen, stehenden Pfützen am Boden.Diese Kälte wurde in ihm geboren.Kael schlug die Augen auf, doch der Unterschied zwischen geschlossenen und geöffneten Lidern war marginal. Eine abgrundtiefe, drückende Schwärze hüllte ihn ein, nur durchbrochen vom matten, kränklichen Glimmen einiger biolumineszenter Flechten an der niedrigen Höhlendecke. Er lag auf dem harten, unerbittlichen Felsgestein. Jemand hatte eine grobe, nach Erde und Schweiß riechende Wolldecke über ihn geworfen, doch der Stoff bot nicht den geringsten Trost.Sein Körper zitterte in einem unkontroll




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