Das Brechen der Gezeiten

Das Brechen der Gezeiten

last updateLast Updated : 2026-07-21
By:  Eva JenningUpdated just now
Language: Deutsch
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Im isolierten Bergheiligtum Solis-Vanth werden Waisen durch eiserne, körperliche Disziplin zu den Elite-Kriegern der Phalanx ausgebildet. Zwischen dem ungestümen Kael, der unter einer zerstörerischen Überdosis unkontrollierbarer Feuer-Energie leidet, und seinem unterkühlten Rivalen Ryu, dem letzten Überlebenden des Gezeiten-Clans, schwelt eine hochelektrische, verbotene Anziehung. Doch als der abtrünnige Meister Nogusa Ryu die verbotene Kunst der Kraft-Extraktion verspricht, um den Mörder seiner Familie zu richten, bricht dieser den heiligen Eid und flieht zur Obsidian-Häresie ins Tiefland. In den Klauen dieses düsteren Kults, der nach unsterblicher Macht strebt und dafür das Phreem anderer Krieger raubt, werden die einstigen Seelenverwandten zu erzwungenen Gegnern auf Leben und Tod. Als das Ritual der Häretiker das unberührte Ur-Heiligtum der Welt zu vernichten droht, wirft sich Kael wehrlos in Ryus pechschwarzen Schattensturm, um ihn mit einer kompromisslosen, glühenden Umarmung aus der Dunkelheit zurückzuholen und das Gleichgewicht der Welt durch die Fusion ihrer Seelen zu retten.

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Chapter 1

5. Die Last des weißen Steins (Kael-POV)

Jede einzelne Rippe auf seiner rechten Seite protestierte schmerzhaft, als Kael die Augen aufschlug. Der Abdruck von Ryus Knie brannte wie ein glühendes Siegel mitten auf seinem Brustbein, und das Aufstehen fühlte sich an, als bestünde sein gesamtes Skelett aus schwerem Eisen.

Kael setzte sich schwerfällig auf die Bettkante, stieß ein leises Fluchen gegen die klamme Kälte seiner Kammer aus und strich sich mit einer fahrigen Bewegung durch die fuchsroten Zacken seines Haares. 

Als seine Fingerspitzen unwillkürlich über die empfindlichen Druckstellen an seinen Handgelenken strichen, kehrte die vergangene Nacht mit voller Wucht zurück. Er schmeckte fast wieder den aufgewirbelten, heißen Dampf auf den Lippen, roch den eisigen, klaren Hauch von wilder Minze, der an Ryu gehaftet hatte, und spürte den harten, nassen Aufprall im schmelzenden Schnee.

Sieh mich an, hatte sein Blick gefordert, während Ryu ihn im Schmutz fixierte. Und Ryu hatte ihn angesehen. Ohne seine unnahbare, arrogante Maske, beherrscht von einer plötzlichen, Panik vor der Hitze, die Kael verströmte. Es war nur ein winziger Wimpernschlag gewesen, doch das Eis hatte Risse bekommen.

Der tiefe, monotone Klang des Morgengongs vibrierte durch die steinernen Wände seiner Kammer und riss ihn jäh aus der Erinnerung.

Zehn Minuten später betrat Kael den inneren Tempelgarten.

Das erste Morgenlicht lag flach und schmutzig grau auf dem Hof, noch ehe die Sonne die Zinnen überwunden hatte. Eine dünne Puderzuckerschicht aus nächtlichem Neuschnee vermochte die Spuren ihrer Verwüstung nicht zu verbergen.

Wo Kael das Phreem entfesselt hatte, klaffte der nackte Marmor rußgeschwärzt und geborsten. Direkt daneben schmatzte aufgeweichter, schlammiger Boden unter einer hauchdünnen Eisschicht – die traurige Hinterlassenschaft von Ryus geschmolzener Wasserkunst, die das Gras darunter im Kampf ertränkt hatte.

Der scharfe Geruch von versengtem Fels und kaltem Schwefel hing noch immer zäh in der Luft.

Mitten auf diesem geschundenen Flecken Erde wartete Kanoniker Taro. Seine knöchrigen Finger umschlossen den verzierten Knauf des Gehstocks; die blinden, milchigen Augen starrten stumm auf die Brandstellen im Stein.

Kael zügelte seinen Schritt. Aus dem gegenüberliegenden Säulengang trat zeitgleich Ryu. Er schritt aufrecht, die Schultern gestrafft, das lange, tiefblaue Haar wieder zu einem makellosen, strengen Zopf im Nacken gebunden. Kein Fleck beschmutzte seine aschgraue Tunika, kein Makel trübte seine Miene. Nur das unruhige Flackern der silberblauen Linien an seinem Hals verriet die mühsam gezügelte Anspannung darunter.

Beide hielten exakt drei Schritte vor dem Mentor. Keiner von ihnen würdigte den anderen eines Blickes.

„Die Nacht war unruhig“, sprach Taro leise in das Knirschen des gefrorenen Bodens hinein. „Zwei Ströme, die blind gegeneinanderbranden, bis beide versiegen. Ihr glaubt noch immer, eure Kraft gehört euch allein.“

Kael presste die Lippen aufeinander, bis seine rissigen Mundwinkel schmerzten. „Kanoniker, ich wollte nur—“

„Schweig, Kael“, schnitt der Älteste ihm ohne jede Schärfe das Wort ab, doch das Gewicht seiner Stimme drückte schwer auf Kaels geprellte Schultern.

Taro hob den hölzernen Stab und wies nach Norden, dorthin, wo die endlosen, in den Fels gehauenen Stufen im dichten Morgennebel verschwanden.

„Ihr habt die Symmetrie gebrochen. Also werdet ihr sie gemeinsam wiederherstellen. Oben am Hohen Pass sprengte der Frost zwei der schweren Zinnensteine. Ihr schafft den Ersatz hinauf. Zu Fuß.“

Kael atmete gepresst ein. Die frostige Luft biss ihm wie Nadeln in die Kehle. Der Hohe Pass lag nahe dem Gipfel, dreitausend steile, vereiste Stufen über dem Tempel.

„Und das Wichtigste“, fügte Taro hinzu, während das hölzerne Ende seines Stocks ein letztes Mal auf dem Stein aufschlug. Ein dumpfer, endgültiger Ton.

„Ihr werdet kein Phreem nutzen. Weder für die Last noch gegen den Frost. Wenn ich auch nur einen Funken Gold oder ein Pulsieren von Blau auf dem Berg spüre, fangt ihr von vorne an. Geht.“

Der Wind auf den Stufen pfiff nicht nur; er schnitzte wie eine stumpfe, rostige Säge durch den dünnen Stoff ihrer grauen Novizentuniken.

Schon nach den ersten fünfhundert Stufen gaben Kaels Knie bei jedem Auftreten haltlos nach. Seine Unterarme zitterten unkontrolliert unter der Last des nackten Marmors, den er mühsam vor der Brust verkantet hielt.

Fünfzig Pfund spröder, eisiger Stein, der ihm bei jedem Atemzug die Rippen zusammendrückte und die Luft aus den Lungen presste. Das Material saugte die Wärme gierig aus seinem Körper; an den Stellen, an denen seine Haut den Marmor berührte, klebte der Stein fast wie Pech und riss beim Nachfassen winzige Hautfetzen mit sich. Seine Finger färbten sich blaurot, die Knöchel waren an den scharfen Kanten längst blutig gescheuert.

Immer wieder flammte der heiße Instinkt in seinem Sonnengeflecht auf, wollte die lindernde, goldene Glut in seine erstarrten Glieder jagen, doch Kael musste den Impuls jedes Mal mühsam im Keim ersticken. Ihn abzuwürgen fühlte sich an, als würde er sich selbst die Kehle zudrücken.

Zwei Stufen über ihm stieg Ryu empor.

Kael hielt den Blick stur auf Ryus Fersen gerichtet.

Das Genie trug den exakt gleichen Block. Seine Schritte wirkten schwerfälliger als gewohnt, doch er setzte einen Fuß vor den anderen, mechanisch, unerbittlich, als hätte er jegliche Verbindung zu den Schmerzensschreien seiner eigenen Muskeln gekappt.

Ryus Tunika klebte am Rücken fest, durchnässt von Schweiß, der in der Sekunde des Austretens zu einer dünnen, glitzernden Eiskruste gefror. Einzelne, dunkle Haarsträhnen peitschten ihm im böigen Wind ins Gesicht, blieben an den feuchten Wangen haften, doch Ryu schüttelte sie nicht einmal ab.

Er hatte Kael seit dem Aufbruch kein einziges Mal angesehen.

Diese absolute Ignoranz fraß sich heißer in Kaels Geduld als das mörderische Gewicht auf seinen Schultern. Sie quälten sich unter derselben Last, brachen auf denselben rutschigen Stufen ein, und doch tat dieser Kerl so, als stiege er einsam durch ein unberührtes Schneefeld. Kael presste die eisige Höhenluft in seine brennenden Lungen.

Das heftige Ziehen in seinen Oberschenkeln feuerte er mit purem Trotz an, während er das Tempo anzog. Er dachte nicht daran, auch nur einen Schritt hinter diesem Perfektionisten zurückzubleiben.

Seine schweren Stiefel krachten laut auf den gefrorenen Stein. Stufe um Stufe schob er sich an Ryu heran, bis dessen schwerer, rhythmischer Atem das Pfeifen des Windes in seinen Ohren übertönte.

„Du wirst langsamer, Genie“, presste Kael zwischen den Zähnen hervor, während ihm die Worte als wirre Dampfwolken aus dem Mund rissen.

Ryu verhaspelte sich nicht im Schritt. Er hielt die Symmetrie seiner Bewegung, stieg auf die nächste Plattform und hob das Kinn, ohne sein Tempo auch nur um einen Herzschlag zu verändern.

„Spar dir deinen Atem, Kael. Du wirst ihn brauchen, um deinen Stein nicht fallen zu lassen.“

Die Stimme klang rauer als sonst, gezeichnet von der Erschöpfung des Aufstiegs, und genau dieses aggressive Reiben trieb Kaels Puls augenblicklich in die Höhe. Das war es, was er brauchte. Er wollte diese unnahbare Maske endlich einreißen. Er wollte sehen, dass das Genie an denselben Grenzen kratzte wie er selbst.

Ein plötzlicher, brutaler Windstoß fegte über die offene Flanke der Klippe.

Kael verlor für einen fatalen Moment den Halt und rutschte mit dem linken Fuß auf einer dünnen Schicht aus schwarzem Eis weg. Die unbarmherzige Last des Marmorblocks kippte zur Seite, verlagerte seinen Schwerpunkt und riss seinen Oberkörper unaufhaltsam in Richtung der ungesicherten Abgrundkante.

Sein Überlebensinstinkt reagierte sofort. Das goldene Phreem in seiner Brust drängte explosionsartig nach oben, heiß und bereit, als rettende Barriere aus seiner Haut zu brechen. Es schmeckte nach kochendem Metall und heißer Asche in seiner Kehle.

Kael musste die Kraft mit einem heftigen, schmerzhaften Schluckauf im Keim ersticken, um Taros Strafe nicht zunichtezumachen. Er drohte an seiner eigenen, blockierten Glut zu ersticken, während der Abgrund nach seinen Fersen griff.

Noch ehe er kippen konnte, schoss ein Griff herbei und krallte sich in den feuchten Leinenstoff seiner Tunika. Ein brutaler Ruck stoppte seinen Sturz.

Ryu hatte seinen eigenen Block mit einem dumpfen, harten Aufschlag auf den Absatz gleiten lassen und den Marmor im selben Moment mit den Schienbeinen unbarmherzig gegen die Kante der nächsthöheren Stufe gekeilt. Ein scharfes, gepresstes Zischen entwich Ryus Nase – der Aufprall des Steins auf dem abgehärteten Knochen tat weh, doch seine Beine hielten der Belastung stand. Seine Unterarme vibrierten unter dem plötzlichen Gewicht, das er abfangen musste, während sich seine eiskalten, tauben Finger durch den nassen Stoff direkt in Kaels erhitzte Schulter gruben.

Sie bewegten sich nicht. Ryu hockte auf der oberen Stufe, das Gesicht nur wenige Handbreit von Kaels Gesicht entfernt. Sein Atem roch intensiv nach scharfer Flussminze und traf Kaels erhitzte Haut wie ein kühler Luftzug.

Ryu starrte ihn an. Seine dunklen Pupillen waren so weit geöffnet, dass sie das Blau seiner Augen fast vollständig verschluckten. Sein Kiefer war so fest zusammengepresst, dass ein feiner Muskel an seiner Schläfe zuckte.

Kael verstand diesen Blick nicht.

Er sah darin keine Erleichterung, sondern nur eine unbändige, fast wild gewordene Wut darüber, dass Kael diesen Fehler begangen hatte – und das tiefe, unregelmäßige Hämmern von Ryus Puls an dessen Handgelenk, das so gar nicht zu der gewohnten, künstlichen Ruhe des Genies passen wollte.

„Unterdrück es“, presste Ryu hervor, seine sonst so glatte Stimme vibrierte vor rauer Anspannung. „Wenn dein Feuer ausbricht, fangen wir von vorne an. Unterdrück es, verdammt noch mal!“

Kael hielt dem Blick stand. In diesen bodenlosen, blauen Augen spiegelte sich kein hochmütiger Spott, sondern eine wütende, fast verzweifelte Verbissenheit. Hinter den starren Zügen des Genies rührte sich etwas, das Kael nicht benennen konnte, ein dunkler Abgrund, der ihn magisch anzog.

Kael presste die Backenzähne so fest aufeinander, dass sein Kiefer schmerzte, schloss die Lider und schob das drängende Gold mit brutaler Willenskraft zurück in seine Bahnen.

Es fühlte sich an, als müsse er kochendes Erz schlucken. Seine Brust krampfte, die Lunge schrie nach Sauerstoff, doch die heiße Glut unter seiner Haut erlosch. Mit einem tiefen, keuchenden Atemzug fand er den Halt auf dem rutschigen Stein wieder, balancierte den Marmorblock über seinem Schwerpunkt aus und stand wieder sicher auf beiden Beinen.

Ryu entließ ihn augenblicklich aus dem Griff. Seine durchnässten, eiskalten Finger glitten von Kaels kochend heißer Schulter, und für einen Wimpernschlag entstand ein feines, feuchtheißes Zischen, wo die extreme Kälte auf Kaels glühende Haut getroffen war. Ryu wich zurück, als hätte er sich an dem nassen Leinen verbrannt.

Er wirbelte herum, wuchtete seinen eigenen Block mit einer fast schon hastigen Bewegung wieder auf die Schulter und schritt voran. Seine Schritte besaßen nicht mehr die vollkommene, schwebende Ruhe von vorhin. Unter der blassen Haut seines Nackens flackerten rissige, silberblaue Lichtbahnen wie berstendes Eis auf, ehe er sie mit einem heftigen, tiefen Atemzug wieder in die Dunkelheit zwang.

Kael verharrte auf der schneebedeckten Stufe, während sein Herz wie ein wilder, eingesperrter Vogel gegen die Rippen hämmerte. Er starrte auf seine blutverschmierten Knöchel, dann hinauf zu dem unnachgiebigen Rücken des anderen Jungen.

Da lag kein Funken Mitleid in diesem Griff, keine Spur von unerwünschter Fürsorge. Ryu brauchte diesen unbarmherzigen, lautlosen Krieg zwischen ihnen genauso dringend wie er selbst.

Wenn Kael in die Tiefe stürzte, verlor auch das unnahbare Genie seinen einzigen echten Gegner in dieser starren Tempelwelt. Ryu brauchte ihn als den rauen Schleifstein, an dem er seine eigene, eisige Klinge schärfen konnte.

Ein dreckiges, freches Grinsen stahl sich auf Kaels Gesicht, obwohl die Kälte seine Lippen schmerzhaft aufplatzen ließ und das Blut sofort im Wind fror.

Er packte den rauen Marmor noch fester, krallte die Finger in den Stein und stieg dem Genie hinterher. Schritt um Schritt. Er würde Ryu dazu zwingen, ihn wieder anzusehen.

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