MasukBlanche richtet sich in ihrem Sessel auf, ihre grauen Augen auf mich gerichtet, mit einem Ausdruck, den ich nicht deuten kann. Sie weiß es. Vielleicht wusste sie es schon immer oder hatte zumindest einen Verdacht. Diese Frau ist aufmerksamer, als ich geglaubt hatte.— Vor sechs Monaten kam Vance zu mir, sage ich und starre auf einen unsichtbaren Punkt an der Wand hinter Damien. Er bedrohte mich. Nicht direkt mich – meinen Bruder. Antoine. Sie wussten nicht, dass ich einen Bruder habe, Monsieur. Niemand wusste es. Ich habe ihn verborgen, um ihn zu schützen, weil er Dinge getan hat ... Dinge, für die er lebenslang ins Gefängnis gehen würde, wenn sie entdeckt würden. Vance fand heraus, dass es ihn gab. Er versprach mir, ihn verschwinden zu lassen und ihm eine neue Identität zu geben, im Austausch für eine einzige Sache.Ich strecke die Hand aus, die Handfläche nach oben, und enthülle den schwarzen USB-Stick.— Den Stick. Ihre Akten. Die Geheimnisse des A
Léna Ich hätte niemals in seinen Sachen herumwühlen dürfen. Das sage ich mir immer wieder, während ich auf der Kante meines Bettes sitze und den schwarzen USB-Stick in meiner feuchten Hand umklammere. Diesen Stick, den ich vor Wochen aus dem Büro von Damien Cross gestohlen habe, als er mich während einer Sitzung des Zirkels gebeten hatte, ihm eine Akte zu bringen. Diesen Stick, den ich kopiert oder zumindest zu kopieren versucht habe, bevor ich ihn unbemerkt an seinen Platz zurücklegte. Diesen Stick, der alle Geheimnisse des Auges enthält, sämtliche Akten, Beweise und Informationen, und den Vance mir im Austausch für meine Freiheit versprochen hatte. Meine Freiheit. Als ob Freiheit für mich überhaupt noch existieren würde. Als ob ich jemals frei gewesen wäre, seit dem Tag, an dem ich durch die Tore dieses Herrenhauses getreten war. Ich sehe den USB-Stick in meiner Hand an, doch ich sehe kein e
Meine Finger erkunden seinen Oberkörper, vermeiden die Narbe und zeichnen die Konturen seiner Muskeln und Tätowierungen nach. Mein Mund folgt demselben Weg, und jeder Kuss ist ein Gebet, jede Liebkosung ein Exorzismus. Ich vertreibe den Schmerz. Ich lösche die Angst aus. Ich verbinde seine Wunden mit meinen Lippen, meiner Zunge und meinem Atem.Als ich seine Narbe an der Flanke erreiche, halte ich inne. Die rosafarbene Linie ist noch empfindlich – ich weiß es, weil er sich bei meiner Annäherung leicht anspannt. Doch statt diesen Bereich zu meiden, beuge ich mich vor und drücke einen Kuss darauf. Nur einen. Leicht wie ein Schmetterlingsflügel, erfüllt von all der Dankbarkeit und Liebe, die ich empfinde. Diese Narbe ist das Zeichen seines Opfers. Diese Narbe ist der Beweis, dass er lebt. Diese Narbe ist eine Kriegsmedaille, und ich ehre sie als solche.— Danke, flüstere ich an seine Haut. Danke, dass du am Leben bist.Seine Hand schließt sich fester um meinen Nacken. Sein Atem ist rau u
BlancheDrei Wochen sind seit dem Angriff vergangen.Die Nähte wurden entfernt. Die Narbe an seiner Flanke ist eine unregelmäßige rosafarbene Linie, die sich wie eine Kriegssignatur über seine gebräunte Haut zieht. Er beginnt wieder zu gehen – zunächst kurze Spaziergänge durch das Zimmer, dann durch den Flur, gestützt auf einen Stock mit silbernem Knauf. Seine Kräfte kehren langsam zurück, wie die Flut, die nach der Ebbe wieder steigt. Seine Nächte sind ruhiger geworden. Der glasige Schleier, der mir solche Angst gemacht hat, ist aus seinen Augen verschwunden. Manchmal lacht er sogar, mit diesem tiefen, seltenen Lachen, das mich jedes Mal dahinschmelzen lässt.Doch eines ist nicht zurückgekehrt. Etwas, worüber wir nicht sprechen und das dennoch zwischen uns schwebt wie ein Geist.Das Verlangen. Das Fleisch. Die Verschmelzung unserer Körper, die unsere geheime Sprache, unser heiliges Territorium gewesen war.Ich schlafe noch immer im Sessel neben seinem Bett oder manchmal mit ihm im Be
Ich zittere ein wenig, als ich den Rasierpinsel an Damiens Gesicht führe. Meine Finger sind nicht sicher, meine Bewegungen zögerlich. Er öffnet die Augen, seine schwarzen Augen fangen meinen Blick ein, und ein seltenes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht, das sein Gesicht aus Marmor in das eines Mannes verwandelt.— Ganz vorsichtig, Blanche. So, wie du eine Katze streicheln würdest. Lass deine Finger lernen.Ich verteile den Schaum auf seinen Wangen, seinem Kinn und um seine Lippen herum. Meine Finger entdecken die raue Struktur seines nachwachsenden Bartes unter dem cremigen Schaum. Ich lasse mir Zeit. Ich verlängere die Bewegung und verwandle das mechanische Auftragen in eine langsame Liebkosung, eine Erkundung seines Gesichts, wie ich sie noch nie zuvor gewagt habe. Seine Schläfen, an denen die Haut fein und weich ist. Seine kantige Kieferlinie, unter der der Knochen hervortritt. Die kleine Vertiefung unter seiner Unterlippe, dieses Grübchen, das mir nie zuvor aufgefallen war. Sei
BlancheDamiens Genesung ist ein reines Fegefeuer.Nicht für ihn – er erträgt den Schmerz wie alles andere auch, mit dieser stillen Stärke, dieser granitharten Ausdauer, die mir das Herz zuschnürt. Der Arzt hat gesagt, dass es sechs Wochen dauern wird, bevor er wieder ohne Hilfe gehen kann, und drei Monate, bevor er seine vollständige Beweglichkeit zurückerlangt. Die Kugel hat die Leber durchdrungen, die Lunge nur knapp gestreift und innere Verletzungen hinterlassen, die allein durch Geduld heilen können. Er ist in seinen privaten Gemächern ans Bett gefesselt, in diesem Herrenschlafzimmer, das ich vor dem Angriff nie gesehen hatte, einem Heiligtum aus dunklen Holzvertäfelungen, burgunderrotem Samt, alten Büchern und Öllampen, deren flackerndes Licht tanzende Schatten über die Wände wirft.Für mich ist es ein Fegefeuer, weil ich ihn leiden sehe und nichts dagegen tun kann, weil jede Grimasse, jede zu hastige Bewegung, die ihm ein schmerzerfülltes Keuchen entreißt, sich wie ein Dolch in







