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Das Alpha-Protokoll
Das Alpha-Protokoll
Author: Azilla

Kapitel 1: Der Fehler im System

Author: Azilla
last update publish date: 2026-05-19 03:44:17

Der Himmel über Sektor 4 hatte die Farbe von altem Blut und rostigem Eisen. Zumindest das, was wir als Himmel bezeichneten. In Wahrheit war es nur die Unterseite der gigantischen Plasmakuppel, die uns von der toxischen Einöde der Außenwelt trennte – und gleichzeitig als massiver Glassarg für die Slums diente.

Ich wischte mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und zog die Klemme an der modifizierten Energiezelle fest. Ein leises Summen belohnte meine Mühe.

„Sieh an, es funktioniert tatsächlich“, murmelte ich und klopfte liebevoll auf das rostige Gehäuse.

Für die Elite in den glitzernden oberen Sektoren der Stadt war das hier alles nur Müll. Wertloser Schrott, der durch die gewaltigen Entsorgungsschächte nach unten zu uns fiel. Aber in meiner Welt überlebte man nur, wenn man aus dem, was andere wegwarfen, Neues erschuf. Aus dem ausrangierten Gehäuse einer Enforcer-Drohne, ein paar Kupferkabeln und Aktivkohle hatte ich einen erstklassigen Wasserfilter zusammengebaut.

Ein kostbarer, glasklarer Tropfen fiel zischend in den Auffangbehälter. Ich tunkte meinen Finger hinein und ließ das Wasser auf die Erde meines größten Schatzes tropfen.

In der Ecke meines versteckten Unterschlupfs, beleuchtet von einer flackernden UV-Röhre, standen drei hohle Raketenhülsen. Sie dienten mir als Pflanzgefäße. Ich hatte monatelang organischen Abfall gesammelt, ihn fermentiert und zu meinem eigenen, nährstoffreichen Dünger verarbeitet. Der Lohn dieser harten Arbeit hing schwer an den grünen Ranken: zwei pralle, leuchtend rote Tomaten und ein Büschel kräftiger Zwiebeln. Echtes, frisches Essen war in Sektor 4 unbezahlbar. Das Konsortium fütterte uns nur mit synthetischen Nährstoffblöcken, die nach feuchter Pappe schmeckten.

Ein hartes, rhythmisches Klopfen an meiner schweren Stahltür riss mich aus meinen Gedanken. Dreimal kurz, einmal lang.

Ich entspannte mich sofort. Es war Betty.

Ich schob den schweren Riegel zurück und zog die Tür auf. Betty quetschte sich an mir vorbei in den kleinen Raum. Sie sah genauso erschöpft aus wie ich, ihr Gesicht war von Motoröl verschmiert und ihre wilden Locken hatte sie mit einem Stück Kabel zu einem unordentlichen Dutt zusammengebunden. Sie war meine beste Freundin, meine Handelspartnerin auf den Schrotthalden und die Einzige in diesem verdammten Sektor, der ich mein Leben anvertraute.

„Ich sage dir, Jada, die Wachen an den Kontrollpunkten sind heute nervös“, sagte sie atemlos und warf einen schweren Leinenbeutel auf meinen Werkstatttisch. Es klirrte metallisch. „Ich konnte drei intakte Frequenz-Relais aus dem Müllpresser-Sektor retten. Die bringen uns auf dem Schwarzmarkt genug Credits für eine Woche Heizenergie.“

Ihre Augen wanderten zu meinen Pflanzen. Sie stieß einen ehrfürchtigen Pfiff aus. „Bei allen Geistern... du hast sie wirklich durchgebracht. Ich dachte, die Toxine im Grundwasser würden die Wurzeln zerstören.“

„Nicht, wenn man die Filterkartuschen doppelt überbrückt“, erklärte ich stolz und reichte ihr eine der Zwiebeln. „Hier. Nimm die für heute Abend. Und sag nicht, dass ich dir nie was Gutes tue.“

Betty lächelte und steckte die Zwiebel vorsichtig in ihre Tasche, als wäre es pures Gold. „Du bist ein verdammtes Genie, Jada. Wenn das Konsortium wüsste, was du hier unten aus ihrem Müll zusammenbaust, würden sie dich in die Labore der oberen Sektoren versetzen.“

„Oder mich wegen illegalen Anbaus an die Wand stellen“, erwiderte ich trocken.

Das Lächeln verschwand aus Bettys Gesicht. „Das ist nicht lustig. Die Purifiers sind heute auf der Jagd. Ich habe Patrouillen gesehen, die normalerweise nie so tief in Sektor 4 vordringen. Volle Rüstung. Lebend-Scanner. Sie suchen jemanden.“

Noch bevor ich antworten konnte, heulten die Sirenen auf.

Das Geräusch schnitt durch Mark und Bein. Es war kein normaler Schichtwechsel-Alarm. Es war das schrille, durchdringende Kreischen, das eine Razzia der militärischen Eliteeinheit ankündigte.

Mein Herzschlag hämmerte gegen meine Rippen. Die Wände meines Unterschlupfs vibrierten unter dem Dröhnen schwerer Stiefel, die auf den Metallstegen außerhalb meines Raumes marschierten.

„Sie sind in unserem Block“, flüsterte Betty, und nackte Panik flackerte in ihren Augen auf.

„Du musst hier raus“, zischte ich. Ich packte sie an den Schultern und schob sie in Richtung der hinteren Wand, wo ich eine rostige Abdeckung gelöst hatte. Dahinter lag ein schmaler Lüftungsschacht. „Geh durch den Schacht. Er führt direkt zu den Müllverbrennungsanlagen. Da suchen sie nicht. Nimm die Relais mit!“

„Was ist mit dir?“ Betty sträubte sich, doch ich drückte sie energisch in den Tunnel.

„Ich passe nicht mit dir zusammen durch. Ich nehme den südlichen Ausgang. Wir treffen uns heute Nacht bei der alten Zisterne. Lauf, Betty!“

Sobald sie im Schacht verschwunden war, zog ich die Abdeckung wieder vor das Loch. Ich fackelte nicht lange, schnappte mir meinen Werkzeugrucksack und meinen Elektroschocker – eine Eigenkreation aus einem kaputten Plasmagewehr und Autobatterien – und riss die vordere Tür auf.

Der Korridor leuchtete im grellen Rot der Notfallbeleuchtung. Schreie hallten durch das Metalllabyrinth der Slums. Ozon und verbranntes Plastik lagen in der Luft.

Ich rannte. Links. Rechts. Ich kannte jeden Winkel dieser Ebene. Ich war fast am Rand der Dunkelzone angelangt, wo die Scanner des Konsortiums nicht mehr funktionierten. Noch zehn Meter.

Plötzlich löste sich eine massive Gestalt in schwarzer Hightech-Rüstung aus dem Schatten. Ein Purifier.

Noch bevor ich meinen Schocker heben konnte, traf mich der harte Schaft seines Gewehrs in die Magengrube. Die Luft entwich meinen Lungen. Ich brach keuchend auf den kalten Gitterboden zusammen. Ein schwerer Stiefel trat auf mein Handgelenk, zwang mich, die Waffe loszulassen.

„Rebellin gesichert“, dröhnte die mechanische Stimme des Soldaten durch seinen Helm.

Zwei weitere Wachen tauchten auf. Einer packte mich grob an den Haaren und zog meinen Kopf nach hinten. Ich spuckte Blut auf seine glänzende Rüstung, aber er lachte nur leise. Er zog ein flaches, metallisches Gerät aus seinem Gürtel – den ID-Scanner.

Sie würden mich registrieren, mich wegen Diebstahls verurteilen und in die Minen schicken. Ein Todesurteil auf Raten.

Der kalte Sensor wurde hart gegen meinen Nacken gepresst, genau dort, wo mein implantierter Chip saß. Das Gerät piepte.

Doch es war nicht das grüne Bestätigungssignal. Der Scanner stieß einen grellen, pulsierenden Warnton aus. Das Display flackerte blutrot.

Der Soldat, der mich hielt, erstarrte. Die Atmosphäre im Gang veränderte sich schlagartig. Die Überheblichkeit der Wachen wich purer, nackter Panik.

„Was… was ist das?“, stammelte der Purifier, der den Scanner hielt. Seine Hand zitterte so stark, dass er das Gerät fast fallen ließ.

„Lies es vor!“, blaffte der andere, doch seine Stimme überschlug sich fast.

„Identität: Jada. Status: Slum-Bewohnerin. Aber… hier ist eine Override-Direktive direkt vom Oberkommando.“ Der Soldat schluckte hörbar. Er sah auf mich herab, als wäre ich eine Zeitbombe. „Genetische Kompatibilität für Sektor Omega bestätigt. Stufe: Absolut.“

Sektor Omega. Der Name allein war ein Mythos, eine Geistergeschichte, die wir uns nachts in den Slums erzählten, um uns zu gruseln. Ein Ort tief unter der Erde, von dem niemand je zurückkehrte. Der Ort, an dem die Monster des Konsortiums gezüchtet wurden.

„Sichern Sie sie“, flüsterte der Kommandant, während er langsam einen Schritt vor mir zurückwich, als hätte ich eine tödliche Seuche. „Betäuben Sie sie. Bringt sie sofort nach unten… zum Apex.“

Ich wollte schreien, wollte kämpfen, wollte Betty rufen, doch ein Zischen ertönte, als eine Injektionsnadel in meinen Hals fuhr. Die Welt verschwamm in toxischer Dunkelheit, und das letzte, was ich hörte, war das angstvolle Flüstern meiner Entführer.

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