Home / Werwolf / Das Alpha-Protokoll / Kapitel 2: Der Abgrund

Share

Kapitel 2: Der Abgrund

Author: Azilla
last update publish date: 2026-05-19 03:44:21

Mein Schädel pochte im Takt eines rostigen Presslufthammers.

Als ich blinzelte, brannte sich ein unnatürlich grelles, steriles Weiß in meine Netzhaut. Der vertraute Gestank nach Schmieröl und Schweiß aus den Slums war verschwunden. Stattdessen roch die Luft hier nach Ozon, scharfen Desinfektionsmitteln und... Angst. Kaltem, metallischem Terror.

Ich lag auf einer stählernen Trage, festgeschnallt mit dicken Lederriemen. Panik stieg in meiner Kehle auf, aber ich zwang mich zur Ruhe. Atmen, Jada. Analysieren. Überleben.

Ich drehte den Kopf nur millimeterweit. Der Raum war ein hochtechnologisiertes Labor, vollgestopft mit flimmernden Monitoren und massiven Stahltüren. Zwei Männer in weißen Kitteln standen wenige Meter entfernt und starrten auf ein Datenterminal. Ihre Gesichter waren aschfahl.

„Ihre Werte sind stabil“, flüsterte der Jüngere. Er wischte sich zitternd über die Stirn. „Aber Doktor… sehen Sie sich die Kompatibilitätsrate an. Das muss ein Systemfehler sein. Eine Absolut-Stufe gab es noch nie.“

Der ältere Wissenschaftler schüttelte langsam den Kopf. „Es gibt keine Fehler im Omega-Protokoll. Das Oberkommando hat den Befehl bereits autorisiert. Sie ist das neue Beruhigungsmittel.“

„Aber sie wird sterben!“, zischte der Jüngere. „Genau wie die letzten vierzehn Frauen. Subjekt Null ist seit drei Tagen auf Entzug. Die Sedativa wirken nicht mehr. Er hat den letzten Trupp Purifiers in der Luft zerrissen! Wenn wir sie da reinwerfen, wird er sie nicht nur töten, er wird sie fressen.“

Mein Blut gefror. Subjekt Null. Das war kein Mensch. Es war eine Waffe. Ein genetischer Albtraum, den sie hier unten im Dunkeln züchteten.

„Wir haben keine Wahl“, sagte der Doktor emotionslos. Er drehte sich zu mir um und bemerkte, dass meine Augen offen waren. Keine Spur von Mitleid lag in seinem Blick, nur die kalte Neugier eines Mannes, der eine Laborratte ins Schlangenterrarium setzt. „Bringen Sie sie zur Zelle.“

Bevor ich mich gegen die Riemen wehren konnte, traten zwei schwer gepanzerte Wachen an die Trage. Sie lösten die Gurte, packten mich gnadenlos an den Armen und zerrten mich auf die Füße. Meine Knie gaben fast nach, doch ich zwang mich, mein Gewicht zu halten. Ich würde ihnen nicht die Genugtuung geben, mich kriechen zu sehen.

Sie schleiften mich durch einen langen, spärlich beleuchteten Korridor. Je tiefer wir gingen, desto kälter wurde es. Der Stahlboden war übersät mit tiefen Kratzern – als hätte jemand versucht, sich mit aller Gewalt im Metall festzukrallen.

Am Ende des Ganges befand sich eine Tür. Sie sah nicht aus wie eine Zellentür, sondern wie das Schott eines Raumkreuzers, fast einen halben Meter dick und mit schweren Hydraulikbolzen gesichert.

„Möge das System uns beistehen“, murmelte einer der Wachen.

Er tippte einen Code ein. Die Hydraulik zischte wie ein sterbendes Tier. Die massive Tür glitt langsam zur Seite und gab den Blick auf ein undurchdringliches, pechschwarzes Nichts frei. Aus der Zelle drang ein Gestank, der mir den Magen umdrehte – eine Mischung aus altem Blut, feuchter Erde und wildem Tier.

„Beweg dich, Slum-Ratte“, knurrte der Wächter und stieß mich hart in den Rücken.

Ich stolperte vorwärts und fiel hart auf den kalten Steinboden der Zelle. Bevor ich mich aufrichten konnte, knallte die Stahltür hinter mir zu. Das Zischen der Bolzen besiegelte mein Schicksal.

Absolute Dunkelheit hüllte mich ein.

Ich wagte kaum zu atmen. Mein Herz schlug so laut, dass ich fürchtete, es würde mich verraten. Ich presste mich flach auf den Boden, tastete blind nach dem kleinen, scharfkantigen Stück Metall, das ich in den Nähten meines Stiefels versteckt hatte – mein letzter, verzweifelter Trumpf.

Dann hörte ich es.

Ein tiefes, knirschendes Geräusch. Kettenglied, das über Kettenglied rieb. Ein massives Gewicht bewegte sich im Schatten, nur wenige Meter vor mir.

Der Boden vibrierte leicht unter einem ohrenbetäubenden, gutturalen Knurren, das in keiner menschlichen Kehle entstanden sein konnte.

Zwei Augen öffneten sich in der Dunkelheit.

Sie leuchteten in einem toxischen, mörderischen Grün und fixierten mich. Die Bestie holte zum Sprung aus.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Das Alpha-Protokoll    Kapitel 8: Der Toxik-Kanal

    Glühende Schlacke tropfte von der Decke und zischte bedrohlich, als sie auf den nassen Beton traf. Das Loch im Gewölbe der Zisterne wurde mit jeder Sekunde größer. Die Hitze des Plasma-Schneidbrenners war so extrem, dass die Luft im Raum zu flimmern begann. „Sie werden uns einkesseln“, grollte Kael. Seine Krallen fuhren mit einem leisen Klicken aus, seine Muskeln spannten sich an, bereit, sich auf den ersten Purifier zu stürzen, der durch die Decke brechen würde. „Nein“, rief ich über den ohrenbetäubenden Lärm hinweg und packte seinen massiven Unterarm. „Wir können sie nicht alle bekämpfen. Wir nehmen den Fluttunnel!“ „Der Kanal?“ Kaels leuchtend grüne Augen fixierten mich. Sogar in Sektor Omega kannte man die Gerüchte über die untersten Ebenen. Das Wasser dort war hochgradig kontaminiert, ein tödlicher Mix aus industriellen Abwässern und Kühlflüssigkeit. „Vertrau mir“, sagte ich. Ich riss meine Werkzeugtasche auf und zog zwei provisorische Atemmasken heraus. Ich hatte sie in näch

  • Das Alpha-Protokoll    Kapitel 7: Blut und Stahl

    Das Blut in meinen Adern gefror. Der ID-Chip. Jeder Bürger unter der Kuppel bekam ihn bei der Geburt direkt in die Nackenwurzel implantiert. In den Slums hieß es, er sei nur für die Rationenverteilung. Eine Lüge. Es war ein Peilsender, direkt mit dem zentralen Raster des Konsortiums verbunden. Ein dumpfes Grollen drang von der Decke der Zisterne zu uns herab. Es klang, als würden schwere Maschinen direkt über unseren Köpfen in Stellung gebracht. „Sie scannen die tieferen Ebenen“, knurrte Kael. Seine Iris zog sich zu dünnen Schlitzen zusammen, während er unablässig an die Betondecke starrte. „Sie haben das Signal eingegrenzt.“ Ich verlor keine Sekunde. In Sektor 4 lernt man eine eiserne Regel: Wenn dich etwas umbringt, schneidest du es ab. Ich stürzte zu meiner Werkzeugkiste, die unter den Paletten verborgen war, und riss den Deckel auf. Zwischen rostigen Muttern und Kabeln zog ich meine improvisierte medizinische Ausrüstung hervor – eine Flasche hochprozentigen, selbstgebrannten

  • Das Alpha-Protokoll    Kapitel 6: Das Versteck im Schrott

    Die Dunkelheit des Wartungsschachts verschluckte mich. Ich rutschte durch die enge, rostige Röhre, der Geruch nach altem Schmierfett und stehendem Wasser füllte meine Lungen. Über mir hörte ich das dumpfe Wummern der Plasmakanonen, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Knirschen, als Kael den Zugang hinter uns mit purer Gewalt zusammendrückte, um die Verfolger auszusperren. Sekunden später landete er mit einem schweren, metallischen Scheppern direkt neben mir im knöcheltiefen Wasser des Abwasserkanals. Es war stockfinster. Die Art von Dunkelheit, die schwer auf den Schultern lastet. „Kael?“, flüsterte ich atemlos. Eine heiße, schwielige Hand fand im Dunkeln sofort meinen Arm. Sein Griff war sanft, aber unverrückbar. „Ich bin hier.“ Seine Stimme klang erschöpft, ein raues Kratzen in der Stille. Der Kampf und die extrem schnelle Heilung der Plasma-Wunden hatten unglaublich viel Energie gekostet. „Wir dürfen nicht hierbleiben“, sagte ich leise. „Wenn sie den Schacht aufschweißen, sitze

  • Das Alpha-Protokoll    Kapitel 5: Die Flucht aus der Hölle

    Sechzig Sekunden. Das System tickte unbarmherzig herunter. Ich starrte auf die ausgestreckte Hand des Apex. Seine Handfläche war riesig, gezeichnet von Schwielen und den Narben unzähliger Kämpfe. Aber in seinen Augen brannte kein Wahnsinn mehr. Da war nur dieser eine, absolut fokussierte Wille: mich hier rauszuholen. Ich zögerte nicht länger. Ich legte meine Hand in seine. Ein elektrisirendes Knistern schoss meinen Arm empor, als sich unsere Haut berührte. Es war kein Schmerz, sondern eine Welle von intensiver, heißer Energie, die meinen erschöpften Körper flutete. Kael schloss die Finger um meine Hand – fest genug, um mich zu halten, aber erstaunlich vorsichtig – und zog mich mit einer einzigen, mühelosen Bewegung auf die Füße. „Halt dich an mir fest“, raunte er. Bevor ich antworten konnte, schlang er seinen freien Arm um meine Taille und hob mich hoch, als würde ich nichts wiegen. Ich schlang die Arme um seinen Nacken, presste mein Gesicht an seine warme Schulter und atmete sein

  • Das Alpha-Protokoll    Kapitel 4: Entfesselt

    Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte absolute Stille. Es war die Art von Stille, die entsteht, wenn die Luft selbst vor Anspannung brennt. Dann schrie der Kommandant der Purifiers: „Feuer! Brennt das Ding nieder!“ Fünf Plasmagewehre surrten gleichzeitig auf. Grellblaue Energieblitze zuckten durch die Zelle und erhellten die Dunkelheit wie Stroboskoplicht. Die Hitze war sofort unerträglich. Ich riss die Arme schützend über den Kopf und presste mich flach auf den Boden. Die Schüsse trafen Kael. Ich hörte das zischende Geräusch verbrennenden Fleisches, roch den beißenden Gestank. Jeder normale Mensch wäre in diesem Hagel aus Plasma sofort verdampft. Aber Kael war nicht normal. Er zuckte nicht einmal zusammen. Die Energiegeschosse schienen ihn nur noch wütender zu machen. Mit einem Brüllen, das die Betonwände zum Beben brachte, stieß er sich ab. Er war schneller, als das menschliche Auge folgen konnte. Ein schwarzer, massiver Schatten, der direkt in die Formation der schwer gepa

  • Das Alpha-Protokoll    Kapitel 3: Der Duft der Gefährtin

    Das Monster stieß sich ab. Ein gewaltiger Schatten löste sich aus der Dunkelheit und schoss mit der Geschwindigkeit einer Peitschenschlange auf mich zu. Mein Überlebensinstinkt, geschmiedet in den gnadenlosen Gassen von Sektor 4, übernahm die Kontrolle. Ich riss mich zur Seite, rollte über den eiskalten Stein und schlug hart gegen die feuchte Zellenwand. Wo ich gerade noch gelegen hatte, zerschmetterten gewaltige Klauen den Betonboden. Splitter regneten auf mich herab. Das Wesen brüllte auf – ein ohrenbetäubender Laut aus Wut und Blutdurst. Ich riss das scharfe Stück Metall aus meinem Stiefel, umklammerte es, bis meine Knöchel weiß hervortraten, und presste mich an die Wand. Ich würde nicht kampflos sterben. Wenn dieses Ding mich in Stücke riss, würde ich ihm zumindest ein Auge ausstechen. Die leuchtenden grünen Augen wirbelten zu mir herum. Die Bestie war riesig, eine groteske, albtraumhafte Kreuzung aus Wolf und Mensch. Schwarzes, borstiges Fell bedeckte massive Muskelberge. An

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status