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Kapitel 7

last update Last Updated: 22.01.2026 00:48:10

Kapitel 7

Der erste Schritt klang wie nasses Fleisch auf kaltem Stein.

Mila wirbelte herum, obwohl ihr Körper sich dagegen wehrte, obwohl jeder Instinkt in ihr schrie, nicht hinsehen, niemals hinsehen.

Doch sie drehte sich.

Langsam.

Steif.

Als würde eine unsichtbare Hand ihren Kopf führen.

Hinter ihr lag die Straße im Dunkeln.

Die Laternen waren zerstört, nur der Mond gab ein mattes, kränkliches Licht.

Der Regen fiel wieder — schwer, kalt, klebrig.

Das Geräusch kam noch einmal.

Schlapp.

Schlapp.

Etwas trat aus der Seitenstraße.

Etwas, das im Licht zuerst nur eine Form war.

Dann eine Silhouette.

Dann… ein Körper.

Es war ein Mädchen.

Aber kein lebendiges.

Kein richtiges.

Ihre Haut war grau und rissig, getränkt in einer Farbe, die in der Dunkelheit fast schwarz wirkte.

Ihr Kopf hing zur Seite, als wäre der Hals zu weich, zu lose.

Die Haare waren nass, klebten ihr wie lange, verfaulte Fäden am Gesicht.

Ihre Arme baumelten zu lang.

Viel zu lang.

Sie hob den Kopf.

Die Augen waren weiß.

Komplett weiß.

Mila spürte, wie ihre Beine versagten.

Sie konnte nicht atmen.

Konnte nicht schreien.

Nur starren.

„Du hast sie geweckt“, sagte der Mann im Mantel hinter ihr.

„Du hast mit deiner Wahrheit die Türen geöffnet.“

Das Mädchen machte einen weiteren Schritt auf sie zu.

Schlapp.

Die Bewegungen wirkten, als würden Sehnen reißen und wieder zusammenwachsen.

Ihr Mund öffnete sich langsam.

Zu langsam.

Zu breit.

Als hätte jemand die Haut eingerissen.

Doch sie sprach nicht.

Sie atmete — ein rasselnder, feuchter Laut, der klang, als würde sie beim Atmen ertrinken.

Tom stand völlig starr neben Mila, unfähig, sich zu rühren.

Er sagte nichts mehr.

Seine Augen waren wieder normal, aber er sah das Ding kaum an.

Er verstand es nicht.

Noch nicht.

Der Mann im Mantel kam einen Schritt näher zu Mila.

„Die Regeln ändern sich ab Runde vier“, sagte er.

„Denn jetzt… spielst du nicht mehr allein.“

Die weiße Augenhöhle des Mädchens richtete sich auf Mila.

Sie hob ihre langen, schleppenden Arme.

Dann sprach sie doch.

Mit Milas Stimme.

Mit Mila, aus dem Traum.

„Du hast mich allein gelassen.“

Mila stolperte zurück.

„Nein… nein, das war nur ein Traum, ich kannte dich nicht—“

Das Mädchen schrie.

Ein schriller, nasser, gurgelnder Laut, der die Luft zerschnitt wie Glas.

Die Fenster der Häuser vibrierten.

Ein Autoalarm sprang an.

Der Regen wurde schlagartig stärker.

Tom hielt sich die Ohren zu und sank auf die Knie.

Der Mantelmann sah Mila schweigend an.

Er beobachtete sie.

Er wartete.

Das Mädchen kam näher.

Meter für Meter.

Jeder Schritt ein widerlicher, schleifender Laut.

Schlapp.

Schlapp.

„Du hast mich sterben lassen“, sagte es plötzlich klar.

Zu klar.

Viel zu menschlich.

„Ich… ich weiß nicht, wer du bist!“, schrie Mila verzweifelt.

Der Mantelmann lächelte unter der Kapuze.

„Aber sie weiß, wer du bist.“

Das Mädchen blieb direkt vor Mila stehen.

So nah, dass sie den Modergeruch der Haut riechen konnte.

So nah, dass die toten Haare ihre Schulter streiften.

Dann hob es den Kopf.

Die weißen Augen glänzten.

Der Mund öffnete sich splitternd.

Und es flüsterte:

„Runde vier: Pflicht.“

Das Licht im gesamten Straßenblock erlosch.

Alles fiel in absolute Dunkelheit.

Nur der Atem des Mädchens blieb hörbar.

Nah.

Zu nah.

„Deine Pflicht ist…“

Etwas Kaltes berührte Milas Hand.

„…mich zu erinnern.“

Mila wich zurück, bis ihre Ferse gegen etwas Hartes stieß.

Ein Stein? Eine Wand? Sie wusste es nicht — die Dunkelheit war so dicht, dass sie das Gefühl hatte, sie könne sie wie Stoff greifen.

Das tote Mädchen stand weiterhin reglos im matten Lichtspalt, der wie ein Messer durch die Schwärze schnitt.

Sein Körper bewegte sich nicht, nur der Kopf, der ein Stück zu weit zur Seite gekippt war, als wäre der Hals irgendwann gebrochen.

Der Timer tickte weiter.

7… 6… 5…

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