Die Flucht aus der Wolkenstadt

Die Flucht aus der Wolkenstadt

last updateLast Updated : 2026-05-10
By:  AzillaUpdated just now
Language: Deutsch
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In der majestätischen Wolkenstadt, die seit Jahrhunderten hoch über der vermeintlich unbewohnbaren, toxischen Erde schwebt, herrscht der Rat mit eiserner Hand über die lebenswichtigen Äther-Ressourcen. Die Gesellschaft ist tief gespalten: Während Elara, die Tochter eines hochrangigen Ratsmitglieds, in luxuriöser, kühler Sterilität aufwächst, kämpft sich die rebellische Mechanikerin Nova täglich durch die rußigen, dunklen Schächte der Unterwelt. Ihre gegensätzlichen Welten prallen unerwartet aufeinander, als ein kleines, unscheinbares Artefakt zum Leben erwacht: Das Medaillon des vierjährigen Luan. Das blau pulsierende Schmuckstück birgt den Schlüssel zu einer vergessenen Technologie und weckt tief in den Katakomben der Stadt ein mechanisches Wunderwerk aus seinem jahrhundertelangen Schlaf – den Silbernen Falken. Es ist eine gigantische, mit Äther betriebene Dampflokomotive, die einst nicht für Schienen, sondern für das Fliegen am weiten Himmel konstruiert wurde. Als der Rat die unermessliche Macht des Artefakts erkennt und es für seine eigenen, skrupellosen Zwecke beschlagnahmen will, beginnt eine gnadenlose Jagd. Gemeinsam mit Luans Vater Elian fassen Nova, Elara und der kleine Luan einen waghalsigen Entschluss: Sie kapern den Silbernen Falken und wagen die Flucht aus der fliegenden Festung. Doch der Weg in die Freiheit ist ein Himmelfahrtskommando. Sie müssen die massige Maschine durch die todbringende "Sturmkralle" navigieren – eine gigantische, zerstörerische Wetterbarriere, die die Wolkenstadt vom Rest der Welt abschirmt. Dicht auf den Fersen sind ihnen die brutalen Wächter und die schwer bewaffneten Luftschiffe des Rates. Dank Novas technischem Genie, Elaras Insiderwissen und Luans mystischer Verbindung zum Zug gelingt ihnen in letzter Sekunde der Durchbruch. Das Buch endet mit einem atemberaubenden Moment: Der beschädigte Zug durchbricht die ewige Wolkendecke und landet sicher auf dem Boden. Die Kinder erkennen, dass die Legende der toten Erde eine gigantische Lüge war – unter ihnen erstreckt sich ein üppiger, lebendiger Wald.

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Chapter 1

Kapitel 1: Das Ticket ins Nirgendwo

Das rhythmische Rattern der Schienen hatte schon vor einer halben Stunde aufgehört. Stattdessen vibrierte der Boden des Waggons nun mit einem tiefen, sonoren Summen, das Nova bis in die Zahnwurzeln spürte.

Sie rutschte unruhig auf dem Sitz hin und her. Die Polster waren nicht aus dem üblichen, kratzigen roten Stoff der Regionalbahnen, sondern aus tiefblauem, abgewetztem Samt. Der ganze Waggon roch nach altem Papier und etwas, das Nova nur als „Gewitterluft“ beschreiben konnte – nach Ozon und Regen.

„Nächster Halt...“, schnarrte eine blecherne, fast singende Stimme aus den Lautsprechern. „Untere Wartungsebene. Endstation des Äther-Zugs.“

Äther-Zug? Nova schluckte hart. Sie griff nach dem Papierticket in ihrer Jackentasche. Da stand eindeutig Gleis 4. Aber als sie am Bahnhof in den dichten Nebel getreten war, hatte sie vielleicht Gleis 9 mit Gleis 4 verwechselt.

Sie presste das Gesicht gegen die kühle Fensterscheibe. Statt der vertrauten Tannenwälder, die zum Haus ihrer Großeltern führten, sah sie nur milchiges Weiß. Wolken. Dichte, leuchtende Wolken, die wie Wellen gegen das Glas peitschten.

Mit einem zischenden Seufzer kam der Zug zum Stehen. Die Türen glitten lautlos auf. Eisige, feuchte Luft schlug Nova entgegen. Zögerlich griff sie nach ihrem Rucksack und trat nach draußen.

Ihre Sneaker landeten nicht auf Asphalt, sondern auf einem rostigen Gitterrost. Unter ihr lag – nichts. Nur gähnende, nebelverhangene Tiefe. Sie schnappte nach Luft und stolperte hastig ein paar Schritte vorwärts auf festen Boden. Hinter ihr schlossen sich die Türen. Ohne ein weiteres Geräusch glitt der prachtvolle, alte Zug einfach in den Nebel hinein und löste sich auf, als hätte er nie existiert.

Nova stand allein in einem Labyrinth aus gigantischen, tropfenden Rohren und surrenden Maschinen. Es war dämmrig, nur erhellt vom flackernden Licht neonblauer Röhren. Plötzlich durchschnitt ein greller Lichtkegel von oben den Nebel. Ein mechanisches, knirschendes Geräusch kam näher. Die Wolkenfeger. Panik stieg in ihr auf. Nova duckte sich, rannte geduckt unter ein riesiges, warmes Abgasrohr und quetschte sich in eine dunkle Nische, die von einer alten, regenfleckigen Plane verdeckt wurde. Sie zog die Knie an die Brust, das Herz hämmerte in ihren Ohren. Sie schloss die Augen und wünschte sich einfach nur auf das Sofa ihrer Großeltern.

Da hörte sie es. Ein leises Rascheln.

Nova riss die Augen auf. Sie war nicht allein unter der Plane. Im schwachen Licht, das durch die Ritzen fiel, erkannte sie einen winzigen Umriss.

Ein Junge. Er konnte höchstens vier Jahre alt sein. Er trug einen viel zu großen, grob gestrickten Pullover, der ihm fast bis zu den Knien reichte und an den Ärmeln mehrfach umgeschlagen war. Seine Wangen waren von Ruß und Schmutz verschmiert, aber aus diesem schmutzigen kleinen Gesicht sahen sie zwei riesige, dunkle Augen an.

Nova hielt den Atem an. Sie erwartete, dass er anfangen würde zu weinen oder wegzulaufen. Doch der kleine Luan blinzelte nur langsam. Er hatte die stille, abwartende Wachsamkeit eines kleinen Tieres, das schon viel zu lange auf sich allein gestellt war.

Er sah, wie Nova vor Kälte und Angst zitterte. Sehr langsam, um sie nicht zu erschrecken, hob er seine winzige, schmutzige Hand. Er öffnete die Finger. Auf seiner Handfläche lag sein wertvollster Besitz, den er ihr stumm entgegenhielt: Ein halbes, steinhartes Stück Zuckergebäck, staubig, aber mit der unschuldigen Geste eines großen Friedensangebots.

Nova starrte auf das harte, staubige Stück Zuckergebäck in der winzigen Hand. Ein dicker Kloß bildete sich in ihrem Hals. Dieser kleine Junge, der selbst aussah, als hätte er tagelang nichts Richtiges gegessen, bot ihr seinen einzigen Schatz an.

Langsam, fast andächtig, hob sie die Hand. Ihre Fingerspitzen berührten gerade fast die Krümel – da erbebte der Gitterboden unter ihnen.

Klack. Klack. Zischhh.

Das Geräusch war ohrenbetäubend nah. Ein greller, eisblauer Lichtkegel schnitt brutal durch einen Riss in der alten Plane und warf unheimliche, riesige Schatten auf Luans rußiges Gesicht. Der „Wolkenfeger“ war direkt vor ihrem Versteck. Das metallische Schaben von schweren, mechanischen Beinen hallte von den nassen Rohren wider. Eine dröhnende, künstliche Stimme brummte durch den Nebel: „Sektor 4 unrein. Scanne nach organischen Störfaktoren.“

In einem Wimpernschlag verschwand das Gebäck in den Tiefen von Luans übergroßem Pullover. Seine großen Augen verengten sich. Wo gerade noch kindliche Neugier gewesen war, blitzte nun purer, eiskalter Überlebensinstinkt auf.

Noch bevor Nova vor Schreck aufschreien oder zurückweichen konnte, spürte sie kleine, schmutzige Finger, die sich erstaunlich fest um ihr Handgelenk legten. Luan zog.

Und er zog mit einer Entschlossenheit, die Nova völlig überrumpelte.

„Komm!“, zischte er – es war das erste Mal, dass sie seine Stimme hörte. Sie war hell, aber kratzig, als hätte er schon lange nicht mehr richtig gesprochen.

Er riss sie förmlich unter der Plane hervor, in exakt dem Moment, als ein stählerner Greifarm des Wolkenfegers krachend in ihr Versteck stieß und die Kisten zu Kleinholz machte. Nova stolperte, der schwere Rucksack auf ihrem Rücken zog sie nach unten, aber Luan zerrte sie gnadenlos weiter in den dichten Nebel hinein.

Er kannte diesen Albtraum aus Dampf und Stahl auswendig. Wie ein flinker kleiner Schatten tauchte der Vierjährige unter zischenden Heißluftventilen hindurch. Nova musste sich ducken und rennen, um mit dem flinken Jungen Schritt zu halten. Plötzlich endete der Weg. Vor ihnen gähnte nur der graue Abgrund, der Himmel unter der Stadt.

Nova blieb panisch stehen, doch Luan zögerte keine Sekunde. Er trat auf ein schmales, rostiges Rohr, das über den Abgrund zur nächsten Plattform führte, balancierte blind hinüber und zog ungeduldig an Novas Hand. Hinter ihnen wurde das blaue Licht greller. Der Wolkenfeger hatte ihre Fährte aufgenommen.

Mit pochendem Herzen und zitternden Knien folgte Nova dem kleinen Jungen über den Abgrund. Kaum hatten sie die andere Seite erreicht, drückte Luan gegen ein lockeres Lüftungsgitter in der feuchten Wand. Es schwang quietschend auf. Er schob Nova energisch hinein und schlüpfte selbst hinterher, bevor er das Gitter lautlos wieder zuzog.

Sie lagen im stockfinsteren, engen Schacht, der nach altem Öl roch. Draußen stampfte die schwere Maschine vorbei. Das blaue Licht flackerte durch die Gitterstäbe über Novas und Luans Gesichter, dann wurde es langsam schwächer. Sie waren in Sicherheit. Vorerst.

Nova schnappte keuchend nach Luft, das Herz schlug ihr bis zum Hals. Neben ihr saß Luan. Er atmete völlig ruhig, die Knie an die Brust gezogen, und beobachtete sie in der Dunkelheit mit seinen großen Augen.

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