LOGINIhr Herz schlug so laut, dass sie es in den Ohren hörte.
Jeder Atemzug tat weh, als würde die Luft einen Widerstand bilden. „Warum… ich?“, flüsterte sie heiser. Das tote Mädchen reagierte wieder nicht. Es stand da wie eine Schaufensterpuppe. Einfach nur… wartend. Ein Windstoß, plötzlich, mitten in dieser geschlossenen Schwärze, fuhr Mila durch die Haare. Er roch nach altem Holz, kaltem Eisen… und etwas Süßem. Zu süß. Verwesung. Sie presste den Arm vor die Nase und hustete. Das Handy vibrierte erneut, diesmal heftiger, fast aggressiv. Die Worte auf dem Display zitterten, verzerrten sich, formten sich neu wie lebendiges Fleisch: DU KENNST DIE REGELN. ANTWORTE. Mila schüttelte panisch den Kopf. „Nein… ich will das nicht! Lass mich raus! Lass mich—“ Das tote Mädchen machte einen Schritt. Einen langsamen, nach vorne ziehenden Schritt, bei dem die Gelenke knackten wie alte Zweige. Mila erstarrte. 4… 3… „Okay!“, keuchte sie, die Stimme brach. „Okay! Ich wähle…“ Das Handy wartete wie ein Raubtier vor dem Sprung. Die Zahlen liefen erbarmungslos weiter. 2… Mila schloss die Augen. „Wahrheit.“ Die Dunkelheit zuckte. Ja — sie spürte es. Als würde ein kalter Strom durch den Raum huschen, an ihren Knöcheln entlang, über ihren Rücken, hoch bis in die Schädeldecke. Das tote Mädchen hob den Kopf ruckartig. Die Bewegungen waren jetzt schneller. Unruhiger. Ein Geräusch ertönte tief hinter ihr. Nicht nah — aber auch nicht weit. Ein Scharren. Etwas Schweres, das über Boden gezogen wurde. Sie drehte sich nicht um. Sie wollte nicht wissen, was jetzt noch mit ihnen in der Dunkelheit war. Das Handy zeigte nun keinen Timer mehr. Nur noch einen Satz. Jeder Buchstabe erschien einzeln, hörbar in ihrem Kopf, wie ein scharfes Klacken: DIE WAHRHEIT: WENN DU HEUTE NACHT EINSCHLÄFST… WIRST DU NICHT ALLEINE AUFWACHEN. Mila packte das Handy fester. Ihre Finger verkrampften. „Was… heißt das?“, flüsterte sie zitternd. Das tote Mädchen hob langsam einen Arm. Der Arm hing schlaff, als wäre der Knochen darin schon lange zerbrochen. Es zeigte auf etwas hinter Mila. Langsam. Ganz langsam drehte sie sich. Nichts. Nur Dunkelheit. Doch als sie genauer hinsah… War da ein Umriss. Hoch. Breit. Atmend. Ein zweites Wesen stand jetzt in der Schwärze — viel größer als das Mädchen. Ein Atemzug, feucht und heiß, strich über ihre Haarspitzen. Das Handy vibrierte ein letztes Mal. RUNDE 4 IST NOCH NICHT VORBEI. Mila presste die Lippen zusammen. Die Luft um sie herum wurde eiskalt. „Bitte…“, flüsterte sie, „bitte nicht…“ Doch die Dunkelheit schloss sich um sie wie ein Maul, das gerade tief Luft holte. Die Luft war feucht, schwer und roch nach Regen, Erde und Verfall. Mila spürte jeden Herzschlag in ihrem ganzen Körper. Die Beine zitterten, die Hände krampften sich um ihr Handy, das sie wie einen Schild vor sich hielt. Das tote Mädchen stand nur wenige Meter entfernt, reglos. Ihr Kopf war schief geneigt, die Augen vollständig weiß, starrten direkt in Milas Seele. Ihr Mund öffnete sich, langsam, viel zu langsam, und ein feuchtes, gurgelndes Geräusch entwich ihr, das die Stille zerschnitt. Mila wich zurück, stieß gegen eine Wand. Die Kälte des Mauersteins brannte in ihren Fingern. Sie wollte schreien, doch die Stimme blieb in ihrer Kehle stecken. „Runde vier beginnt jetzt“, hallte die Stimme des Mantelmanns, direkt hinter ihr. Sie konnte nicht atmen, konnte nicht bewegen, konnte nicht denken. Nur fühlen: Angst, Kälte, Todesnähe. Das Mädchen hob einen Arm. Langsam, quälend langsam, viel zu lang. Die Finger streckten sich wie Krallen auf Milas Handgelenk zu. Eiskalt trafen sie sie, und ein Schmerz, der nicht körperlich war, sondern tief in ihr Gehirn schnitt, durchfuhr sie.Die Sonne stieg langsam über die Dächer der Stadt. Ein sanftes Licht fiel auf den Asphalt, auf die nassen Straßen, auf die Reste des Regens. Mila saß auf dem Bordstein, die Knie an die Brust gezogen, das Handy tot in ihrer Hand. Neben ihr saß Tom, noch blass, zitternd, aber lebendig. Kein Schatten, kein Mantelmann, keine deformierten Gestalten. „Es… ist vorbei?“, flüsterte er. Seine Stimme war rau, brüchig. Mila nickte, doch ein Teil von ihr konnte es nicht glauben. „Ich… ich denke schon“, sagte sie leise. „Aber… das Gefühl… es ist, als ob etwas noch da ist. Wie ein Nachhall. Ein Flüstern.“ Die Straße war still. Zu still. Die Vögel flogen zurück, die Autos rollten langsam vorbei, aber etwas lag in der Luft, ein Gewicht, das sie nicht benennen konnte. Sie standen auf. Tom neben ihr, beide noch erschöpft. Mila spürte jeden Muskel, jeden Herzschlag, die Panik der letzten Nächte in ihrem Körper brennend. Und doch… sie spürte auch etwas
Tom lag neben ihr, kaum noch er selbst, atmend, aber nur, weil die Dunkelheit es zuließ. Der Mantelmann trat vor. Langsam. Jeder Schritt ein Knacken, wie brechende Knochen. „Runde acht beginnt“, flüsterte er. Die Worte schnitten durch die Luft wie stumpfe Messer. „Dein Ende, oder das Ende des Spiels. Wähle… weise.“ Das Handy vibrierte. Der Bildschirm wurde schwarz. Dann erschienen Worte — keine Zahlen. SYSTEM: RUNDE_08_INITIERT SPIELERSTATUS: FAST–GEBROCHEN REGELBRUCH: 1 ERKENNE: ANOMALIE Mila runzelte die Stirn. Ein Fehler? Ein Systemfehler? Der Mantelmann wandte langsam seinen Kopf, als hätte er es ebenfalls bemerkt. Sein Mantel wehte, obwohl kein Wind mehr wehte. „Ignoriere es“, sagte er. Doch seine Stimme schwankte zum ersten Mal. Die Schatten verzogen sich. Sie wichen zurück. Nicht aus Befehl — aus Furcht. Mila hob das Handy. Ihre Hände zitterten, aber sie konnte klar sehen, wie der Text sich veränderte: ANOMALIE GEFUNDEN: USER_KONTROLLE_ÜBERSCHRIEBT_SY
Mila stand auf, taumelte, die Knie wackelten, ihre Hände immer noch am Handy gekrampft. Tom lag reglos am Boden, seine Augen schwarz, doch ein kleiner Funke in ihnen flackerte noch, kaum sichtbar. Der Mantelmann trat einen Schritt vor. „Runde sechs beginnt“, flüsterte er. „Diesmal wirst du nicht nur leiden. Diesmal wirst du entscheiden, wer lebt. Und wer für immer verschwindet.“ Die Schatten um sie herum verdichteten sich, wanden sich, formten groteske Silhouetten von Menschen, die sie kannte. Ihre Freunde, ihre Familie, ihre Lehrer — alle deformiert, die Glieder verdreht, die Gesichter wie geschmolzenes Wachs, die Augen leer. Und sie starrten sie an. Wartend. Fordernd. Mila wollte wegrennen, doch ihre Beine bewegten sich nicht. Es war, als würden unsichtbare Fäden sie am Boden festhalten. Der Mantelmann ging langsam um sie herum, jeden Schritt begleitet von einem leisen Kratzen, als würde seine Anwesenheit selbst die Luft zerreißen. „Pflich
Sein Blick war flehend, als könnte er spüren, was gleich passieren würde. Die Schatten reckten sich, dehnten sich, als hätten sie unendlich lange Glieder. Einer von ihnen griff nach Tom. Nicht fest, nicht greifbar, doch so präsent, dass Mila es spürte, als würde ihre eigene Seele von ihm erfasst. „Wähl!“, hallte die Stimme des Mantelmanns in ihrem Kopf, „jetzt!“ Mila wollte schreien, wollte weglaufen, doch ihre Beine gaben keinen Schritt nach vorne. Jede Faser ihres Körpers war gelähmt vor Angst. Sie fühlte, wie der Druck auf ihrer Brust wuchs, als wollten die Schatten sie zerquetschen, in winzige Stücke reißen. Der Countdown sprang auf 00:15, und der Mantelmann trat näher. Seine Kapuze bewegte sich kaum, doch sie spürte seinen Blick auf ihr, bohrend, unerbittlich. „Pflicht heißt wählen. Leben oder Tod. Du kannst nicht entkommen.“ Mila schluckte schwer. Die Welt schien sich zu verengen, zu drehen, als würde alles um sie herum zu flüssigem Glas werden
Der Mantelmann nickte nur. „Oh doch. Du kannst. Du musst.“ Plötzlich flackerte die Luft vor ihr, wie eine dünne Schicht Wasser. Und darin erschien ein Bild. Tom. Er lag auf dem Boden, Blut lief über sein Gesicht, seine Augen weit geöffnet. Mila spürte einen Schrei in sich aufsteigen, doch er blieb stecken. „Was… was soll das?“, stammelte sie. „Er ist doch hier! Es ist ein Traum!“ Der Mantelmann lachte leise. „Realität spielt keine Rolle mehr. Nicht, wenn Pflicht und Wahrheit aufeinandertreffen.“ Das Bild auf dem Asphalt änderte sich. Jetzt sah sie ihre Freunde, ihre Familie, jeden Menschen, den sie liebte, gefangen in dunklen Schatten, gequält, starr, wie in Wachsfiguren verwandelt. Ein Schmerz durchfuhr Milas Brust, so stark, dass sie glaubte, ihr Herz würde zerreißen. „Du wirst wählen“, sagte der Mantelmann. „Wahrheit… oder Pflicht. Und die Pflicht ist dieses Mal blutiger als alles, was du bisher erlebt hast.“ Ein Rascheln hinter ih
Alles zerstören. Aber sie konnte nicht. Das Mädchen griff nach ihr. Und diesmal fühlte es sich anders an. Nicht nur kalt und feucht. Sondern lebendig. Schmerz lebendig. Die Hand griff nach ihrer Kehle, doch sie spürte, dass es nicht nur eine Berührung war — es war eine Übertragung. Ein Strom aus Angst, Panik, Tod, alles auf einmal. Mila schrie innerlich, keuchte, rang nach Luft. Und sie tat, was sie tun musste. Sie griff nach Tom. Die Realität schwankte. Der Regen tropfte in verzerrten Mustern. Die Straße wurde länger, dunkler, wabernd. Und das Mädchen presste sie noch fester, als wollte es jeden Teil ihrer Angst extrahieren. „Sag es ihm.“, knurrte der Mantelmann. „Sag ihm alles.“ Mila schloss die Augen. Sie fühlte, wie die Dunkelheit in ihr kroch, die Kälte sich ausbreitete, jede Faser ihres Körpers lähmte. Und dann — ein Gefühl von Widerstand. Ein winziger Funke. in Funke Leben. Sie packte Toms Hand. Ihre Finger k