ANMELDEN„Du musst deine Pflicht erfüllen“, flüsterte der Mantelmann. „Nicht für dich. Für ihn. Für sie. Für das Spiel.“ Mila schluckte schwer. Sie sah Tom, der regungslos neben ihr stand, die Augen weit aufgerissen, panisch, aber unfähig zu helfen. Ein Geräusch hinter ihnen ließ sie zusammenzucken: Scharren, schleifende Schritte. Etwas Großes, Dunkles, Unmenschliches bewegte sich in der Schwärze. Die Schatten der Straße flossen und zogen sich, als hätten sie ein Eigenleben. „Wenn du jetzt nicht handelst…“, flüsterte der Mantelmann, „entscheidet das Spiel selbst.“ Mila schloss die Augen. Ihre Brust brannte, ihr Kopf dröhnte. Die Angst verschlang alles. Und dann traf sie die Wahl. „Pflicht!“, schrie sie, und die Worte hallten durch die Dunkelheit wie ein Sprengsatz. Das tote Mädchen riss den Kopf zurück, als hätte es nicht erwartet, dass sie gehorchen würde. Ein gurgelnder Laut entwich ihm, feucht, klatschend, wie etwas, das unter Wasser ertrinkt. Und
Ihr Herz schlug so laut, dass sie es in den Ohren hörte. Jeder Atemzug tat weh, als würde die Luft einen Widerstand bilden. „Warum… ich?“, flüsterte sie heiser. Das tote Mädchen reagierte wieder nicht. Es stand da wie eine Schaufensterpuppe. Einfach nur… wartend. Ein Windstoß, plötzlich, mitten in dieser geschlossenen Schwärze, fuhr Mila durch die Haare. Er roch nach altem Holz, kaltem Eisen… und etwas Süßem. Zu süß. Verwesung. Sie presste den Arm vor die Nase und hustete. Das Handy vibrierte erneut, diesmal heftiger, fast aggressiv. Die Worte auf dem Display zitterten, verzerrten sich, formten sich neu wie lebendiges Fleisch: DU KENNST DIE REGELN. ANTWORTE. Mila schüttelte panisch den Kopf. „Nein… ich will das nicht! Lass mich raus! Lass mich—“ Das tote Mädchen machte einen Schritt. Einen langsamen, nach vorne ziehenden Schritt, bei dem die Gelenke knackten wie alte Zweige. Mila erstarrte. 4… 3… „Okay!“, keuchte sie, die Stimme brach.
Kapitel 7 Der erste Schritt klang wie nasses Fleisch auf kaltem Stein. Mila wirbelte herum, obwohl ihr Körper sich dagegen wehrte, obwohl jeder Instinkt in ihr schrie, nicht hinsehen, niemals hinsehen. Doch sie drehte sich. Langsam. Steif. Als würde eine unsichtbare Hand ihren Kopf führen. Hinter ihr lag die Straße im Dunkeln. Die Laternen waren zerstört, nur der Mond gab ein mattes, kränkliches Licht. Der Regen fiel wieder — schwer, kalt, klebrig. Das Geräusch kam noch einmal. Schlapp. Schlapp. Etwas trat aus der Seitenstraße. Etwas, das im Licht zuerst nur eine Form war. Dann eine Silhouette. Dann… ein Körper. Es war ein Mädchen. Aber kein lebendiges. Kein richtiges. Ihre Haut war grau und rissig, getränkt in einer Farbe, die in der Dunkelheit fast schwarz wirkte. Ihr Kopf hing zur Seite, als wäre der Hals zu weich, zu lose. Die Haare waren nass, klebten ihr wie lange, verfaulte Fäden am Gesicht. Ihre Arme baumelten
Kapitel 6 Die Welt brach auseinander. Die Welt explodierte nicht. Sie zerknitterte. Als hätte jemand ein Foto ihres Lebens genommen und es mit beiden Händen langsam zusammengedrückt, bis Kanten brachen und Linien rissen. Farben wurden dünn, zuckend, unruhig. Der Boden unter Milas Füßen vibrierte, als wäre er lebendig. Der Countdown verschwand. Stille blieb zurück. Eine Stille, so dicht, dass Mila das Gefühl hatte, wenn sie atmete, würde die Welt das hören. Der Mann im Mantel stand direkt vor ihr. Zu nah. Viel zu nah. Sie konnte den Stoff seines Mantels riechen. Kalt. Feucht. Wie etwas, das unter der Erde lag, viel zu lange. „Sprich“, flüsterte er. Seine Stimme war jetzt tief in ihrem Kopf. Nicht über den Ohren, nicht durch die Luft — in ihr. Ihr Herz schlug gegen ihre Rippen, als wollte es aus ihr heraus. Sie rang nach Atem. „Ich…“, hauchte sie. Tom stand reglos hinter dem Mann. Seine Pupillen waren erweitert. Viel
Kapitel 5 Der Himmel war schwarz wie Tinte, und selbst die Straßenlaternen schienen heute schwächer zu brennen, als hätte jemand ihre Leuchtkraft gedrosselt. Mila spürte die Kälte schon bevor der Wind überhaupt kam. Eine schwere Kälte. Eine, die etwas ahnen ließ. Sie und Tom liefen nebeneinander die schmale Straße entlang, die vom Schulhof wegführte. Es war Dienstagabend, spät, viel später, als Schüler der 9a normalerweise draußen sein sollten. Aber sie hatten noch für die Bioarbeit gelernt, und Mila hatte die Zeit vergessen. Oder vielleicht wollte sie sie vergessen. Schon seit dem Morgen hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. In der Schule hatten die Neonröhren im Flur flackert, jedes Mal, wenn sie an einer vorbeiging. Im Klassenzimmer war ein Stuhl umgekippt, direkt neben ihr, obwohl niemand dort stand. Und in der letzten Stunde hatte sie einen Schatten im Augenwinkel gesehen, obwohl sie genau wusste, dass niemand hinter ihr war. Sie hatte es Tom nicht gesagt. Er hätte
Kapitel 4Mila hielt den Atem an. Sie stand mitten im Zimmer. Das Fenster hinter ihr. Der Spiegel vor ihr. Links ihr Schreibtisch. Rechts die Tür zum Flur. Sie wollte nicht. Konnte nicht. Doch etwas zog an ihr. Eine dunkle Kraft, die sich anfühlte wie eine Hand an ihrem Rücken. Langsam, ganz langsam drehte sie den Kopf. Nichts. Ihr Zimmer. Nur ihr Zimmer. Doch dann fiel ihr Blick in den Spiegel. Ihr Spiegelbild stand da. Aber es atmete nicht. Und dann — dann hob es die Hand. Nicht im gleichen Moment, sondern eine Sekunde später. Als würde jemand anderes in ihrem Körper stecken. Mila stolperte zurück, prallte gegen die Wand, das Herz raste so stark, dass sie dachte, es würde aus ihrer Brust springen. Das Spiegelbild grinste. Ein langsames, breites, kaltes Grinsen. Und dann flüsterte es — ohne den Mund wirklich zu bewegen — ganz leise: „Es hat schon längst angefangen.“ Mila stand mit dem Rücken zur Wand, unfähig, auch nur einen Muskel zu bewegen. Ihr eigener Atem