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Kapitel 4

Penulis: Jana Jäger
Punkt Mitternacht zeigte der Zeitzähler plötzlich 130 verbleibende Minuten an.

Die Zeit ließ sich also ansparen.

Juna war außer sich vor Freude. Jede einzelne Minute konnte später über Leben und Tod entscheiden.

Von nun an wollte sie die Taschendimension nur noch betreten, wenn es unbedingt nötig war. Die angesparte Zeit würde sie für die extreme Kälte oder ein Erdbeben brauchen.

Sie hatte Lebensmittel und mit der Taschendimension einen sicheren Rückzugsort. Zum ersten Mal blickte sie der bevorstehenden Katastrophe mit etwas mehr Zuversicht entgegen.

Juna schlief gut. Am nächsten Morgen weckte sie ein Anruf: Die Monteure für die Edelstahltür waren da.

Einer von ihnen betrachtete ihre Wohnungstür. „Sie haben doch bereits eine Sicherheitstür.“

„In der Wohnanlage wurde in letzter Zeit mehrfach eingebrochen. Ich möchte eine wirklich stabile Tür.“

Der Monteur wusste nicht recht, was er davon halten sollte. „Eine Tür mit Boden- und Deckenriegeln ist sicher, aber dafür müssen wir in den Estrich und die Decke bohren. Das beschädigt die Wohnung.“

„Das macht nichts. Sicherheit geht vor.“

Der Vermieter arbeitete inzwischen in einer anderen Region. Bis das Gebäude später bei einem Erdbeben einstürzte, hatte Juna nie wieder von ihm gehört. Wegen des Umbaus machte sie sich daher keine Gedanken.

Kurz darauf trafen auch die Glaser ein. Beide Teams arbeiteten gleichzeitig, und immer wieder dröhnten Bohrmaschinen durch die Wohnung.

Da Wochenende war, wollte Juna die Nachbarn nicht unnötig verärgern. Sie kündigte den Lärm im Hauschat an und überwies einen kleinen Betrag für die gemeinsame Kaffeekasse.

Anschließend öffnete sie wieder die Liefer-App und bestellte weiter, bis ihr Geld nahezu aufgebraucht war.

Nach weniger als zwei Stunden waren die Tür und die Sicherheitsverglasung eingebaut. Juna beglich die ausstehenden Beträge und betrachtete ihre nunmehr nahezu uneinnehmbare Wohnung. Endlich fiel die Anspannung von ihr ab.

Als das Handy klingelte, rechnete Juna mit einem Lieferdienst. Doch zu ihrer Überraschung war Lennart am Apparat.

„Juna, heute ist meine Geburtstagsfeier. Wann kommst du?“

Lennarts Stimme klang warm und freundlich. Im Hintergrund war das ausgelassene Lachen zahlreicher Gäste zu hören.

Juna lachte spöttisch. „Gut. Warte nur auf mich!“

Lennart war eindeutig in Vivienne verliebt und hielt Juna trotzdem hin. Ihm ging es lediglich um die Überraschungsgeschenke, die sie ihm machte, und vermutlich auch um den Anhänger.

Selbst durch das Telefon war Viviennes süße Stimme deutlich zu hören.

In ihrem ersten Leben war Juna aus freien Stücken zu der Feier gegangen, doch Lennart hatte sie den ganzen Abend kaum beachtet. Jetzt, da sie nicht erschien, kam er plötzlich bei ihr angekrochen.

Bei Juna schrillten sofort alle Alarmglocken. Woher wusste Vivienne, dass der Anhänger eine Taschendimension enthielt?

Lennarts Verhalten ließ darauf schließen, dass er das Geheimnis nicht kannte. Wahrscheinlich hatte Vivienne ihn zu dem Anruf gedrängt.

Juna nahm ihre Schlüssel und ging nach unten.

Lennart wohnte im achten Stock. Aus seiner Wohnung drangen Musik und fröhliche Stimmen.

Juna ging ohne zu zögern daran vorbei und weiter nach unten.

Draußen war es noch immer drückend heiß, doch die ersten Ausläufer des Taifuns fegten bereits heulend durch die Straßen.

Die jüngste Warnmeldung kündigte den Taifun bereits für einundzwanzig Uhr an.

Juna war schockiert. Warum kam er diesmal früher?

Sie fuhr zur Universitätsbibliothek und suchte medizinische Fachbücher zusammen, mit denen sie während der Katastrophen weiterlernen konnte. Außerdem nahm sie Bücher über Kampfsport und Psychologie mit.

Die riesige Bibliothek würde bei der Überschwemmung unter Wasser stehen. Unzählige wertvolle Bücher gingen dann unwiederbringlich verloren.

Der Gedanke tat Juna in der Seele weh, doch sie konnte nichts dagegen tun.

Sie wich den Überwachungskameras aus, mischte die ausgewählten Bücher unter andere Stapel und beförderte sie unbemerkt in die Taschendimension.

Bücher zu stehlen war falsch. Doch schon bald würde die Bibliothek überflutet und ein großer Teil ihres Bestands vernichtet werden.

Bücher bewahrten das Wissen der Menschheit. Juna konnte unmöglich alle retten, aber falls die Katastrophen eines Tages endeten, konnte sie die mitgenommenen Exemplare einer neuen Bibliothek spenden.

Als Lennart erneut anrief, blockierte Juna ohne zu zögern seine Nummer.

Sie verließ die Universität und fuhr zu einem großen Supermarkt. Mit dem Aufzug gelangte sie zunächst auf das Parkdeck, sah sich dort gründlich um und fuhr anschließend wieder hinunter.

Trotz der riesigen Auswahl kaufte Juna nichts. Stattdessen drehte sie mehrere Runden durch den ersten Stock, prägte sich die Wege und das Sortiment ein und setzte anschließend ihre Fahrt fort.

Kurz darauf meldete sich die Autovermietung. Wegen der vorgezogenen Ankunft des Taifuns würde der Betrieb vorzeitig schließen, und Juna musste den Lieferwagen bis fünfzehn Uhr zurückbringen.

Sie sagte zu, gab den Wagen jedoch erst um sechzehn Uhr ab. Inzwischen heulte der Wind unablässig, ließ Schilder schlagen und wirbelte Äste und lose Gegenstände durch die Straßen.

Der Vermieter zeigte sich kulant. Nachdem er den Wagen überprüft hatte, erstattete er Juna die Kaution von zweihundert Euro.

Der Untergang brach nicht von einem Augenblick auf den anderen herein, sondern gewährte den Menschen eine kurze Übergangszeit. Nur erkannte niemand die Warnzeichen.

Juna behielt das Bargeld für Notfälle und gab von nun an nichts mehr aus.

Wieder zu Hause stellte sie Laptop, Tablet und Handy nebeneinander und lud unablässig Filme, Musik, Alltagstipps, Kochrezepte, Offlinekarten, Erste-Hilfe-Anleitungen und weiteres Wissen zur Katastrophenvorsorge herunter.

Plötzlich erschien eine Versandmeldung auf dem Display. Da fiel Juna siedend heiß ein, dass sie die bestellten Polarschutzanzüge völlig vergessen hatte.

Die Sendung sollte bereits am Vorabend eintreffen. Der Händler hatte sie jedoch zu spät verschickt, und dann war auch noch der Paketdienst in Verzug geraten. Erst jetzt war sie im Paketshop angekommen.

Juna rief sofort dort an. Der Mitarbeiter erklärte ihr: „Der Taifun hat bereits begonnen. Wir können heute nicht mehr zustellen und liefern die Sendung erst nach dem Sturm aus. Wenn Sie sie dringend brauchen, müssen Sie sie bis achtzehn Uhr selbst abholen.“

Draußen heulte der Wind. Die Bäume in der Wohnanlage wurden so heftig hin und her gerissen.

Sobald der Starkregen einsetzte, würde der Paketshop überflutet werden. Ohne die Polarschutzanzüge konnte Juna die bevorstehenden Temperaturen von minus sechzig bis minus siebzig Grad unmöglich überleben.

Kein Fahrdienst nahm ihre Anfrage an. Juna biss die Zähne zusammen, stürmte nach unten, entriegelte ein Leihrad und trat mit aller Kraft in die Pedale.

Der Paketshop war nur zwei Kilometer entfernt, doch im Gegenwind konnte Juna kaum die Augen offen halten. Müll und Pappkartons wirbelten hoch durch die Luft.

Völlig verschwitzt und mit zerzausten Haaren erreichte sie schließlich ihr Ziel.

Wegen der Lieferverzögerungen durch den Taifun stapelten sich im Paketshop die Sendungen.

Juna hatte nicht einmal Zeit, nach Luft zu schnappen. Sie krempelte die Ärmel hoch und begann fieberhaft zu suchen.

Zum Glück war ihre Sendung groß. Nach gut zehn Minuten fand Juna endlich den Karton.

Draußen war der Sturm noch heftiger geworden. Der Himmel lag bereits in abendlicher Dunkelheit.

Juna nahm all ihre Kraft zusammen, hob das große Paket an und verließ den Laden.

Kaum war sie vor die Tür getreten, traf sie eine gewaltige Böe und riss sie samt Paket von den Füßen.

Im selben Augenblick streckte ein Mann, der neben einem Geländewagen Pakete einlud, die Hand aus und packte Juna.

Er stand so sicher, dass er sie trotz des Sturms mühelos zurückziehen konnte.

Juna bedankte sich hastig, doch der Wind verschluckte ihre Stimme.

Der Mann warf ihr einen Blick zu. „Der Taifun ist da. Mit diesem Paket sind Sie hier draußen nicht sicher.“

Juna hatte nicht damit gerechnet, dass der Sturm so schnell an Stärke gewann. Sie musste zurück in den Laden. Dort aktualisierte sie unablässig die Freenow-App und erhöhte bei jeder neuen Anfrage das angebotene Trinkgeld, um doch noch eine Fahrt zu bekommen.

Doch vor ihr warteten bereits dreihundert andere Fahrgäste. Kein einziger Fahrer nahm ihre Anfrage an.

Der Mann holte zahlreiche Pakete ab und füllte damit fast den gesamten Geländewagen. Als er bemerkte, wie unruhig Juna nach einer Möglichkeit suchte, von dort wegzukommen, zögerte er kurz. „Wo wohnen Sie?“

Erst im Licht des Ladens konnte Juna ihn genauer erkennen. Er trug ein schwarzes T-Shirt und Jeans, war Anfang zwanzig und hatte einen gepflegten Bürstenschnitt. Sein markantes Gesicht mit der scharf geschnittenen Kinnpartie wirkte kühl und unnahbar.

Mit seinen langen Beinen überragte er Juna deutlich und musste mindestens einen Meter fünfundachtzig groß sein.

Juna bedankte sich noch einmal. Der Mann erwiderte zurückhaltend: „Keine Ursache.“

„Ich wohne in der Wohnanlage Rosenhof. Könnten Sie mich ein Stück mitnehmen? Ich bezahle Ihnen die Fahrt.“

Der Mann nickte und öffnete die Autotür.

Die Rückbank war vollständig mit Paketen belegt. Als Juna die Beifahrertür öffnete, entdeckte sie dort ein kleines Mädchen.

Das Kind war etwa vier oder fünf Jahre alt, trug ein rosafarbenes Kleid und betrachtete Juna mit großen, dunklen Augen. Sein blasses Gesicht wirkte scheu.

Der Mann sagte: „Mila, setz dich auf ihren Schoß.“

Mitten im Weltuntergang kümmerte sich niemand mehr darum, ob eine Verkehrskamera den Verstoß aufzeichnete.

Juna nahm Mila auf den Schoß und stellte das Paket in den Fußraum.

Der Sturm heulte um den schweren Geländewagen, der dennoch ruhig und sicher fuhr.

Vor dem finsteren Himmel wirbelten abgerissene Äste durch die Luft, und losgerissene Wellblechdächer schepperten im Wind.

In einiger Entfernung klammerte sich eine junge Frau im Kleid an einen Laternenmast. Ihren Lippen ließ sich ablesen, dass sie um Hilfe schrie.

Die Katastrophe hatte begonnen.

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