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Kapitel 5

Author: Jana Jäger
Die Wohnanlage lag nur zwei Kilometer entfernt. Nach wenigen Minuten hielt der Geländewagen bereits vor dem Eingang.

Juna reichte dem Mann zweihundert Euro. Damit wollte sie sich dafür bedanken, dass er sie gerettet und ihretwegen sogar einen Verkehrsverstoß riskiert hatte.

Seine Stimme klang kühl. „Nicht nötig. Es lag auf meinem Weg.“

Als er das Geld nicht annahm, drängte Juna ihn nicht weiter. Vor dem Aussteigen warnte sie ihn jedoch: „Der Taifun kann die Strom- und Wasserversorgung lahmlegen. Solange noch Zeit ist, sollten Sie sich mit ausreichend Grundnahrungsmitteln eindecken.“

Dann stieß sie die Tür auf und rannte mit dem Paket gegen den Wind in die Wohnanlage.

Dicke Regentropfen prasselten auf sie herab. Noch immer völlig zerzaust wischte Juna sich im Aufzug das Wasser aus dem Gesicht. Als sich die Türen öffneten, sah sie zu ihrer Überraschung Lennart und Vivienne vor ihrer Wohnung stehen.

Offenbar warteten die beiden schon eine ganze Weile. Lennart wirkte zunehmend ungeduldig. Vivienne dagegen lächelte bezaubernd. Ihr weißes Kleid verlieh ihr eine unschuldige, fast unnahbare Ausstrahlung.

„Wo warst du so lange?“, fragte Lennart ungehalten. „Wir warten schon ewig auf dich.“

Bei ihrem Anblick erinnerte sich Juna an all die Demütigungen ihres ersten Lebens und daran, wie Lennart und Vivienne ungerührt zugesehen hatten, als sie grausam ermordet wurde. Ihre Laune schlug augenblicklich um.

Für ihre eigene Dummheit konnte Juna niemand anderem die Schuld geben. Doch wenn diese beiden sie auch diesmal aussaugen und ihr die Taschendimension entreißen wollten, sollten sie es nur versuchen.

Die Verzweiflung, die Juna durchlitten hatte, würden sie in doppeltem Maß erfahren.

Juna sah sie kühl an. „Was wollt ihr?“

Bisher hatte sie Lennart stets mit überschäumender Herzlichkeit behandelt. Ihre plötzliche Kälte brachte ihn so sehr aus dem Konzept, dass er sie verdutzt fragte: „Warum bist du nicht zu meiner Geburtstagsfeier gekommen?“

„Wir stehen uns nicht nahe. Warum sollte ich kommen?“

„Du …“ Sie lief ihm doch schon seit geraumer Zeit hinterher und hatte ihm längst ein ganz besonderes Geschenk versprochen.

Natürlich war Lennart nicht wegen des Geschenks gekommen. Vivienne interessierte sich für Juna und wollte sie kennenlernen.

Vivienne musterte Juna mit einem Lächeln. „Hallo, Juna.“

„Wir kennen uns nicht. Tu nicht so vertraut.“

Vivienne wirkte kurz verlegen, fing sich jedoch schnell und sagte mit süßer Stimme: „Lennart hat heute Geburtstag. Wir studieren doch alle an derselben Universität. Da können wir ruhig gemeinsam feiern.“

Die eigentliche Geburtstagsfeier war bereits am Mittag zu Ende gegangen. Die beiden wollten Juna nur in Lennarts Wohnung im achten Stock locken und ihr den Anhänger abnehmen.

Juna musterte Vivienne spöttisch. „Bist du taub? Ich habe doch gerade gesagt, dass wir uns nicht nahestehen. Was geht mich sein Geburtstag verdammt noch mal an?“

Mit dieser Schärfe hatte Lennart nicht gerechnet. Gedemütigt fuhr er sie an: „Was soll das, Juna?“

„Ihr tragt Partnerringe, und trotzdem lädst du mich ständig in deine Wohnung ein. Willst du dir zwei Frauen gleichzeitig warmhalten?“

„Mach dir bloß keine Hoffnungen! Ich will überhaupt nichts von dir!“ Lennart kochte vor Wut. „Vivienne, wir gehen.“

Vivienne wollte jedoch nicht fort. „Juna, wir sind wegen des Taifuns hier gestrandet. Könnte ich heute Nacht bei dir übernachten?“

„Spinnst du? Ich habe doch gesagt, dass wir uns nicht kennen!“

Lennarts Miene verfinsterte sich. „Juna, achte auf deinen Ton.“

„Ich rede, wie ich will. Wenn dir das nicht passt, dann lass mich in Ruhe.“

Lennart packte Vivienne am Arm und wollte sie mit sich ziehen. Doch sie weigerte sich zu gehen und zwang sich zu einem Lächeln. „Dein Anhänger ist wirklich schön. Wo hast du ihn gekauft?“

Juna nahm den Anhänger ab. „Willst du ihn?“

Viviennes Augen leuchteten auf. „Würdest du ihn mir verkaufen? Er gefällt mir wirklich sehr.“

Juna öffnete die Hand, und der Anhänger fiel zu Boden.

Dann trat sie mehrmals mit aller Kraft darauf. Schon bald war er in mehrere Teile zerbrochen.

Seit die Taschendimension an Juna gebunden war, hatte der Anhänger seinen ursprünglichen Glanz verloren und war ohnehin wertlos.

Die menschliche Gier kannte keine Grenzen. Wenn Juna den Anhänger nicht vor Viviennes Augen zerstörte, konnte sie nicht wissen, wozu Vivienne noch fähig war.

„Dein Interesse daran widert mich an!“

Vivienne starrte fassungslos auf die zerbrochenen Stücke und schrie erschrocken auf.

Als Lennart sah, wie Juna seine Freundin behandelte, überschüttete er sie mit wüsten Beschimpfungen.

Juna funkelte ihn an. „Verschwindet! Und wagt es ja nicht, mir noch einmal unter die Augen zu treten.“

Lennarts Gesicht verfinsterte sich vor Wut. Außer sich zog er Vivienne mit sich fort.

Erst jetzt öffnete Juna die Edelstahltür. Kaum war sie in der Wohnung, riss sie ungeduldig den Karton auf.

Die Polarschutzanzüge waren dick, weich und warm. Die Mumienschlafsäcke bestanden aus mehreren Daunenschichten und waren hervorragend verarbeitet. In der extremen Kälte würde Junas Überleben von dieser Ausrüstung abhängen.

Draußen heulte der Sturm, und der Himmel war beinahe schwarz.

Juna verriegelte Türen und Fenster, füllte große weiße Kunststoffbehälter mit Leitungswasser und stellte einige davon zusätzlich in das Bad der Taschendimension.

Mit dem Taifun und dem Starkregen würden Strom und Wasser in der Wohnanlage schon bald ausfallen.

Während draußen die Naturgewalten tobten, arbeitete Juna unablässig in der Küche. Sie setzte Reis auf, putzte Gemüse und kochte ein Gericht nach dem anderen.

Von jedem Gericht kochte sie gleich einen großen Topf: Schweinegulasch, Hähnchenragout mit Champignons, würzigen Fischeintopf und Rinderschmortopf mit Wurzelgemüse. Anschließend füllte sie alles noch dampfend in die bereitgestellten Edelstahlbehälter und verstaute es in ihrer Taschendimension.

Zu Beginn des Taifuns hatten die meisten Haushalte noch eigene Vorräte. Juna musste die stark riechenden Gerichte zubereiten, solange Kochgerüche nicht auffielen. Später durfte sie nicht mehr einfach den Herd anwerfen und so die Aufmerksamkeit hungriger Nachbarn auf sich ziehen.

Sie bereitete Aufbackbrötchen, Laugenstangen, Quarktaschen, Kartoffeltaschen und kleine Gemüsestrudel zu. Gasherd und Induktionskochfeld liefen auf Hochtouren, und erst nach Mitternacht beendete Juna ihre Arbeit.

Sie zog ihre fettverschmierte Kleidung aus, duschte heiß und fiel danach todmüde ins Bett.

Noch halb im Schlaf wurde Juna vom Dröhnen einer Bohrmaschine geweckt.

Sie zog den Vorhang beiseite. Draußen war der Himmel düster, und Taifun und Starkregen wüteten unvermindert.

Zunächst hielt Juna die Dunkelheit für Morgendämmerung. Doch als sie auf ihr Handy sah, war es bereits nach neun Uhr.

WhatsApp meldete unablässig neue Nachrichten. Im Hauschat und in der Kursgruppe gab es jeweils mehr als 99 ungelesene Nachrichten. Viele feierten die Ankunft des Taifuns „Klinge“: Angestellte freuten sich, nicht ins Büro zu müssen, und Studenten über den Unterrichtsausfall.

Zahlreiche Mitglieder teilten Fotos und Videos der Verwüstung. Bäume waren samt Wurzeln aus dem Boden gerissen, teure Autos von herabstürzenden Gegenständen beschädigt worden, und eine Windhose hatte eine Lagerhalle aus Wellblech regelrecht in zwei Teile gerissen.

Allmählich merkten einige, dass etwas nicht stimmte. Viele beklagten sich, sie hätten keine Lebensmittel eingekauft. Wer nach Feierabend noch zum Supermarkt gefahren war, hatte leere Gemüseauslagen und geplünderte Regale vorgefunden. Selbst von den Instantnudeln waren nur noch ein paar Packungen der unbeliebtesten scharfen Sorte übrig.

Die Bohrmaschine dröhnte unablässig weiter. Das Geräusch schien aus der Nachbarwohnung zu kommen.

Juna war verwirrt. Auf jeder Etage des Gebäudeteils lagen drei Wohnungen, doch die beiden anderen auf ihrer Etage standen leer.

In ihrem ersten Leben hatte die Flut den zweiten Stock überschwemmt. Die Bewohner der unteren Etagen, die vergeblich auf Rettung warteten, brachen daraufhin die Türen leer stehender Wohnungen auf und zogen dort ein.

Anfangs lebten alle friedlich nebeneinander. Doch als die Lebensmittel knapp wurden, blickten die Neuankömmlinge Juna immer unverhohlener und berechnender an. Mehrmals hatten sie mitten in der Nacht versucht, ihre Tür aufzubrechen.

Diesmal hatte Juna eine Feuerwehraxt gekauft. Wer es wagte, ihre Tür aufzubrechen, musste damit rechnen, dass sie zuschlug.

Neben der Bohrmaschine glaubte Juna auch die Stimme eines Kindes zu hören.

Sie öffnete die Wohnungstür und trat hinaus. Die Tür von Wohnung 1801 stand weit offen. Daneben lehnte eine neue Edelstahltür, und ein junger Mann in heller Freizeitkleidung bohrte gerade Löcher in die Wand.

Als er die Tür hörte, drehte er sich zu Juna um.

Sie starrte ihn überrascht an. „Sie?“

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