Der Sturm kommt, ich bin bereit

Der Sturm kommt, ich bin bereit

By:  Jana JägerUpdated just now
Language: Deutsch
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Als eine Naturkatastrophe nach der anderen über die Welt hereinbrach, überlebten nur jene, die sich anpassen konnten. Taifune, Überschwemmungen, eisige Kälte, mörderische Hitze, Erdbeben, Tsunamis, Insektenplagen, saurer Regen … Drei Jahre lang kämpfte Juna Adler ums Überleben. Am Ende fand sie dennoch einen grausamen Tod. Dann erwachte Juna drei Tage vor der Katastrophe, mit der alles begonnen hatte. Diesmal holte sie sich zurück, was ihr gehörte: eine geheimnisvolle Taschendimension. Von nun an gab es für Juna nur noch ein Ziel – kaufen, sammeln und horten, was ihr später das Leben retten konnte. Außerdem musste sie den Hund wiederfinden, der ihr in ihrem früheren Leben das Leben gerettet hatte. Das Messer war geschärft, die Vorräte waren verstaut. Nun konnte Juna mit all jenen abrechnen, die sie einst verraten hatten. Schuld um Schuld wollte sie begleichen und jede Hilfe erwidern. Als die Katastrophen schließlich hereinbrachen, war Juna bereit: das Messer in der rechten Hand, die linke im Fell ihres Hundes. In einer Welt, in der Gesetze, Moral und Menschlichkeit zerfielen, stellte sie sich unerschrocken allem, was auf sie zukam.

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Chapter 1

Kapitel 1

„Ah …“

Juna Adler riss die Augen auf und fuhr im Bett hoch. Schweiß rann ihr über die Stirn, während sie sich verstört und verzweifelt umsah.

Langsam klärten sich Junas Gedanken. Als sie die vertraute Umgebung erkannte, stockte ihr der Atem. Das war doch ihre alte Wohnung – die Wohnung, in der sie vor dem Untergang gelebt hatte!

„Pling. Pling …“

Mehrere Nachrichten trafen kurz hintereinander ein. Juna griff nach dem Handy auf dem Nachttisch. Auf dem Display stand: 14. September 2029, 9:32 Uhr.

Mehr als ein Dutzend ungelesene Warnmeldungen kündigten den Supertaifun „Klinge“ an. Sein Auftreffen auf die Küste wurde für die Nacht zum 17. September erwartet. Prognostiziert waren Windgeschwindigkeiten zwischen 185 und über 270 Kilometern pro Stunde sowie tagelanger Starkregen.

Juna starrte fassungslos auf den Bildschirm. Aber sie war doch tot! Sie war in jener finsteren Welt gestorben, in der Menschen einander für einen Bissen Essen abschlachteten.

War das womöglich nur ein letzter Fiebertraum, weil Juna sich selbst im Augenblick des Todes nicht mit ihrem Ende abfinden konnte?

„Pling.“

Eine weitere Warnmeldung erschien. Zeitstempel: 9:37 Uhr.

Juna kniff sich mit aller Kraft in den Arm. Der stechende Schmerz ließ keinen Zweifel zu: Das war kein Traum. Sie war wirklich zurückgekehrt.

Bis zu jenem Supertaifun, mit dem der Untergang begonnen hatte, waren es noch drei Tage.

Genauer gesagt waren es nur noch zweieinhalb Tage.

Freude empfand Juna keine. Stattdessen breitete sich eine bleierne Müdigkeit in ihr aus.

Ob Taifune, Starkregen, Überschwemmungen, tödliche Kälte, unerträgliche Hitze oder Erdbeben – jede einzelne Katastrophe war die Hölle gewesen. Nicht eine davon wollte Juna noch einmal erleben.

Nun war Juna jedoch zurück. Wollte sie etwa tatenlos auf den Tod warten? Nein. Niemals.

Juna wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Aus dem Spiegel blickte ihr eine junge, attraktive Frau mit glatter Haut entgegen. Noch hatten Hunger und Angst keine Spuren in ihr Gesicht gegraben. Noch wirkte die Welt friedlich und vollkommen in Ordnung.

Junas müder Blick fiel auf den Edelsteinanhänger an ihrem Hals. Der grüne Stein war das Einzige, was bei ihr gelegen hatte, als man sie als Säugling im Krankenhaus zurückließ. Später hatte Lennart Seidel Juna um den Anhänger gebeten und ihn der umschwärmten Studentin Vivienne Brandt geschenkt.

Während der drei Jahre nach dem Untergang war Vivienne stets makellos geblieben. Ihre Kleidung war sauber, ihre Haut frisch und gesund. Nichts an ihr deutete auf die Katastrophen hin, die ringsum wüteten.

Einmal war Juna vor Hunger beinahe ohnmächtig geworden. Aus dem Augenwinkel hatte sie gesehen, wie Vivienne ein Eis aus dem Anhänger holte und genüsslich daran leckte.

Da schoss Juna ein Gedanke durch den Kopf. Sie nahm eine Rasierklinge, schnitt sich in den Finger und ließ einen Blutstropfen auf den Anhänger fallen.

Gleißendes Licht flammte auf. Als Juna wieder sehen konnte, stand sie in einer leeren, in sich abgeschlossenen Wohnung ohne Eingangstür. Es gab Strom und fließendes Wasser, aber keine Möbel. Die Wohnung bestand aus zwei Schlafzimmern und einem Wohnzimmer; insgesamt umfasste sie etwa achtzig Quadratmeter. Die Decke war knapp drei Meter hoch. Neben dem Balkon befand sich ein rund zehn Quadratmeter großes Beet aus tiefschwarzer Erde.

Mitten im Wohnzimmer schwebte eine leuchtende Zeitanzeige. Sie zeigte: 01:56:13.

Das war also das Geheimnis, das Vivienne selbst im Elend ein angenehmes Leben ermöglicht hatte. Vivienne hatte Juna diese Taschendimension gestohlen.

Zurück in ihrer eigenen Wohnung spürte Juna den zusätzlichen Raum deutlich in ihrem Bewusstsein. Sobald sie sich darauf konzentrierte, konnte sie jedes Detail darin wahrnehmen.

Um die Eigenschaften der Taschendimension zu testen, stellte Juna eine Tasse kochendes Wasser hinein. Abgesehen vom Balkon und dem Beet blieb dort alles exakt in dem Zustand, in dem sie es eingelagert hatte. Lebensmittel verdarben nicht, heiße Speisen kühlten nicht aus.

Juna konnte Dinge allein mit ihren Gedanken hinein- und herausholen. Solange sie selbst draußen blieb, stand die Zeitanzeige still. Erst wenn sie die Taschendimension betrat, lief der Countdown weiter.

Für weitere Versuche blieb Juna keine Zeit.

Dieses Mal hatte Juna sowohl ihr Leben als auch die Taschendimension zurückbekommen. Sie musste diese Chance nutzen und ihr früheres Schicksal abwenden.

In ihrem früheren Leben hatte Juna nur drei Jahre überlebt. Welche Katastrophen danach noch folgten, wusste sie nicht. Deshalb nahm sie ihr Handy und suchte nach möglichen Naturkatastrophen.

Die endlose Liste ließ Juna beinahe verzweifeln.

Am Leben zu bleiben war verdammt schwer.

Juna schob die düsteren Gedanken beiseite, holte Papier und Stift und begann eine Vorratsliste.

Juna war in einem Kinderheim aufgewachsen. Nach außen hin wirkte dort alles friedlich, doch unter den Kindern ging es alles andere als harmonisch zu. Mit der Zeit war Juna dadurch egoistisch geworden und hatte gelernt, stets darauf zu achten, nicht zu kurz zu kommen.

Sicherheit hatte Juna nie gekannt. Schon als Grundschülerin sammelte sie Pfandflaschen und Altpapier. Später nahm Juna jede Arbeit an, für die man ihr Geld zahlte: Nachhilfe, Hausaufgabenhilfe, Aushilfsjobs und sogar das Putzen öffentlicher Toiletten.

Juna schloss die Schule mit Bestnoten ab und machte ein hervorragendes Abitur. Selbst im zweiten Jahr ihres Medizinstudiums betreute sie noch fünf Abiturienten. Für jede Nachhilfestunde verlangte sie fünfundzwanzig Euro.

Geld bedeutete für Juna Sicherheit. Sie warb neue Kunden, verkaufte Versicherungen und betrieb nebenbei einen eigenen Videokanal. Solange etwas legal war, probierte sie es aus. In all den Jahren hatte Juna insgesamt zwanzigtausend Euro gespart. Nach dem Studium wollte sie damit die Anzahlung für eine eigene kleine Wohnung leisten.

Dieser Plan war nun hinfällig.

Für den Nachmittag stand eine Vorlesung an, am Abend musste Juna Nachhilfe geben. Beides spielte keine Rolle mehr.

Über WhatsApp schrieb Juna den Eltern ihrer Schüler: „Ich bin krank und muss längere Zeit im Krankenhaus bleiben. Bitte suchen Sie möglichst schnell nach einer Vertretung und rechnen Sie die noch offenen Stunden ab.“

Die Honorare wurden alle zwei Wochen gezahlt, und die Eltern von Junas Schülern waren sämtlich wohlhabend. Zwei von ihnen schickten ihr zusätzlich jeweils sechzig Euro als Genesungsgruß. Insgesamt gingen knapp siebenhundertfünfzig Euro auf Junas Konto ein.

Juna erinnerte alle daran, dass ein Jahrhundertsturm bevorstand, und riet ihnen, Lebensmittel und wichtige Medikamente zu Hause zu lagern.

Nach dem Untergang hatte eine Katastrophe die nächste abgelöst. Allein Junas Medikamentenliste füllte drei dicht beschriebene Seiten. Viele Präparate waren teuer oder in normalen Apotheken gar nicht erhältlich.

Juna fotografierte die Liste und schickte sie an Bastian Krüger, einen alten Freund aus dem Kinderheim, der inzwischen im Vertrieb eines Pharmaunternehmens arbeitete. Dazu schrieb sie: „Ein neuer Großkunde braucht das alles dringend. Die Lieferung muss noch heute raus. Besorg mir bitte den besten Preis, den du bekommen kannst.“

Bastians Antwort kam sofort: „Mach ich.“

Keine fünf Minuten später rief Bastian an. „Juna, diese Medikamentenliste ist ziemlich ungewöhnlich. Bist du sicher, dass das kein Scherz ist?“

„Das Geld ist da. Der Kunde stellt nur eine Bedingung: Die Ware muss heute Abend geliefert werden.“

Juna hatte keine Zeit für weitere Erklärungen. Sie beendete das Gespräch, überwies Bastian fünftausend Euro und schrieb: „Den Rest rechnen wir später ab.“

Es gab noch viel zu besorgen. Juna griff nach ihren Schlüsseln und wollte gerade gehen, als ihr Blick auf den Schuhkarton auf dem Tisch fiel. Darin lag ein Paar neue Air Jordans aus einer limitierten Auflage. Am liebsten hätte sie sich selbst geohrfeigt.

Normalerweise war Juna vernünftig und drehte jeden Euro zweimal um. Sobald es um Lennart ging, setzte ihr Verstand offenbar aus.

Nur um in Lennarts Nähe zu sein, war Juna aus dem günstigen Studentenwohnheim ausgezogen und hatte eine teure Wohnung in Campusnähe gemietet. Für diese Schuhe hatte sie mitten in der Nacht vor dem Geschäft angestanden.

Junas eigene Schuhe kosteten nie mehr als dreißig Euro. Für Lennarts limitiertes Modell hatte sie dagegen über tausend Euro ausgegeben, ohne mit der Wimper zu zucken. Und was hatte Juna dafür bekommen?

Lennart nahm das Geschenk an und verlangte anschließend auch noch ihren Anhänger. Er erwiderte Junas Gefühle nicht, wies sie jedoch ebenso wenig zurück. Als der Taifun kam, brachte Lennart Vivienne mit und aß gemeinsam mit ihr Junas gesamte Vorräte auf.

In den folgenden drei Jahren half Lennart Juna kein einziges Mal. Als ein Unmensch sie schließlich brutal zusammenschlug und tötete, stand Lennart daneben und sah einfach zu.

Hätte Juna das damals gewusst, hätte sie die Schuhe lieber einem Hund als Kauspielzeug gegeben.

Dieses Mal wollte Juna sehen, wie lange Lennart und Vivienne ohne Junas Vorräte und ohne die Taschendimension ihr makelloses Leben aufrechterhalten konnten.

Der Supertaifun hatte in Junas früherem Leben rund zwei Wochen gewütet. Danach folgten drei Monate ununterbrochener Starkregen. Am Ende stand die gesamte Stadt unter Wasser.

Juna wohnte im achtzehnten Stock. Das Wasser erreichte ihre Wohnung zwar nicht, doch komfortabel war ihr Leben deshalb noch lange nicht.

Nachdem Juna die Wohnanlage verlassen hatte, frühstückte sie ausgiebig in einem kleinen Café an der Straße.

Ohne Zeit zu verlieren, mietete Juna bei einer Autovermietung einen Lieferwagen und fuhr direkt zum Sneakergeschäft. Die Verkäuferin reagierte überrascht auf Junas Rückgabewunsch. Das Modell war limitiert, zahlreiche Kunden warteten darauf. Für das Geschäft war der Weiterverkauf daher kein Problem.

Juna erhielt gut elfhundert Euro zurück. Dafür konnte sie Reis, Mehl und Speiseöl für mehrere Jahre kaufen. Wozu brauchte sie da noch einen Mann?

Anschließend fuhr Juna in ein Gewerbegebiet, in dem sich ein Tür- und Fensterbaubetrieb an den nächsten reihte. Dort bestellte sie zwei besonders massive Sicherheitstüren aus Edelstahl, jeweils mit Dreifachverriegelung und zusätzlichen Bolzen für Boden und Decke. Selbst mit einem Vorschlaghammer waren sie nicht aufzubrechen. Die beiden Türen kosteten einschließlich Montage etwas mehr als sechshundert Euro.

Um Zeit zu sparen, hatte Juna die Maße vor dem Verlassen der Wohnung selbst genommen.

Der Händler befürchtete zunächst, dass sie sich vermessen hatte. Als Juna ihm die Wohnanlage und den Gebäudeteil nannte, war er sofort beruhigt. Der Händler hatte dort schon häufiger gearbeitet und kannte die Bauweise. „Wenn es dringend ist, schaffen wir den Einbau übermorgen.“

Auf der anderen Straßenseite befand sich eine Glaserei. Juna entschied sich für das stärkste einbruchhemmende Verbundsicherheitsglas. Es kostete sechzig Euro pro Quadratmeter. Der Einbau wurde ebenfalls für übermorgen früh vereinbart.

Dieses Mal konnten die anderen gegen Junas neue Türen treten und auf die verstärkten Fenster einschlagen, so viel sie wollten. Nie wieder durfte jemand mit einem Messer in ihre Wohnung eindringen und ihr etwas antun.

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