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Author: J. C. Veyra
last update publish date: 2026-10-16 00:19:01

Kapitel 3: Das Blutopfer

Das Dröhnen der Kriegshörner erschütterte die massiven Grundfesten des Schlosses. Es war kein gewöhnlicher Alarm; es war der Schrei des Rudels in höchster Todesnot. Der Lärm der splitternden Tore, das brüllende Heulen hunderter Wölfe und das Eisen auf Eisen klirrende Getöse des Nahkampfs drangen durch die dicken Steinmauern der Waffenkammer hinab zu uns.

Beta Viktor stand mit gezogenem Langschwert in der Ruine der Türöffnung, die Adern an seinem Hals dick hervorgetreten. „Alpha! Wir müssen handeln! Die Wachen am Südtor wurden innerhalb von Sekunden überrannt. Es sind nicht nur ein paar Streuner – die gesamte Silberklaue-Streitmacht steht im inneren Hof, und ihre Schwerter sind mit Hexenblut bestrichen. Sie haben unsere Barrieren einfach aufgelöst!“

Lyall bewegte sich nicht sofort. Seine Gestalt wirkte im flackernden Licht der verbliebenen Wandfackeln wie eine monumentale Statue aus dunklem Marmor. Sein Blick lag noch immer auf mir, unausweichlich, schwerschwer und erfüllt von einer finsteren, kochenden Unruhe. Seine Pupillen waren geweitet, die Reaktionen seines inneren Wolfs kämpften sichtbar gegen die kühle Vernunft des Anführers.

„Arias Kopf...“, wiederholte Lyall mit einer leisen, abgründigen Stimme, die gefährlicher klang als das Gebrüll der Hörner draußen. Er wandte sich langsam zu Viktor um. „Die Silberklauen marschieren nicht wegen Ländereien oder Beute in mein Schloss ein. Sie riskieren einen totalen Krieg wegen einer einfachen Omega?“

„Sie behaupten, sie sei eine Mörderin und eine Hexe!“, rief Viktor, während im Flur hinter ihm bereits die ersten Schreie sterbender Krieger zu hören waren. „Ihr Anführer, Alpha Malakor, hat eingeschworen, das Schloss Stein für Stein einzureißen und jeden Einzelnen von uns abzuschlachten, wenn wir sie ihm nicht vor dem nächsten Herzschlag an den Haaren herbeischleifen!“

Ich wich einen Schritt zurück, bis meine Schulterblätter hart gegen die feuchte Steinwand stießen. Mein Herz hämmerte wie verrückt gegen meine Rippen. Malakor. Der berüchtigte, narbengesichtige Herrscher der Silberklauen, ein Mann, der für seine Grausamkeit und seine Schändungen bekannt war. Warum sollte ein Alpha wie er meinen Kopf fordern? Ich hatte das Schloss in meinem ganzen Leben kaum verlassen. Ich war für die Welt da draußen eine Unsichtbare gewesen.

Es ist das Erbe, flüsterte eine Stimme tief in meinem Hinterkopf, alt und dunkel wie die Erde. Die Silber-Gold-Rune. sie wissen, was in dir erwacht ist.

Ich sah zu Lyall. Für einen kurzen, lähmenden Moment erwartete ich, dass er nickte. Er hatte mich vor kaum zwei Stunden vor dem gesamten Rudel gedemütigt. Er hatte mich abgelehnt, als wertlos beschimpft und mich in den Dreck getreten. Mich an Malakor auszuliefern, wäre der einfachste Weg, sein Schloss zu retten, den Krieg zu beenden und eine lästige Omega loszuwerden, die sein perfektes Ansehen befleckte.

„Bring sie hoch“, befahl Lyall eiskalt.

Ein eiskalter Schauer fuhr mir durch die Glieder. Viktor machte einen Schritt auf mich zu und griff nach meinem Arm, doch bevor seine Finger meinen Stoff berühren konnten, brüllte Lyall auf:

„Fass sie nicht an!“

Viktor schreckte zurück, als hätte ihn eine Viper gebissen. Selbst der gestandene Beta wich mit aufgerissenen Augen vor der urplötzlichen, vernichtenden Aura seines Alphas zurück.

Lyall trat zwischen mich und Viktor. Seine breiten Schultern schirmten mich komplett ab. „Ich bringe sie selbst hoch. Und niemand – hörst du mich, Viktor? – niemand legt eine Hand auf sie.“

Er wartete keine Antwort ab. Mit einer schnellen, unerbittlichen Bewegung packte er mein Handgelenk. Sein Griff war fest wie eine Eisenschelle, doch seltsamerweise verletzte er mich nicht. In dem Moment, in dem seine nackte Haut die Stelle berührte, an der die Silber-Gold-Rune unter meinem Fleisch brannte, zuckte ein elektrischer Schlag durch uns beide. Lyall keuchte leise auf, seine Zähne knirschten aufeinander, doch er ließ mich nicht los. Er riss mich hinter sich her, als er mit raubtierartigen Schritten aus der Kammer stürmte.

Wir steigen die ausgetretenen Wendeltreppen zum Schlossinnenhof empor. Mit jeder Stufe wurde der Lärm der Schlacht lauter, ohrenbetäubender, schrecklicher. Der Geruch von frischem Blut, verbranntem Fell und dem metallischen Gestank von Hexensilber lag so dicht in der Luft, dass es mir die Kehle zuschnürte.

Als wir durch das zertrümmerte Portal in den riesigen Innenhof traten, bot sich mir ein Bild der Hölle.

Der Schneeregen hatte eingesetzt und verwandelte den Boden in einen Morast aus schwarzem Schlamm und rotem Blut. Dutzende von Wölfen zerfleischten sich in tobenden Kämpfen. Fackeln brannten, Holzkonstruktionen standen in Flammen, und das Geschrei der Verwundeten schnitt durch die Nacht. Unsere Krieger kämpften tapfer, doch die Invasoren waren in der Überzahl – Hünen in dunklen Rüstungen, deren Augen in einem dreckigen Gelb leuchteten.

In der Mitte des Hofes, umringt von einer Leibgarde aus gewaltigen Kampfwölfen, stand Alpha Malakor. Er war ein Hünen von einem Mann, breitschultrig, bedeckt mit tiefen Narben, und in seiner Rechten hielt er ein riesiges, zweihändiges Großschwert, dessen Klinge in einem unnatürlichen, violetten Licht schimmerte. Hexensilber. Eine Substanz, die das Fleisch eines Werwolfs innerhalb von Minuten zerfratze und jede Heilung verhinderte.

An seiner Seite stand Talia.

Meine Augen weiteten sich. Talia, die eben noch an Lyalls Seite gesessen hatte, stand nun hinter Malakor. Ihr edles Ledergewand war mit Blut bespritzt, und auf ihren Lippen lag dasselbe süffisante, grausame Lächeln, mit dem sie meine Ablehnung verfolgt hatte.

„Talia...“, entfuhr es mir.

Lyall hielt abrupt an. Seine Adern am Hals schwollen an, als er die Verräterin erblickte. „Du...“, knurrte er, und die Stimme seines inneren Wolfs ließ die Flammen der brennenden Fackeln um uns herum flackern. „Du hast die Tore geöffnet.“

Talia lachte, ein schrillendes, kaltes Geräusch. „Glaubtest du wirklich, ich würde mich mit dem Platz an deiner Seite zufriedengeben, Lyall? Du hast jahrelang das mächtigste Rudel regiert, während Malakor mir das versprochen hat, was ich wirklich will: die absolute Herrschaft über alle Territorien! Und alles, was wir brauchten, war der Schlüssel, der im Schloss versteckt war.“

Sie zeigte mit einer langen, blutbefleckten Kralle direkt auf mich.

Malakor trat vor. Seine schwarzen Stiefel drückten das matschige Blut auf den Pflastersteinen beiseite. Sein Blick heftete sich auf mich, hungrig, irrsinnig und voller Verlangen.

„Die letzte Überlebende des Sonne-und-Mond-Blutkreises“, raunte Malakor, und seine Stimme klang wie zwei Steine, die aufeinander mahlen. „Tausend Jahre lang dachten wir, eure Blutlinie sei gründlich von der Erde getilgt worden. Doch dein Herz schlägt noch, kleines Lamm. Und deine Rune ist erwacht.“

Ein Raunen ging durch die verbliebenen Krieger unseres Rudels. Sie starrten mich an, verwirrt, ungläubig, schockiert. Die unbedeutende Omega – eine Ur-Königin?

„Gib sie mir, Lyall“, forderte Malakor und hob sein leuchtendes Großschwert. „Gib mir das Mädchen, und ich verschone die Hälfte deiner Männer. Behalte sie, und ich werde diesen Ort bis auf die Grundmauern niederbrennen und dein Blut trinken!“

Ich spürte, wie Lyalls Griff um mein Handgelenk noch fester wurde. So fest, dass es fast wehtat. Ich sah von der Seite zu ihm auf. Sein Kiefer war steinhart angespannt. Er musste nur meine Hand loslassen. Er musste mich nur einen Schritt nach vorne stoßen. Das war die logische Entscheidung eines Alphas, der sein Volk beschützen musste.

„Lyall...“, flüsterte ich, das Herz in der Kehle. „Lass mich gehen. Wenn sie mich wollen...“

„Halt das Maul, Aria“, schnauzte Lyall mich an, doch in seinen Worten lag keine Verachtung mehr. Es war eine wilde, rasende Verzweiflung.

Er trat einen Schritt nach vorne, zog mit einer fließenden, tödlichen Bewegung seine eigene, schwarze Klinge aus der Scheide am Rücken und baute sich vor mir auf wie eine unüberwindbare Wand.

„Sie gehört zu meinem Rudel“, dröhnte Lyalls Stimme über den blutigen Hof, so laut und mächtig, dass das Getöse der Kämpfe um uns herum für einen Moment verstummte. „Und kein räudiger Hund von einer Silberklaue wird auch nur ein einziges Haar auf ihrem Kopf berühren, solange ich atme!“

Talia verzog das Gesicht vor Wut. „Du Narr! Du hast sie heute Abend abgelehnt! Sie ist nichts für dich!“

„Sie mag meine abgelehnte Gefährtin sein“, brüllte Lyall, und sein Körper begann sich zu verändern. Seine Muskeln schwollen an, lange, schwarze Krallen brachen aus seinen Fingerspitzen, und seine Augen verwandelten sich in zwei reine, glühende Saphire aus purer Alpha-Macht. „Aber sie steht unter MEINEM Schutz! KAMPF!“

Mit einem schrecklichen Brüllen stürmte Lyall auf Malakor zu.

Der Zusammenprall der beiden Alphas war wie der Einschlag eines Meteors. Das Scheppern ihrer Schwerter schickte Funkensalven durch die dunkle Regennacht. Die Wucht ihrer Aura schlug die umstehenden Krieger buchstäblich von den Füßen.

Ich wurde von der Schockwelle nach hinten geworfen und schlug hart auf dem nassen Pflaster auf. Der Dreck spritzte über mein Gesicht, doch ich beachtete es nicht. Ich rappelte mich auf die Knie auf und starrte mit angehaltenem Atem auf den gigantischen Duell-Kampf vor mir.

Lyall kämpfte wie ein Besessener. Er war schneller, tödlicher und brutaler als jeder Krieger, den ich je gesehen hatte. Seine Klinge sauste in einem tödlichen Wirbel nieder, hieb Malakors Rüstung in Stücke und zwang den feindlichen Alpha Schritt für Schritt zurück. Seine Wölfin schien durch seinen menschlichen Körper zu brechen, angetrieben von einer rasenden, unkontrollierbaren Beschützer-Wut.

Doch Malakor war nicht allein gekommen.

Während Lyall einen gewaltigen Hieb parierte und Malakor mit dem Ellbogen ins Gesicht traf, schlich sich Talia durch die Schatten hinter ihn. In ihren Händen glänzte ein langer, feiner Dolch – ebenfalls mit dem giftigen, violetten Hexensilber bestrichen.

„Lyall! Hinter dir!“, schrie ich mit voller Lunge.

Mein Schrei kam eine Sekunde zu spät.

Talia stieß zu. Die lange Silberklinge fuhr von hinten direkt unter Lyalls Schulterblatt, tief hinein in seine Brust.

Ein schreckliches, ersticktes Brüllen entkam Lyalls Kehle. Der Alpha geriet ins Straucheln. Schwarzes, vergiftetes Blut schoss aus der Wunde und brannte knisternd auf der Haut seines Rückens. Das Hexensilber begann sofort, sein Fleisch zu zerfressen und seine Selbstheilung zu blockieren.

Malakor nutzte das Zögern gnadenlos aus. Er holte mit seinem gewaltigen Großschwert aus und rammte die breite Klinge tief in Lyalls Seite.

„NEIN!“, schrie ich. Der Schrei zerriss meine Kehle.

Lyall brach auf die Knie. Das schwarze Schwert entglitt seinen tauben Fingern und fiel in den Schlamm. Blut tropfte aus seinem Mund, seine Augen verloren ihr leuchtendes Blau und wurden matt. Er sank vornüber, die Hände im blutigen Morast abgestützt, unfähig, sich wieder aufzurichten.

Malakor trat über den fallenden Alpha, ein grässliches, siegreiches Grinsen auf den blutbefleckten Lippen. Er hob sein Großschwert mit beiden Händen über Lyalls Kopf, bereit, ihm den Gnadenstoß zu versetzen und den Schädel des Alphas zu spalten.

„Das Shadow-Rune-Rudel fällt heute Nacht“, zischte Malakor.

In diesem Moment erlosch die Welt um mich herum.

Ich dachte nicht nach. Ich spürte keinen Schmerz, keine Angst, keine Unfähigkeit. Eine Welle aus purer, kochender Zerstörungswut explodierte in meinem Inneren. Das Blut des Sonne-und-Mond-Blutkreises brüllte in meinen Ohren wie ein erwachender Vulkan.

Die Rune auf meinem Arm flammte so hell auf, dass sie die Dunkelheit des Innenhofs wie ein Blitzschlag erhellte. Ein goldenes Licht schoss aus meiner Brust hervor.

Ich sprintete los. Ich war schneller, als es einem Menschen oder einem gewöhnlichen Wolf möglich gewesen wäre. Ich war nur ein verschwommener Streifen aus Licht. Bevor Malakors Klinge herabsausen konnte, warf ich mich über Lyalls zitternden, blutenden Körper.

Ich hielt meine nackte, leuchtende Hand nach oben und griff direkt in die herabfallende Hexensilber-Klinge.

Ein ohrenbetäubender Knall schlug durch den Hof.

Malakors Schwerter brach in tausend glühende Splitter, als hätte er einen Berg aus massivem Diamant getroffen. Die Wucht des Aufpralls schleuderte den riesigen Silberklaue-Alpha meterweit nach hinten durch die Luft, wo er schwer im Schlamm aufschlug und liegen blieb.

Talia schrie entsetzt auf und wich stolpernd zurück, während die feindlichen Krieger schockiert die Waffen sinken ließen.

Ich fiel auf die Knie zurück, direkt über Lyall. Meine Hand brannte, das Silber hatte sich tief in meine Handfläche geschnitten, und mein eigenes, leuchtendes Blut tropfte auf Lyalls offene, zerfressene Rückenwunde.

In dem Moment, in dem mein Blut seine Wunde berührte, geschah das Unmögliche.

Ein zischender Dampf stieg auf. Das gifte Hexensilber löste sich auf. Die tiefen, tödlichen Wunden an Lyalls Rücken und Seite begannen sich vor unseren Augen mit rasender Geschwindigkeit zu schließen. Das zerfetzte Fleisch wuchs zusammen, die Haut glättete sich, und die lebensbedrohliche Vergiftung wurde innerhalb von Sekundenbruchteilen spurlos fortgespült.

Doch der Preis war schrecklich.

Sobald seine Wunden heilten, fuhr ein lähmender, brennender Schmerz durch meinen eigenen Körper. Es fühlte sich an, als würde man mein eigenes Herz mit flüssigem Blei gießen. Meine Lungen zogen sich zusammen. Ich konnte keinen Sauerstoff mehr einsaugen. Meine Sicht wurde dunkel, und das Gold auf meinem Arm verblasste rapide.

Lyall riss die Augen auf. Sein Saphirblau war zurückgekehrt, klar und voller Leben. Er drehte sich um, fing meinen fallenden Körper auf und hielt mich fest in seinen starken Armen. Seine Augen starrten voller Schock und Panik in meine.

„Aria...“, keuchte er, seine Stimme zitterte heiser. „Was... was hast du getan?!“

Ich wollte antworten, doch meine Lippen waren taub. Das Blut versagte mir den Dienst.

In meinem Kopf ertönte plötzlich wieder jene tausendstimmige, uralte Stimme der Blut-Dynastie, so laut und deutlich, dass sie mir das Trommelfell zu zerreisen schien:

„Das Blutopfer ist erbracht. Durch das Seelenblut hast du den Alpha an deine Lebenskraft gebunden. Er lebt durch dich... und du stirbst durch ihn. Wenn sein Herz aufhört zu schlagen, stirbst auch du. Und wenn du stirbst, wird sein Wolf den Verstand verlieren.“

Ich entglitt dem Bewusstsein. Das Letzte, was ich sah, war Lyalls verzweifeltes Gesicht, während er meinen Namen schrie, und das dunkle Lachen von Talia, die aus den Schatten zischte:

„Du hast ihn gerettet, kleine Hexe... aber du hast dir gerade dein eigenes Todesurteil unterschrieben.“

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