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Author: J. C. Veyra
last update publish date: 2026-10-16 09:12:00

Kapitel 4: Der Schrei des Alphas

Das Echo des Kriegshorns verhallte in der kalten Nachtluft, doch die Stille, die folgte, war trügerisch. Der Innenhof des Schlosses glich einem Schlachtfeld. Überall lagen rauchende Trümmer, zertrümmerte Waffen und der zähe, dunkle Schlamm aus Blut und geschmolzenem Schnee.

Ich lag in Lyalls Armen, mein Bewusstsein schwankte an einem seidenen Faden. Meine Lungen brannten, als hätte ich Asche eingeatmet, und jede Regung meines Körpers fühlte sich an, als würde man Blei durch meine Adern pumpen. Doch das Schlimmste war nicht die Erschöpfung – es war das dumpfe, hämmernde Pochen tief in meiner Brust.

Lyall hielt mich so fest, dass seine eisernen Arme mich beinahe erdrückten. Er kniete im blutigen Schlamm, das Gesicht zu einer Maske aus purem Entsetzen und Raserei verzerrt. Seine blauen Augen, die sonst vor kalter Kontrolle strotzten, waren weit aufgerissen und blickten wild um sich, als suchten sie nach einem Feind, den sie eigenhändig zerreißen konnten.

„Aria...“, keuchte er, und seine tiefe Stimme klang rau und gebrochen. Er drückte seine Wange an meine Stirn. „Aria, hör mich an. Verdammt noch mal, mach die Augen auf!“

Um uns herum herrschte hektisches Treiben. Die verbliebenen Krieger unseres Rudels, die den Angriff überlebt hatten, sicherten die Tore. Beta Viktor, dessen Rüstung an der linken Schulter aufgerissen war und aus dem eine tiefe Wunde blutete, rannte auf uns zu. Sein Gesicht war bleich wie Kalk.

„Alpha!“, rief Viktor außer Atem, als er neben uns in den Schlamm sank. Sein Blick glitt besorgt von Lyall zu meinem leblosen Körper. „Die Invasoren haben sich zurückgezogen. Malakor ist mit den Überlebenden in den Wald geflüchtet, nachdem seine Klinge zersplittert ist. Aber... aber das Schloss brennt im Westflügel, und...“ Viktor schluckte schwer. „Was ist mit ihr?“

Lyall hob den Kopf. Der Anblick seines Gesichts ließ selbst den erfahrenen Beta erschrecken. Die Adern an Lyalls Hals traten dick hervor, und ein tiefes, gefährliches Knurren drang unkontrolliert aus seiner Brust – das Knurren eines Alphas, dessen innere Wölfin kurz davor stand, die menschliche Hülle komplett zu sprengen.

„Sie hat mich gerettet“, flüsterte Lyall, und in seiner Stimme lag eine zerreißende Mischung aus grenzenloser Bewunderung und panischer Angst. „Sie hat das Hexensilber abgefangen. Sie hat mein Leben genommen... und ihr eigenes dafür gegeben.“

Viktor starrte mich ungläubig an. „Das Seelenblut... Das ist kein Mythos? Die alte Legende ist wahr?“

„Sie liegt im Sterben, Viktor!“, brüllte Lyall plötzlich so laut, dass die Wölfe in der Umgebung zusammenzuckten. „Hör auf zu reden und hol Dr. Albus! Sofort!“

„Ja, Alpha! Sofort!“, rief Viktor und sprang auf, um im Laufschritt zum Lazarett-Flügel zu eilen.

Lyall wartete nicht. Mit einer schnellen, fast schmerzhaft vorsichtigen Bewegung hob er mich hoch in seine Arme, als wäre ich aus Glas, und trug mich mit Riesenschritten durch die rauchenden Trümmer des Haupteingangs, hinein in die wärmeren Gänge des Schlosses. Seine Schritte waren wackelig, und für einen kurzen Moment schwankte er.

Ein stechender Schmerz durchzuckte plötzlich meine eigene Brust, schärfer als ein Messer. Ich stöhnte leise auf.

Gleichzeitig stolperte Lyall und musste sich mit der Hand an einer verkohlten Wand abstützen. Er starrte mich an, die Zähne aufeinandergepresst. Das magische Band, das unsere Seelen nun verband, hatte einen schrecklichen Nebeneffekt: Seine Erschöpfung spürte ich wie Gift, und meine Schmerzen spürte er im selben Moment in seinem eigenen Fleisch.

„Halt durch, Aria“, presste er zwischen den Zähnen hervor, während er mich die Treppen hinauf zu seinen privaten Gemächern trug. „Du darfst mich nicht verlassen. Hörst du? Ich habe dir nicht erlaubt zu sterben!“

Die schweren Flügeltüren seiner Gemächer flogen auf. Lyall trat ein und legte mich behutsam auf das breite, mit dunklem Pelz bedeckte Bett. Das Feuer im Kamin knackte leise und warf tanzende Schatten an die hohen Wände, doch die Hitze drang nicht zu mir vor. Ich fror. Mein Körper schien von innen heraus zu verglühen, während meine Haut sich eiskalt anfühlte.

Wenige Minuten später stürmte Dr. Albus, der alte, grauhaarige Rudelarzt, mit einem schweren Koffer voller Kräuter, Tinkturen und silbernen Instrumenten ins Zimmer. Sein Gesicht war von Sorgenfalten zerfurcht. Er blieb am Fuß des Bettes stehen, roch an der Luft und wich sofort einen Schritt zurück, als er die gold schimmernden, aber erlöschenden Linien auf meinem Arm sah.

„Bei den Ahnen...“, murmelte Albus. „Das ist das Blut der Ur-Könige. Alpha, sie hätte das niemals tun dürfen. Wenn das Seelenopfer einmal vollzogen ist, teilt sie sich deinen Kreislauf. Aber ihr Körper ist zu schwach für diese Last.“

Lyall packte den alten Arzt am Kragen seines Mantels und zog ihn so nah heran, dass ihre Gesichter nur wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Seine Augen leuchteten in einem bedrohlichen, wilden Saphirblau.

„Es ist mir egal, was die alten Gesetze sagen, Albus“, knurrte Lyall mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Du wirst sie heilen. Du wirst alles tun, was nötig ist, um sie zurückzuholen. Wenn sie stirbt, stirbt das Rudel. Wenn sie stirbt, sterbe ich!“

„Alpha, ich kann gegen das Schicksal der Ur-Magie keine Medizin brauen“, presste Albus mühsam hervor, während er nach Luft schnappte. „Ihr Körper wehrt sich gegen die Bindung. Sie braucht Ruhe, aber vor allem...“ Der Arzt warf einen nervösen Blick auf Lyall. „Sie braucht Ihre physische Nähe. Das Band verlangt, dass der Alpha bei ihr ist. Jede Distanz von mehr als ein paar Schritten fügt ihr unerträgliche Schmerzen zu.“

Langsam ließ Lyall den Kragen des Arztes los. Er atmete tief aus, wandte sich um und trat an die Seite des Bettes.

Albus machte sich sofort an die Arbeit. Er öffnete seinen Koffer, strich eine bitter riechende Salbe auf meine brennende Handfläche, wo das Hexensilber mich verletzt hatte, und band einen sauberen Leinenverband darum. Dann flüsterte er alte Beschwörungen, um mein fieberndes Denken zu beruhigen.

Doch die Medizin zeigte kaum Wirkung. Mein Atem ging flach und unregelmäßig.

Lyall trat näher. Ohne zu zögern, zog er seine schwere Lederjacke aus, warf sie auf den Boden und setzte sich direkt an den Rand des Bettes. Er schob die Decke zur Seite, glitt zu mir unter die Decke und zog meinen kalten Körper fest an seine breite, warme Brust.

In dem Moment, in dem sich unsere Haut berührte, geschah etwas Seltsames.

Ein leises, warmes Summen ging von der Rune an meinem Arm aus. Das eisige Gefühl in meinen Knochen wich langsam einer sanften Wärme, die von Lyalls Puls auszugehen schien. Seine Hand strich langsam, fast zärtlich, über mein langes, verstaubtes Haar.

„Ich weiß, dass du mich hörst, Aria“, flüsterte er direkt an meinem Ohr, so leise, dass Dr. Albus es kaum hätte hören können. Seine Stimme klang nicht mehr wie die des grausamen Alphas, der mich vor Stunden noch gedemütigt hatte. Sie war verletzlich. Sie war voller Reue. „Ich habe dich weggestoßen, um dich zu schützen. Ich dachte, wenn ich dich wie eine wertlose Omega behandle, würden die Ältesten dich übersehen. Ich wusste nicht, dass das Schicksal andere Pläne mit uns hat.“

Ich wollte die Augen öffnen. Ich wollte ihm sagen, dass es ein Fehler war. Ich wollte ihn anschreien für all den Schmerz, den er mir an diesem Abend zugefügt hatte. Doch meine Augenlider waren wie festgeklebt.

„Du hast mir das Leben gerettet“, fuhr Lyall fort, und seine Stimme zitterte nun unverkennbar. „Jetzt liegt mein Leben in deinen Händen. Lass mich nicht im Stich, kleine Omega... meine Königin.“

Er beugte sich hinab und drückte einen festen, warmen Kuss auf meine kalte Stirn.

In diesem Bruchteil einer Sekunde schoss ein greller, goldener Lichtblitz durch den gesamten Raum. Die Wände des Schlafzimmers erstrahlten in einem kurzen, magischen Aufleuchten.

Dr. Albus trat erschrocken zurück, verneigte sich tief und packte hastig seine Instrumente zusammen. „Das Band... es hat sich stabilisiert“, flüsterte der Arzt ehrerbietig. „Sie wird die Nacht überleben, Alpha.“

Lyall nickte stumm, den Blick nicht eine Sekunde von meinem Gesicht abwendend, während er mich noch fester an sich drückte.

Draußen vor dem Fenster zog der Sturm langsam ab, und der Vollmond versank hinter den dichten Tannen des Schwarzwaldes. Doch im Inneren des Schlosses hatte ein völlig neues, gefährliches Kapitel begonnen – eines, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.

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