Share

2

Author: J. C. Veyra
last update publish date: 2026-10-16 00:14:55

Kapitel 2: Der verbotene Geruch

Das kalte Silber der Klinge brannte wie Eis auf meiner Haut, noch bevor die Spitze mein Fleisch berührte. Die Finger des Fremden krallten sich so fest um meine Kehle, dass die Steinwand hinter mir unter meinem Schädel dröhnte. Sauerstoffmangel ließ schwarze Flecken vor meinen Augen tanzen, während das Silber-Gold der Rune auf meinem Arm immer wilder pulsierte.

Nein. Nicht so. Nicht heute Nacht.

Ein tiefes, urtümliches Brüllen stieg aus den Abgründen meiner Seele empor. Es war keine menschliche Stimme, und es war nicht die Stimme einer gewöhnlichen Wölfin. Es war die Stimme des Blutes. Die Macht der uralten Rune schoss wie ein flüssiger Blitzschlag durch meine Adern direkt in meine rechte Hand.

Ich riss den Arm nach oben und packte das Handgelenk des Attentäters.

In dem Augenblick, in dem meine leuchtende Haut sein Fleisch berührte, ertönte ein grässliches Zischen. Der Schatten-Meuchelmörder schrie gellend auf. Dampf stieg auf, wo meine Finger seine Haut berührten, als würde er von purer Sonnenglut verbrannt. Seine Pechschwarzen Augen weiteten sich vor Entsetzen. Die Silberklinge entglitt seinen tauben Fingern und schlug mit einem scharfen Klirren auf dem Steinboden auf.

„Was... was bist du für ein Monster?!“, keuchte er und taumelte rückwärts, während er sich das verbrannte Handgelenk hielt.

Ich nutzte die Sekunde der Verwirrung. Ich holte tief Luft, wirbelte herum, trat nach der herausgefallenen Silberklinge und schleuderte sie mit dem Fuß tief unter einen der schweren Waffenständer. Doch der Attentäter fing sich schneller als gedacht. Seine Hände verwandelten sich in pechschwarze Klauen, und mit einem tödlichen Knurren setzte er zum nächsten Sprung an.

Plötzlich flog die schwere Eichentür der Waffenkammer mit einem donnernden Knall aus den Angeln.

Die Tür splitterte in tausend Teile, und eine Gestalt schoss in den Raum, so schnell, dass sie nur als dunkler Schatten wahrzunehmen war. Eine Welle aus purer, drückender Dominanz füllte die Kammer. Der Duft nach verbranntem Eichenholz, Ozon und dunkler Schokolade überrollte mich wie eine Lawine.

Lyall.

Der Alpha schoss wie ein entfesselter Dämon auf den Eindringling zu. Bevor der Schatten-Meuchelmörder auch nur reagieren konnte, hatte Lyall ihn bereits an der Kehle gepackt und ihn ungebremst gegen die massiven Säulen der Kammer geschmettert. Der Stein riß mit einem ohrenbetäubenden Krachen.

„Wer hat dich in mein Schloss gelassen?“, dröhnte Lyalls Stimme. Es war kein menschliches Sprechen mehr, sondern das tiefe, vibrierende Knurren seines inneren Wolfs, der kurz davor stand, die Kontrolle zu übernehmen.

Der Meuchelmörder spuckte Blut, lachte jedoch nur gehässig. „Du bist bereits verflucht, Alpha... Sie wird dein Untergang sein!“

Lyall zögerte nicht eine Millisekunden. Mit einer einzigen, eisigen Bewegung brach er dem Fremden das Genick. Der leblose Körper sackte schlaff auf den eisigen Steinboden.

Stille breitete sich in der Waffenkammer aus. Das einzige Geräusch war das schwere, rasende Atmen des Alphas. Seine Muskeln waren angespannt wie Stahlkabel, seine dunklen Haare hingen ihm stirnwärts, und als er sich langsam zu mir umdrehte, glühten seine eisblauen Augen in der Dunkelheit wie zwei brennende Saphire.

Ich schluckte schwer und drückte mich eng an die Wand. Ich versuchte hastig, den Ärmel meiner Tunika herunterzuziehen, um die leuchtende Rune an meinem Arm zu verbergen. Die Silber-Gold-Glut verblasste zwar langsam, doch die Hitze unter meiner Haut war noch immer spürbar.

Lyall machte einen Schritt auf mich zu. Dann noch einen.

Seine Pupillen waren so weit geweitet, dass das Blau seiner Augen kaum noch zu sehen war. Er roch nicht mehr nur nach Dominanz – er roch nach einem wilden, unkontrollierbaren Raubtier, das seine Beute gerochen hatte.

„Lyall...“, flüsterte ich, meine Stimme zitterte leicht. „Ich... er wollte mich töten. Er sagte, du hättest ihn bezahlt.“

Lyall antwortete nicht. Er blendete meine Worte völlig aus. Er bewegte sich wie in Trance auf mich zu, bis er direkt vor mir stand. Die schiere Hitze seines mächtigen Körpers strahlte auf mich ab. Er hob eine Hand, seine Finger zitterten leicht – eine Geste, die ich bei diesem eiskalten Mann noch nie gesehen hatte.

Er packte mich an den Schultern, stieß mich mit sanfter, aber unerbittlicher Gewalt zurück gegen die Wand und beugte sich so tief zu mir herab, dass sein Atem mein Schlüsselbein streifte. Seine Lippen berührten fast meine Haut.

Er atmete tief ein. Ein tiefes, erschütterndes Seufzen entkam seiner Brust.

„Was hast du getan?“, knurrte er mit erstickter, rauer Stimme. Seine Finger gruben sich so fest in meinen Stoff, dass das Leder seiner Handschuhe knirschte. Seine Blicke bohrten sich in meine. „Was für eine Teufelei ist das, Aria?“

„Ich habe gar nichts getan!“, stieß ich hervor und versuchte, mich aus seinem Griff zu winden, doch er war wie eine Mauer aus Granit. „Du hast mich abgelehnt! Du hast mich gedemütigt! Lass mich los!“

„Ich KANN nicht!“, brüllte er plötzlich so laut, dass die verbliebenen Fackeln an der Tür aufflackerten. Seine Augen glühten wild auf. „Mein Wolf dreht durch! Seit du diese Kammer betreten hast, verliert er den Verstand. Dein Duft... er ist nicht mehr der einer gewöhnlichen Omega.“

Er beugte sich noch näher, seine Nase strich an meinem Hals entlang, direkt über meine Pulsader. Ein elektrischer Schlag fuhr mir durch die Wirbelsäule, und mein eigener Körper verriet mich, indem er sich unwillkürlich an seinen schloss. Das abgebrochene Band zwischen uns schien zu brennen, zu schreien, zu verlangen.

„Du riechst nach Macht“, flüsterte Lyall eiskalt, während seine Augen auf meine Lippen sanken. „Warum riecht mein Wolf nach dir, als wärst du nicht meine ausgestoßene Gefährtin... sondern meine Herrscherin?“

Ehe ich antworten oder ihn wegstoßen konnte, riss er plötzlich meinen rechten Ärmel nach oben. Die feinen Reste der silber-goldenen Rune schimmerten noch immer schwach auf meiner nackten Haut. Lyalls Atem stockte. Seine Hand erstarrte über der Markierung.

In genau diesem Schockmoment ertönte ein durchdringendes, ohrenbetäubendes Geräusch von oben.

HOOOOOOOOOOORN! HOOOOOOOOOOORN!

Das Kriegshorn des Shadow-Rune-Rudels. Drei lange, schrille Stöße. Das Bendersignal. Das Zeichen für einen feindlichen Großangriff auf die Schlossgrenzen.

Bevor Lyall reagieren konnte, wurde die Tür vollends aufgerissen. Beta Viktor stürzte in die Kammer, das Schwert bereits gezogen, sein Gesicht bleich vor Entsetzen.

„Alpha!“, schrie Viktor außer Atem. „Die Silberklauen und die Schatten-Allianz haben das Haupttor durchbrochen! Sie sind mit Hunderten von Kriegern da!“

Lyall riss sich von mir los, seine Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen, während die Aura des Alphas augenblicklich zurückkehrte. „Wie konnten sie die Barriere überwinden?“

„Sie verlangen keine Terretorien, Alpha!“, rief Viktor und blickte voller Verwirrung zwischen Lyall und mir hin und her. „Ihr Anführer steht im Hof. Er verlangt die Auslieferung des Mädchens! Er verlangt Arias Kopf – oder er brennt das gesamte Schloss nieder!“

Lyall erstarrte. Er blickte langsam zu mir zurück, während das Kriegshorn draußen erneut durch die Nacht schrie.

Continue to read this book for free
Scan code to download App
Comments (1)
goodnovel comment avatar
Azilla
wow ich bin hin und weg .... tolle Geschichte
VIEW ALL COMMENTS

Latest chapter

  • Der gezeichnete Alpha & das verbotene Erbe    8

    Kapitel 8: Der Pfad der SchattenDie feuchte Kälte der tiefen Katakomben drang mir scharf in die Lungen, doch der Anblick, der sich uns im Herzen des verbotenen Sonnen-Tempels bot, fror mir das Blut vollends in den Adern ein.Das riesige, steinerne Herz schwebte im Zentrum der Halle über einem Abgrund aus brodelnder, pechschwarzer Schattenmagie. Es pulsierte in einem trägen, unnatürlichen Rhythmus. Jeder dumpfe Schlag schickte Erschütterungen durch den Felsboden unter unseren Stiefeln. Und vor diesem monumentalen Altar stand eine Frau, umhüllt von einem tiefroten, zerfetzten Samtmantel.Als sie ihre Kapuze langsam zurückschlug, fiel das schumrige Licht der antiken Fackeln auf ein Gesicht, das die Züge einer längst vergangenen Epoche trug. Die Wangenknochen waren hoch und scharf wie Meißelstrich, die Haut blass wie Alabaster, doch ihre Augen – zwei leuchtende, makellose Saphire – glichen aufs Haar denen des Mannes, der neben mir stand.Lyall erstarrte. Seine Hand, die eben noch das sch

  • Der gezeichnete Alpha & das verbotene Erbe    7

    Kapitel 7: Das Gesetz des BlutesDer heulende Sturm, der durch die zersplitterten Bogenfenster der hoch gelegenen Alpha-Gemächer schlug, trug den bitteren Geruch von nassem Holz, verbrannter Erde und dem süßlichen Gestank von Hexensilber mit sich. Das Kaminfeuer flackerte unruhig, geworfen von den eisigen Windstößen, die den Raum fluteten. Das einzige Hindernis gegen die Kälte war die gewaltige, unerschütterliche Präsenz von Lyall, dessen Körperwärme mich wie eine schützende Festung umhüllte.Doch kaum hatten sich die schweren Eichentüren hinter den geflohenen Ältesten geschlossen, als von den Außengängen des Turms bereits das nächste unheilvolle Geräusch ertönte. Es war kein brüllender Trupp Krieger und kein Klirren von Blankschwertern. Es war das rhythmische, eisige Hallen von eisenbeschlagenen Holzstäben auf dem nackten Steinboden – das Markenzeichen des heiligen Gerichtshofs.Der Ältestenrat war nicht gekommen, um nachzugeben. Corbin hatte den ersten Rückzug nur angetreten, um die

  • Der gezeichnete Alpha & das verbotene Erbe    6

    Kapitel 6: Der Ältestenrat fordert BlutDas zersplitterte Glas der hohen Bogenfenster rieselte wie klirrender Diamantenstaub auf den Steinboden der Gemächer, während der kalte Wind des herannahenden Sturms durch den Raum heulte und die Vorhänge peitschte. Die Luft war dick von Ozon, verbrannter Magie und der unerbittlichen Anspannung, die zwischen den Anwesenden vibrierte.Ältester Corbin, dessen hageres Gesicht vor Wut und blanker Furcht verzerrt war, wischte sich einen winzigen Bluttropfen von der Wange, den eine umherfliegende Glassplitterkante hinterlassen hatte. Er wich einen Schritt zurück, hielt dann aber inne, als ihm dämmerte, dass er seine Autorität vor dem Alpha und der neu erwachten Ur-Königin nicht einfach so verlieren durfte. Seine Hände klammerten sich krampfhaft an den schweren Holzstock, den er als Zeichen seines Alters und Ranges mit sich führte.„Du siehst, Alpha?“, rief Corbin mit einer schrillen, überschlagenen Stimme, während er wild mit dem Finger auf mich zeigt

  • Der gezeichnete Alpha & das verbotene Erbe    5

    Kapitel 5: Die Brandmarke des SchlicksalsDer Geruch von schwerem, sandelholzfarbenem Räucherwerk und geschmolzenem Bienenwachs schwebte in der Luft, als ich langsam das Bewusstsein wiedererlangte. Meine Lider fühlten sich an, als wären sie mit feinem Blei übergossen worden. Jeder Atemzug schien eine bewusste Anstrengung zu sein, eine mühsame Vereinbarung zwischen meinem erschöpften Körper und der unbarmherzigen Realität.Ich lag nicht auf der harten Strohmatratze der Dienstbotenkammer im Keller. Die weiche, dichte Textur von gegerbtem Wolfsfell und schwerem, feinstem Kaschmir streichelte meine Haut. Das sanfte Knistern eines Kamins drang an meine Ohren, und das beruhigende, gleichmäßige Rauschen eines fremden Herzschlags vibrierte direkt unter meinem Kopf.Warte... Herzschlag?Ich schrak innerlich zusammen und versuchte, die Augen aufzureißen. Das helle Licht des Morgens, das durch die hohen Bogenfenster des Raumes fiel, stach in meinen Pupillen.Als sich meine Sicht klärte, begriff

  • Der gezeichnete Alpha & das verbotene Erbe    4

    Kapitel 4: Der Schrei des AlphasDas Echo des Kriegshorns verhallte in der kalten Nachtluft, doch die Stille, die folgte, war trügerisch. Der Innenhof des Schlosses glich einem Schlachtfeld. Überall lagen rauchende Trümmer, zertrümmerte Waffen und der zähe, dunkle Schlamm aus Blut und geschmolzenem Schnee.Ich lag in Lyalls Armen, mein Bewusstsein schwankte an einem seidenen Faden. Meine Lungen brannten, als hätte ich Asche eingeatmet, und jede Regung meines Körpers fühlte sich an, als würde man Blei durch meine Adern pumpen. Doch das Schlimmste war nicht die Erschöpfung – es war das dumpfe, hämmernde Pochen tief in meiner Brust.Lyall hielt mich so fest, dass seine eisernen Arme mich beinahe erdrückten. Er kniete im blutigen Schlamm, das Gesicht zu einer Maske aus purem Entsetzen und Raserei verzerrt. Seine blauen Augen, die sonst vor kalter Kontrolle strotzten, waren weit aufgerissen und blickten wild um sich, als suchten sie nach einem Feind, den sie eigenhändig zerreißen konnten.

  • Der gezeichnete Alpha & das verbotene Erbe    3

    Kapitel 3: Das BlutopferDas Dröhnen der Kriegshörner erschütterte die massiven Grundfesten des Schlosses. Es war kein gewöhnlicher Alarm; es war der Schrei des Rudels in höchster Todesnot. Der Lärm der splitternden Tore, das brüllende Heulen hunderter Wölfe und das Eisen auf Eisen klirrende Getöse des Nahkampfs drangen durch die dicken Steinmauern der Waffenkammer hinab zu uns.Beta Viktor stand mit gezogenem Langschwert in der Ruine der Türöffnung, die Adern an seinem Hals dick hervorgetreten. „Alpha! Wir müssen handeln! Die Wachen am Südtor wurden innerhalb von Sekunden überrannt. Es sind nicht nur ein paar Streuner – die gesamte Silberklaue-Streitmacht steht im inneren Hof, und ihre Schwerter sind mit Hexenblut bestrichen. Sie haben unsere Barrieren einfach aufgelöst!“Lyall bewegte sich nicht sofort. Seine Gestalt wirkte im flackernden Licht der verbliebenen Wandfackeln wie eine monumentale Statue aus dunklem Marmor. Sein Blick lag noch immer auf mir, unausweichlich, schwerschwer

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status