MasukSerenas POV
Als ich den Konferenzraum erreichte, hatte sich der Sturm draußen bereits vollständig über dem Anwesen ausgebreitet.
Der Regen prasselte noch immer heftig gegen die hohen Fenster, und die Scheiben bebten leicht bei jedem Aufprall. Ich konnte die Außenwelt kaum erkennen. Alle paar Minuten rollte Donner über die Klippen am Meer hinweg, aber niemand im Raum reagierte darauf. Er war einfach da, im Hintergrund, wie ein Geräusch, das niemanden interessierte.
Zwei Männer und eine Frau saßen bereits am anderen Ende des langen, polierten Tisches.
Alle trugen dunkle Anzüge.
Vor allen standen Aktentaschen.
Anwälte.
In dem Moment, als ich den Raum betrat, wurde es still.
Ich hasste das. Ich hasste immer diese Pause, wenn Menschen aufhörten zu reden, weil ich einen Raum betrat. Meistens bedeutete es, dass ich das Thema ihrer Unterhaltung gewesen war.
Valentina saß am Kopfende des Tisches. Adrian saß neben ihr. Keiner von beiden wirkte überrascht, mich zu sehen.
Eigentlich wirkten sie vorbereitet.
Als hätte dieses Treffen bereits ohne mich begonnen.
„Serena“, sagte Adrian. „Setz dich.“
Mir gefiel sein Tonfall nicht.
Nicht weil er unhöflich war, sondern weil er kontrolliert klang. Vorsichtig. Menschen sprachen nur so, wenn sie etwas sagen wollten, von dem sie wussten, dass es nicht gut aufgenommen werden würde.
Langsam setzte ich mich an den Tisch.
Einer der Anwälte öffnete einen Ordner vor sich.
Schon wieder Papierkram.
In dieser Familie gab es immer Papierkram. Immer etwas, das schriftlich festgehalten wurde. Immer etwas, das unterschrieben werden musste.
„Mrs. Ashford“, sagte der ältere Anwalt und rückte seine Brille zurecht, „vielen Dank, dass Sie gekommen sind.“
Ich antwortete nicht.
„Worum geht es hier?“
Sie sahen sich gegenseitig an, bevor jemand antwortete. Niemand wollte als Erster sprechen.
Schließlich ergriff Valentina das Wort.
„Es gibt Angelegenheiten bezüglich von Luciens Nachlass, die geklärt werden müssen.“
Sofort zog sich mein Magen zusammen.
Nachlass.
Ich hasste dieses Wort.
Nachlass ließ alles endgültig erscheinen. Als gäbe es danach keinen Raum mehr für Fragen.
Der Anwalt sprach weiter.
„Wie Sie wissen, hat die Familie Ashford Traditionen, die viele Generationen zurückreichen.“
Ich runzelte die Stirn.
„Nein, eigentlich weiß ich das nicht.“
Adrian sah mich an, sagte aber nichts.
Der Anwalt sprach weiter, als hätte ich gar nichts gesagt.
„Wenn ein Ashford-Erbe ohne Kinder stirbt, beginnt ein formeller Erbprozess.“
Nach diesem Satz fühlte sich der Raum kälter an.
Langsam ließ ich meinen Blick über den Tisch wandern.
Niemand wirkte schockiert.
Niemand wirkte verwirrt.
Niemand wirkte unwohl.
Das hätte mich warnen sollen, aber in diesem Moment begriff ich es noch nicht vollständig.
Der Anwalt öffnete ein weiteres Dokument.
„Die Vermögenswerte von Lucien Ashford werden gemäß Familienvereinbarungen, die vor mehr als einem Jahrhundert festgelegt wurden, neu verteilt.“
Ich starrte ihn einige Sekunden lang an.
„Bereits jetzt?“
Adrian antwortete sofort.
„Das ist ein Standardverfahren.“
„Drei Monate.“
Ich sagte es, bevor ich mich zurückhalten konnte.
„Lucien ist seit drei Monaten verschwunden, und ihr macht das hier bereits.“
Niemand antwortete.
Dieses Schweigen sagte mehr als Worte.
Drei Monate waren für sie genug.
Für mich nicht. Nicht einmal annähernd.
Aber für Geschäfte offenbar schon.
Langsam spürte ich, wie Wut unter meiner Haut aufstieg.
„Was genau wird denn verteilt?“
Der Anwalt blickte wieder in die Akte.
„Immobilien, Unternehmensanteile, finanzielle Beteiligungen und persönliche Vermögenswerte.“
Ich hätte beinahe gelacht, tat es aber nicht.
Es klang wie eine Liste, nicht wie ein Mensch.
Als wäre Lucien nur eine Sammlung von Dingen, die irgendwo aufgeschrieben worden waren.
Der Anwalt sprach weiter und zählte die Dinge im Detail auf, aber ich hörte nicht mehr richtig zu.
Mein Blick wanderte wieder zum Fenster.
Draußen regnete es immer noch heftig.
Für einen Moment dachte ich an Lucien. Nicht auf eine dramatische Weise, sondern einfach zufällig, so wie ich früher erwartet hatte, dass er ohne Erklärung zu spät einen Raum betritt.
Dann sagte der Anwalt etwas, das mich sofort wieder aufmerksam machte.
„...und selbstverständlich ist die Witwe in die traditionellen Erbregelungen eingeschlossen.“
Mein Kopf schnellte hoch.
„Was?“
Der Anwalt verstummte.
Der Raum wurde wieder still.
„Was haben Sie gerade gesagt?“
Niemand antwortete sofort.
Sogar Adrian wirkte jetzt genervt. Nicht überrascht, nur verärgert, als würde das alles unnötig Zeit verschwenden.
„Die Witwe ist eingeschlossen“, wiederholte der Anwalt.
Ich starrte ihn an.
„Sie sagen dieses Wort immer wieder. Was genau bedeutet das?“
Wieder kam keine sofortige Antwort.
Der Anwalt räusperte sich.
„In früheren Versionen der Vereinbarung wurden Witwen in Erbstrukturen einbezogen, die mit Eheverträgen verbunden waren.“
Ich schüttelte leicht den Kopf.
„Nein, das ergibt keinen Sinn.“
Er sprach trotzdem weiter.
„Es ist veraltet, aber es ist noch immer Teil der rechtlichen Dokumente der Familienvereinbarungen.“
Ich spürte, wie sich meine Brust zusammenzog.
„Das ist falsch. Das muss falsch sein.“
Niemand antwortete.
Schließlich sprach Valentina.
„Es ist Teil der Vereinbarung.“
Jetzt sah ich sie direkt an.
„Also macht ihr das tatsächlich?“
Überhaupt keine Reaktion. Nicht einmal eine Veränderung ihres Gesichtsausdrucks.
Das machte es nur noch schlimmer.
Ich schob meinen Stuhl zurück und stand auf.
Das Geräusch hallte scharf durch den Raum.
„Nein.“
Adrian seufzte, als wäre ich die Schwierige.
„Serena, setz dich.“
„Nein.“
Meine Stimme war jetzt lauter.
„Ich bin kein Teil irgendeines Erbes. Ich bin kein Gegenstand, den ihr irgendwo zuweisen könnt.“
Wieder Stille.
Dieselbe Stille.
Ich blickte um den Tisch.
Sie saßen einfach alle da, als wäre das völlig normal.
Als würde ich überreagieren.
„Sagt etwas“, sagte ich.
Niemand tat es.
Valentina sprach erneut ruhig.
„Setz dich, Serena.“
Ich sah sie lange an.
Und plötzlich machte etwas in meinem Kopf klick.
Sie diskutierten nicht darüber.
Sie informierten mich.
Es war bereits entschieden worden.
Ich trat einen Schritt vom Tisch zurück.
„Ich werde dem nicht zustimmen.“
Niemand hielt mich auf.
Niemand versuchte es überhaupt.
Ich drehte mich um und verließ den Raum.
Draußen fühlte sich die Luft kälter an als zuvor.
Ich ging weiter, bis ich das Gebäude vollständig verlassen hatte.
Der Regen hatte wieder eingesetzt, aber ich blieb nicht stehen.
Meine Hände zitterten, doch ich zwang sie zur Ruhe.
Einen Moment lang blieb ich im Regen stehen und blickte über das Anwesen. Die Gärten wirkten hinter dem Wasserschleier verschwommen. Alles sah normal aus. Unverändert. Als wäre in diesem Raum nichts Wichtiges geschehen. Angestellte gingen ihren Aufgaben nach. Hinter den Fenstern brannten Lichter. Das Leben ging weiter.
Aber etwas fühlte sich anders an.
Nicht weil Lucien verschwunden war.
Nicht wegen des Erbes.
Sondern weil mir zum ersten Mal klar wurde, dass die Familie Ashford mich nie wirklich als Person gesehen hatte.
Alles, was gesagt worden war, wiederholte sich in meinem Kopf.
Nachlass.
Erbe.
Witwe.
Als wäre ich in ihren Augen kein Mensch.
Nur etwas, das auf Papier stand.
Etwas Übertragbares.
Etwas, das man verschieben konnte.
Ich stieg in mein Auto und saß eine Weile dort, ohne den Motor zu starten.
Ich wusste nicht, wohin ich fahren sollte.
Ich wusste nur, dass ich dort nicht bleiben konnte.
Nach einer Weile startete ich den Wagen und fuhr vom Anwesen weg.
Serenas POV„Er kommt.“Die Worte verließen meinen Mund, bevor ich sie aufhalten konnte.Stille.Absolute Stille.Nicht einmal die Alarme waren noch zu hören.Nicht einmal das Knacken der zerbrechenden Struktur.Für einen einzigen Moment schien die gesamte Existenz den Atem anzuhalten.Dann geschah etwas.Etwas, das niemand erwartet hatte.Die Warnmeldungen verschwanden.Alle gleichzeitig.Die flackernden Anzeigen wurden dunkel.Die Risse in den Wänden hörten auf, sich auszubreiten.Selbst der gewaltige Herzschlag verstummte.BUMM.…Nichts.Die Stille war schlimmer.Viel schlimmer.Denn sie fühlte sich nicht natürlich an.Sie fühlte sich an, als hätte etwas die Realität auf Pause gesetzt.„Nein.“flüsterte Victoria.Zum ersten Mal hörte ich echte Furcht in ihrer Stimme.„Nein, nein, nein…“Adrian blickte hektisch umher.„Was passiert?“Niemand antwortete.Weil niemand wusste, was geschah.Oder vielleicht wussten sie es.Vielleicht wollten sie es nur nicht aussprechen.Mein Blick wand
Serenas POV„Der Ursprung ist erwacht.“Die Worte hallten durch die gesamte Struktur.Niemand bewegte sich.Niemand sprach.Für einen einzigen Augenblick schien sogar die Realität selbst innezuhalten.Matteos Hände zitterten über den Kontrollfeldern.Victoria war vollkommen erstarrt.Adrian starrte auf die Warnmeldungen.Und Elias…Elias blickte nur mich an.Als würde er bereits wissen, dass sich gleich alles verändern würde.Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.„Was ist der Ursprung?“fragte ich.Meine Stimme durchschnitt die Stille.Doch niemand antwortete sofort.Die Anzeigen um uns herum flackerten hektisch.Warnungen überschwemmten die Luft.Systeme kollabierten.Barrieren brachen zusammen.Die Struktur starb.Und irgendwo tief darunter…war etwas erwacht.Etwas Altes.Etwas Gewaltiges.Etwas, das niemals hätte aufwachen dürfen.BUMM.Der Herzschlag erschütterte die Welt erneut.Diesmal so stark, dass mehrere Lichtfelder explodierten.Funken regneten von der Decke.Ein weiterer
Serenas POVDie Tür in meinem Inneren brach auf.Nicht langsam.Nicht vorsichtig.Sie zerbarst.Und mit ihr zerbrach jede Hoffnung, die Wahrheit noch länger aufhalten zu können.Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Kopf.Ich taumelte nach vorne.Sofort griff Elias nach mir.„Serena!“Seine Stimme klang besorgt.Nah.Real.Aber sie wurde bereits von etwas anderem überlagert.Von Erinnerungen.Von Stimmen.Von einer Vergangenheit, die älter war als jedes Universum.Die Struktur erbebte erneut.Risse zogen sich durch die Wände.Silbernes Licht strömte aus ihnen hervor.Die Luft selbst wirkte instabil.Als würde die Realität vergessen, wie man existiert.„Sie beginnt sich zu erinnern.“flüsterte Victoria.Niemand antwortete.Denn alle konnten es sehen.Die silbernen Linien auf meiner Haut hatten inzwischen meinen gesamten Körper bedeckt.Sie pulsierten im Takt des gewaltigen Herzschlags.BUMM.BUMM.BUMM.Jeder Schlag ließ neue Erinnerungen aufsteigen.Neue Bilder.Neue Wahrheiten.Und
Serenas POVWas hatte sie entschieden?Die Frage brannte in meinem Kopf.Sie übertönte die Warnmeldungen.Sie übertönte die bebende Struktur.Sie übertönte sogar mein eigenes Herz.Alles drehte sich nur noch um diese eine Sache.Die Entscheidung.Die Entscheidung, von der alle sprachen.Die Entscheidung, die angeblich alles verändert hatte.Die Entscheidung, die selbst nach unzähligen Zeitaltern noch immer Auswirkungen hatte.Ich richtete mich langsam auf.Meine Beine fühlten sich instabil an.Die silbernen Linien auf meiner Haut leuchteten weiterhin.Heller als zuvor.Als würden die Erinnerungen immer näher kommen.Als würde etwas in mir erwachen.Etwas, das viel zu lange geschlafen hatte.Vor mir standen Aion und Caelum.Die beiden mächtigsten Wesen, denen ich jemals begegnet war.Und beide schauten mich an.Nicht einander.Mich.Als hinge alles von mir ab.Ich hasste dieses Gefühl.„Was hat sie entschieden?“fragte ich erneut.Diesmal lauter.Niemand antwortete sofort.Die Struktur
Serenas POVDie Erinnerung brach nicht auf.Sie explodierte.Für einen einzigen Moment verschwand die gesamte Struktur.Victoria.Elias.Caelum.Aion.Alles.Nichts existierte mehr.Nichts außer Dunkelheit.Keine Sterne.Keine Zeit.Keine Geräusche.Keine Realität.Nur Leere.Und ich stand mitten darin.Allein.Mein Atem ging schnell.Doch plötzlich bemerkte ich etwas Seltsames.Die Leere war nicht leer.Sie lebte.Nicht wie Menschen leben.Nicht wie Tiere leben.Anders.Größer.Unbegreiflicher.Etwas bewegte sich in der Dunkelheit.Ein Licht.Winzig.Kaum sichtbar.Dann ein zweites.Dann ein drittes.Und plötzlich begriff ich:Es waren keine Sterne.Noch nicht.Es waren Möglichkeiten.Unzählige Möglichkeiten.Unzählige Zukünfte.Unzählige Welten.Sie existierten noch nicht.Aber sie konnten existieren.Und mitten zwischen ihnen standen zwei Gestalten.Eine kannte ich.Aion.Doch er sah anders aus.Jünger.Nicht körperlich.Seine Präsenz wirkte leichter.Weniger müde.Weniger gebroche
Serenas POV„Er war gekommen, um mich zu erinnern.“Der Gedanke ließ mich nicht los.Er hing in meinem Kopf wie ein Schatten.Still.Wartend.Gefährlich.Die Erinnerung an die endlose Leere verblasste nicht.Ich hatte sie nur für einen Augenblick gesehen.Nur eine einzige Sekunde.Und trotzdem hatte sie etwas in mir verändert.Etwas Grundlegendes.Etwas, das sich nicht mehr rückgängig machen ließ.Elias hielt mich noch immer fest.Seine Hand lag an meinem Rücken.Stabil.Verlässlich.Real.Und genau deshalb konzentrierte ich mich auf ihn.Auf seine Stimme.Auf seinen Atem.Auf die Wärme seiner Nähe.Denn alles andere begann sich unwirklich anzufühlen.„Serena.“Seine Stimme war ruhig.„Bleib bei mir.“Ich nickte langsam.Doch der Mann mit den leeren Augen beobachtete uns.Und plötzlich lächelte er traurig.„Du machst immer dasselbe.“sagte er.Mein Herz setzte aus.„Was?“„Du klammerst dich an Menschen.“Stille.„Weil du sie liebst.“Ein weiterer Herzschlag.BUMM.„Und jedes Mal verli







