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Das Erwachen des Bandes

Author: Estluxen
last update publish date: 2026-06-18 18:07:58

Jasmine rannte, bis ihre Lungen brannten und ihre Beine zitterten. Der Schnee knirschte unter ihren nackten Füßen, denn in ihrer Panik hatte sie die Schuhe im Garten zurückgelassen. Die Kälte biss in ihre Haut, doch sie spürte sie kaum. Alles in ihr schrie nur eines: weg, weg, weg von ihm.

Von Lucian Blackwood.

Von dem Mann, dessen bloßer Blick ein Feuer in ihrem Inneren entfacht hatte, das sie nicht löschen konnte.

Der Wald um das Anwesen des Schattenmondrudels war dicht und alt. Die Bäume standen wie stumme Wächter, ihre Äste schwer von Schnee und Eis. Jasmine tauchte zwischen ihnen unter, folgte keinem Pfad, nur dem Instinkt, der sie tiefer in die Dunkelheit trieb. Ihr Wolf winselte ununterbrochen, ein klagendes, sehnsüchtiges Geräusch, das sie fast in den Wahnsinn trieb. Er wollte zurück. Er wollte zu ihm. Er wollte berührt, beansprucht, markiert werden.

„Nein“, flüsterte sie keuchend. „Nein, nein, nein.“

Sie stolperte über eine Wurzel, fiel hart auf die Knie. Der Schnee dämpfte den Aufprall, doch der Schmerz in ihrer Brust war viel schlimmer. Tränen liefen über ihre Wangen, gefroren fast sofort in der eisigen Nachtluft. Sie schlug mit der Faust gegen den nächsten Baumstamm, bis die Knöchel bluteten. Der Schmerz half. Er erinnerte sie daran, wer sie war.

Die Unmarkierte.

Die Bastardtochter.

Das Mädchen, das niemand wollte.

Und doch hatte er sie angesehen.

Nicht wie ein Ding, das man benutzen konnte. Nicht wie eine Leihmutter, die man wegwerfen würde. In diesem einen, verhängnisvollen Moment hatte er sie angesehen, als wäre sie alles.

Jasmine presste die Stirn gegen die raue Rinde des Baumes. Ihr Atem ging stoßweise. Sie versuchte, sich zu beruhigen, versuchte, das Band zu ignorieren, das sich wie glühende Ketten um ihr Herz gelegt hatte. Es war unmöglich. Gefährtenbande entstanden nicht zwischen Unmarkierten und Alphas. Es war gegen jedes Gesetz der Götter, gegen jede Tradition des Rudels. Und doch pulsierte es in ihr, lebendig, fordernd, unaufhaltsam.

Ein Ast knackte hinter ihr.

Sie fuhr herum, die Zähne gefletscht, obwohl sie wusste, dass sie keine Chance hatte. Wenn er sie finden wollte, würde er sie finden. Er war der stärkste Wolf, den sie je gerochen hatte. Und jetzt, da das Band erwacht war, konnte er sie spüren wie einen Leuchtturm in der Nacht.

Doch es war nicht Lucian.

Es war Seraphina.

Ihre Halbschwester stand nur wenige Meter entfernt, das mondblaue Kleid schimmerte im fahlen Licht des abnehmenden Mondes. Ihr Gesicht war blass, die violetten Augen weit aufgerissen vor Sorge.

„Jasmine? Bei den Göttern, was tust du hier draußen? Du wirst erfrieren.“

Jasmine lachte bitter. Das Geräusch klang fremd in ihren eigenen Ohren. „Erfrieren wäre vielleicht das Gnädigste, was mir passieren könnte.“

Seraphina trat näher, langsam, als näherte sie sich einem verletzten Tier. „Du bist verletzt. Deine Füße bluten. Komm zurück ins Haus.“

„Nein.“

„Jasmine, bitte. Vater wird wütend sein, wenn er merkt, dass du verschwunden bist. Und Lucian… er hat nach dir gefragt.“

Jasmine erstarrte. „Was hat er gesagt?“

Seraphina zögerte. „Er wollte wissen, wer die Frau war, die im Schatten der Säule stand. Die mit den dunklen Haaren und den Augen, die wie Sturmseen leuchten. So hat er es beschrieben.“

Jasmine schloss die Augen. Natürlich. Er hatte sie bemerkt. Er hatte sie nicht nur bemerkt, er hatte sie gesucht.

„Ich kann nicht zurück“, flüsterte sie.

„Warum nicht? Was ist passiert?“

Jasmine öffnete die Augen wieder und sah ihre Schwester an. Seraphina war schön, ja. Perfekt. Aber in diesem Moment sah Jasmine auch die Unsicherheit in ihrem Blick, die leichte Unsicherheit in ihrer Haltung. Seraphina war nicht so stark, wie alle glaubten. Sie war erzogen worden, gehorsam zu sein. Freundlich zu sein. Makellos zu sein. Doch darunter war sie nur ein Mädchen, das Angst hatte, nicht genug zu sein.

„Ich habe etwas gehört“, sagte Jasmine leise. „Etwas, das ich nicht hören sollte.“

Seraphina runzelte die Stirn. „Was denn?“

Jasmine zögerte. Sollte sie es sagen? Sollte sie das zerbrechliche Band zwischen ihnen zerreißen? Doch wenn sie schwieg, würde Seraphina blind in eine Falle laufen. Blind in eine Ehe mit einem Mann, der sie nur als Fassade wollte.

„Sie wollen dich benutzen“, sagte sie schließlich. „Lucian will dich zur Luna machen, ja. Aber nur nach außen. Er plant, mich… mich zu benutzen, um einen Erben zu zeugen. Und danach soll ich verschwinden.“

Seraphina wurde noch blasser. „Das… das kann nicht sein.“

„Ich habe es gehört. Vater hat zugestimmt.“

Eine lange, schwere Stille breitete sich aus. Der Wind heulte leise durch die Bäume, als wollte er die Worte wegtragen.

Dann trat Seraphina einen Schritt zurück. „Warum sollte er das tun? Warum du?“

„Weil ich zäh bin. Weil mein Blut dasselbe ist wie deines. Weil ich niemandem etwas bedeute.“

Seraphina schüttelte den Kopf. „Das stimmt nicht.“

„Doch. Das stimmt.“

„Jasmine…“ Seraphina streckte die Hand aus. „Komm mit mir. Wir reden mit Vater. Wir klären das.“

Jasmine lachte wieder, diesmal schärfer. „Du glaubst wirklich, dass Vater auf uns hören würde? Auf die perfekte Tochter und die nutzlose Bastardtochter?“

„Ich bin nicht perfekt“, flüsterte Seraphina. „Ich habe Angst. Jeden Tag. Ich habe Angst, dass ich versage. Dass ich keine gute Luna sein werde. Dass ich… dass ich nicht genug bin.“

Jasmine sah sie an. Wirklich an. Zum ersten Mal sah sie die Risse in der makellosen Fassade.

„Ich werde dich nicht verraten“, sagte sie schließlich. „Ich werde nicht zulassen, dass er dich so benutzt. Und ich werde nicht zulassen, dass er mich benutzt.“

„Was willst du dann tun?“

„Ich weiß es nicht. Aber ich kann nicht zurück. Noch nicht.“

Seraphina nickte langsam. „Dann komm wenigstens mit in die alte Hütte am See. Dort ist es warm. Dort kannst du nachdenken. Ich bringe dir Essen und Kleidung. Niemand wird dich dort suchen.“

Jasmine wollte ablehnen. Doch ihre Füße bluteten, ihr Körper zitterte vor Kälte, und tief in ihr schrie das Band nach Nähe, nach Wärme, nach ihm.

„Gut“, sagte sie schließlich. „Aber nur für heute Nacht.“

Seraphina lächelte schwach. „Komm.“

Sie gingen schweigend durch den Wald. Seraphina stützte Jasmine, als diese humpelte. Der See lag still da, eine schwarze Spiegelfläche unter dem Sternenhimmel. Die alte Hütte stand am Ufer, halb verborgen unter Schnee und Efeu. Sie war früher einmal ein Rückzugsort für die Wachen gewesen, jetzt vergessen und verfallen. Doch das Dach hielt, und drinnen brannte ein kleiner Ofen, den Seraphina offenbar schon früher benutzt hatte.

Drinnen war es warm. Jasmine setzte sich auf den alten Strohsack in der Ecke und zog die Knie an. Seraphina zündete Kerzen an und holte Decken hervor.

„Ich komme morgen früh wieder“, sagte sie. „Versprich mir, dass du nicht wegläufst.“

„Ich verspreche nichts“, antwortete Jasmine.

Seraphina seufzte. „Dann verspreche mir wenigstens, dass du lebst.“

Jasmine nickte stumm.

Als Seraphina gegangen war, blieb Jasmine allein mit dem Knistern des Feuers und dem unaufhörlichen Ziehen in ihrer Brust.

Das Band.

Es wurde stärker.

Jede Minute, die verging, wurde es intensiver. Sie spürte ihn. Nicht nur als vages Gefühl, sondern als konkrete Präsenz. Er suchte sie. Er war wütend. Er war… verzweifelt?

Jasmine presste die Hände gegen die Schläfen. „Hör auf“, flüsterte sie. „Bitte hör auf.“

Doch es hörte nicht auf.

Irgendwann in der Nacht hielt sie es nicht mehr aus.

Sie stand auf, wickelte sich in eine Decke und trat hinaus in die Kälte. Der Mond stand hoch, fast voll. Sein Licht fiel silbern auf den See und verwandelte alles in ein Märchen aus Eis und Schatten.

Und dann sah sie ihn.

Lucian stand am gegenüberliegenden Ufer.

Reglos.

Die Arme verschränkt.

Seine Augen glühten im Dunkeln, ein silbernes Leuchten, das nur Wölfe in der Nacht hatten.

Jasmine erstarrte.

Selbst über die Entfernung spürte sie die Hitze seines Blicks.

Langsam, ganz langsam, begann er zu gehen. Nicht schnell. Nicht bedrohlich. Sondern mit der unaufhaltsamen Sicherheit eines Raubtiers, das weiß, dass die Beute nirgendwohin fliehen kann.

Jasmine wich zurück, bis ihr Rücken gegen die Hüttenwand stieß.

Er überquerte den zugefrorenen See. Das Eis knirschte unter seinen Stiefeln, doch es hielt. Als er das Ufer erreichte, blieb er stehen. Nur wenige Meter trennten sie noch.

„Du bist weggelaufen“, sagte er leise.

Seine Stimme war rau, tief, vibrierte in ihrem Bauch.

„Ich hatte Gründe“, antwortete sie.

„Ich weiß, was du gehört hast.“

Jasmine lachte bitter. „Dann weißt du auch, warum ich nicht bleiben konnte.“

Lucian machte einen Schritt nach vorn. „Das war der Plan. Ja.“

„War?“

„Jetzt ist alles anders.“

„Weil du plötzlich ein schlechtes Gewissen hast?“ spottete sie.

„Weil du meine Gefährtin bist.“

Die Worte hingen schwer zwischen ihnen.

Jasmine schüttelte den Kopf. „Das ist unmöglich. Ich trage kein Mal. Ich bin keine würdige Luna. Ich bin nichts.“

Lucian knurrte tief in der Kehle. „Du bist alles.“

Er machte noch einen Schritt. Jetzt war er so nah, dass sie seine Wärme spüren konnte. Sein Geruch umhüllte sie: dunkler Wald, Rauch, Moschus und etwas Wildes, das ihren Wolf zum Heulen brachte.

„Ich wollte das nicht“, sagte er rau. „Ich wollte Kontrolle. Ich wollte einen Erben, eine Allianz, eine perfekte Fassade. Und dann habe ich dich gesehen. Und alles ist zerbrochen.“

Jasmine presste sich fester gegen die Wand. „Du wolltest mich benutzen. Du wolltest mich wegwerfen.“

„Ja“, gab er zu. „Und jetzt würde ich eher sterben, als dich gehen zu lassen.“

Seine Hand hob sich langsam. Er berührte ihre Wange. Nur eine federleichte Berührung. Doch es war, als würde ein Blitz durch ihren Körper jagen. Sie keuchte auf, ihre Knie gaben fast nach.

„Das Band“, flüsterte sie.

„Ja“, sagte er. „Es ist echt. Es ist wahr. Und es lässt sich nicht leugnen.“

Jasmine schloss die Augen. Tränen liefen über ihre Wangen. „Was soll ich tun? Seraphina… sie verdient das nicht.“

„Ich werde Seraphina nicht heiraten“, sagte Lucian. „Nicht mehr.“

„Und die Allianz?“

„Es gibt andere Wege.“

„Mein Vater wird dich töten.“

„Er kann es versuchen.“

Jasmine öffnete die Augen wieder. Sie sah ihn an. Wirklich an. Die harten Züge, die Narbe über seiner rechten Braue, die sturm grauen Augen, in denen jetzt etwas brannte, das sie nie erwartet hätte: Verletzlichkeit.

„Ich hasse dich“, flüsterte sie.

„Ich weiß“, sagte er sanft. „Aber du willst mich auch.“

Sie wollte es leugnen. Doch ihr Körper verriet sie. Ihr Wolf winselte sehnsüchtig. Ihre Haut prickelte überall dort, wo er sie berührte. Und tief in ihrem Inneren wusste sie, dass er recht hatte.

„Ich werde nicht deine Leihmutter sein“, sagte sie fest.

„Nein“, antwortete er. „Du wirst meine Gefährtin sein. Meine Luna. Meine Einzige.“

Jasmine lachte zittrig. „Du bist verrückt.“

„Vielleicht.“

Er beugte sich vor. Seine Lippen streiften ihre Stirn. Nur eine winzige Berührung. Doch es reichte aus, um das Feuer in ihr explodieren zu lassen.

Sie packte sein Hemd mit beiden Händen. Ob um ihn wegzustoßen oder näher zu ziehen, wusste sie selbst nicht.

„Wenn ich bleibe“, flüsterte sie, „wird alles zerbrechen. Das Rudel. Meine Schwester. Mein Leben.“

„Wenn du gehst“, antwortete er ebenso leise, „wird mein Wolf durchdrehen. Und ich werde alles zerstören, um dich zurückzuholen.“

Es war keine Drohung. Es war eine Tatsache.

Jasmine zitterte am ganzen Körper.

Dann, ganz langsam, hob sie den Kopf.

Ihre Lippen fanden seine.

Es war kein sanfter Kuss.

Es war roh.

Verzweifelt.

Hungrig.

Lucian knurrte tief in seiner Kehle, zog sie fest an sich. Seine Hände glitten in ihr Haar, hielten sie, als wäre sie das Kostbarste auf der Welt. Jasmine klammerte sich an ihn, als wäre er das Einzige, was sie noch am Leben hielt.

Der Kuss schmeckte nach Salz und Blut und Sehnsucht.

Als sie sich voneinander lösten, keuchten beide.

Lucian legte seine Stirn gegen ihre.

„Du gehörst mir“, flüsterte er.

„Und du mir“, antwortete sie, obwohl sie es kaum glauben konnte.

Sie standen lange so da, eng umschlungen, während der Wind um sie herum heulte und der Mond zusah.

Doch die Nacht war noch nicht vorbei.

Denn in der Ferne heulten Wölfe.

Das Rudel suchte.

Viktor suchte.

Und bald würde der Sturm losbrechen.

Jasmine löste sich langsam aus seiner Umarmung.

„Ich brauche Zeit“, sagte sie.

Lucian nickte. „Du hast sie. Aber nicht viel.“

„Ich weiß.“

Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich werde warten. Aber nicht ewig.“

Dann drehte er sich um und ging.

Jasmine sah ihm nach, bis er in der Dunkelheit verschwand.

Ihr Herz hämmerte.

Ihr Körper brannte.

Und tief in ihr wusste sie, dass sie gerade den ersten Schritt in eine Katastrophe getan hatte.

Doch sie wusste auch etwas anderes.

Sie wollte ihn.

Sie wollte ihn mehr als alles andere.

Und das war vielleicht das Gefährlichste von allem.

Zurück in der Hütte legte sie sich auf den Strohsack und starrte an die Decke.

Der Schlaf kam nicht.

Stattdessen kamen Bilder.

Bilder von Lucian.

Von seinem Blick.

Von seinem Kuss.

Von der Zukunft, die sie sich plötzlich vorstellen konnte.

Eine Zukunft, in der sie nicht unsichtbar war.

Eine Zukunft, in der sie geliebt wurde.

Doch diese Zukunft hatte einen Preis.

Einen hohen Preis.

Blut.

Verrat.

Krieg.

Und vielleicht ihren Tod.

Jasmine drehte sich auf die Seite und zog die Decke fester um sich.

Morgen würde Seraphina kommen.

Morgen würde sie entscheiden müssen.

Doch tief in ihrem Inneren wusste sie bereits, was sie tun würde.

Sie würde kämpfen.

Für Seraphina.

Für sich selbst.

Und für den Mann, der niemals hätte ihr Gefährte sein dürfen.

Die Nacht zog sich endlos hin.

Und mit jedem Herzschlag wurde das Band stärker.

Unaufhaltsam.

Unwiderruflich.

Bis der Morgen graute und der erste Schrei eines Raben die Stille zerriss.

Der Tag der Entscheidung hatte begonnen.

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