ログインDer Morgen brach an wie ein Messer aus kaltem Licht. Der Schnee reflektierte die ersten Strahlen der Sonne so grell, dass Jasmine die Augen zusammenkneifen musste, als sie aus der Hütte trat. Ihr Atem stand in weißen Wolken vor ihrem Gesicht. Die Welt wirkte rein und still, doch unter dieser Reinheit lauerte die Gewissheit, dass Blut fließen würde, bevor der Tag zu Ende ging.
Sie hatte nicht geschlafen. Keine Minute. Stattdessen hatte sie die ganze Nacht damit verbracht, das Band in sich zu spüren, es zu analysieren, es zu hassen und es gleichzeitig zu lieben. Es war wie ein zweiter Herzschlag, der nicht ihr eigener war und doch vollkommen mit ihrem verschmolz. Lucian war überall. In jedem Atemzug. In jedem Gedanken. In jedem pochenden Schlag ihres Pulses.
Seraphina kam pünktlich, wie versprochen. Sie trug einen schweren Umhang aus dunklem Wolltuch über ihrem Kleid und einen Korb mit Brot, Käse, getrocknetem Fleisch und einer Thermoskanne mit heißem Kräutertee. Ihre Wangen waren gerötet von der Kälte, doch ihre Augen wirkten klarer als in der vergangenen Nacht. Entschlossener.
„Du bist noch hier“, sagte sie leise, fast überrascht.
„Wo sollte ich sonst sein?“, antwortete Jasmine. Ihre Stimme klang rau, als hätte sie die ganze Nacht geschrien, obwohl sie kein Wort gesprochen hatte.
Seraphina stellte den Korb ab und musterte sie von Kopf bis Fuß. „Du siehst aus, als hättest du gegen Dämonen gekämpft.“
„Vielleicht habe ich das.“ Jasmine nahm den Korb entgegen und setzte sich auf die Schwelle der Hütte. Der warme Duft des Tees stieg ihr in die Nase. Sie goss sich eine Tasse ein, hielt sie mit beiden Händen fest, als könnte die Wärme sie erden.
Seraphina setzte sich neben sie. Eine Weile schwiegen beide. Nur das leise Knacken des Eises auf dem See und das ferne Rufen eines Raben waren zu hören.
„Ich habe nachgedacht“, begann Seraphina schließlich. „Die ganze Nacht. Über das, was du mir erzählt hast. Über Vater. Über Lucian.“
Jasmine nickte stumm.
„Ich will ihn nicht heiraten“, sagte Seraphina plötzlich. Die Worte kamen klar und fest. „Nicht unter diesen Umständen. Nicht, wenn ich nur eine Puppe in einem Schachspiel bin.“
Jasmine hob den Kopf. „Du weißt, was das bedeutet?“
„Krieg. Vielleicht. Oder zumindest einen offenen Bruch. Vater wird toben. Der Rat wird toben. Aber ich bin keine Puppe mehr.“ Seraphina legte eine Hand auf Jasmines Arm. „Und du bist keine Leihmutter. Du bist meine Schwester.“
Das Wort traf Jasmine wie ein Schlag in die Magengrube. Schwester. Es war das erste Mal, dass Seraphina es so aussprach. Nicht „Halbschwester“. Nicht mit dem üblichen distanzierten Unterton. Einfach Schwester.
Tränen brannten in Jasmines Augen. Sie blinzelte sie weg. „Wenn du das wirklich meinst… dann müssen wir einen Plan haben. Einen echten Plan. Nicht nur weglaufen und hoffen.“
Seraphina nickte. „Ich kenne jemanden. Im Ostflügel des Anwesens. Eine Heilerin namens Mara. Sie ist alt, halb blind, aber sie kennt die alten Schriften besser als jeder andere. Vielleicht gibt es etwas über das Band. Etwas, das beweist, dass es echt ist. Etwas, das sogar Vater nicht ignorieren kann.“
„Und wenn nicht?“
„Dann kämpfen wir anders.“
Jasmine atmete tief ein. „Ich habe ihn geküsst. Letzte Nacht. Am See.“
Seraphina erstarrte. Dann lächelte sie schwach. „Ich dachte mir so etwas. Dein Geruch… er ist überall an dir. Stark. Wild. Wie er.“
„Es tut mir leid.“
„Nein.“ Seraphina schüttelte den Kopf. „Es tut dir nicht leid. Und das soll es auch nicht. Wenn das Band echt ist, dann ist es das Schicksal. Und das Schicksal lügt nicht.“
Jasmine sah ihre Schwester an. Wirklich an. Und zum ersten Mal sah sie nicht nur die perfekte Erbin. Sie sah ein Mädchen, das genauso verängstigt, genauso zerrissen war wie sie selbst.
„Wir gehen zu Mara“, sagte Jasmine. „Jetzt.“
Sie brachen auf, bevor die Sonne höher stieg. Seraphina kannte einen verborgenen Pfad, der hinter dem See entlangführte und direkt in die alten Wirtschaftsgebäude des Anwesens mündete. Dort, wo die Heiler und Kräuterfrauen arbeiteten, fernab der prunkvollen Hallen des Hauptgebäudes.
Der Weg war beschwerlich. Der Schnee lag kniehoch, und mehrmals mussten sie sich gegenseitig stützen, um nicht zu stürzen. Doch mit jedem Schritt fühlte Jasmine sich stärker. Das Band gab ihr Kraft. Es war, als würde Lucian bei ihr sein, auch wenn er kilometerweit entfernt war.
Als sie die alten Stallungen erreichten, war die Luft schwer vom Geruch nach Heu, Kräutern und getrockneten Pilzen. Mara wohnte in einem kleinen Anbau, dessen Tür immer offen stand. Drinnen brannte ein Feuer in einem rußigen Kamin. Die Wände waren bedeckt mit Regalen voller Gläser, getrockneter Pflanzen und uralter, ledergebundener Bücher.
Mara saß in einem Schaukelstuhl. Sie war winzig, die Haut pergamentdünn und von Altersflecken übersät. Ihre Augen waren milchig weiß, doch als Jasmine und Seraphina eintraten, hob sie den Kopf, als könnte sie sie riechen.
„Die Markierte und die Unmarkierte“, sagte sie mit krächzender Stimme. „Zusammen. Das habe ich lange nicht mehr gerochen.“
Seraphina trat vor. „Mara. Wir brauchen deine Hilfe.“
Die Alte lachte leise. Es klang wie trockenes Laub im Wind. „Hilfe. Immer wollen sie Hilfe. Setzt euch. Erzählt.“
Sie setzten sich auf niedrige Hocker. Jasmine spürte, wie Maras blinde Augen über sie glitten, als könnte die Alte direkt in ihre Seele sehen.
„Ein Band“, sagte Mara, bevor eine von ihnen sprechen konnte. „Ein echtes. Zwischen dem Nordalpha und der Unmarkierten. Die Götter lachen sich kaputt.“
„Ist es möglich?“, fragte Jasmine leise.
„Möglich?“ Mara schnaubte. „Die alten Texte sagen, es sei unmöglich. Das Mal ist das Zeichen. Ohne Mal kein Band. So steht es geschrieben. Seit tausend Jahren.“
„Aber es ist da“, sagte Seraphina. „Ich rieche es. Jasmine riecht es. Lucian riecht es.“
Mara wiegte sich vor und zurück. „Die Götter schreiben manchmal mit anderer Tinte. Manchmal benutzen sie Blut statt Tinte. Manchmal benutzen sie Schmerz.“
Sie stand auf, tastete sich zu einem Regal und zog ein dickes, schwarzes Buch hervor. Der Einband war rissig, die Seiten vergilbt. Sie schlug es auf einer markierten Stelle auf und fuhr mit dem Finger über die Zeilen, obwohl sie nichts sehen konnte.
„Hier. Das Buch der verborgenen Monde. Geschrieben von der letzten Priesterin des alten Silberrudels, bevor es ausgelöscht wurde. Sie schreibt von einem Band ohne Mal. Ein Band, das entsteht, wenn zwei Seelen sich in vollkommener Dunkelheit finden. Wenn keine Sonne scheint. Kein Mond. Nur die Leere dazwischen.“
Jasmine beugte sich vor. „Was bedeutet das?“
„Es bedeutet, dass das Band nicht vom Schicksal gegeben wird, wie bei den Markierten. Es wird erkämpft. Im Leid. Im Verrat. Im Verzicht. Nur wer alles verliert, kann es finden.“
Seraphina runzelte die Stirn. „Und wie beweist man es?“
Mara schloss das Buch. „Man beweist es gar nicht. Man lebt es. Man stirbt dafür. Oder man tötet dafür.“
Eine Gänsehaut lief über Jasmines Rücken.
„Es gibt einen Weg“, fuhr Mara fort. „Einen alten Ritus. Den Ritus der blutigen Bindung. Zwei Seelen schneiden sich die Handflächen auf. Sie pressen das Blut zusammen. Wenn das Band echt ist, heilt die Wunde sofort. Und ein neues Mal erscheint. Nicht der Mondsichel. Etwas anderes. Etwas Dunkleres. Etwas Wilderes.“
„Und wenn es nicht echt ist?“, fragte Jasmine.
„Dann stirbt einer von euch innerhalb von drei Tagen. Langsam. Qualvoll.“
Stille senkte sich über den Raum.
Seraphina griff nach Jasmines Hand. Ihre Finger waren kalt. „Wir haben keine Wahl, oder?“
„Doch“, sagte Jasmine. „Wir haben immer eine Wahl. Wir können fliehen. Wir können kämpfen. Wir können sterben.“
Mara lachte wieder. „Ihr seid mutiger, als euer Vater je war.“
Sie reichte Jasmine einen kleinen Dolch mit gebogener Klinge. „Wenn ihr es tut, tut es bei Vollmond. Drei Nächte von jetzt. Auf dem alten Opferstein oben auf dem Schwarzfels. Dort, wo die Götter noch zuhören.“
Jasmine nahm den Dolch entgegen. Er lag schwer in ihrer Hand.
„Und jetzt geht“, sagte Mara. „Bevor die Wachen kommen. Sie suchen euch bereits.“
Sie verließen die Hütte schweigend. Draußen hatte sich der Himmel zugezogen. Dicke Wolken kündigten Schnee an.
„Wir müssen mit Lucian sprechen“, sagte Seraphina.
„Ich weiß.“
„Und mit Vater.“
„Das wird nicht einfach.“
„Nein.“
Sie trennten sich am Rand des Waldes. Seraphina kehrte ins Haupthaus zurück, um den Schein zu wahren. Jasmine blieb im Verborgenen. Sie musste Lucian finden. Allein.
Das Band half ihr. Es zog sie wie ein unsichtbarer Faden. Sie folgte ihm durch den Wald, über verschneite Lichtungen, bis sie an eine kleine Lichtung kam, wo ein Bach im Winter nur noch ein schmales Rinnsal war.
Dort stand er.
Lucian lehnte an einem Baum, die Arme verschränkt, die Augen geschlossen. Als spürte er sie kommen, öffnete er die Lider. Sturmgray. Leuchtend. Gefährlich.
„Du bist gekommen“, sagte er.
„Ich hatte keine Wahl.“
Er stieß sich vom Baum ab und kam auf sie zu. Langsam. Bedacht. Als wollte er sie nicht erschrecken.
„Ich habe die ganze Nacht nach dir gesucht“, sagte er. „Mein Wolf war kurz davor, das Rudel auseinanderzureißen.“
„Ich weiß.“
Er blieb vor ihr stehen. Nur eine Armlänge entfernt.
„Ich will dich nicht zwingen“, sagte er rau. „Aber ich kann dich auch nicht gehen lassen.“
„Ich weiß.“
Jasmine holte tief Luft. Dann erzählte sie ihm alles. Von Mara. Vom Buch. Vom Ritus. Vom Preis.
Lucian hörte zu. Reglos. Als sie fertig war, schloss er die Augen.
„Blutige Bindung“, murmelte er. „Ich habe davon gehört. Als Kind. Die Alten haben es als Legende erzählt. Etwas, das nur in den dunkelsten Zeiten passiert.“
„Glaubst du daran?“
„Ich glaube an dich.“
Die Worte trafen sie tief.
„Wenn wir es tun“, sagte sie leise, „gibt es kein Zurück.“
„Ich will kein Zurück.“
„Dein Rudel. Meine Schwester. Mein Vater. Alles wird brennen.“
„Dann soll es brennen.“
Jasmine lachte zittrig. „Du bist wirklich verrückt.“
„Vielleicht.“ Er hob die Hand und strich ihr sanft über die Wange. „Aber ich bin dein Verrückter.“
Sie schloss die Augen. Ließ die Berührung zu. Ließ das Band zu. Ließ ihn zu.
„Ich habe Angst“, flüsterte sie.
„Ich auch.“
Das Geständnis überraschte sie. Lucian Blackwood. Der gefürchtete Erbe. Der Mann, der ganze Rudel in die Knie zwang. Er hatte Angst.
„Wovor?“, fragte sie.
„Dich zu verlieren. Bevor ich dich je wirklich hatte.“
Jasmine öffnete die Augen. Sah ihn an. Sah den Schmerz. Die Sehnsucht. Die rohe Ehrlichkeit.
„Ich werde nicht weglaufen“, sagte sie. „Nicht mehr.“
Er zog sie an sich. Fest. Als wollte er sie nie wieder loslassen. Sie vergrub das Gesicht an seiner Brust. Atmete seinen Duft ein. Wald. Rauch. Zuhause.
Sie standen lange so da. Bis ein Heulen die Stille zerriss.
Nah. Zu nah. Lucian erstarrte. „Wachen.“
Jasmine löste sich von ihm. „Geh. Ich lenke sie ab.“ „Nein.“
„Doch. Du musst zurück. Wenn sie dich hier finden, wissen sie alles.“
Lucian knurrte. Doch er nickte schließlich. „Drei Nächte. Vollmond. Schwarzfels.“
„Drei Nächte.“
Er küsste sie. Kurz. Hart. Verzweifelt.
Dann war er weg. Verschmolz mit den Schatten der Bäume.
Jasmine drehte sich um.
Vier Wachen brachen durch das Unterholz. Schwere Stiefel. Silberne Klingen. Die Augen glühten gelb.
„Da ist sie!“, rief einer.
Jasmine wartete nicht.
Sie rannte.
Tiefer in den Wald. Über umgestürzte Bäume. Durch dorniges Gestrüpp. Die Wachen folgten. Schnell. Zu schnell.
Doch Jasmine kannte diese Wälder besser als jeder andere. Sie war hier aufgewachsen. Unsichtbar. Vergessen. Sie kannte jeden Pfad. Jeden Versteck.
Sie führte sie in einen Kreis. Lockte sie in eine Schlucht, wo der Schnee tief lag und der Wind heulte. Dort ließ sie sich fallen. Versteckte sich unter einem umgestürzten Baumstamm.
Die Wachen rannten vorbei. Fluchten. Suchten.
Als sie weg waren, blieb Jasmine liegen. Schwer atmend. Herz hämmernd.
Sie hatte gewonnen. Für den Moment. Doch der Preis stieg. Jeden Tag. Jede Stunde.
Am Abend schlich sie zurück zur Hütte am See. Seraphina wartete bereits. Mit frischen Verbänden für Jasmines aufgerissene Hände und Füße. Mit Neuigkeiten.
„Vater weiß, dass etwas nicht stimmt“, sagte sie. „Er hat Lucian in den großen Saal bestellt. Es gibt eine Versammlung. Heute Nacht.“
Jasmine nickte. „Dann muss ich dort sein.“
„Unsichtbar.“
„Wie immer.“
Seraphina lächelte traurig. „Nicht mehr lange.“
Sie bereiteten sich vor. Dunkle Kleidung. Kapuzen. Jasmine band ihr Haar zurück. Seraphina schminkte ihre Wangen blass, um weniger aufzufallen.
Als die Nacht hereinbrach, schlichen sie zum Haupthaus. Durch einen alten Dienstboteneingang. Über Treppen, die kaum jemand mehr benutzte. Bis sie eine Galerie erreichten, von der aus man in den großen Saal hinuntersah.
Unten brannte ein Feuer im riesigen Kamin. Der Rat saß an der langen Tafel. Viktor am Kopfende. Lucian ihm gegenüber. Beide Männer starrten sich an wie zwei Wölfe, die um dieselbe Beute kämpften.
„Wo ist meine Tochter?“, fragte Viktor kalt.
„Welche?“, erwiderte Lucian ebenso kalt.
Viktor schlug mit der Faust auf den Tisch. „Spiel keine Spielchen mit mir, Blackwood. Seraphina ist hier. Aber die andere… die Unmarkierte… sie ist verschwunden. Und du weißt, wo sie ist.“
Lucian lächelte dünn. „Vielleicht ist sie einfach weggelaufen. Vor einem Vater, der sie als Zuchtstute verkaufen wollte.“
Ein Raunen ging durch den Saal.
Viktor sprang auf. „Du wagst es?“
„Ich wage vieles“, sagte Lucian ruhig. „Aber ich werde deine Tochter nicht heiraten. Weder die eine noch die andere. Nicht so.“
Viktor lachte bitter. „Dann gibt es keinen Pakt. Keine Allianz. Nur Krieg.“
Lucian lehnte sich zurück. „Wenn es Krieg sein muss… dann sei es.“
Jasmine spürte, wie Seraphina neben ihr zitterte. Sie griff nach ihrer Hand. Drückte sie fest.
„Er blufft nicht“, flüsterte Seraphina.
„Ich weiß.“
Unten stand Viktor auf. „Dann sei es Krieg. Aber vorher… bringt mir meine Bastardtochter. Lebend. Ich will sie vor meinen Augen zerbrechen sehen.“
Jasmine schloss die Augen. Der Moment war gekommen. Sie musste handeln. Sie musste sich zeigen. Oder fliehen. Für immer. Sie sah Seraphina an. Ihre Schwester nickte langsam.
Jasmine atmete tief ein. Dann trat sie vor. Aus dem Schatten der Galerie. In das Licht der Fackeln.
„Hier bin ich“, sagte sie laut und klar.
Alle Köpfe fuhren herum.
Viktor starrte sie an. Fassungslos. Wütend.
Lucian sprang auf. Seine Augen glühten silbern.
„Jasmine“, knurrte er warnend.
Doch sie ging weiter. Die Treppe hinunter. Schritt für Schritt.
Bis sie unten stand. Mitten im Saal. Umringt von Feinden.
Und einem Mann, der für sie sterben würde.
„Ich bin hier“, wiederholte sie. „Und ich werde nicht weglaufen.“
Viktor lachte. Ein kaltes, hässliches Geräusch.
„Dann stirb hier.“
Er gab ein Zeichen.
Die Wachen zogen ihre Klingen.
Doch bevor sie zuschlagen konnten, ertönte ein tiefes, animalisches Grollen.
Lucian sprang über den Tisch.
Landete zwischen Jasmine und den Wachen.
Seine Augen glühten wie geschmolzenes Silber.
„Wer sie anrührt“, sagte er leise, „stirbt.“
Viktor bleckte die Zähne. „Du forderst mich heraus? In meinem eigenen Haus?“
„Ja“, sagte Lucian. „Und ich fordere dich zum Duell. Auf Leben und Tod. Bei Vollmond. Auf dem Schwarzfels.“
Ein Raunen ging durch den Saal. Ein Duell. Der alte Brauch. Unwiderruflich.
Viktor starrte ihn an. Dann Jasmine. Dann wieder Lucian.
Schließlich lächelte er. Kalt. Grausam.
„Einverstanden. Bei Vollmond. Auf dem Schwarzfels. Und wenn ich gewinne… stirbt sie langsam. Vor deinen Augen.“
Lucian nickte.
„Und wenn ich gewinne“, sagte er, „gehört sie mir. Für immer.“
Viktor lachte wieder.
„Dann sehen wir uns bei Vollmond.“
Jasmine spürte, wie das Band in ihr explodierte.
Angst. Liebe. Wut. Alles auf einmal.
Lucian drehte sich zu ihr um.
Nahm ihre Hand. Zog sie an sich. Vor allen. Vor dem Rat. Vor ihrem Vater.
Und küsste sie. Tief. Hart. Öffentlich. Ein Aufschrei ging durch den Saal.
Viktor brüllte.
Doch Lucian ließ sie nicht los.
Als der Kuss endete, sah er Viktor direkt in die Augen.
„Sie ist meine Gefährtin“, sagte er laut. „Und ich werde sie markieren. Mit Blut. Mit Liebe. Mit allem, was ich habe.“
Dann zog er Jasmine mit sich.
Durch eine Seitentür.
Hinaus in die Nacht.
Hinter ihnen brach Chaos aus.
Schreie. Befehle. Doch sie rannten bereits. Hand in Hand. Durch den Schnee. In die Dunkelheit. In die Zukunft. Drei Nächte.
Nur noch drei Nächte. Bis zum Vollmond. Bis zum Ritus. Bis zum Duell. Bis zum Ende. Oder zum Anfang.
Jasmine wusste nicht, was kommen würde.
Doch zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich nicht unsichtbar.
Sie fühlte sich gesehen. Geliebt. Gefürchtet. Und lebendig.
So lebendig wie nie zuvor.
Der Morgen am Grenzstein brach mit einem klaren Himmel an. Jasmine erwachte in Lucians Armen im warmen Zelt. Das dunkle Mal auf ihrer Schulter pulsierte ruhig und stark. Draußen vermischten sich bereits die Stimmen der Krieger beider Rudel. Das Heulen der Nacht war einer geschäftigen Unruhe gewichen. Die Allianz war besiegelt und nun begann die Arbeit sie mit Leben zu füllen.Lucian öffnete die Augen und küsste sie sanft. Wir reiten heute zurück zum Schattenmondschloss. Seraphina erwartet Nachricht. Danach werde ich für einige Tage in den Norden müssen um die Führung dort zu festigen. Du kommst mit mir wenn du willst.Jasmine setzte sich auf und strich ihm über die Wange. Ich komme mit. Das Band erlaubt keine Trennung in diesen ersten Tagen. Und ich will das Nordrudel mit eigenen Augen sehen. Nicht nur als Besucherin. Als ihre Luna.Sie erhoben sich und traten hinaus. Kael erwartete sie bereits mit einigen Räten. Die Vereinbarungen wurden noch einmal bestätigt. Gemeinsame Patrouillen
Der Morgen des dritten Tages brach kalt und klar an. Jasmine stand am Fenster der Gemächer und blickte auf die bereitstehenden Pferde und Wölfe im Hof. Der Schnee glitzerte unter der aufgehenden Sonne. Das dunkle Mal auf ihrer Schulter fühlte sich warm an als spüre es die bevorstehende Reise. Lucian trat hinter sie und legte die Arme um ihre Taille. Sein Kinn ruhte auf ihrem Kopf.Die Eskorte ist bereit. Zwanzig Krieger des Schattenmondrudels. Seraphina bleibt hier und hält die Ordnung. Der Grenzstein liegt einen Tagesritt entfernt. Wir erreichen ihn vor Sonnenuntergang.Jasmine drehte sich in seinen Armen und küsste ihn kurz. Ich bin bereit. Das Band ist ruhig. Es weiß dass wir stark genug sind.Sie ritten aus dem Schloss. Die Hufe knirschten im Schnee. Die Wölfe liefen als Flankenschutz. Jasmine trug praktische Kleidung aus dickem Leder und Wolle die Bewegung erlaubte und das Mal sichtbar ließ. Lucian ritt an ihrer Seite. Sein schwarzes Pferd wirkte so mächtig wie er selbst. Das Ban
Die Sonne stieg langsam über die schneebedeckten Gipfel und warf goldenes Licht durch die hohen Fenster des Schlosses. Jasmine erwachte in den Armen von Lucian. Sein Atem streifte warm ihren Nacken. Das dunkle Mal auf ihrer Schulter pulsierte sanft als begrüße es den neuen Tag. Sie lag still und lauschte dem Schlag seines Herzens der sich mit dem ihren zu einem gemeinsamen Rhythmus verbunden hatte. Das Band war keine ferne Ahnung mehr. Es war ein ständiger Strom aus Wärme und Sicherheit und einer tiefen wilden Zugehörigkeit.Lucian öffnete die Augen. Seine silbernen Iriden fingen das Morgenlicht ein. Guten Morgen meine Luna. Seine Stimme war rau vom Schlaf doch voller Zärtlichkeit. Er küsste ihre Stirn und dann das Mal. Die Berührung sandte einen Schauer durch ihren Körper.Jasmine lächelte. Guten Morgen mein Alpha. Ich spüre das Schloss schon wach. Stimmen in den Gängen. Schritte. Die Welt wartet nicht.Er lachte leise. Dann lassen wir sie nicht warten. Doch zuerst will ich dich noch
Der Schnee unter ihren Füßen war rot vom Blut des alten Alphas. Jasmine klammerte sich an Lucian und spürte wie sein Herz noch wild schlug. Das dunkle Mal auf ihrer Schulter pulsierte warm und lebendig als wäre es ein Teil von ihr geworden den sie schon immer getragen hatte. Die Menge um sie herum kniete noch immer. Einige Krieger senkten den Blick. Andere starrten offen auf das Zeichen das sich in den Mondschein hob wie eine dunkle Flamme.Seraphina erhob sich als Erste. Ihre Stimme war klar und fest als sie über die Hochebene rief. Die Götter haben entschieden. Das Band ist wahr. Das dunkle Mal ist göttlich. Viktor ist gefallen und mit ihm die Lüge die uns so lange regiert hat. Das Schattenmondrudel folgt ab heute einer neuen Ordnung.Ein Murmeln ging durch die Reihen. Niemand widersprach. Die Angst vor dem alten Alpha lag noch in der Luft doch der Respekt vor dem neuen Mal war stärker. Lucian stand aufrecht obwohl Blut von seiner Brust tropfte. Seine Wunden heilten bereits langsam
Der Himmel färbte sich blutrot. Jasmine stand auf dem Opferstein. Ihr Herz schlug hart gegen ihre Rippen. Lucian hielt ihre Hand fest. Das Band pulsierte wie ein zweites Herz zwischen ihnen. Der Vollmond stieg höher. Riesig. Silbern. Gnadenlos."Sie kommen." Lucians Stimme war tief und ruhig. Doch seine Augen glühten silbern. "Ich rieche Viktor. Und das gesamte Rudel."Jasmine nickte. Der Wind trug Stimmen zu ihnen. Viele Stimmen. Viele Wölfe. "Wie viele sind es?""Alle." Er drückte ihre Hand. "Der Rat. Die Garde. Sogar Seraphina spüre ich. Sie ist bei ihnen. Aber sie riecht nicht nach Angst."Schritte knirschten im Schnee. Fackeln erschienen am Rand der Hochebene. Viktor führte sie an. Groß. Grauhaarig. Mit einer Aura aus reiner Grausamkeit. Hinter ihm marschierten Dutzende Krieger. Ihre Augen leuchteten gelb im Mondlicht.Viktor blieb stehen. Zwanzig Schritte entfernt. Er lächelte kalt. "Da seid ihr also. Die Bastardin und der Verräter. Bereit für euren lächerlichen Ritus."Lucian t
Der Wind schnitt wie Klingen aus Eis. Jasmine zog den Umhang enger um ihren Körper. Jeder Atemzug schmerzte in ihrer Brust. Lucian ging voran. Seine Silhouette verschmolz fast mit der Dunkelheit. Das Band zog sie vorwärts. Es brannte heller als je zuvor. Es flüsterte von Nähe. Von Gefahr. Von dem was kommen musste.Sie erreichten den Fuß der verbotenen Klippen. Der Schwarzfels ragte über ihnen auf. Riesig. Bedrohlich. Wie ein Altar der Götter selbst. Nur noch eine Nacht bis Vollmond. Der Himmel zeigte bereits einen fast vollen Kreis. Silbern. Unheilverkündend."Wir sind fast da." Lucians Stimme war tief. Er blieb stehen und drehte sich zu ihr um. "Aber der letzte Aufstieg ist der gefährlichste."Jasmine nickte. Schnee klebte an ihren Wimpern. "Ich spüre es. Das Band wird unruhig. Als wüsste es was morgen passiert."Er trat nah an sie heran. Seine Hände umfassten ihr Gesicht. Warm. Stark. "Morgen schneiden wir uns. Morgen mischt sich unser Blut. Morgen gehörst du mir vor den Augen der







