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In den kalten, hallenden Gängen des Schattenmondrudels klang jeder ihrer Schritte wie ein leiser Vorwurf. Jasmine kniete auf dem rauen Steinboden der großen Küche, schrubbte mit wunden Fingern die uralten Fliesen, bis ihre Knöchel weiß hervortraten. Das Wasser im Holzeimer war längst eisig, doch die Kälte erreichte sie kaum noch. Sie hatte vor langer Zeit gelernt, Schmerz einfach auszublenden, genau wie die abschätzigen Blicke der anderen Bediensteten, die an ihr vorbeigingen, als wäre sie nichts weiter als ein weiteres Möbelstück.
Niemand sprach ihren Namen aus. Für die meisten war sie „die Bastardtochter“ oder einfach „die Unmarkierte“. Das heilige Mondsichelmal, das jede wahre Erbin des Rudels auf der linken Schulter tragen musste, fehlte bei ihr vollständig. Ihre Haut blieb glatt und leer, ein stummer, unwiderruflicher Beweis ihrer Unwürdigkeit. Ihr Vater, Alpha Viktor, hatte sie nie als seine Tochter anerkannt. Ihre Mutter war eine niedere Wölfin gewesen, eine Gefangene aus einem längst besiegten Rudel, die kurz nach der Geburt gestorben war. Die Alten flüsterten manchmal, die Sterbende habe in ihrem letzten Atemzug gefleht, das Kind möge das heilige Zeichen tragen. Die Götter hatten nicht zugehört.
Jasmine hob den Kopf, als die schwere Eichentür zur Küche mit Schwung aufgestoßen wurde. Ihre Halbschwester Seraphina trat ein, umgeben von einem Schwarm kichernder Hofdamen. Seraphina war alles, was Jasmine niemals sein würde. Groß und anmutig, mit Haaren wie flüssiges Mondlicht und Augen von einem tiefen, samtigen Violett. Und vor allem trug sie das Mal. Es schimmerte silbern auf ihrer Schulter, sichtbar durch den hauchdünnen Stoff ihres Kleides, ein perfekter, makelloser Halbmond, der selbst im schwachen Kerzenlicht zu glühen schien.
„Beeil dich mit dem Boden, Jasmine“, sagte Seraphina mit ihrer sanften, aber bestimmten Stimme. „Der große Saal muss bis Sonnenuntergang makellos glänzen. Der Erbe des Nordrudels trifft heute Abend ein.“
Jasmine nickte stumm, ohne aufzublicken. Sie kannte die Gerüchte nur zu gut. Lucian Blackwood, der zukünftige Alpha des mächtigen, gefürchteten Nordrudels, hatte verkünden lassen, dass er eine Gefährtin wählen würde. Und jedes Mitglied des Rudels wusste, wen er wählen würde. Seraphina verkörperte die ideale Luna: schön, gehorsam, vom Schicksal selbst gezeichnet. Die Verbindung der beiden Rudel würde unzerbrechlich stark sein, eine Allianz aus Blut und Macht.
Die Hofdamen warfen Jasmine spöttische Blicke zu, während sie Seraphina umringten wie bunte Vögel eine seltene Blume. Eine von ihnen, eine schlanke Rothaarige namens Livia, beugte sich leicht vor und flüsterte laut genug, dass Jasmine jedes Wort verstand: „Stell dir nur vor, er würde stattdessen die Unmarkierte nehmen. Das wäre ja fast zum Lachen.“
Seraphina lächelte milde, wie immer. „Lass sie in Frieden, Livia. Jasmine gibt ihr Bestes.“
Es war keine echte Verteidigung, nur die übliche Höflichkeit, die Seraphina jedem entgegenbrachte, sogar der unsichtbaren Halbschwester. Jasmine senkte den Blick wieder auf die Fliesen. Diese sanften Worte schmerzten manchmal mehr als offene Verachtung.
Als die Gruppe den Raum verließ, atmete Jasmine tief durch. Endlich allein mit ihren Gedanken und dem pochenden Schmerz in ihrem Rücken. Doch Einsamkeit war ein alter Freund geworden. Niemand forderte etwas von ihr, niemand erwartete etwas. Sie existierte einfach am Rand des Rudels, geduldet, aber niemals wirklich gesehen.
Später am Abend, als die Sonne längst hinter den schneebedeckten Gipfeln versunken war, erhielt Jasmine den Befehl, in den großen Saal zu kommen. Nicht um zu dienen, sondern um unsichtbar zu bleiben und dennoch alles zu beobachten. Alpha Viktor wollte jede Hand verfügbar haben, falls etwas schiefging. Und Jasmine war diejenige, die niemand bemerkte.
Der Saal erstrahlte in festlichem Glanz. Fackeln warfen tanzendes Licht auf die langen Tische, die sich unter Wildbret, frischem Brot, Honigkuchen und Krügen voll schweren, dunklen Weins bogen. Die Mitglieder des Rates saßen bereits auf ihren Plätzen, die Gesichter ernst und voller Erwartung. Seraphina stand in der Mitte des Raumes, gekleidet in ein atemberaubendes Gewand aus tiefem Mitternachtsblau, das ihre schlanke Gestalt betonte. Das Mondsichelmal leuchtete wie ein lebendiges Leuchtfeuer auf ihrer Haut.
Dann öffneten sich die großen Flügeltüren mit einem dumpfen Knarren.
Lucian Blackwood trat ein.
Er war größer, als die Gerüchte ihn beschrieben hatten. Breite Schultern, dunkles Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel, und Augen in einem stürmischen Grau, das an aufziehende Gewitterwolken erinnerte. Er bewegte sich mit der tödlichen, fließenden Anmut eines Raubtiers, das genau wusste, dass es an der Spitze stand. Sein Geruch schlug Jasmine entgegen wie ein plötzlicher Windstoß: dunkler Wald, Rauch, etwas Wildes und Scharfes wie frisches Blut. Tief in ihrem Inneren regte sich ihr Wolf, der sonst fast immer schlummerte, und gab ein leises, überraschtes Winseln von sich.
Lucian blieb stehen, ließ seinen Blick langsam über die Versammlung gleiten. Als seine Augen Seraphina erreichten, verzog sich sein Mund zu einem kühlen, berechnenden Lächeln.
„Alpha Viktor“, sagte er mit tiefer, rauer Stimme, die den ganzen Saal auszufüllen schien. „Eure Tochter ist noch schöner, als man mir berichtet hat.“
Viktor erhob sich von seinem Thron. „Willkommen im Schattenmondrudel, Lucian. Wir fühlen uns zutiefst geehrt.“
Die Begrüßungszeremonie zog sich hin. Es wurden Reden über die Stärke der vereinten Rudel gehalten, über die gemeinsame Zukunft, über die Feinde, die im Osten lauerten. Jasmine stand im Schatten einer dicken Säule, unsichtbar wie immer. Doch etwas veränderte sich. Lucians Blick wanderte weiter, glitt über die Menge, und für einen winzigen, kaum wahrnehmbaren Moment blieb er an ihr hängen.
Nur einen einzigen Herzschlag lang.
Doch dieser Moment reichte aus.
Etwas in Jasmine zerbrach und formte sich gleichzeitig neu. Ein Funke zündete in ihrer Brust, ein Ziehen, das sie bis in die Fingerspitzen spürte. Ihr Wolf winselte erneut, diesmal lauter, drängender. Sie wandte den Blick ab, panisch. Das durfte nicht sein. Er gehörte Seraphina. Er war der zukünftige Alpha, der Mann, der das Rudel retten oder zerstören konnte. Und sie war nichts. Ein Niemand. Eine Unmarkierte.
Als das Bankett begann, schlüpfte Jasmine leise hinaus in die kalte Nachtluft. Sie brauchte Abstand, brauchte Sauerstoff, brauchte irgendetwas, das dieses seltsame, verbotene Gefühl in ihrer Brust erstickte. Der Garten hinter dem Haupthaus lag still und dunkel da, nur das Rascheln der Blätter im Wind und das ferne, einsame Heulen eines Wolfes waren zu hören.
Sie ließ sich auf eine moosbewachsene Steinbank sinken und zog die Knie an die Brust. Tränen brannten in ihren Augen, doch sie blinzelte sie entschlossen weg. Weinen war eine Schwäche, die sie sich nicht leisten konnte. Nicht hier. Nicht jetzt.
Plötzlich hörte sie Stimmen.
Zwei Männer sprachen leise, aber deutlich genug, dass sie jedes Wort verstand.
„... die Markierte ist perfekt“, sagte einer. Es war Garrick, der Beta des Nordrudels, ein bulliger Krieger mit Narben im Gesicht. „Aber Lucian hat andere Pläne.“
„Welche Pläne genau?“ fragte die zweite Stimme. Jasmine erkannte sie sofort. Es war ihr Vater.
Eine kurze Pause. Dann sprach Lucian, kalt und emotionslos wie ein winterlicher Wind.
„Ich werde Seraphina zur Gefährtin nehmen, ja. Die offizielle Verbindung wird geschlossen. Die Allianz wird stehen. Aber ich brauche einen Erben. Einen starken, widerstandsfähigen Erben. Und ich werde nicht riskieren, dass meine Linie von einer zarten, empfindlichen Blume abhängt, die bei der ersten schwierigen Geburt zerbrechen könnte.“
Viktor lachte leise, ein Geräusch ohne Wärme. „Du suchst also eine Leihmutter.“
„Genau. Die Unmarkierte. Sie ist trotz allem zäh. Ihr Blut ist dasselbe wie das von Seraphina. Ich werde sie nehmen, sie schwängern, und sobald das Kind geboren und entwöhnt ist, wird sie verschwinden. Niemand wird Fragen stellen. Eine Bastardtochter mehr oder weniger interessiert keinen.“
Jasmine erstarrte. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie fürchtete, die Männer könnten es hören.
„Und Seraphina?“ fragte Viktor.
„Sie wird die Luna sein. Die perfekte, makellose Fassade. Sie wird nichts erfahren. Und falls doch, wird sie schweigen. Sie ist gehorsam. Sie kennt ihren Platz.“
Jasmine presste die Hand fest auf den Mund, um nicht laut aufzuschreien. Das war der Plan. Ihr eigener Vater hatte zugestimmt. Ihre Schwester sollte benutzt werden, und sie selbst sollte nur ein Gefäß sein. Ein Ding, das man benutzen und danach wegwerfen konnte.
Sie wollte aufspringen, wollte fliehen, wollte kämpfen. Doch ihre Beine gehorchten nicht.
Dann hörte sie Schritte auf dem Kiesweg.
Lucian trat aus dem Schatten der hohen Hecke.
Seine sturm grauen Augen fanden ihre im fahlen Mondlicht.
Für einen langen, endlosen Moment war alles still.
Dann erwachte etwas.
Etwas Uraltes.
Etwas Wildes und Unbändiges.
Ein Band, das nicht existieren durfte.
Jasmine spürte es in jeder Faser ihres Körpers. Ihr Wolf heulte auf, laut, verzweifelt, triumphierend. Lucians Pupillen weiteten sich, sein Atem stockte hörbar, und ein tiefes, animalisches Grollen stieg aus seiner Kehle auf.
„Du“, flüsterte er, fast ungläubig.
Jasmine wich zurück, stolperte fast über die Bank. „Nein“, hauchte sie. „Das kann nicht sein. Das darf nicht sein.“
Doch es war real.
Der Mann, der sie benutzen und wegwerfen wollte, war ihr Gefährte.
Der unmögliche, verbotene, schicksalhafte Gefährte.
In diesem Augenblick wusste Jasmine mit schmerzhafter Klarheit, dass nichts mehr so bleiben würde wie zuvor.
Sie musste Seraphina schützen.
Sie musste sich selbst retten.
Und sie musste gegen das mächtigste Band ankämpfen, das ihre Welt kannte.
Die Paarung.
Das Schicksal.
Die Liebe, die niemals hätte entzündet werden dürfen.
Lucian machte einen langsamen, bedachten Schritt auf sie zu.
Jasmine drehte sich um und rannte.
Hinein in die Dunkelheit.
Hinein in eine Zukunft, die plötzlich blutrot, feurig und unausweichlich war.
Der Morgen brach an wie ein Messer aus kaltem Licht. Der Schnee reflektierte die ersten Strahlen der Sonne so grell, dass Jasmine die Augen zusammenkneifen musste, als sie aus der Hütte trat. Ihr Atem stand in weißen Wolken vor ihrem Gesicht. Die Welt wirkte rein und still, doch unter dieser Reinheit lauerte die Gewissheit, dass Blut fließen würde, bevor der Tag zu Ende ging.Sie hatte nicht geschlafen. Keine Minute. Stattdessen hatte sie die ganze Nacht damit verbracht, das Band in sich zu spüren, es zu analysieren, es zu hassen und es gleichzeitig zu lieben. Es war wie ein zweiter Herzschlag, der nicht ihr eigener war und doch vollkommen mit ihrem verschmolz. Lucian war überall. In jedem Atemzug. In jedem Gedanken. In jedem pochenden Schlag ihres Pulses.Seraphina kam pünktlich, wie versprochen. Sie trug einen schweren Umhang aus dunklem Wolltuch über ihrem Kleid und einen Korb mit Brot, Käse, getrocknetem Fleisch und einer Thermoskanne mit heißem Kräutertee. Ihre Wangen waren geröt
Jasmine rannte, bis ihre Lungen brannten und ihre Beine zitterten. Der Schnee knirschte unter ihren nackten Füßen, denn in ihrer Panik hatte sie die Schuhe im Garten zurückgelassen. Die Kälte biss in ihre Haut, doch sie spürte sie kaum. Alles in ihr schrie nur eines: weg, weg, weg von ihm.Von Lucian Blackwood.Von dem Mann, dessen bloßer Blick ein Feuer in ihrem Inneren entfacht hatte, das sie nicht löschen konnte.Der Wald um das Anwesen des Schattenmondrudels war dicht und alt. Die Bäume standen wie stumme Wächter, ihre Äste schwer von Schnee und Eis. Jasmine tauchte zwischen ihnen unter, folgte keinem Pfad, nur dem Instinkt, der sie tiefer in die Dunkelheit trieb. Ihr Wolf winselte ununterbrochen, ein klagendes, sehnsüchtiges Geräusch, das sie fast in den Wahnsinn trieb. Er wollte zurück. Er wollte zu ihm. Er wollte berührt, beansprucht, markiert werden.„Nein“, flüsterte sie keuchend. „Nein, nein, nein.“Sie stolperte über eine Wurzel, fiel hart auf die Knie. Der Schnee dämpfte d
In den kalten, hallenden Gängen des Schattenmondrudels klang jeder ihrer Schritte wie ein leiser Vorwurf. Jasmine kniete auf dem rauen Steinboden der großen Küche, schrubbte mit wunden Fingern die uralten Fliesen, bis ihre Knöchel weiß hervortraten. Das Wasser im Holzeimer war längst eisig, doch die Kälte erreichte sie kaum noch. Sie hatte vor langer Zeit gelernt, Schmerz einfach auszublenden, genau wie die abschätzigen Blicke der anderen Bediensteten, die an ihr vorbeigingen, als wäre sie nichts weiter als ein weiteres Möbelstück.Niemand sprach ihren Namen aus. Für die meisten war sie „die Bastardtochter“ oder einfach „die Unmarkierte“. Das heilige Mondsichelmal, das jede wahre Erbin des Rudels auf der linken Schulter tragen musste, fehlte bei ihr vollständig. Ihre Haut blieb glatt und leer, ein stummer, unwiderruflicher Beweis ihrer Unwürdigkeit. Ihr Vater, Alpha Viktor, hatte sie nie als seine Tochter anerkannt. Ihre Mutter war eine niedere Wölfin gewesen, eine Gefangene aus einem







