MasukDer 14-jährige Kian ist kein normaler Junge. Auf seiner Haut wachsen leuchtend blaue Schuppen, und das Meer reagiert auf seine Gefühle. In einer Welt, in der das grausame Steampunk-Imperium die Ozeane mit eisernen U-Booten und mechanischen Monstern erobert, wird Kian schnell zur gejagten Beute. Als er auf der Flucht die furchtlose Kriegerin Talisa und den mysteriösen Captain Vane trifft, ändert sich sein Schicksal. An Bord des Knochenschiffs Schwarze Muräne lernen sie, dass Kian der Sohn des Mannes ist, der die tödlichsten Maschinen des Imperiums entworfen hat. Um seine Heimat, die tropischen Smaragd-Inseln, vor den mechanischen Flutbestien des Kommandanten Malakor zu retten, muss Kian lernen, das Wasser selbst als Waffe zu nutzen. Das Abenteuer beginnt!
Lihat lebih banyakProlog: Der Preis der Tiefe
Das Meer vergisst nicht. Es hungert. Man sagt, vor dem Krieg war das Wasser blau und friedlich. Aber das sind Märchen für kleine Kinder, damit sie nachts schlafen können. Wir wissen es besser. Das Wasser ist schwarz. Es ist kalt. Und es ist voll von Dingen, die Zähne haben, wo keine Zähne sein sollten. Mein Name ist Kian. Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, so zu tun, als wäre ich einer von euch – ein Mensch, der Angst vor der Flut hat. Ein Mensch, der am Ufer steht und zittert, wenn der Nebel kommt. Aber ich habe gelogen. Denn wenn das Wasser steigt, bekomme ich keine Angst. Ich bekomme Heimweh.Der Nebel über der Hafenstadt Rostanker schmeckte nach Salz, verfaultem Seetang und
Angst. Es war kurz nach Mitternacht, die Stunde, in der vernünftige Menschen ihre Fenster verriegelten und beteten, dass die Flut nicht an ihre Türen klopfte. Kian war nicht vernünftig. Er war dreizehn Jahre alt, fror in seiner zu dünnen Jacke und hing gerade mit einer Hand an der Dachrinne des königlichen Seekarten-Archivs. Nicht loslassen, dachte er und biss die Zähne zusammen. Wenn du jetzt fällst, brichst du dir das Genick. Und wenn du dir das Genick brichst, findest du Vater nie. Er zog sich hoch. Seine Muskeln brannten, aber Kian war zäh. Er war in den Gassen von Rostanker aufgewachsen, zwischen Fischabfällen und Bettlern. Klettern war so natürlich für ihn wie Atmen – auch wenn das Atmen ihm oft schwerfiel, als ob die Luft an Land zu dünn für seine Lungen wäre. Er schwang sich durch das offene Oberlicht und landete lautlos auf den staubigen Holzdielen. Das Archiv roch nach altem Papier und Tinte. Überall ragten Regale bis zur Decke, vollgestopft mit Rollen, die Orte zeigten, die kein Mensch mehr bereisen durfte. Kian zog eine kleine, sturmgesicherte Laterne aus seiner Tasche und entzündete sie. Das schwache Licht tanzte über die Regale. Er wusste genau, wonach er suchte. „Sektor 7“, flüsterte er. „Die Zone der Stille.“ Dort, so hieß es in den Gerüchten der alten Seeleute, war das Schiff seines Vaters zuletzt gesehen worden. Vor sieben Jahren. Bevor die Marine behauptete, er sei als Verräter hingerichtet worden. Kians Finger glitten über die vergilbten Etiketten der Kartenrollen. Nordroute... Handelsweg Alpha... Sperrzone West... Da war sie. Eine Karte, die mit rotem Wachs versiegelt war. Das Siegel zeigte einen Raben – Corvus. Kians Herz hämmerte gegen seine Rippen. Das war das Zeichen seines Vaters. Er griff nach der Rolle. In dem Moment, als seine Finger das Papier berührten, ertönte ein Klicken. Ein Mechanismus. Verdammt. Eine Sekunde später schrillte eine Alarmglocke durch das Gebäude, laut genug, um Tote zu wecken. „Hey! Da oben!“, brüllte eine Stimme von unten. Schwere Stiefel polterten die Treppe herauf. Marine-Wachen. Kian fluchte leise, stopfte die Karte in seinen Mantel und rannte zum Fenster. Er stieß es auf und blickte hinab. Drei Stockwerke. Unten Kopfsteinpflaster. Keine Chance. Er blickte nach links. Das Hafenbecken. Das Wasser war schwarz und ölig. Schaumkronen tanzten darauf wie kleine Geister. Jedes Kind in Rostanker kannte die Regel: Berühre nie das Wasser bei Nacht. Nachts kamen die Kiel-Kratzer an die Oberfläche. Nachts jagten die Dinge, die keine Namen hatten. Die Tür zum Archivsaal flog auf. Zwei Wachen in den blauen Uniformen der Königlichen Marine stürmten herein, Musketen im Anschlag. „Stehenbleiben!“, brüllte der Vordere. Kian sah die Wachen an. Dann sah er auf das tödliche schwarze Wasser. Und dann tat er das Einzige, was ihm übrigblieb. Er zog seinen Schal fester um den Hals, um die schimmernden Schuppen in seinem Nacken zu verbergen, und sprang. Der Wind pfiff in seinen Ohren. Der Aufprall war hart und eiskalt. Das Wasser schlug über ihm zusammen wie ein Sargdeckel. Kälte bohrte sich in seine Haut wie tausend Nadeln. Kian strampelte, versuchte, zur Oberfläche zu kommen, aber seine Kleidung sog sich voll und zog ihn nach unten. Panik stieg in ihm auf. Luft. Ich brauche Luft. Er öffnete den Mund zu einem Schrei, aber stattdessen strömte Wasser in seine Kehle. Er erwartete den Würgereiz. Er erwartete das Brennen, das Ertrinken. Aber es kam nicht. Ein seltsames Kribbeln lief durch seinen Nacken, dort, wo die Schuppen saßen. Das Wasser fühlte sich plötzlich nicht mehr feindlich an. Es fühlte sich... richtig an. Kian atmete ein. Er atmete Wasser, als wäre es frische Frühlingsluft. Er riss die Augen auf. Unter Wasser war es nicht dunkel. Es war eine Welt aus Schatten und seltsamem, grünlichem Glimmen. Und er war nicht allein. Etwa zehn Meter von ihm entfernt, unter den vermoderten Holzpfählen des Piers, hing ein riesiges Netz. Darin verheddert kämpfte eine Gestalt. Sie sah aus wie ein Mensch, aber ihre Bewegungen waren zu schnell, zu flüssig. Sie hatte silbrige Haut, die im trüben Licht blitzte, und lange, dunkle Haare, die wie ein Schleier um sie trieben. Eine Sirene. Ein Monster. Aber dieses Monster sah nicht aus, als wollte es jemanden fressen. Es sah aus, als hätte es Todesangst. Zwei dunkle Schatten näherten sich dem Netz. Haie? Nein. Kian kniff die Augen zusammen. Es waren Maschinen. Mechanische Aale aus Bronze und Stahl, die sich mit ratternden Propellern durch das Wasser schraubten. Sie kreisten um das Netz, trieben die Sirene in die Enge. Kian wusste, er sollte wegschwimmen. Er hatte die Karte. Er konnte entkommen, solange die Wachen oben noch nach seiner Leiche suchten. Aber dann drehte die Sirene den Kopf. Ihre Augen trafen seine. Sie waren nicht schwarz und leer wie die eines Fisches. Sie waren goldgelb. Intelligent. Und sie flehten um Hilfe. Kian stieß sich von einem Pfeiler ab. Er wusste nicht, was ihn trieb, aber er zog das kleine Messer, das er immer zum Fische ausnehmen benutzte, aus seinem Stiefel. Er schwamm nicht wie ein Mensch. Er schoss durch das Wasser wie ein Torpedo. Er erreichte das Netz, kurz bevor der erste mechanische Aal zuschlagen konnte. Mit zwei schnellen Schnitten durchtrennte er die Taue. Die Sirene war sofort frei. Sie wirbelte herum, packte den metallenen Aal mit bloßen Händen und rammte ihn gegen den Pfeiler, bis Zahnräder und Öl austraten. Dann drehte sie sich zu Kian um. Im Wasser wirkte sie riesig. Ihre Zähne waren spitz wie Nadeln. Sie kam auf ihn zu, packte ihn am Kragen seiner Jacke und zog ihn nah an ihr Gesicht. Kian erstarrte. Jetzt frisst sie mich, dachte er. Stattdessen starrte sie auf seinen Hals. Auf die Schuppen, die jetzt, im Wasser, hellblau leuchteten. Sie öffnete den Mund, und Kian hörte ihre Stimme klar und deutlich in seinem Kopf, als würde sie Gedanken übertragen. „Du riechst nach Land, aber du schmeckst nach Salz. Was bist du?“ Bevor Kian antworten konnte, explodierte die Wasseroberfläche über ihnen. Ein riesiger, dunkler Rumpf brach durch die Wellen. Holz ächzte. Ein Schiff. Aber kein normales Schiff. Der Kiel bestand aus weißen Knochen. Die Sirene ließ Kian los und blickte nach oben. „Die Muräne“, zischte sie. „Der Verrückte ist hier.“Das Schiff atmete nicht mehr. Es war keine lebendige Architektur mehr, kein singendes Archiv, das die Sterne in seinen Wänden kartografierte. Die Schwarze Muräne war zu einem gigantischen, kalten Kadaver aus Stahl geworden, der im schwarzen, fast öligen Wasser des Geisterhafens dümpelte. Nach dem massiven Frequenz-Kollaps, den Kian durch seine flüssige Manipulation des Äthers ausgelöst hatte, waren die violetten Adern in den Wänden in ein lebloses, trübes Grau verfallen. Kian lag auf dem Boden des Maschinenraums. Die Kälte des Stahls kroch ihm durch die Kleidung, doch er spürte sie kaum. Sein Körper fühlte sich an wie eine leere Schale. Das Wasser, das er vor wenigen Minuten noch wie ein lebendiges Wesen durch den Schacht gepeitscht hatte, lag nun als flache, unbewegliche Pfütze um ihn herum. Er wagte nicht, es zu berühren. Er fürchtete, dass es ihn nicht mehr erkennen würde, oder schlimmer – dass er die Verbindung wieder spüren würde, nur um festzustellen, dass sie ihn jetzt, da da
Die Explosion der Schneidladung riss nicht nur ein Loch in die Außenhülle; sie riss die fragile Stille auf, die Kian mit seinem Widerstand aufrechtzuerhalten versucht hatte. Metallsplitter regneten wie glühende Nadeln in den Wartungsschacht, und ein Schwall eiskalten Außenwassers drang ein – ein schwarzer, zäher Strom, der die bereits instabile Atmosphäre des Schiffes in ein Chaos aus Druck und Kälte verwandelte. Imperiale Soldaten in glänzenden, versiegelten Anzügen stießen durch die klaffende Öffnung. Sie wirkten in dieser technologischen Albtraumlandschaft der Muräne wie Fremdkörper. Doch sie waren ausgerüstet mit Sensoren, die das violette Leuchten des Archivs wie ein Lauffeuer aufspürten. „Ziel erfasst!“, brüllte einer der Eindringlinge, dessen Stimme durch den Helm verzerrt und unnatürlich klang. „Sicherung der Datenknoten! Widerstand vernichten!“ Kian klebte noch immer am Resonator, das Metall des Bauteils war durch den Notstrom-Kern, den Silas gerade überbrückte, bereits we
Der Bau des Störers war kein technisches Unterfangen; es war eine Operation am offenen Herzen des Schiffes. Talisa hatte die Baupläne an der Wand ihrer Kabine mit einer Präzision skizziert, die fast schon pathologisch wirkte. Die Linien waren so dünn, dass sie eher wie eingraviert als gezeichnet wirkten, und Kian bemerkte bei genauerem Hinsehen, dass die Farbe nicht aus Tinte bestand. Es war ein dunkler, fast schwarzer Saft, der aus kleinen Schnitten an ihren Fingerspitzen stammte. Sie hatten den zentralen Wartungsschacht der Muräne als provisorische Werkstatt gewählt. Hier, wo die kristallinen Fäden des Archivs am dichtesten wuchsen, war die Luft von einer Dichte, die jeden Handgriff zu einer Anstrengung machte. Jede Bewegung musste gegen einen subtilen, aber konstanten Widerstand der Atmosphäre erkämpft werden. Das Schiff wusste, was sie taten. Es wehrte sich nicht mit Gewalt – es wehrte sich mit Verführung. Während Kian versuchte, einen der primären Äther-Resonatoren aus der Wand
Das Ticken, das Kian anfangs als mechanische Störung wahrgenommen hatte, war längst zu einem festen Bestandteil seines eigenen Bewusstseins geworden. Es war ein rhythmisches, pulsierendes Geräusch, das in den ungeraden Momenten seines Herzschlags lag. Er saß in der Messe, obwohl die Messe ihren Zweck als Ort der Zusammenkunft längst verloren hatte. Hier roch es nicht nach Kaffee oder warmen Mahlzeiten. Es roch nach dem kalten, sterilen Aroma von entlüftetem Ozon und der trockenen, staubigen Luft eines Archivs, das seit Jahrhunderten nicht mehr gelüftet worden war. Kian beobachtete Silas. Der Mechaniker hatte sich mittlerweile fest an die Hauptkonsole des Maschinenraums angeschlossen. Sein ganzer Unterarm war in den Schlund der Maschine gewachsen, ein groteskes Geflecht aus Sehnen, Stahlkabeln und leuchtenden Äther-Fasern. Silas bewegte sich nicht, er schien zu schlafen, doch seine Augen waren weit geöffnet. Er starrte auf die Wand, auf der das Archiv seine Daten als flackernde Lichtb
Die Flucht aus dem Geisterhafen glich einem Manöver durch ein Minenfeld aus Echos. Die Schwarze Muräne schob sich mit einer unnatürlichen, lautlosen Präzision durch die verrosteten Wracks, doch das Schiff war nicht mehr das, was es einmal war. Jeder Meter, den sie zurücklegten, fühlte sich an wie e
Die Stille im Geisterhafen war nicht friedlich. Sie war schwer, feucht und schmeckte nach dem Kupfer von verrostetem Eisen und dem abgestandenen Ozon der letzten Jahrzehnte. Hier, wo sich die Wracks längst vergangener Schlachten wie ein gigantisches, schwimmendes Skelett zu einer Stadt zusammengesc
Die medizinischen Vorräte und Ersatzteile waren kaum entladen, als sich die Atmosphäre im Geisterhafen änderte. Es war kein mechanischer Alarm, kein Schrei, sondern ein instinktives Gefühl der Gefahr, das jeden Bewohner des Hafens erstarren ließ. Das Wasser in der Bucht, das eben noch spiegelglatt
Prolog: Der Preis der Tiefe Das Meer vergisst nicht. Es hungert. Man sagt, vor dem Krieg war das Wasser blau und friedlich. Aber das sind Märchen für kleine Kinder, damit sie nachts schlafen können. Wir wissen es besser. Das Wasser ist schwarz. Es ist kalt. Und es ist voll von Dingen, die
Ulasan-ulasan