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Kapitel 3

Autor: Velvet
Lydia stieg schneller zur besten Schülerin unseres Jahrgangs auf, als irgendjemand erwartet hatte.

Innerhalb eines Monats kannte jeder an Saint Orphia ihren Namen.

Lydia liebte es, unter den klügsten und angesehensten Schülern im Mittelpunkt zu stehen.

Es gab ihr ein Gefühl von Macht.

Doch eine Sache störte sie.

Ich war längst nicht mehr unsichtbar.

Jetzt besaß ich die Gabe der Schönheit.

Mein Name war bereits dreimal auf der Klatschtafel der Akademie aufgetaucht. Jemand hatte sogar mein Porträt in der Spiegelhalle gezeichnet und daruntergeschrieben:

Das schönste neue Blut von Saint Orphia.

Selbst die Mädchen suchten meine Gesellschaft.

„Eleanor Vale. Nach dem Unterricht kommst du mit in den Crimson Cellar. Privatraum, Musik, frisches Blut. Kommst du mit oder nicht ...?“

Eine lässige, selbstsichere Stimme erklang von der Tür.

Fast augenblicklich verstummte der ganze Raum.

Cassian Voss lehnte draußen am Türrahmen und hatte eine Hand in der Hosentasche.

Niemand an Saint Orphia wollte Ärger mit den Vosses.

Cassians Vater gehörte praktisch die Hälfte aller Nachtclubs, Blutlounges, Spielhöllen und illegalen Kampfarenen im unteren Bezirk.

Die Professoren taten so, als wäre Cassian ein ganz gewöhnlicher Schüler.

Doch jeder wusste, dass das nicht stimmte.

Cassians Blick ruhte direkt auf mir.

In meinem ersten Leben hatte er Lydia mit derselben rücksichtslosen Besessenheit umworben.

Und Lydia hatte jede Sekunde davon genossen.

Sie saß hinter ihm auf seinem schwarzen Motorrad und stolzierte durch die Schule, als gehöre Cassians Gewalt einzig und allein ihr.

Sobald jemand sie verärgerte, sorgte Cassian dafür, dass diese Person es bereute.

Lydia hielt sich deshalb für die Heldin einer düsteren Liebesgeschichte.

Für alle anderen war sie einfach nur grausam gewesen.

Ich hatte nicht vor, denselben Fehler zu machen.

Cassian betrat das Klassenzimmer und blieb neben meinem Tisch stehen.

Er stützte beide Hände auf die Tischplatte und beugte sich zu mir hinunter. Sein Körper warf einen Schatten über meine Bücher.

Er war attraktiv, reich und auf genau jene Art gefährlich, die Mädchen zum Tuscheln brachte.

Zumindest so lange, bis er sie ein paar Sekunden zu lange ansah.

„Also?“, fragte er. „Lass mich nicht zweimal fragen.“

Ich klappte mein Buch zu.

„Ich gehe nach dem Unterricht nach Hause.“

Cassian war daran gewöhnt, dass man ihm gehorchte.

Meine Ablehnung traf seinen Stolz. Dass der ganze Raum zusah, machte es nur noch schlimmer.

„Pass auf, Eleanor“, sagte er mit tiefer Stimme. „Ich bin nett zu dir, weil ich dich mag. Verwechsel das nicht mit Geduld.“

Niemand sagte ein Wort.

Nicht einmal Lydia.

Sie saß drei Reihen entfernt. Ihre Augen glänzten neugierig, während sie gespannt darauf wartete, wie ich reagieren würde.

„Cassian“, sagte ich leise.

Ich ließ meine Stimme gerade genug zittern.

„Warum redest du so mit mir ...?“

Sein Ärger verschwand schlagartig.

Für einen Moment wirkte er vollkommen ratlos.

„Ich habe doch gar nicht ...“

Er richtete sich hastig auf.

„Ich habe dir nicht gedroht.“

Ich blinzelte.

Eine einzelne Träne lief über meine Wange.

Die Stimmung im Raum kippte.

Noch vor wenigen Sekunden hatten alle Angst vor ihm gehabt.

Jetzt verwandelte sich diese Angst langsam in Missbilligung.

Und sie richtete sich nicht mehr gegen mich.

Sondern gegen Cassian.

In meinem ersten Leben hatte ich oft genug erlebt, wie Cassian die Beherrschung verlor.

Er war arrogant, gewalttätig und verwöhnt.

Doch mit einer Sache konnte er überhaupt nicht umgehen:

mit einem Mädchen, das wegen ihm weinte.

Schon gar nicht vor Publikum.

Er fuhr sich durch die Haare und fluchte leise.

„Na schön. Dann komm eben nicht. Ist doch keine große Sache.“

Plötzlich klang er beinahe unbeholfen.

„Hör einfach auf zu weinen.“

Ich antwortete nicht.

Ich nahm meine Bücher, bedeckte mein Gesicht und eilte aus dem Klassenzimmer, bevor meine Tränen trocknen konnten.

Ein vergoldeter Käfig blieb trotzdem ein Käfig.

Und ein hübscher Vogel, der sich von seinem Besitzer füttern ließ, würde niemals erfahren, wie weit der Himmel wirklich war.

Lydia wollte das Genie werden, das alle verehrten.

Bitte schön.

Sollte sie ihren Applaus genießen.

Ich hatte kein Interesse daran, jemandes hübscher Singvogel zu werden.

Ich wollte Krallen.

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