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Kapitel 4

Autor: Velvet
Nachdem ich das Klassenzimmer verlassen hatte, ging ich nicht nach Hause.

Cassian brauchte Zeit, um seine Blamage zu verdauen. Lydia brauchte Zeit, um herauszufinden, ob sie darüber wütend oder verunsichert sein sollte.

Ich brauchte weder das eine noch das andere.

Hinter der Fechthalle lag ein alter Lagerraum. Ich schlüpfte hinein und schloss die Tür hinter mir ab.

Perfekt.

Kein Cassian, keine Lydia und vor allem keine Zuschauer.

Ein blasses Mädchen in dunkler Akademieuniform saß allein in einem vergessenen Raum und lernte still Latein. Durch das schmale Fenster fiel kaltes Nachmittagslicht herein.

Genau solche Bilder kamen im Internet gut an.

Mein Lernaccount war in kurzer Zeit erstaunlich schnell gewachsen.

Am Anfang postete ich nur kurze Videos von meinem Schreibtisch, meinen Notizen und meiner täglichen Lernroutine.

Später zeigte ich immer häufiger mein Gesicht. Ein paar Sekunden, in denen ich eine Seite umblätterte. Ein ruhiges Lächeln in die Kamera. Ein müder Blick über einen Stapel Bücher hinweg.

Inzwischen hatte ich mehr als sechshunderttausend Follower.

Die meisten davon waren Frauen.

Und genau wie ich vermutet hatte, war es der Gabe der Schönheit vollkommen egal, von wem die Zuneigung kam.

Es musste keine romantische Liebe sein.

Und schon gar nicht die Liebe eines Mannes.

Bewunderung zählte.

Zuneigung zählte.

Selbst der Wunsch, mich zu beschützen, zählte.

Sogar die warme, weit entfernte Verbundenheit Tausender Frauen hinter ihren Bildschirmen nährte die Gabe.

In ihrem ersten Leben hatte Lydia geglaubt, die Gabe der Schönheit ließ sich nur dadurch stärken, dass mächtige Männer sie begehrten.

Also war sie freiwillig in ihre Zimmer gegangen.

Lächerlich.

In diesem Leben besaß ich die Gabe des Genies nicht mehr.

Mein Verstand war jetzt gewöhnlich.

Nicht langsam. Nicht schwach.

Einfach normal.

Vorerst nutzte ich also das Internet.

Doch ich hatte nicht vor, mein Gesicht für immer zu vermarkten.

Ein hübsches Gesicht konnte Türen öffnen.

Aber damit baute man kein Imperium auf.

Während mein Account stetig weiterwuchs, gerieten Lydias Noten langsam ins Wanken.

In jener Nacht hörte ich sie in ihrem Zimmer mit dem Blutbuch streiten.

„Ich soll doch ein Genie sein“, zischte sie. „Warum gibt es dann immer noch Aufgaben, die ich nicht lösen kann ...?“

Die Stimme des Blutbuchs antwortete kühl und ruhig.

„Ich schärfe deinen Verstand. Ich benutze ihn nicht für dich.“

Nach einer kurzen Pause fügte es hinzu:

„Lernen bleibt die Aufgabe der Erbin.“

Lydia war noch nie jemand gewesen, der lange stillsitzen konnte.

Für sie grenzte es beinahe an Folter, stundenlang über Büchern zu sitzen.

Doch nachdem sie ihren ersten Platz verloren hatte, blieb ihr nichts anderes übrig.

Von da an lernte sie bis spät in die Nacht. Sie zwang sich durch Texte, für die sie früher kaum echtes Interesse aufgebracht hatte.

Mit der Unterstützung der Gabe des Genies machte sie trotzdem rasch Fortschritte.

Schon bald stand sie wieder an der Spitze unseres Jahrgangs.

Unsere Eltern waren begeistert.

Natürlich waren sie das.

Eltern wie unsere liebten vor allem ein Kind, mit dem sie vor anderen glänzen konnten.

„Sieh dir deine Schwester an“, sagte Vater zu mir. „Schon wieder Erste. Und du ...“

Er warf einen Blick auf mein Zeugnis.

„Du bist gerade einmal auf Platz dreiundsiebzig im Jahrgang.“

Ich legte den Kopf leicht schief und lächelte.

„Aber ich habe mich seit dem letzten Mal verbessert. Mein Klassenlehrer meinte, meine Noten reichen für eine gute Universität, wenn ich so weitermache.“

Vater wirkte kein bisschen zufrieden.

Mutters Gesicht wurde sogar noch kälter.

In meinem ersten Leben hatte sie Lydia irgendwann kaum noch ertragen, nachdem deren Schönheit zu auffällig geworden war.

Immer wieder hatte sie gesagt, Lydia sehe unanständig aus.

Als könnte das Gesicht eines Mädchens eine moralische Verfehlung sein.

Diesmal richtete sich dieses Misstrauen gegen mich.

„Ich habe gehört, dass du dich mit gefährlichen Jungen abgibst“, sagte Mutter. „Mit Schülern aus Familien wie den Vosses.“

Ich sah sie schweigend an.

„Eleanor“, fuhr sie schärfer fort, „bring keine Schande über diese Familie.“

Auf der anderen Seite des Tisches senkte Lydia den Blick, um ihr Lächeln zu verbergen.

Nachdem unsere Eltern mit ihrer Standpauke fertig waren, folgte sie mir auf den Flur.

Vor dem antiken Spiegel hielt sie mich auf.

„Und?“, fragte sie leise. „Was bringt dir deine Schönheit jetzt noch ...? Diesmal lieben Mutter und Vater MICH.“

Ich betrachtete ihr Spiegelbild und fühlte mich plötzlich nur noch müde.

Wie konnte sie nach einem ganzen Leben und selbst nach ihrem Tod noch immer so viel Wert auf etwas derart Lächerliches legen?

Mutter und Vater liebten Lydia nicht.

Mich hatten sie ebenfalls nie geliebt.

Sie liebten nur das Kind, das sie vor anderen erfolgreich aussehen ließ.

Nicht jeder hatte das Glück, bedingungslos geliebt zu werden.

Manchmal hing sogar an der Liebe der eigenen Eltern ein Preisschild.

Doch auch ein unvollkommenes Leben war noch immer ein Leben.

Und dieses Mal sollte es ganz allein mir gehören.

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