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Kapitel 5

Autor: Velvet
Lydia erzählte unseren Eltern von Cassian.

Seit einigen Tagen beobachtete Mutter mich, als wäre ich ein gestohlenes Schmuckstück, das jeden Augenblick Schande über die Familie bringen konnte.

„Bring keine Schande über dieses Haus“, sagte sie. „Wenn ein Mädchen nach Einbruch der Dunkelheit mit einem Jungen aus der Familie Voss gesehen wird, interessiert sich danach niemand mehr für ihre Erklärungen. Nicht in unserer Welt.“

Fast hätte ich gelacht.

Mutters Vorwürfe waren für mich längst nichts weiter als Hintergrundrauschen.

Sie klang weniger wie eine Mutter und eher wie eine boshafte Nebenfigur aus einem schlechten Liebesroman.

Also ignorierte ich sie.

Nach dem Unterricht ging ich nicht sofort nach Hause.

Nicht, weil ich Ärger suchte.

Der Ärger wartete bereits am Tor der Akademie auf mich.

Cassian Voss stand unter dem schwarzen Eisenbogen. Seine Miene war finster.

Als er mich sah, stieß er sich von der Mauer ab.

„Eleanor“, sagte er. „Deine Schwester hat mir etwas Interessantes erzählt.“

Cassian kam auf mich zu.

„Sie behauptet, du weist mich ständig ab, weil du glaubst, ich wäre unter deinem Niveau.“

Er stellte sich direkt vor mich und versperrte mir den Weg zum Haupttor.

„Nicht hier“, sagte er. „Du und ich reden jetzt unter vier Augen.“

Hinter ihm standen zwei Jungen aus seinem Freundeskreis.

Sie fassten mich nicht an.

Das mussten sie auch nicht.

Ich ließ meinen Blick durch den Gang schweifen und bemerkte mehrere Schüler, die uns aus einiger Entfernung beobachteten.

Wenn ich jetzt ablehnte, machte Cassian daraus nur eine noch größere Szene.

Also ging ich mit.

Wir liefen durch einen Seitengang zur alten Waffenkammer neben der Trainingshalle.

Die Waffenkammer war bereits vor Jahren zu einem Lagerraum umfunktioniert worden. Die Lehrer nutzten sie für Nachsitzen, zusätzliches Training und alles andere, was sie nicht in den gewöhnlichen Unterrichtsräumen erledigen wollten.

Cassian schloss die Tür hinter uns.

„Was soll das heißen, du siehst auf mich herab ...?“

„Hilfst du Lydia jetzt auch dabei, mir zu schaden ...?“, fragte ich leise.

Cassian erstarrte.

„Was ...?“

Ich senkte den Kopf.

„Dir hat sie erzählt, ich würde dich verachten. Meinen Eltern hat sie gesagt, ich würde mich mit fragwürdigen Männern herumtreiben. Und inzwischen hat sie es genau genug Leuten erzählt, damit alle mich anstarren.“

Langsam hob ich den Blick.

„Und jetzt hast du mich allein hierhergebracht.“

Ich bedeckte mein Gesicht mit beiden Händen und begann zu weinen.

Cassians Gesichtsausdruck veränderte sich augenblicklich.

Zuerst verschwand die Wut.

Dann kam die Verwirrung.

Und schließlich Panik.

Zur selben Zeit hatte Lydia Adrian vor der Bibliothek abgefangen und ihn gebeten, ihr bei einer Aufgabe zum Blutrecht zu helfen.

Danach hatte sie ausgerechnet die alte Waffenkammer als Treffpunkt vorgeschlagen.

Doch Adrian allein reichte ihr offenbar nicht.

Sie trommelte auch noch mehrere Mitschüler zusammen.

Anschließend schickte sie unseren Eltern eine Nachricht.

„Eleanor ist mit Cassian weggegangen. Ich habe versucht, sie aufzuhalten, aber sie wollte nicht auf mich hören.“

Als sie gemeinsam zur Waffenkammer gingen, strahlte Lydia beinahe vor Vorfreude.

Sie hatte sich die Szene vermutlich längst bis ins kleinste Detail ausgemalt.

Ich allein mit Cassian.

Unsere Eltern außer sich vor Wut.

Adrian voller Abscheu.

Und meine Mitschüler, die darüber tuschelten, dass die schöne ältere Schwester an ihrem eigenen Gesicht zugrunde ging.

Die Gruppe erreichte gerade die Tür der Waffenkammer, als vom anderen Ende des Flurs hastige Schritte erklangen.

Auch Mutter und Vater kamen auf sie zu.

Lydia entdeckte sie und lächelte.

Dann griff sie nach der Türklinke und stieß die Tür auf.

Noch bevor sie überhaupt hineinblickte, rief sie:

„Mama, geh nicht rein! Wenn Eleanor wirklich mit Cassian da drin ist ...“

Der gesamte Flur verstummte.

Unsere Eltern stürmten nach vorn. Ihre Gesichter waren vor Wut verzerrt.

Vater drängte sich an den verblüfften Schülern vorbei.

Dann blieb er abrupt im Türrahmen stehen.

Mutter trat neben ihn.

Auch sie erstarrte.

Das Lächeln auf Lydias Gesicht gefror.

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