Mag-log inKAPITEL ZEHNDie Belagerung der StilleDie Sonne stieg über den östlichen Bergkämmen des Sonnengrat-Territoriums in einem blassen, blutorangen Dunst empor und warf lange, zackige Schatten über das Tal. Unten lag die uralte Zitadelle wie eine trotzige eiserne Festung; ihre gewaltigen, zwölf Meter hohen Mauern aus massivem schwarzem Granit waren mit schweren Silberbändern verstärkt, die im Licht der Morgendämmerung kalt glänzten. Oben auf den hohen Zinnen standen hunderte Bogenschützen von Sonnengrat Schulter an Schulter mit gespannten Bögen; ihre mit Silber bewehrten Pfeile lagen eingelegt und schussbereit auf.In der Mitte der hohen Brüstung stand Ältester Malakor, der Älteste des Rates von Sonnengrat, gekleidet in schwere, mit Silberfäden gewebte Zeremoniengewänder. Neben ihm lehnte Kaelen schwer auf einen eisernen Gehstock. Sein Gesicht war blass, sein rechter Arm unter der zerrissenen, befleckten Rüstung fest an seine Brust gebunden, und seine Augen waren hohl und blutunterlaufen.
KAPITEL NEUNDas Morgengrauen des VollmondsDer Hohe Hof der Schatten-Zitadelle summte vor der elektrischen Anspannung eines heraufziehenden Sturms.Droben war der Himmel von tiefem, samtigem Obsidian, beherrscht von der gewaltigen, silbernen Scheibe des Vollmonds. Er goss flüssiges Mondlicht hinab über die zackigen Gipfel des Obsidiangebirges und ließ den runenverzierten dunklen Mithrilstahl von fünfhundert Elitekriegern der Schatten-Vorhut wie poliertes Glas schimmern.In zehn Jahren seiner Herrschaft hatte Hoch-Alpha Cassian noch nie die gesamte königliche Garde für einen territorialen Marsch mobilisiert. Heute Nacht jedoch stand kein Krieger aus bloßer Pflichtschuldigkeit in den Reihen; sie standen dort aus einer furchterregenden, wilden Hingabe an die Frau, die an der Seite ihres Gebieters schritt.Im Inneren der großen Waffenkammer erfüllte der schwere Duft von heißem Eisen, Lederöl und zerstoßenem Salbei die Luft.Lyra stand vor einem lebensgroßen Spiegel aus silbernem Glas und
KAPITEL ACHTDie HeilkammerDie Rückreise durch das Obsidiangebirge war in das zarte, blasse Rosa des Morgengrauens getaucht. Oben auf dem hohen Sattel von Cassians Schlachtross, sicher in seinen schweren Pelzumhang gehüllt und von seinem massiven Arm an der Taille gehalten, spürte Lyra den stetigen, beruhigenden Herzschlag der Schatten-Zitadelle, lange bevor deren Tore in Sicht kamen.Als die schweren, eisenverstärkten Tore knirschend aufgingen, hallte der zentrale Innenhof nicht vom blutigen Rausch des Krieges wider. Die Schatten-Vorhut bewegte sich mit düsterer, stiller Effizienz. Rüstungen wurden abgelegt, Klingen gereinigt und Verwundete in die unteren Lazarette getragen.Cassian saß als Erster ab. Seine hohen Stiefel trafen mit einem schweren Dumpf auf das Kopfsteinpflaster, bevor er sich umwandte, um Lyra herunterzuheben. Er ließ ihre Hand nicht los, als Torin auf sie zustritt und sich den trockenen, grauen Steinstaub von der Stirn wischte.„Der Perimeter ist gesichert, Gebiete
KAPITEL SIEBENDas Blut auf dem SilberKaelens Atem kam in schwerem, feuchtem Keuchen. Die Spitze von Lyras Dolch drückte in die Einkerbung unter seinem Kehlkopf. Die silberne Klinge entlockte seiner Haut einen einzelnen, dunklen Blutstropfen, der seinen Hals hinabrief und den ausgefransten Kragen seiner Seidentunika befleckte.„Lyra, ich bitte dich…“, flehte Kaelen. Seine Stimme war völlig frei von der arroganten Alpha-Aura, die die Sonnengrat-Zitadelle fünf Jahre lang tyrannisiert hatte. Er war nicht mehr der Herrscher, der sie über Marmorböden geschleudert oder seine Mätresse durch die Hallen paradiert hatte. Er war nur noch ein verwundetes Tier, das in der Dunkelheit in die Enge getrieben wurde und im Rauch und Staub einer zerschlagenen Armee nach Luft rang. „Denk an den Rudelverband… Denk an deinen Bruder. Ethan… er ist noch immer in den unteren Verliesen von Sonnengrat eingesperrt. Wenn ich hier falle… wenn ich nicht zurückkehre… haben meine Ältesten den Befehl, ihn vor dem Morg
KAPITEL SECHSDie LawineDas Brüllen der einstürzenden Schluchtwand übertönte die Schreie der Ausgestoßenen-Armee.Schwere Granitblöcke regneten in den engen Nadelöhr-Pass von Vipernpass hinab und zermalmten Stahlschilde, Belagerungswagen und Versorgungslinien unter hunderten Tonnen massivem Fels. Eine dichte Wolke aus grauem Steinstaub stieg wie der Rauch einer Eruption empor und verschlang die Frontlinie von Kaelens Vorhut vollständig.Lyra senkte ihre Stimme und brachte den schwingenden Ton langsam und zitternd zum Erliegen.Ihre Lunge brannte, eine süße, wilde Hitze pulsierte am Ansatz ihres Halses, doch ihre Hände waren so ruhig wie Eisen. Unten in der Schlucht war die einst so arrogante Horde in heller Aufruhr. Die Hälfte des Passes war unter frischem Geröll begraben; die überlebenden Ausgestoßenen flohen in Panik und zertrampelten ihre eigenen Banner, während sie versuchten, zurück in die Südlichen Ödlande zu kraxeln.Hinter ihr stürmten die vierhundert Elitekrieger der Schatte
KAPITEL FÜNFDer BluteidDer Kriegsraum unter der Schattenzitadelle wurde von Eisenfeuern beleuchtet, die mit roten und bernsteinfarbenen Flammen brannten. In der Mitte stand ein großer Schiefertisch, der mit Karten der nördlichen und südlichen Gebiete eingraviert war.Cassian stand über der Karte, beide Hände ruhten auf der Tischkante. Neben ihm studierte Lyra das mit Silber versiegelte Pergament, das Torin vor sie gelegt hatte. Die Robbe trug den Kamm von Sunridge, eine goldene Sonne hinter einem knurrenden Wolf, der jetzt mit getrocknetem Blut befleckt ist."Eine Bluteidsammlung", spuckte Torin und verschränkte seine vernarbten Arme. "Kaelen ist verrückt. Die südlichen Schurken anzurufen bedeutet, Schwertkämpfer, Mörder und verbannte Alphas in zivilisiertes Gebiet einzuladen. Er öffnet die Schleusen, nur um eine Frau zurückzuziehen.""Er tut es nicht nur, um sie zurückzubekommen", antwortete Cassian mit ruhiger, aber kalter Stimme. "Er tut es, weil sein Rudel zusah, wie er von eine







