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Die Ruine von Rabenfels

last update Date de publication: 2026-10-15 20:38:19

Der Regen hatte aufgehört, als Darky und Spooky die letzten Häuser von Nebelbrück hinter sich ließen.

Die Straße wurde schmaler. Asphalt verwandelte sich in rissigen Beton, dann in einen unbefestigten Waldweg, der sich zwischen hohen Fichten hindurchschlängelte.

Die Scheinwerfer des Wagens durchschnitten den Nebel.

Darky saß am Steuer. Seine langen dunklen Haare hatte er im Nacken zusammengebunden. Auf dem Beifahrersitz überprüfte Spooky zum vierten Mal seine Ausrüstung.

„Taschenlampe?“

„Ja“, antwortete Darky.

„Funkgerät?“

„Ja.“

„Ersatzbatterien?“

„Ja.“

„Notfallkekse?“

Darky warf ihm einen Blick zu.

„Du hast Notfallkekse eingepackt?“

Spooky hielt eine kleine Packung hoch.

„Man weiß nie, wann die Lage eskaliert.“

„Wenn du während eines Einsatzes Krümel in meinem Auto verteilst, eskaliert die Lage tatsächlich.“

Spooky verstaute die Packung in seiner Jacke.

„Du wirst mir noch dankbar sein.“

Der Wald wurde dichter.

Die Bäume standen so eng beieinander, dass ihre Kronen den Himmel fast vollständig verdeckten. Nebelschwaden krochen über den Boden. Manchmal sah es aus, als würde etwas zwischen den Stämmen laufen.

Darky bemerkte es ebenfalls.

Er sagte jedoch nichts.

Nach ungefähr zwanzig Minuten endete der Weg an einer kleinen Lichtung. Dahinter erhoben sich die Überreste der Ruine von Rabenfels.

Zerbrochene Mauern ragten aus dem Boden. Efeu bedeckte die Steine. Von einem einstigen Turm war nur noch ein schiefer Rest übrig, dessen Spitze in der Dunkelheit verschwand.

Doch im Zentrum der Ruine stand etwas, das auf keinem der Fotos zu sehen gewesen war.

Eine Tür.

Sie stand vollkommen allein.

Keine Wand umgab sie. Kein Gebäude hielt sie aufrecht. Zwei dunkle Pfosten ragten aus dem Boden und trugen einen massiven Türflügel aus schwarzem Holz.

Es gab weder eine sichtbare Klinke noch ein Schlüsselloch.

Spooky stieg aus dem Wagen und blieb stehen.

„Okay“, sagte er. „Ich nehme alles zurück, was ich jemals über langweilige Nachtschichten gesagt habe.“

Darky schaltete seine Taschenlampe ein.

„Wir untersuchen den Bereich. Bleib in meiner Nähe.“

„Natürlich.“

Spooky ging sofort drei Schritte in die entgegengesetzte Richtung.

„Spooky!“

„Ich prüfe nur, ob die Ruine noch eine zweite Tür hat!“

„Sie steht mitten auf einer Lichtung!“

„Man sollte alle Möglichkeiten berücksichtigen.“

Darky seufzte und begann, den Boden abzusuchen.

Die ersten Minuten verliefen ohne besondere Vorkommnisse. Er fand alte Steine, verrottete Zweige und mehrere tiefe Löcher, die vermutlich von Tieren stammten.

Dann entdeckte er Fußspuren.

Sie führten vom Waldrand direkt zur Tür.

Darky kniete sich hin.

Die Abdrücke waren ungewöhnlich tief. Der Boden war feucht, doch die Spuren hatten scharfe Ränder, als wären sie erst wenige Minuten alt.

Er zählte die Zehenabdrücke.

Sechs.

Darky betrachtete den Boden länger.

„Spooky!“

Sein Kollege kam herüber.

„Was hast du?“

Darky deutete auf die Spuren.

Spooky beugte sich vor.

„Sechs Zehen.“

„Das sehe ich selbst.“

„Vielleicht trägt jemand sehr seltsame Schuhe.“

„Mit sechs Zehen pro Fuß?“

Spooky richtete sich auf.

„Ich will nicht ausschließen, dass die Modebranche inzwischen zu weit gegangen ist.“

Darky folgte den Spuren mit dem Lichtkegel. Sie endeten direkt vor der Tür.

Dort gab es keine weiteren Abdrücke.

Als wäre das Wesen einfach verschwunden.

Oder hindurchgegangen.

Ein kalter Luftzug strich über die Lichtung.

Darky hob den Kopf.

Die Tür hatte sich verändert.

Zwischen den schwarzen Maserungen des Holzes glomm ein dünner blauer Lichtstreifen. Er verlief vom oberen Rand bis zum Boden und pulsierte wie eine Ader unter einer Haut.

Spooky wich einen Schritt zurück.

„Das war vorher nicht da.“

„Nein.“

„Vielleicht ist es irgendeine chemische Reaktion.“

Darky sah ihn an.

„Auf trockenem Holz? Mitten in der Nacht?“

„Ich versuche, optimistisch zu bleiben.“

Das blaue Licht wurde heller.

Ein leises Summen erfüllte die Ruine. Es war so tief, dass Darky es nicht nur hörte, sondern auch in den Knochen spürte.

Dann ertönte eine Stimme.

„Darky?“

Beide erstarrten.

Die Stimme kam von hinter der Tür.

Sie klang jung. Angestrengt. Verängstigt.

Spooky hob langsam sein Funkgerät.

„Lydia?“

Ein dumpfer Schlag erschütterte den Türflügel.

„Bitte!“, rief die Stimme. „Macht auf!“

Darky trat näher.

„Lydia Sommers? Wir sind von der Polizei. Können Sie uns hören?“

Für einen Moment blieb es still.

Dann flüsterte das Mädchen:

„Ihr dürft nicht allein kommen.“

Darky spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten.

„Was meinen Sie?“

Auf der anderen Seite kratzte etwas über das Holz.

Langsam.

Von oben nach unten.

Dann sagte Lydia:

„Es hat euch gesehen.“

Das blaue Licht flammte auf.

Die Tür bebte in ihren Angeln, obwohl es keine Angeln gab.

Spooky packte Darky am Arm.

„Ich finde, wir sollten sehr gründlich darüber nachdenken, was wir als Nächstes tun.“

Darky zog seinen Arm frei, ohne den Blick von der Tür abzuwenden.

„Wir haben eine vermisste Jugendliche auf der anderen Seite.“

„Und möglicherweise etwas mit sechs Zehen, das uns gerade beobachtet.“

„Wir lassen sie nicht zurück.“

Spooky atmete tief durch.

„Das dachte ich mir.“

Ein Knacken lief durch das Holz.

In der Mitte der Tür erschien eine schmale Spalte.

Dahinter war kein Raum zu sehen.

Kein Gang.

Keine Wand.

Nur ein endloser, schwarzer Himmel voller Sterne.

Und die Sterne bewegten sich.

Sie drehten sich langsam umeinander, als läge hinter der Tür nicht ein anderer Ort, sondern ein ganzes Universum.

Darky hob seine Taschenlampe.

Der Lichtstrahl reichte nur wenige Zentimeter in die Öffnung, bevor er vom Dunkel verschluckt wurde.

Dann erschien auf der anderen Seite ein Gesicht.

Lydia.

Ihre langen roten Haare klebten an ihren Wangen. Ihre grünen Augen waren weit aufgerissen.

„Helft mir!“, schrie sie.

Etwas packte sie von hinten.

Sie wurde rückwärts in die Dunkelheit gerissen.

Ihr Schrei brach abrupt ab.

„LYDIA!“, rief Darky.

Er stürzte nach vorn.

Spooky erwischte ihn gerade noch an der Jacke.

„Warte!“

Doch die Tür öffnete sich weiter.

Ein eisiger Wind schoss aus der Öffnung und riss an ihren Kleidern. Die Taschenlampe flackerte. Die Bäume rings um die Lichtung bogen sich, obwohl sich ihre Kronen kaum bewegten.

Auf der anderen Seite erklang ein tiefes, fremdartiges Lachen.

Dann sprach eine Stimme, die weder männlich noch weiblich klang.

„Zwei sind gekommen.“

Die Tür schwang vollständig auf.

Dahinter lag eine Welt, die es nicht geben durfte.

Und irgendwo in dieser Welt wartete Lydia Sommers.

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