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Kapitel 6

Author: Scharlachseide
Vor seiner Abreise kam Kaiser Maximilian noch einmal in Helenas Residenz.

Helena saß im Hof in der Sonne. Als sie ihn kommen sah, erhob sie sich und verneigte sich.

„Ich werde einige Tage in den Westbergen sein. Du ... erhole dich gut.“

Er sah auf ihr noch immer gerötetes, geschwollenes Gesicht, wollte etwas sagen und schluckte es doch wieder hinunter.

„Ich wünsche Eurer Majestät eine sichere Reise.“

Maximilian blieb noch einen Augenblick stehen. Dann zog er ein kleines Porzellanfläschchen aus dem Ärmel.

„Eine Salbe gegen Blutergüsse. Trag sie auf.“

Helena nahm es entgegen, ohne ihm in die Augen zu sehen.

„Ich danke Eurer Majestät.“

Er ging.

Helena hielt das Fläschchen in der Hand, bis die Geräusche seines Gefolges so weit verklungen waren, dass sie nicht mehr zu hören waren. Erst dann lockerte sie die Finger.

Das Porzellanfläschchen fiel zu Boden, zersprang, und die Salbe verteilte sich über die Steinplatten.

„Herrin!“, rief Greta erschrocken.

„Kehr es weg.“ Helena wandte sich um und ging ins Haus zurück.

Drei Tage später begannen im Palast Gerüchte umzugehen.

Man sagte, die kaiserliche Nebengemahlin habe vor ihrem Eintritt in den Palast bereits einen Geliebten gehabt, einen schönen jungen Edelmann, und die beiden hätten sich einst in Versen die Treue geschworen.

Wäre der kaiserliche Erlass nicht plötzlich gekommen, hätte daraus eine rührende Liebesgeschichte werden können.

Man sagte auch, man habe die Nebengemahlin vor einem Bildnis weinen sehen. Darauf sei ein stattlicher Jüngling zu sehen gewesen, nicht der Kaiser.

Die Gerüchte breiteten sich aus wie ein Lauffeuer und erfassten über Nacht den ganzen inneren Hof.

Noch am selben Nachmittag ließ Kaiserin Adelheid Helena unter dem Vorwand, die Ordnung des Hofes zu wahren und die Gerüchte zu klären, aus ihrer Residenz in die Gemächer der Kaiserin bringen.

„Du beschmutzt den inneren Hof, Frau von Wern. Du hast wahrhaft großen Mut.“

Adelheids Stimme war nicht laut, doch jedes Wort war in Gift getaucht.

„Der Kaiser ist kaum einen Tag fort, und schon schwillt solch schmutziges Gerede an. Konntest du die Einsamkeit nicht ertragen, oder war das Haus Wern von jeher so sittenlos?“

Helena kniete auf dem kalten Boden, den Rücken kerzengerade.

„Die Gerüchte sind haltlos. Ich bitte Eure Majestät um klare Einsicht.“

„Haltlos?“

Adelheid beugte sich vor, ihre Fingerspitze stieß fast gegen Helenas Nasenspitze.

„Gerüchte entstehen nicht aus dem Nichts! Waren deine früheren tugendhaften Gebärden nur Schauspiel für den Kaiser, während du heimlich einen anderen Mann im Sinn hattest? Wenn der Kaiser zurückkehrt, werde ich es ihm berichten und deine Familie, die Töchter des Hauses Wern, gründlich prüfen lassen ...“

„Der Kaiser wird mich nicht antasten.“ Helena hob plötzlich den Blick und unterbrach sie. Ihre Stimme war leise, doch klar und fest.

Adelheid erstarrte, dann lachte sie vor Wut.

„Was hast du gesagt?“

„Der Kaiser“, sagte Helena langsam unter Adelheids zornigem, fassungslosem Blick, „ist mir gegenüber nicht ohne Gefühl.“

Die Luft in der Halle schien mit einem Mal zu gefrieren.

Adelheid wirkte, als habe sie den lächerlichsten Satz der Welt gehört. Sie sprang auf, trat vor Helena, und ihre Stimme wurde scharf vor Eifersucht.

„Helena von Wern, was spielst du hier? Der Kaiser und ich waren seit unserer Jugend ein Paar, wir haben Leben und Tod miteinander geteilt! Er hat mir längst ein Leben versprochen, in dem es nur uns beide gibt! Dich nahm er nur wegen der Nachkommen und um dein Haus zu besänftigen. Was bist du in seinen Augen anderes als ein Schmuckstück, ein Gefäß? Wie könnte er je Gefühl für dich hegen!“

Jedes ihrer Worte schnitt ins Herz. Es war der Ausbruch einer Eifersucht, die sich drei Jahre lang angestaut hatte.

Helena hörte still zu. Erst als der schrille Nachhall in der Halle verklungen war, sprach sie wieder, mit einer Ruhe, die unheimlich wirkte.

„Die Liebe zwischen Eurer Majestät und dem Kaiser ist tief; ich wage keinen Vergleich. Doch ich las in diesen Tagen in den Chroniken. Kaiser Lothar der Grausame und seine erste Gemahlin, Königin Mathilde, waren ebenfalls Gefährten aus Not und Gefahr, verbunden durch tiefe Treue. Nach seiner Thronbesteigung aber gewann seine junge Mündel Sophie seine Gunst, er entfremdete sich der Königin und glaubte schließlich übler Nachrede. Er wollte Frau und Kind töten. Hätte nicht der älteste Sohn der Königin über Truppen verfügt und rechtzeitig die Hauptstadt erreicht, wäre Mathilde wohl längst schuldlos im Grab gelegen.“

Adelheids Gesicht wurde schlagartig weiß.

Helenas Blick streifte ihr blutleer gewordenes Antlitz, und sie fuhr mit derselben glatten, unbewegten Stimme fort:

„Die Chronik schreibt mit eiserner Feder. Dass Kaiser und Kaiserin einander fremd werden, dass Eheleute sich gegeneinander wenden, ist keine bloße Legende. Eine Liebe, tief wie das Meer, kann bisweilen doch nicht gegen die Jahre bestehen, nicht gegen das Lächeln einer neuen Frau und noch weniger gegen die Bande des Blutes.“

Sie hielt kurz inne. Ihr Blick glitt scheinbar beiläufig über Adelheids Unterleib und senkte sich wieder.

„Zumal heute alle Prinzen und Prinzessinnen des Palastes von mir geboren wurden. Wenn der Kaiser aus Rücksicht auf sein eigenes Blut gelegentlich nach meiner Residenz fragt, ist das nur menschlich.“

„Schweig!“

Der letzte Satz war wie eine vergiftete Nadel, die tief in Adelheids schlimmste Furcht stach.

Kinder! Wieder die Kinder! Diese niedrige Frau nahm mit zwei Kindern nach und nach die Aufmerksamkeit des Kaisers an sich!

Das Beispiel aus den Chroniken ließ Adelheid noch mehr erschaudern, als sähe sie ihre eigene entsetzliche Zukunft vor sich.

Die Angst verschlang im Nu jede Vernunft und verwandelte sich in rasenden Zorn.

„Du Magd! Du wagst es, mich zu verfluchen! Du verhöhnst meine Kinderlosigkeit! Und du willst auch noch Zwietracht zwischen Kaiser und Kaiserin säen!“

Adelheids Brust hob und senkte sich heftig. Sie zeigte auf Helena und schrie die Aufseherinnen an:

„Schleift sie hinaus in den Hof! Wegen Beschmutzung des inneren Hofes und Verfluchung der Kaiserin wird sie mit Stockhieben bestraft. Zwanzig! Nein, dreißig! Schlagt fest zu! Der ganze innere Hof soll sehen, was mit einer verführerischen Intrigantin geschieht, die den Herrscher betört und ein verdorbenes Herz trägt!“

Helena wurde grob in den Hof vor den Gemächern der Kaiserin geschleppt.

Man drückte sie zu Boden. Die schweren Strafstöcke fielen auf ihren Körper und gaben dumpfe Schläge von sich.

Sie biss die Zähne zusammen und flehte kein einziges Mal um Gnade. Sie barg nur das Gesicht in den Armen und ertrug den Schmerz, der mit jedem Schlag schwerer wurde.

Kalter Schweiß trat ihr an die Schläfen. Auf dem Stoff an ihrem Rücken breitete sich rasch Blut aus.

Vorübergehende Hofbedienstete sahen von weitem hin, erschraken zutiefst, senkten den Kopf und eilten weiter.

Als die dreißig Hiebe beendet waren, atmete Helena nur noch schwach und konnte sich kaum bewegen.

Adelheid stand oben auf den Stufen und blickte kalt auf sie herab.

„Bringt sie zurück in ihre Residenz. Strenge Bewachung. Ohne meine schriftliche Anweisung darf niemand ein- oder ausgehen. Wenn der Kaiser zurückkehrt, wird weiter entschieden.“

Zwei Kämmerer zogen Helena hoch und schleiften sie aus den Gemächern der Kaiserin.

Auf dem blauen Steinweg blieb eine unterbrochene dunkle Blutspur zurück.

Zurück im kalten Seitenflügel ihrer Residenz reinigte Greta unter Tränen ihre Wunden und trug Salbe auf.

„Herrin, warum musstet Ihr die Kaiserin so reizen ...“

Helena lag bäuchlings auf der harten Liege. Ihre Stimme stockte vor Schmerz, war aber ungewöhnlich klar.

„Wenn ich sie nicht reize, wie sollte sie dann ungeduldig genug werden, mich verschwinden lassen zu wollen?“

Gretas Hand zitterte.

„Weites Meer und offener Himmel – ein Neuanfang?“

Helenas Mundwinkel zuckten. Es war ein Lächeln von äußerster Trostlosigkeit und äußerster Klarheit zugleich.

„Das sind törichte Worte, mit denen man sich selbst betrügt. Der Schaden ist geschehen, die Narben bleiben für immer. Von einem Neubeginn zu sprechen, ist nur die Flucht eines Feiglings.“

Sie schloss die Augen und holte mühsam Luft. Als sie sie wieder öffnete, lag in ihren Pupillen nur noch eine tiefe, schwarze Kälte.

„Dieser Palast hat mich eines gelehrt: Vergilt man Böses mit Güte – womit dann die Güte? Es bleibt nur, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.“

Spät in der Nacht lag ihre Residenz totenstill.

In jener Nacht brach im Verbannungstrakt ein Feuer aus.

Es begann im Seitenflügel. Der Wind nährte die Flammen, und bald griffen sie auf den Hauptbau über.

Innerhalb der Palastmauern mischten sich Rufe nach Wasser und panische Schreie zu einem einzigen Tumult.

Niemand bemerkte, dass dieses plötzlich auflodernde Feuer nicht nur einen Seitenflügel des Verbannungstrakts verzehrte, sondern auch die kaiserliche Nebengemahlin mit sich nahm, die eigentlich in den Flammen hätte sterben sollen.

Das Feldlager in den Westbergen.

Kaiser Maximilian saß in seinem Zelt und strich mit den Fingern über ein Paar Armreifen aus weißer Jade.

Ein örtlicher Amtsträger hatte sie am Vortag dargebracht. Die Jade war warm und fein, die Arbeit äußerst kunstvoll.

Beim ersten Blick hatte er an Helena gedacht. Ihre Handgelenke waren schmal, ihre Haut hell; sie würden ihr gewiss gut stehen.

Er hatte ihr tatsächlich nie ein würdiges Schmuckstück geschenkt.

Ein Adjutant eilte herein, kniete nieder und meldete:

„Eure Majestät, aus dem Palast ist eine dringende Nachricht eingetroffen. Im Verbannungstrakt ist Feuer ausgebrochen. Die kaiserliche Nebengemahlin ... ist verstorben.“

Die Jade in Maximilians Hand fiel zu Boden und zersprang in Scherben.

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