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Kapitel 5

Author: Scharlachseide
„Was geht hier vor?!“ Eine tiefe, zornige Stimme erklang.

Maximilian stand, niemand wusste seit wann, am Palasttor. Offenbar kam er gerade von der Morgenaudienz; er hatte nicht einmal die Hofgewänder gewechselt.

Sein Blick glitt über Helena, die auf dem eiskalten Boden kniete, die Wange gerötet und geschwollen. Dann sah er zu Adelheid, deren Gesicht voller Zorn war, und seine Brauen zogen sich fest zusammen.

Adelheid verwandelte sich im nächsten Augenblick. Ihre Augen röteten sich, und sie trat gekränkt vor. „Eure Majestät, seht Euch die kaiserliche Nebengemahlin an! Ich wollte sie nur ein wenig unterweisen, doch sie stellte Reichskanzler von Wern gegen mich, widersprach mir in jedem Satz und zeigte nicht die geringste Reue. Ich war einen Augenblick lang zu aufgebracht, deshalb ...“

Maximilian sah die Verletzung in Helenas Gesicht. Die Schwellung stach auf ihrer blassen Haut erschreckend hervor.

Sein Herz zog sich plötzlich zusammen, und ein feiner Schmerz breitete sich darin aus.

Doch als er in Adelheids tränennasse Augen sah und an den Schmerz dachte, den sie um seinetwillen getragen hatte, an ihre Unfruchtbarkeit, wurde dieses bisschen Mitgefühl wieder hinuntergedrückt.

Vor aller Augen konnte er der Kaiserin nicht widersprechen und ihre Würde beschädigen.

Also wandte er sich an Helena. Seine Stimme war hart und kalt. „Nebengemahlin, erkennst du deinen Fehler? Die Kaiserin verwaltet den inneren Hof; die Unterweisung der kaiserlichen Gemahlinnen gehört zu ihren Pflichten. Du hast ihr widersprochen, du hast dich über deine Stellung erhoben und die Kaiserin erzürnt. Welche Strafe verdient das?“

Helena hob langsam die Augen und sah ihn an.

Dieser Blick war kälter als das Eis auf dem Boden und schärfer als der Wind in diesem Augenblick. Er bohrte sich geradewegs in Maximilians Augen.

Kein Groll. Kein Flehen. Nur eine öde Klarheit, die alles verstanden hatte.

Helena beugte sich langsam hinab, bis ihre Stirn den kalten Boden berührte. Ihre Stimme war erschreckend ruhig. „Ich ... erkenne meine Schuld. Eure Majestät und Ihre Majestät die Kaiserin mögen mit mir verfahren, wie Ihr es für richtig haltet.“

Diese Worte, „mit mir verfahren“, klangen leicht und trafen Maximilian dennoch schwer.

Plötzlich fiel ihm ein, was sie in der vergangenen Nacht gesagt hatte.

„Eure Majestät könnt weitere Frauen in den inneren Hof aufnehmen.“

Die Wut in ihm loderte wieder auf.

Er schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, trug er bereits die gleichgültige Maske des Kaisers. „Die kaiserliche Nebengemahlin hat sich in Wort und Verhalten vergangen und die Mitte des Palastes beleidigt. Von heute an zieht sie in die Westresidenz. Sie bleibt dort eingeschlossen, um über ihre Fehler nachzudenken, und darf sie ohne kaiserlichen Befehl nicht verlassen.“

Die Westresidenz lag in der abgelegensten Ecke des westlichen inneren Hofes. Seit Langem hatte dort niemand mehr gewohnt; sie glich beinahe einem Verbannungstrakt.

In Adelheids Augen blitzte ein Anflug von Genugtuung auf.

Helena schlug die Stirn nieder. „Ich danke Eurer Majestät für diese Gnade.“

Maximilian sah auf ihre am Boden gebeugte Gestalt hinab, und plötzlich stieg wieder Unruhe in ihm auf.

Er riss den Ärmel zurück. „Wir brechen auf!“

Die kaiserliche Begleitung entfernte sich.

Helena stand langsam auf. Der Schmerz in ihren Knien war stechend.

Greta stürzte herbei, um sie zu stützen. Tränen fielen tropfend aus ihren Augen.

„Herrin, kehren wir in Eure Gemächer zurück ...“

„Ja.“ Helenas Stimme war sehr leise. „Pack die Sachen. Wir ziehen um.“

Die Westresidenz war tatsächlich verfallen.

Im Hof wucherte Unkraut, und in den Hallen hingen Spinnweben.

Greta ließ den ganzen Tag über aufräumen, bis man gerade eben darin wohnen konnte.

Am Abend legte Greta Helena Umschläge auf die Wange.

Helena betrachtete im Bronzespiegel ihr geschwollenes Gesicht. Eine Gesichtshälfte war rot und aufgetrieben, am Mundwinkel lag verkrustetes Blut. Sie sah erbärmlich aus.

Doch ihre Augen waren still, so still wie das Meer vor einem Schneesturm.

„Greta, meinst du, ich war in diesen Jahren zu nachgiebig?“

Greta erstarrte.

„Mein Vater hat mich gelehrt, Härte durch Sanftmut zu überwinden. Er hat mich gelehrt, das Wohl des Reiches zu wahren.“

Helenas Stimme war sehr leise, als spräche sie mit sich selbst. „Ich habe drei Jahre lang ertragen. Ich ertrug, dass meine Kinder fortgetragen wurden. Ich ertrug, im Schnee zu knien und gedemütigt zu werden. Ich ertrug sogar diese Ohrfeige heute ...“

Sie wandte den Kopf und sah Greta an. „Und was habe ich dafür bekommen?“

Greta erschrak. Als sie den fremden Blick ihrer Herrin im Spiegel sah, zog sich ihr Herz zusammen. „Herrin, Ihr habt es für den alten Herrn getan, für das Reich ...“

„Für meinen Vater, für das Reich ...“

Helena wiederholte die Worte leise. Ihre Fingerspitzen glitten über die kalte Spiegelfläche. „Also soll ich für immer wehrlos daliegen und mich opfern lassen? Soll ich nicht einmal meine eigenen Kinder schützen können? Soll sogar der reine Name meines Vaters nach Belieben beschmutzt werden?“

Sie zog die Hand zurück. Ihre Fingerspitzen waren eiskalt.

„Nachgiebigkeit bringt nur immer grausamere Demütigung und immer endlosere Beraubung.“

Sie wandte sich zu Greta. In ihren Augen zerbrach etwas, und zugleich setzte es sich neu zusammen.

„Bring mir die Truhe aus rotem Hartholz.“

Die Truhe war Teil ihrer Aussteuer aus dem Hause Wern und seit jeher im Lagerraum aufbewahrt worden.

Greta holte sie herbei und öffnete sie. Darin lagen alte Dinge: einige Bücher, ein Stapel Gedichtentwürfe, mehrere Siegel.

Ganz unten lag eine Schriftrolle mit einem Bild.

Helena nahm das Bild heraus und entrollte es langsam auf dem Tisch.

Darauf war ein junger General zu sehen, der auf einem Pferd durch den Schnee preschte: Maximilian vor drei Jahren, bei seiner siegreichen Rückkehr.

Sie hatte es in der Nacht vor ihrem Eintritt in den Palast gemalt.

Wenn sie es nun wieder betrachtete, kam es ihr nur lächerlich vor.

Sie trat an den Schreibtisch, breitete Papier aus, rieb Tusche an und schrieb etwas auf das Bild.

Die Schrift war sehr klein und stand am Saum des Gewandes in der Darstellung. Wer nicht genau hinsah, bemerkte sie nicht.

Helena blies die Tusche sacht trocken, rollte das Bild wieder zusammen und reichte es Greta zurück. „Bewahre es auf. Sei vorsichtig, beschmutze oder beschädige es nicht.“

Greta war ratlos.

„Bewahre es gut auf.“ Helena blickte hinaus in die schwere Nacht vor dem Fenster. Ihr Blick war fern. „Eines Tages wird es nützlich sein.“

Dieser Blick ließ Greta ohne ersichtlichen Grund erschauern.

„Herrin, was habt Ihr vor ...“

„Nichts.“ Helena erhob sich und trat ans Fenster. „Wann reist Seine Majestät zur Heerschau am Westberg?“

„In drei Tagen.“

„Gut.“ Sie sah auf die dürren Zweige vor dem Fenster. „Du wirst eine Sache für mich erledigen.“

Noch in dieser Nacht ließ Helena Greta heimlich den Palast verlassen.

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