Mag-log inAmaras Sicht
Ich dachte, ich würde in diesem Wald sterben.
Nicht auf dramatische Weise wie in Geschichten am Feuer, sondern langsam und still, wo niemand deinen
Namen danach noch erinnert.
Aber der Tod kam nicht.
Stattdessen kam etwas anderes.
Ich stand dort im Dunkeln zwischen den Bäumen, mein Körper zitterte noch von dem, was gerade passiert war.
Meine Arme waren voller Kratzer, mein Atem kam zu schnell, zu scharf, als hätten meine Lungen vergessen, wie
man richtig arbeitet. Die Schurken, die mich angegriffen hatten, waren jetzt weg. Sie waren nicht gegangen, weil
sie besiegt worden waren.
Sie gingen, weil sie Angst vor mir hatten.
Dieser Gedanke allein ließ meinen Magen sich verkrampfen.
Ich fühlte mich nicht mächtig. Ich fühlte mich, als stünde ich in jemandes anderem Körper, als hätte ich etwas
Gefährliches ausgeliehen und keine Ahnung, wie ich es zurückgeben sollte.
Der Wald war wieder still.
Zu still.
Sogar der Wind fühlte sich vorsichtig um mich herum an.
Dann hörte ich Schritte.
Diesmal langsamer. Kontrolliert. Nicht wie die Schurken.
Ich drehte mich scharf um, mein Herz sprang mir in die Kehle.
Eine Gruppe von Gestalten trat aus den Bäumen.
Wölfe.
Aber keine Schurken.
Auch keine Rudelwachen.
Sie bewegten sich, als gehörten sie zum Wald selbst, als wäre die Dunkelheit etwas, das sie trugen, anstatt
etwas, vor dem sie Angst hatten. Vorne stand eine alte Frau mit silbernem Haar, das ihr den Rücken
hinuntergeflochten war. Ihre Augen fixierten mich sofort, und ich spürte wieder etwas Seltsames in meiner Brust.
Erkennung.
Obwohl ich sie noch nie zuvor gesehen hatte.
Sie blieb ein paar Schritte vor mir stehen.
Für einen langen Moment sprach niemand.
Dann sagte sie meinen Namen.
„Amara Blackwood.“
Mein Körper wurde kalt.
„Woher kennst du mich?“ flüsterte ich.
Ihr Gesichtsausdruck wurde etwas weicher, als hätte sie sehr lange auf diesen genauen Moment gewartet.
„Ich warte seit dem Tag deiner Geburt auf dich“, sagte sie.
Meine Beine gaben fast nach.
Die Wölfe hinter ihr blieben still, beobachteten mich vorsichtig, aber nicht wie Feinde. Wie Wachen. Wie sie
unsicher waren, ob ich beschützt oder gefürchtet werden sollte.
„Ich verstehe nicht“, sagte ich. Meine Stimme brach halbwegs.
Die Frau trat näher.
„Mein Name ist Elder Selene“, sagte sie sanft. „Und du bist nicht, wer du denkst zu sein.“
Etwas in mir spannte sich an.
Dieser Name. Ich hatte ihn früher bei der Zeremonie gehört. Sie war diejenige, die über Schicksal und Bande
gesprochen hatte. Diejenige, der alle zuhörten, als wäre sie mit der Mondgöttin selbst verbunden.
Warum war sie hier?
Warum sah sie mich so an?
„Ich habe gesehen, was passiert ist“, fuhr sie fort. „Du bist erwacht.“
Ich schüttelte schnell den Kopf. „Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich wurde angegriffen und dann habe ich
einfach... ich weiß es nicht. Es war nicht ich.“
„Es war immer du“, sagte sie.
Ihre Worte ergaben keinen Sinn.
Ich trat einen Schritt zurück.
„Ich bin nur Amara Blackwood“, sagte ich. „Ich bin niemand.“
Etwas flackerte in ihren Augen.
„Dann hat niemand gerade eine seltene Form angenommen, die seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen wurde“,
erwiderte sie ruhig.
Mein Atem stockte.
Angenommen.
Dieses Wort traf mich wie ein Stein.
Ich hatte Geschichten über Verwandlungen gehört. Über seltene Wölfe. Über Blutlinien, die ausgestorben sein
sollten. Aber das waren Gutenachtgeschichten für Kinder, die Trost brauchten.
Nicht Realität.
„Ich bin nicht…“, begann ich, aber die Worte versagten mir.
Selene hob ihre Hand leicht, und die Wölfe hinter ihr kamen näher, nicht um mich zu umzingeln, sondern um
mich zu stützen, als meine Knie endlich nachgaben.
Ich merkte nicht einmal, dass ich fiel, bis ich bereits gehalten wurde.
Mein Körper fühlte sich plötzlich zu schwach an, als wäre die Kraft, die während des Angriffs gekommen war,
vollständig aus mir herausgeflossen.
„Du bist jetzt in Sicherheit“, sagte Selene.
Ich lachte einmal, aber es kam gebrochen heraus.
Sicher.
Ich hatte mich noch nie in meinem ganzen Leben sicher gefühlt.
Nicht einmal vor dieser Nacht.
Sie führten mich tiefer in den Wald.
Ich hätte Angst haben sollen.
Vielleicht hatte ich welche.
Aber etwas Seltsames zog mich weiter, als würde der Wald mich nicht mehr ablehnen. Als würde er mich jetzt
anders betrachten.
Während wir gingen, sprach Selene leise.
„Du wurdest unter einer verborgenen Blutlinie geboren“, sagte sie. „Eine königliche Linie, die aus der Geschichte
gelöscht wurde.“
Ich runzelte die Stirn und versuchte mitzuhalten. „Königlich?“
„Ja.“
Ich schüttelte sofort den Kopf. „Nein. Das ist nicht möglich. Meine Mutter hat nie etwas dergleichen gesagt.“
„Weil sie dich beschützt hat“, sagte Selene.
Mein Herz schlug schneller.
Wir erreichten eine Lichtung, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. In der Mitte standen Steinruinen, die von
Ranken umschlungen waren und schwach im Mondlicht leuchteten. Wölfe versammelten sich in stiller Ehrfurcht.
Es sah uralt aus.
Lebendig auf eine Weise, die ich nicht erklären konnte.
„Das ist der Silberhof“, sagte Selene.
Mein Mund wurde trocken.
Silberhof.
Ich hatte diesen Namen einmal in einer verbotenen Geschichte meiner Mutter gehört, die sie schnell unterbrach,
als ich jünger war. Ein Königreich königlicher Wölfe, die nach einem großen Krieg verschwunden waren. Eine
Blutlinie, die angeblich alle Rudel regiert hatte, bevor sie ausgelöscht wurde.
Ich hatte gedacht, es sei nur ein Mythos.
Selene wandte sich mir zu.
„Du bist die letzte Nachfahrin“, sagte sie.
Die Welt kippte leicht.
Ich trat wieder zurück und schüttelte heftiger den Kopf. „Nein. Du irrst dich. Ich bin niemand. Ich wurde gerade
zurückgewiesen. Ich wurde vor allen gedemütigt. Das ist alles, was ich bin.“
Ihre Stimme wurde weicher.
„Du wurdest nicht zurückgewiesen, weil du schwach bist“, sagte sie. „Du wurdest zurückgewiesen, weil deine
Macht erwachte.“
Das ergab keinen Sinn.
Aber gleichzeitig ergab es zu viel Sinn.
Meine Brust schmerzte wieder, als ich Kaels Stimme erinnerte.
Ich, Kael Ashford, weise dich zurück.
Die Erinnerung tat nicht mehr so weh wie zuvor.
Sie fühlte sich… entfernt an. Als gehörte sie jemand anderem.
Aber ich hasste es immer noch.
Zurück auf dem Shadow Moon Rudel-Gelände stand Kael lange nach meinem Weglaufen schweigend da.
Lyra blieb nah bei ihm und lächelte sanft, als wäre nichts schiefgelaufen.
„Du hast das Richtige getan“, sagte sie sanft.
Kael antwortete nicht.
Seine Augen wanderten immer wieder zum Wald.
Als könnte er immer noch etwas spüren, das sich von ihm wegzog.
Luca Storm stand ein paar Schritte hinter ihm und beobachtete vorsichtig.
„Das fühlte sich nicht normal an“, sagte Luca leise.
Kaels Kiefer spannte sich an.
„Es war in Ordnung“, erwiderte Kael.
Aber seine Stimme klang nicht überzeugt.
Elder Selenes Warnung hatte sie noch nicht erreicht.
Noch nicht vollständig.
Noch nicht über mich.
Noch nicht über das, was aus mir geworden war.
Amaras PerspektiveDie nächsten drei Tage waren ein einziger, schmerzhafter Tanz zwischen Kraft undKontrolle.Ich trainierte von Sonnenaufgang bis tief in die Nacht. Selene zeigte mir, wie man die Machtnicht nur freisetzt, sondern formt wie ein Schwert, das man führt, statt eine Flut, die einenmitreißt. Es war härter, als irgendetwas, das ich je getan hatte. Jedes Mal, wenn ich die Kraftrief, spürte ich Ronan irgendwo in der Ferne. Wie ein Schatten, der auf mein Licht wartete.Kael blieb.Er half beim Wiederaufbau der Mauern. Er kämpfte neben den Wölfen des Silberhofs, ohnezu fragen, ob er willkommen war. Er sprach wenig mit mir, aber ich spürte ihn ständig. DieVerbindung zwischen uns war kein reißendes Band mehr. Sie war zu etwas Ruhigeremgeworden. Ein leises Pochen. Ein Echo, das nicht mehr wehtat, sondern nur noch… da war.Und das machte mir mehr Angst als alles andere.Am Abend des dritten Tages stand ich allein in der großen Halle der Ruinen. Die altenSymbole an den Wänden
Amaras PerspektiveDer Morgen nach dem Angriff roch nach Blut und verbranntem Gras.Ich saß auf den Stufen vor den Ruinen, die Hände noch immer leicht leuchtend, obwohl ichversuchte, das Licht zurückzuhalten. Mein Körper fühlte sich ausgelaugt an, als hätte ich dieganze Nacht gekämpft und in gewisser Weise hatte ich das auch. Nicht nur gegen dieRoggen. Sondern gegen mich selbst.Kael war noch da.Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich spürte es, ohne hinsehen zu müssen. Diezerbrochene Verbindung zwischen uns war wie eine offene Wunde, die bei jedem seinerBewegungen schmerzte. Er stand ein paar Meter entfernt und sprach leise mit Luca und zweiWölfen des Silberhofs. Seine Stimme war ruhig, aber ich hörte die Erschöpfung darin. Undetwas anderes. Etwas, das wie Hoffnung klang. Das machte mich wütend.Selene setzte sich neben mich. Sie hatte eine Schramme auf der Wange, aber sonst wirkte sieunerschütterlich.„Du hast gut gekämpft“, sagte sie leise.„Ich habe fast alles zerst
Amaras PerspektiveDas erste Heulen kam kurz nach Mitternacht.Es war kein normales Heulen. Es war rau, hungrig und voller Hass. Es hallte durch die altenBäume und ließ die Steine des Silberhofs leise vibrieren. Ich stand sofort auf. Mein Herzschlug so hart, dass ich es in meinen Ohren hörte. Die Kraft in mir erwachte sofort heiß,wach, bereit.Selene war schon draußen. Sie hatte den Stab in der Hand, den ich noch nie in Aktiongesehen hatte. Ihre Augen leuchteten silbern im Mondlicht.„Sie sind mehr als erwartet“, sagte sie ruhig. „Jemand hat sie geschickt, um dich zu testen.“Ich nickte. Meine Kehle war trocken. „Dann lass uns ihnen zeigen, dass ich kein Test mehrbin.“Die ersten Roggen brachen aus dem Wald. Dunkle Gestalten mit roten Augen und verzerrtenGesichtern. Sie waren nicht hier, um zu reden. Sie waren hier, um zu töten.Ich hob die Hände, bevor ich überhaupt darüber nachdachte. Die Kraft strömte aus mir herauswie ein Atemzug, den ich zu lange angehalten hatte. Ein silbr
Amaras PerspektiveDas Training am nächsten Morgen fühlte sich nicht wie Training an. Es fühlte sich an wieStrafe.Meine Muskeln brannten, mein Kopf dröhnte, und jedes Mal, wenn ich versuchte, die Kraftzu lenken, die in mir wohnte, reagierte sie wie ein wildes Tier mal gehorsam, mal bissig undunberechenbar. Selene stand ein paar Schritte entfernt, die Arme verschränkt, das Gesichtruhig, aber ihre Augen verrieten, dass sie genau sah, wie sehr ich kämpfte.„Nicht mit Gewalt“, sagte sie zum dritten Mal. „Du bist kein Sturm, den man zwingt. Du bistder Mond. Du ziehst. Du rufst.“Ich wischte mir Schweiß aus den Augen und starrte auf den großen Stein, den ich bewegensollte. Nicht zerbrechen. Nur bewegen. Meine Hände zitterten noch von den letztenVersuchen. Das silbrige Leuchten war jetzt ständig da, schwach, aber immer präsent, wieeine zweite Haut, die ich nicht ablegen konnte.„Ich habe nie etwas gerufen“, murmelte ich. „Ich habe immer nur versucht, nicht gehört zuwerden.“Selene
Amaras PerspektiveDas Leuchten auf meinen Händen war immer noch nicht verblasst.Ich saß auf dem kalten Steinboden der tiefsten Kammer, die Knie angezogen, und starrte aufdas silbrige Licht, das unter meiner Haut pulsierte, als hätte es schon immer dort gewartet.Als hätte es nur darauf gewartet, dass ich aufhörte, so zu tun, als wäre ich normal.Mein Körper fühlte sich falsch an. Zu leicht und gleichzeitig zu schwer. Jeder Atemzugkratzte an etwas Neuem in meiner Brust. Kein Schmerz im eigentlichen Sinne. EtwasSchärferes. Etwas, das meinen Namen in einer Sprache kannte, die älter war als Worte.Selene war nicht weit weggetreten. Sie beobachtete mich, wie man einen Sturm beobachtet,den man sich herbeigesehnt und gleichzeitig gefürchtet hat.„Du hast sie gesehen“, sagte sie leise. „Vyrtha.“Ich nickte einmal. Meine Kehle war immer noch rau von dem Schrei, der während derVerwandlung aus mir herausgerissen worden war. Die Vision spielte sich immer wiederhinter meinen Augen ab der g
Amaras SichtIn der Nacht, in der ich aufhörte, menschlich zu sein, fühlte ich mich zuerst nicht mächtig.Ich fühlte Angst.Ich stand allein in der tiefsten Kammer des Silver Court, wo die Luft so still war, als würde selbst die Zeit zuhören. Die leuchtenden Symbole an den Wänden pulsierten sanft, als würden sie mit mir atmen. Elder Selene sprach nicht mehr. Sie beobachtete nur.Wartete.Als würde gleich etwas geschehen, das sie bereits in einem Traum gesehen hatte.Meine Hände zitterten wieder.„Ich bin nicht bereit“, flüsterte ich.Selenes Stimme war ruhig.„Du wirst dich nie bereit fühlen“, sagte sie.„So erwacht königliches Blut nicht.“Ich schluckte schwer.Die Worte „königliches Blut“ fühlten sich immer noch nicht echt in meinem Mund an. Sie gehörten jemand anderem. Jemand Stärkerem. Jemand Mutigerem. Nicht mir.„Ich bin nur Amara“, sagte ich erneut, als würde es wahr werden, wenn ich es oft genug wiederholte.Selene trat näher.„Nein“, sagte sie sanft.„Du bist das, was der Mon