Mag-log inCamerons SichtweisePebble fing sie auf.Ich werde es nie vergessen. Meine Tochter fiel aus dem weißen Himmel herab wie ein herabfallender Stern; eine riesige silberne Hand schnellte unter sie und umschloss sie – so behutsam, wie eine Hand eine Kerzenflamme schützt. Pebble beugte sich über sie; sein Körper faltete sich zusammen wie ein Hügel, der sich verneigt.„Ich habe sie“, schluchzte er. „Ich habe sie, ich habe sie, ich habe sie.“Ich war bei ihnen, noch bevor er den Satz beendet hatte. Ich ließ mich auf die Knie fallen und schob meine Hände in die Lücke zwischen seinen Fingern. Elaras Gesicht blickte zu mir auf – nass, bleich und voller Leben.„Papa“, sagte sie mit ganz leiser Stimme. „Ich habe nicht einmal ‚Banane‘ gesagt.“Ich lachte, dann weinte ich, und plötzlich war auch Olivia da. Wir drei hielten einander so fest umschlungen, dass ich nicht mehr unterscheiden konnte, wessen Herz da gerade schlug.---Über uns schloss sich die Tür.Das schwarze Fenster am Himmel schrumpfte
Aus Olivias SichtSo habe ich in meinem ganzen Leben noch nie geschrien.Meine Tochter hing in der Luft über dem Feld und wirbelte umher wie ein Drachen an einer gerissenen Schnur. Der schwarze Faden an ihrem Handgelenk zog sie immer höher, in Richtung des Fensters am Himmel, das sich zusehends verkleinerte. Ihre kleinen Füße strampelten. Ihre silberne Hand leuchtete hell auf.„MAMA!“Ich rannte. Ich sprang. Meine Finger streiften den Saum ihres Kleides, doch ich griff ins Leere.„Pebble!“, brüllte Cameron. „Fang sie!“„Ich versuche es ja!“, rief Pebble. Er streckte einen seiner riesigen, durchsichtigen Arme so weit in die Höhe, wie er nur konnte. Doch seine Finger waren immer noch um die Höhe eines ganzen Baumes zu kurz. „Ich bin zu klein! Niemand hat je gesagt, dass ich zu klein sein würde!“Harlan warf ein Seil. Es flog an Elara vorbei und fiel wieder zu Boden. Seras Bogenschützen schossen Pfeile auf den schwarzen Faden, doch die Pfeile gingen einfach hindurch, als bestünde er aus
Camerons Sichtweise„Anwen.“Mirelle sprach es leise aus. Es war kaum mehr als ein Hauch. Doch das gesamte Feld hörte es und der ganze Himmel dazu.Einen Herzschlag lang geschah nichts.Dann flammte die kleine weiße Feder auf, wie ein Streichholz, das gerade entzündet wurde. Die silbernen Buchstaben leuchteten so hell, dass ich den Arm hob, um meine Augen zu schützen. Ein Geräusch wälzte sich über die Hügel tief und schwer, als würde eine riesige Glocke unter Wasser geläutet.Am Himmel erbebte das schwarze Fenster.„Noch einmal“, sagte Isen eindringlich. „Ein wahrer Name muss dreimal gerufen werden.“Mirelles Gesicht war nass, doch ihre Stimme zitterte nicht. „Anwen“, sagte sie, diesmal lauter. „Anwen. Mama.“Oben in der Dunkelheit verschwand Hespers Lächeln.Es glitt nicht einfach ab, wie zuvor. Es fiel herab schlagartig, wie eine Maske, deren Bänder durchschnitten wurden. Darunter kam eine Frau zum Vorschein, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Sie wirkte klein, verängstigt und
Aus Olivias SichtDie kleine weiße Feder schwebte aus dem zerbrochenen Stein empor und blieb in der Luft zwischen uns hängen. Die silbernen Buchstaben darauf leuchteten so hell, dass ich die Augen zusammenkneifen musste.ANWEN.„Wer ist Anwen?“, fragte Harlan. „Ist sie jemand aus den alten Aufzeichnungen?“„Den Namen kenne ich nicht“, sagte Maera langsam. „Ich habe ihn noch nie in einem Buch gelesen.“Niemand sonst sagte etwas. Der Wind fuhr durch das dürre Gras, und am Himmel über uns zitterte das schwarze Fenster. Ysolde steckte immer noch darin fest; sie schüttelte den Kopf und formte immer wieder dieselben drei Worte mit den Lippen.Ich konnte nicht lesen, was sie sagte. Aber jemand anderes konnte es.„Oh“, erklang eine ganz leise Stimme.Mirelle war totenbleich geworden. Sie stand neben Tamsin, ihr verletztes Handgelenk in einen blutigen Stoffstreifen gewickelt, und starrte auf die Feder. Ihr ganzer Körper zitterte.„Mirelle?“, fragte ich behutsam. „Kennst du diesen Namen?“„Es w
Camerons SichtweiseIch werde nie vergessen, was ich an jenem Himmel sah.Der Riss hatte sich zu einem Fenster geweitet – so groß wie ein See. Auf der anderen Seite stand Hesper, ruhig und lächelnd. Vor ihr, durch Fäden aus schwarzem Wasser an die Dunkelheit geheftet, hing Ysolde.Sie war nicht mehr die große, strahlende Königin, die Hesper einst durch den Stein gezogen hatte. Sie war wieder hager und grau, ihr Haar war weiß geworden. Ihr Mund stand offen – in einem Schrei, der keinen Laut von sich gab.„Hör auf!“, schrie Elara. „Du tust ihr weh!“*„Ich tue ihr nicht weh, kleine Hüterin“*, sagte Hesper. *„Ich halte sie nur fest. Es ist das Tor, das ihr Schmerzen bereitet. Seit dreihundert Jahren zerrt es an ihr – und jetzt lasse ich es noch stärker ziehen.“*Die schwarzen Fäden spannten sich. Ysoldes Gesicht verzerrte sich. Unten auf dem Feld sank Lira auf die Knie und presste beide Hände gegen ihre Brust, als könne sie den Schmerz selbst spüren.---„Was will sie?“, knurrte Harlan.„
Aus Olivias SichtDie junge Wächterin starrte auf ihr eigenes Handgelenk, als gehörte es jemand anderem.„Nein“, flüsterte sie. „Nein, nein, nein. Ich bin das losgeworden. Ich habe es abgerieben.“„Wann hast du es bekommen?“, fragte ich sanft.„Vor drei Jahren.“ Ihre Stimme zitterte. „Eine Frau kam in die Halle. Sie sagte, sie sei eine Gelehrte. Sie war so freundlich. Sie brachte mir ein paar Tricks mit Tinte bei, und eines Tages zeichnete sie einen kleinen Vogel auf meine Haut einfach nur zum Spaß.“„Hesper“, sagte Cameron.„Ich wusste es nicht.“ Tränen liefen über ihre sommersprossigen Wangen. „Ich dachte, es wäre nur eine Zeichnung. Es hat nie wehgetan. Es hat nie irgendetwas getan. Bis heute Nacht.“Der Vogel auf ihrem Handgelenk flackerte. Seine silbernen Augen öffneten sich. Hespers warme Stimme drang daraus hervor, so sanft wie Milch.„Hallo, Tamsin. Du warst so geduldig.“Die junge Wächterin schrie auf und schlug ihre andere Hand über den Vogel. „Hör auf damit! Verschwinde aus







