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Einhundertfünfzig

Auteur: Nekky
last update Date de publication: 2026-10-27 00:53:48

Aus Olivias Sicht

Die kleine weiße Feder schwebte aus dem zerbrochenen Stein empor und blieb in der Luft zwischen uns hängen. Die silbernen Buchstaben darauf leuchteten so hell, dass ich die Augen zusammenkneifen musste.

ANWEN.

„Wer ist Anwen?“, fragte Harlan. „Ist sie jemand aus den alten Aufzeichnungen?“

„Den Namen kenne ich nicht“, sagte Maera langsam. „Ich habe ihn noch nie in einem Buch gelesen.“

Niemand sonst sagte etwas. Der Wind fuhr durch das dürre Gras, und am Himmel über uns zitterte
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  • Die verschmähte Gefährtin des Lykanerkönigs   Einhunderteinundfünfzig

    Camerons Sichtweise„Anwen.“Mirelle sprach es leise aus. Es war kaum mehr als ein Hauch. Doch das gesamte Feld hörte es und der ganze Himmel dazu.Einen Herzschlag lang geschah nichts.Dann flammte die kleine weiße Feder auf, wie ein Streichholz, das gerade entzündet wurde. Die silbernen Buchstaben leuchteten so hell, dass ich den Arm hob, um meine Augen zu schützen. Ein Geräusch wälzte sich über die Hügel tief und schwer, als würde eine riesige Glocke unter Wasser geläutet.Am Himmel erbebte das schwarze Fenster.„Noch einmal“, sagte Isen eindringlich. „Ein wahrer Name muss dreimal gerufen werden.“Mirelles Gesicht war nass, doch ihre Stimme zitterte nicht. „Anwen“, sagte sie, diesmal lauter. „Anwen. Mama.“Oben in der Dunkelheit verschwand Hespers Lächeln.Es glitt nicht einfach ab, wie zuvor. Es fiel herab schlagartig, wie eine Maske, deren Bänder durchschnitten wurden. Darunter kam eine Frau zum Vorschein, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Sie wirkte klein, verängstigt und

  • Die verschmähte Gefährtin des Lykanerkönigs   Einhundertfünfzig

    Aus Olivias SichtDie kleine weiße Feder schwebte aus dem zerbrochenen Stein empor und blieb in der Luft zwischen uns hängen. Die silbernen Buchstaben darauf leuchteten so hell, dass ich die Augen zusammenkneifen musste.ANWEN.„Wer ist Anwen?“, fragte Harlan. „Ist sie jemand aus den alten Aufzeichnungen?“„Den Namen kenne ich nicht“, sagte Maera langsam. „Ich habe ihn noch nie in einem Buch gelesen.“Niemand sonst sagte etwas. Der Wind fuhr durch das dürre Gras, und am Himmel über uns zitterte das schwarze Fenster. Ysolde steckte immer noch darin fest; sie schüttelte den Kopf und formte immer wieder dieselben drei Worte mit den Lippen.Ich konnte nicht lesen, was sie sagte. Aber jemand anderes konnte es.„Oh“, erklang eine ganz leise Stimme.Mirelle war totenbleich geworden. Sie stand neben Tamsin, ihr verletztes Handgelenk in einen blutigen Stoffstreifen gewickelt, und starrte auf die Feder. Ihr ganzer Körper zitterte.„Mirelle?“, fragte ich behutsam. „Kennst du diesen Namen?“„Es w

  • Die verschmähte Gefährtin des Lykanerkönigs   Einhundertneunundvierzig

    Camerons SichtweiseIch werde nie vergessen, was ich an jenem Himmel sah.Der Riss hatte sich zu einem Fenster geweitet – so groß wie ein See. Auf der anderen Seite stand Hesper, ruhig und lächelnd. Vor ihr, durch Fäden aus schwarzem Wasser an die Dunkelheit geheftet, hing Ysolde.Sie war nicht mehr die große, strahlende Königin, die Hesper einst durch den Stein gezogen hatte. Sie war wieder hager und grau, ihr Haar war weiß geworden. Ihr Mund stand offen – in einem Schrei, der keinen Laut von sich gab.„Hör auf!“, schrie Elara. „Du tust ihr weh!“*„Ich tue ihr nicht weh, kleine Hüterin“*, sagte Hesper. *„Ich halte sie nur fest. Es ist das Tor, das ihr Schmerzen bereitet. Seit dreihundert Jahren zerrt es an ihr – und jetzt lasse ich es noch stärker ziehen.“*Die schwarzen Fäden spannten sich. Ysoldes Gesicht verzerrte sich. Unten auf dem Feld sank Lira auf die Knie und presste beide Hände gegen ihre Brust, als könne sie den Schmerz selbst spüren.---„Was will sie?“, knurrte Harlan.„

  • Die verschmähte Gefährtin des Lykanerkönigs   Einhundertachtundvierzig

    Aus Olivias SichtDie junge Wächterin starrte auf ihr eigenes Handgelenk, als gehörte es jemand anderem.„Nein“, flüsterte sie. „Nein, nein, nein. Ich bin das losgeworden. Ich habe es abgerieben.“„Wann hast du es bekommen?“, fragte ich sanft.„Vor drei Jahren.“ Ihre Stimme zitterte. „Eine Frau kam in die Halle. Sie sagte, sie sei eine Gelehrte. Sie war so freundlich. Sie brachte mir ein paar Tricks mit Tinte bei, und eines Tages zeichnete sie einen kleinen Vogel auf meine Haut einfach nur zum Spaß.“„Hesper“, sagte Cameron.„Ich wusste es nicht.“ Tränen liefen über ihre sommersprossigen Wangen. „Ich dachte, es wäre nur eine Zeichnung. Es hat nie wehgetan. Es hat nie irgendetwas getan. Bis heute Nacht.“Der Vogel auf ihrem Handgelenk flackerte. Seine silbernen Augen öffneten sich. Hespers warme Stimme drang daraus hervor, so sanft wie Milch.„Hallo, Tamsin. Du warst so geduldig.“Die junge Wächterin schrie auf und schlug ihre andere Hand über den Vogel. „Hör auf damit! Verschwinde aus

  • Die verschmähte Gefährtin des Lykanerkönigs   Einhundertsiebenundvierzig

    Camerons Sichtweise„BANANA!“, schrie Elara.Ich rannte bereits los. Ich weiß nicht mehr, wie ich das Feld überquert habe. Im einen Moment war ich noch zehn Schritte entfernt, im nächsten hatte ich meinen Arm um die Taille meiner Tochter gelegt. Ich riss sie rückwärts vom Stuhl, und ihre Hand löste sich von dem weißen Stein.Der Stuhl stürzte um. Der Tisch brach in der Mitte auseinander.„Papa!“, keuchte Elara. „Es ist so kalt!“„Ich hab dich. Ich hab dich.“Einen Herzschlag später erreichte uns Olivia. Mit zitternden Händen zog sie Elaras Ärmel hoch. Der kleine schwarze Vogel an ihrem Handgelenk war nun hellwach. Seine silbernen Augen waren geöffnet, die Flügel ausgebreitet. Er wirkte wie ein winziges Bild, das jemand zum Leben erwecken wollte.„Reg dich nicht so auf, Alpha“, erklang Hespers Stimme, süß wie Honig. „Ich habe doch nur Danke gesagt.“Die Wächter hatten sich nicht bewegt. Sie standen in ihrem Halbkreis, so regungslos wie Statuen. Doch der weiße Stein auf dem zerbrochenen

  • Die verschmähte Gefährtin des Lykanerkönigs   Einhundertsechsundvierzig

    Aus Olivias Sicht„Nein“, sagte ich.„Mama …“„Auf keinen Fall.“„Mama, bitte.“ Elara wandte sich vom Fenster ab. Ihr Gesicht war blass, doch sie hob entschlossen das Kinn. „Sie werden mir nichts tun, während wir miteinander sprechen. Sie sagten, sie hätten Zeit bis morgen. Sie wollen, dass ich eine Entscheidung treffe.“„Du bist sechs Jahre alt.“„Ich bin sechs und dreiviertel.“ Sie versuchte zu lächeln. „Und ich bin die Hüterin. Die Wächter haben Angst vor Türen. Ich bin die Einzige hier, die weiß, wie sich eine Tür von innen anfühlt.“Ich sah Cameron an. Sein Kiefer war angespannt, und durch unsere Verbindung spürte ich, wie seine Angst auf mich übertrug. Doch darunter nahm ich noch etwas anderes wahr. Er dachte angestrengt nach.„Lira“, sagte er. „Gibt es dazu eine Regel? Ein Gesetz, an das sich die Wächter halten müssen?“Lira, die sich an den Bettpfosten lehnte, nickte langsam. „Wächter dürfen die Bitte einer Hüterin um ein Gespräch nicht ablehnen. Es ist die älteste Regel, die

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