MasukCamerons SichtweiseDer Abstieg begann unter einem Himmel, der noch halb in Dunkelheit lag.Wir ließen die ersten drei Krieger an verstärkten Seilen hinab. Die Luft, die aus der Öffnung aufstieg, roch nach nassem Gestein und jenem Harz, das sich langsam des Arms von Kerr bemächtigte. Ich folgte als Vierter. Olivias Gesicht war das Letzte, was ich sah, bevor sich das Licht über mir zu einem Kreis verengte.„Pass auf dich auf“, rief sie mit angespannter Stimme hinunter.„Haltet die Verbindung offen“, antwortete ich. „Wenn sich oben etwas ändert, holt ihr uns sofort heraus.“Der Schacht reichte tiefer hinab, als die Karten vermuten ließen. Als meine Stiefel schließlich festen Boden berührten, wirkte die Dunkelheit so dicht, dass man sich an sie hätte lehnen können. Wir entzündeten die vorbereiteten Laternen. Die Kammer, in der wir standen, war nicht natürlichen Ursprungs. Die Wände waren vor langer Zeit behauen worden und hatten sich dann auf seltsame Weise verändert – stellenweise glatt
Aus Olivias SichtDer junge Wolf hieß Kerr. Bis zum Mittag hatte die Verhärtung seine Schulter erreicht. Der Heiler des Rudels am Außenposten konnte nichts weiter tun, als den Prozess mit allen Kräutern und Verbänden, die er kannte, zu verlangsamen. Kerr blieb bei Bewusstsein und erschreckend ruhig.„Es tut nicht weh“, sagte er uns, als Cameron und ich an seiner Pritsche standen. „Es fühlt sich nur schwer an. Als würde sich jemand meinen Arm ausleihen.“Camerons Kiefer spannte sich an. „Hat es sich seit heute Morgen weiter ausgebreitet?“„Ein wenig“, antwortete Kerr. „Ich kann spüren, wie es sich unter der Haut bewegt. Langsam. Geduldig.“Der Heiler blickte von der Schale mit Kräutern auf. „Ich habe es verlangsamt, Alpha. Aber ich kann es nicht aufhalten. Was auch immer das ist – es reagiert auf nichts, was ich kenne.“Cameron ordnete eine vollständige Quarantäne des Lagerraums an, in dem die Leichen noch immer lagen. Die Federn wurden in versiegelte Glasbehälter gegeben. Proben des H
Camerons SichtweiseWir brachen auf, noch bevor die Sonne über den östlichen Bergrücken stieg.Olivia ritt neben mir; ihre Kapuze hatte sie tief ins Gesicht gezogen, um sich vor der Kühle des frühen Morgens zu schützen. Vier unserer stärksten Krieger folgten uns in respektvollem Abstand. Elara war in der Obhut der erfahrensten Hebamme und zweier vertrauenswürdiger Wachen zurückgeblieben. Der Blick, den sie uns beim Abschied zugeworfen hatte, brannte sich tiefer in mein Gedächtnis ein, als ich mir eingestehen wollte.„Ihr kommt bald wieder?“, hatte sie gefragt, während sie ihre Arme fest um meinen Hals schlang.„So bald wir können“, hatte ich geantwortet.„Ihr beide?“„Wir beide.“Olivia hatte ihr einen Kuss auf die Stirn gedrückt. „Sei brav. Übe deine Verwandlung. Wir bringen dir etwas aus dem Norden mit.“Der Außenposten im Norden war einen halben Tag harter Ritt entfernt. Wir erreichten ihn unter einem Himmel, der die Farbe von altem Eisen hatte. Die Leichen waren bereits in einen k
Aus Olivias SichtDie Nachricht erreichte uns im Morgengrauen eines Tages, der eigentlich ganz gewöhnlich hätte sein sollen.Ich befand mich mit Elara im östlichen Garten und beobachtete, wie sie die kleinen Gestaltwandlungen übte, an die sich ihr Wolf allmählich heranwagte. Mit ihren fast fünf Jahren verlor sie noch häufiger die Kontrolle, als sie sie behielt – Fell flackerte über ihre Arme, bevor es wieder verschwand –, doch ihre Entschlossenheit ließ nie nach. Ein Stück entfernt unterhielt sich Cameron mit zwei Grenzspähern. Die Luft roch nach feuchter Erde und frisch gemähtem Heu.Rylan näherte sich in einem Tempo, das mir verriet, dass die Neuigkeiten nichts Gutes verhießen. Er wartete, bis Cameron das Gespräch mit den Spähern beendet hatte, und überreichte ihm dann eine versiegelte Nachricht, die das Siegel des nördlichen Außenpostens trug. Cameron las sie einmal mit ausdrucksloser Miene und reichte sie mir wortlos weiter.Drei unserer Wölfe waren tot entlang des alten Handelspf
Aus Olivias SichtJahre später, als Elara alt genug war, um nach den blassen Narben in meinem Gesicht und an meinen Armen zu fragen, erzählte ich ihr die Wahrheit – Stück für Stück, so wie Cameron und ich es vereinbart hatten.Es geschah an einem gewöhnlichen Nachmittag. Das Licht war sanft; es ließ alles weicher erscheinen, als es in Wirklichkeit war. Ich saß auf der niedrigen Steinmauer nahe dem Kräutergarten und sortierte getrocknete Blätter – genau so, wie es uns die alte Seherin einst beigebracht hatte –, als Elara herankam und sich vor mich stellte. Sie war damals sieben Jahre alt – aufmerksam, ernst, wenn ihr danach war, und schon viel zu scharfsinnig für ihr eigenes Wohl.Sie streckte die Hand aus und berührte den langen, silbernen Strich, der von meinem linken Wangenknochen hinunter zu meinem Kiefer verlief.„Mama“, sagte sie, „warum hast du die?“Ich legte die Kräuter beiseite und sah sie richtig an. Ihr dunkles Haar hatte sich aus dem Zopf gelöst. An ihrem Kinn klebte ein S
Camerons SichtweiseSechs Monate später kam das Kind in einer Nacht mit starkem Wind und klarem Sternenhimmel zur Welt.Eine Tochter. Kräftige Lungen, die ihre Ankunft mit einem Schrei verkündeten, der durch das private Geburtszimmer hallte. Ein Schopf dunklen Haares, der bereits feucht an ihrer Kopfhaut klebte. Augen, die sich fast augenblicklich öffneten und die Welt mit einer Intensität in sich aufzusaugen schienen, die die Hebamme vor überraschter Freude auflachen ließ. Olivia hielt sie zuerst im Arm; Tränen zogen klare Spuren über ihre vernarbten Wangen. Das Band zwischen uns pulsierte im Rhythmus ihrer Erschöpfung und ihrer heftigen, überwältigenden Liebe. Als man mir das Baby in die Arme legte, weitete sich die Verbindung, die mich bereits an Olivia band, aus und legte sich wie eine zweite Haut um das kleine, neue Leben. Sie war so leicht. So warm. So unfassbar real.Wir nannten sie Elara.Die gemeinsame Erinnerung an das ursprüngliche Band blieb bestehen, doch es fühlte sich n







